KKZ 2 – Kapitel 71 – 75 + Epilog

Kapitel 71 – Die Höhle unter dem See
Kapitel 72 – Zusammenkunft
Kapitel 73 – Der Fluss der Energie
Kapitel 74 – Der letzte Kampf
Kapitel 75 – Sonnenaufgang
Epilog – Taks Tagebuch – Die Suche nach dem Licht
Nachwort

Kapitel 71 – Die Höhle unter dem See

„… und so haben wir Papa wiedergefunden“, beendete Alayna ihre Erzählungen, als sie neben Ryoma hermarschierte. Die ganze Truppe war auf dem Weg zurück zur Stadt. Es fiel ihr viel leichter, alles zu erzählen, als sie gedacht hatte. Sie überraschte sich auch selbst damit, wie detailliert sie alles beschreiben konnte, angefangen, von der Konversation, die Kioku damals in Yofu-Shiti belauscht hatte, bis zu dem Moment, als der Konflikt zwischen Ea und Laan sie und ihren Bruder dazu gebracht hatte, erst das Tagebuch und dann ihren Vater in der Höhle wieder zu finden.
„Ich verstehe“, meinte Ryoma, der nachdenklich seinen Dreitagebart kraulte. Es verging ein kurzer Moment, bis er wieder sprach. „Ihr habt es also wirklich geschafft, ihn zu finden. Und das, obwohl Kioku deinen Bruder damals nur ablenken wollte, damit ihr der Gefahr aus dem Weg geht, die ironischerweise genau hier lauert.“ Er hielt kurz inne. „Mich freut es zu hören, dass Ginta und auch Shiana wohlauf sind. Was ich noch nicht ganz verstehe: Was hat es mit dem Ritual auf sich?“
Diese Frage schien er sich eher selbst zu stellen. Er ging etwas schneller, um Lliam aufzuholen, der weiter vorn in der Karawane einen Karren zog, auf dem Jumon lag. Alayna folgte ihm.
Ryoma lief nun neben dem Karren und sah zu seinem Freund, der zwar seine Augen geschlossen hatte, um sich auszuruhen, wohl aber wach war.
„Wie geht es dir, Jumon?“, fragte Ryoma.
„In Ordnung“, antwortete Jumon leise. Dabei hob er einen Daumen. „Ich kann mich grad nur schwer bewegen, aber ich bin sicher gleich wieder fit.“
„Können wir reden?“
„Natürlich. Ryoma, Miraa Liade will in einen Bereich unter die Stadt eindringen. Wenn die Mauer der Stadt fällt, sind wir in großer Gefahr“, erklärte Jumon langsam. „Ich hätte es früher herausfinden sollen …“
„Du hast schon so viel herausgefunden, Jumon“, beruhigte Ryoma ihn. „Ich danke dir für die ganzen Briefe und die Arbeit, die du hineingesteckt hast. Es war sicherlich nicht leicht für dich, deine Frau und deinen Sohn allein zu lassen.“
„Sabî und Vido sind in Sicherheit. Sayoko hat organisiert, dass die Schutztruppe auf die beiden achtgibt.“
„Ich will von dir wissen, was es mit dem Ritual auf sich hat“, hakte Ryoma nach, „… und warum du nicht Bescheid gegeben hast, als du Ginta gefunden hast.“
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Jumon, während er seinen Kopf zu Ryoma neigte und seine Augen dabei öffnete, um seinem Freund in die seinen zu blicken.
Alayna erkannte einen besonderen Glanz in seinen Augen und fragte sich, ob er Tränen in den Augen hatte. Seit sie ihren Vater wiedergefunden hatte, war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass Jumon offensichtlich seine Familie allein gelassen hatte, um zu helfen und unweigerlich erinnerte sie sich an die Geburt Vidos.
„Du musst verstehen, dass alles schnell gehen musste“, erzählte Jumon weiter. „Nachdem mir Gaara, dessen Seele in dem Wolf eingesperrt war, alles erklärt hatte, gingen wir auf die Suche nach Spuren des Genkioken. Dieser besondere Energiestrang sollte uns ermöglichen, Gaaras Seele von einem Körper zum nächsten zu bewegen. Zunächst fanden wir Riven, der, obwohl er für tot gehalten wurde, noch am Leben war.“
„Riven ist am Leben? Das wird Arec und die anderen freuen“, stellte Ryoma erstaunt fest und grinste dabei leicht.
Lliam, der den Karren zog, bremste abrupt und drehte sich zu Jumon um. Seine Augen glitzerten vor Freude, als er sich auf den Karren lehnte, der leicht knarzte. „Unser Boss ist am Leben!? Wie hat er das geschafft!? Warum hat er es verheimlicht!?“ Lliam sprang auf und ab. „Das wird die anderen richtig glücklich machen!“
„Er hatte einen Kampf gegen Miraa und hat dadurch seinen Tod vorgetäuscht. Denn, …“ erklärte Jumon, „… der Schlüssel ist die Energie, die in ihm, in Ginta und …“
„Und?“
Jumon drehte seinen Kopf auf die andere Seite und blickte Alayna an, die sich plötzlich ertappt gefühlt hatte, obwohl sie nichts getan hatte. Er zögerte.
„… und in den Kindern steckt“, erklärte Jumon weiter.
„Was hat das zu bedeuten? Was genau ist geschehen?“ Ryoma schien immer noch nicht ganz zu verstehen, was das alles sollte und sah dabei Alayna auch fragend an. Sie fühlte sich für einen Moment erwischt, obwohl sie keine Schuld traf. War das die Energie, die aus ihrem Bruder explodiert war? War das das Genkioken?
„Ryoma, du erinnerst dich an Gedo Hensetsu? Er schenkte Gaara seinen Körper, damit seine Seele wieder in einem menschlichen Körper steckt. Zusammen mit Ginta und Riven konnten wir im Ritual seine Seele transferieren. Diese Energie wird auch der Schlüssel dazu sein, Miraas Seele sterblich zu machen.“
„Was bedeutet das für uns?“, fragte Alayna, die nun etwas besser verstehen konnte, was es mit diesem unheimlichen Ritual auf sich hatte.
„Du und dein Bruder seid in Gefahr“, sprach Jumon, ohne zu zögern. „Und dass dein Vater kämpfen muss, ob er möchte oder nicht.“
„Was ist Gintas Plan?“, wunderte sich Ryoma.
„Er, Riven, Gaara und Shiana sind auf der Suche nach dem Aufenthaltsort Miraas. Sie wollen ihn stoppen, bevor alles zu spät ist.“
„Dieser Idiot wird das doch nicht im Alleingang schaffen, er braucht Unterstützung“, warf Ryoma seinem besten Freund vor.
„Willst du Papa helfen?“, hakte Alayna nach und Ryoma nickte bestätigend.
„Ryoma, wir müssen die Stadt beschützen. Was auch immer dort unten wartet, es wird Miraa so mächtig machen, dass wir ihn nicht mehr aufhalten können“, forderte Jumon und griff nach Ryomas Hand.
Ryoma blickte bestimmt in die Ferne. „Die Stadt wird zunächst allein klarkommen müssen. Ich muss Ginta finden und ihm helfen“, widersprach Ryoma. „Wir haben genug Truppen organisiert. Unterschätze außerdem Matra und Sayoko nicht. Diese Frauen sind sehr stark; sie werden die Stadt verteidigen.“ Dann wandte er sich um und sah nach seinem Team. „Yuu, komm bitte mal.“
Als Yuu an Ryoma herantrat, sah er ihn neugierig an. Alayna war sicher, dass er dem Gespräch zugehört hatte.
„Bitte kontaktiere die Truppen, die in der Stadt tätig sind. Wir müssen uns mehr darauf konzentrieren, dass das Innere der Stadt noch besser gesichert wird.“
„Verstanden“, bestätigte Yuu und griff nach seinem Kommunikator.
Ryoma wandte sich nun wieder zu Alayna. „Wo ist eigentlich dein Bruder?“
„Ich weiß es nicht“, gab sie zu.
„Ich habe Geister losgeschickt, um ihn zu finden“, warf Jumon ein. „Bisher waren sie erfolglos. Aber ich habe sie noch einmal ausgesendet. Wir finden ihn sicher bald.“
Ryoma schien diese Antwort nicht zu gefallen. „Wenn das bedeutet, dass das Innere der Stadt nun nicht mehr der sicherste Ort ist und außerhalb der Stadt der Kampf tobt, wird es keinen sicheren Platz mehr für ihn geben. Was macht dieser Junge denn immer? Hat er nicht dazugelernt? Ich werde aber auch nochmal eine Truppe losschicken, um ihn suchen zu lassen.“ Ryoma sprach sich in Rage. Dann winkte Ryoma wieder Yuu und gab ihm weitere Anweisungen. Danach wandte er sich wieder Alayna zu. „Du kannst zumindest an meiner Seite bleiben, Alayna. Damit dir nichts passiert. Du möchtest sicher wieder zurück zu deinem Vater, nehme ich an? Ich kann dich aber auch zu deiner Mutter zurückschicken, wenn dir das lieber ist.“
Müde rieb sich Ryoma die Schläfen. Hatte er gerade gemeint, Alayna könnte zu ihrer Mutter zurück? Der Gedanke, in die Arme ihrer Mutter zurückzukehren, erfüllte sie mit Sehnsucht. Außerdem wollte ihr Vater, dass sie sich in Sicherheit begab. Alles sprach dafür, zu ihrer Mutter zu gehen. Doch zu wissen, dass ihr Vater sich Miraa Liade stellen musste, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, bereitete ihr Sorgen. Wahrscheinlich genauso wie Ryoma, der sich um seinen besten Freund sorgte. Wie konnte sie ihren Vater nach der langen Suche denn im Stich lassen? Alayna fühlte sich miserabel. Sie war nicht in der Lage, zu entscheiden, wohin sie gehen wollte. Nach all dem, was geschehen war, fühlte sie in diesem Moment ganz besonders, wie sich Ryoma fühlen musste. Es war anstrengend, der Babysitter sein zu müssen, obwohl man eigentlich etwas anderes tun wollte. Ryoma wollte aktiv an der Seite ihres Vaters stehen, um ihn in diesem Kampf zu unterstützen. Tief in ihr drin fühlte Alayna auch, dass sie etwas für ihren Vater und für diesen Kampf beitragen wollte. Deswegen nahm sie sich diesmal vor, genau das zu tun, was Ryoma von ihr verlangte. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich somit nun das erste Mal an seine Anweisungen hielt. Aber besser spät als nie. Ihre Mutter hatte sicherlich noch etwas Geduld, Alayna wiederzusehen.
Als sie sich der Stadt von Nordwesten her näherten, versuchte Alayna, all die Puzzleteile zusammenzustecken, um ein klareres Bild von der Situation zu bekommen. Doch ihre Gedanken wurden unterbrochen, als hinter einer Felsformation die Stadt zum ersten Mal sichtbar wurde. Die Lichter in der Stadt flackerten bedrohlich in den Rauchwolken, die vor der Mauer auf der südlichen Seite emporstiegen. Man hörte ein dumpfes Dröhnen aus allen möglichen Geräuschen, die durch den Wind in Richtung der Berge getragen wurden. Sie sah im Dunkeln Menschen außerhalb der Stadt kämpfen. Sie musste für einen Augenblick stehen bleiben, um dieses Bild zu verkraften. Als sie die Stadt vor fast einem Tag verlassen hatte, hatte diese noch ganz friedlich gewirkt.
Es waren Niku und Yuu, die ebenfalls neben Alayna stehen blieben und sich zu ihr wandten.
„Ein schrecklicher Kampf“, war das Einzige, was der sonst stille Niku von sich gab. Mal wieder rauchte er eine Zigarette, deren Asche er auf den sandigen Boden schnippte.
„Mach dir keine Sorgen“, meinte Yuu, während er sich seine langen Haare zu einem Dutt zusammenband. „Es kämpfen genug Leute auf unserer Seite, dass wir siegreich aus dieser Schlacht treten werden.“
Er machte eine Geste, die Alayna signalisierte, dass sie weitergehen sollte. Sie machte ein paar Schritte, als plötzlich eine riesige Explosion am Nordende der Stadtmauer zu hören war. Sekunden darauf brachte eine Druckwelle, begleitet mit Sand und Staub, die Nachwirkungen Explosion zu ihnen.
„Was war das?“, fragte Jumon und stemmte sich auf, um etwas zu sehen.
„Eine Explosion!“, rief Lliam.
„Wir sind zu spät“, erkannte Ryoma und winkte Yuu und Niku zu sich.
„Sie haben die Mauer gesprengt“, erklärte Toni, der bisher nur unauffällig der Truppe gefolgt war, sich nun aber zu Wort meldete. „Sie haben es also doch geschafft.“
„Aber wenn ich das richtig sehe, ist das die nördliche Mauer. Warum? Dort ist doch der See“, wunderte sich Lliam. „Wenn sie von dort in die Stadt eindringen wollen, müssten sie mit Booten den See überqueren.“
„Yuu, der Kommunikator. Hole und Informationen ein“, forderte Ryoma.
Nachdem Yuu sich mit den Mitgliedern der Vastus Antishal und der Schutztruppe in der Stadt ausgetauschthatte, meinte er: „Es scheint nicht so, als hätten die gegnerischen Truppen Boote dabeigehabt.“
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Niku und wandte sich vor allem an Toni. Doch Toni schüttelte nur den Kopf. Er hatte offensichtlich keine Ahnung.
„Das kann nur etwas Schlechtes bedeuten. Los, wir müssen uns beeilen!“, forderte Ryoma und die Gruppe erhöhte ihre Geschwindigkeit.

„Sucht die Gegend ab!“, rief Arec durch den aufgewirbelten Staub und Sand, der durch die Luft flog. Es war immer noch dunkel und diese Staubwolke machte es noch viel schwerer, etwas zu sehen.
Kurz nach dem die Druckwelle Eimi, Kioku und die anderen erfasst hatte, waren sie sofort losgerannt, um die Stelle zu erreichen, an der die Explosion die Stadtmauer in Stücke gerissen hatte. Es war nicht leicht, an den Kämpfern Jidus, die, obwohl die Anführerin dieser Sekte besiegt worden war, trotzdem nicht aufhörten zu kämpfen, vorbeizukommen. Außerdem waren immer noch nicht alle von Vaidyams Kampfsklaven besiegt worden.
Kioku blieb an Eimis Seite. Sie wollte ihn nicht mehr aus den Augen verlieren, solange dieser Kampf noch im Gange war. Zur gleichen Zeit suchten Arec, Hakashi und Vasanta den westlicheren Bereich und Tsuru, Pecos und Khamal den mittleren Bereich der Gegend ab.
„Sei vorsichtig“, machte Eimi Kioku aufmerksam, als sie gemeinsam über die Felsbrocken der Stadtmauer kletterten.
„Vielleicht haben wir von dort oben eine bessere Sicht“, schlug Kioku vor. Sie konnte nicht weiter als ein paar Meter sehen, erkannte aber, dass ein großer Brocken vor ihnen war, auf den sie leicht klettern konnten. Wer oder was auch immer diese Explosion verursacht hatte, war sicherlich kurz danach aus seinem Versteck gekommen, um sich Zugang zur Stadt zu beschaffen. Die Person konnte also nicht weit sein.
„Ich fasse es nicht, dass wir auf so ein billiges Ablenkungsmanöver hereingefallen sind“, gestand Eimi. Er schien verzweifelt über diese Situation.
„Mach dir keine Vorwürfe“, entgegnete Kioku schnaufend. Es war anstrengend, auf diesen großen Brocken zu klettern. „Arec und Pecos haben das auch nicht kommen sehen.“
„Hmpf …“, gab Eimi von sich und kletterte weiter.
Kioku hielt plötzlich inne, als sie jemanden erkannte. „Da ist wer“, sagte sie leise. „Scheint uns nicht bemerkt zu haben.“
Eimi war dicht hinter ihr und signalisierte, dass sie leise weiterklettern sollte.
War das die Person, die die Explosion verursacht hatte und nun in die Stadt eindringen wollte. Hatten sie es mit nur einem Täter zu tun oder mit einer ganzen Gruppe? Kioku wusste es nicht.
Die Person stand auf einem kleinen Plateau, das sich aus einigen flachen Brocken gebildet hatte. Kioku stützte sich auf das Plateau, stand auf und ging langsam auf sie zu. Eimi tat es ihr gleich.
Vor ihr stand eine Person, die etwas kleiner als sie war. Durch den Staub war es zunächst nicht auszumachen, wer diese Person war, aber als Kioku sich bis auf zwei Meter genähert hatte, fiel ihre Anspannung auf einmal ab. Es war Sora, die dort stand.
„Sora!“, rief sie und die Mutter von Alayna und Takeru drehte sich überrascht um. „Was machst du hier?“
„Kioku, Eimi …“, begrüßte sie die beiden. „Was macht ihr hier?“
„Wir haben die Explosion mitbekommen und wollten nachschauen, was passiert ist“, erklärte Eimi. „Aber das Gleiche könnten wir dich fragen.“
„Die Explosion war sehr stark. Ich wollte sofort nachsehen. Aber hier ist niemand mehr. Ich habe alles abgesucht.“
„Arec, Pecos und die anderen sind auch hier“, meinte Kioku. „Sie suchen gerade ebenfalls alles ab.“
„Hier ist niemand. Ich habe alles schon mehrmals kontrolliert“, erklärte Sora. „Ist es nicht merkwürdig, dass sie die nördliche Seite der Mauer sprengen? Das Einzige, was hier zu finden ist, ist der See. Seht ihr?“
Kioku versucht durch den Staub im Dunkeln etwas zu sehen. Sie erkannte tatsächlich das Glitzern der Lichter auf der Wasseroberfläche, die unruhige Wellen schlug, als würde sie ahnen, dass etwas Schlimmes passieren würde.
„Ohne Fahrzeuge ist es unmöglich, von hier in die Stadt zu gelangen“, erklärte sie weiter. „Außerdem ist hier niemand mehr. Keiner versucht, hier in die Stadt zu kommen.“
„Jidu Jaloux hat versucht, die Stadtmauer auf der Südseite zu sprengen“, sagte Eimi. „Wir dachten, es wäre ein Ablenkungsmanöver gewesen.“
„Aber es macht doch keinen Sinn, die Mauer zu sprengen und nicht in die Stadt einzudringen“, wunderte sich Kioku.
„Ihr sagt, Arec und die anderen sind hier?“, hakte Sora noch einmal nach und Kioku zeigte ihr, in welche Richtung sie gegangen waren. „Lasst uns die anderen treffen.“
Sie kletterten von ihrem kleinen Plateau nach unten und Sora fing an, nach Arec und den anderen zu rufen.
„Leute, ihr könnt aufhören zu suchen. Hier ist niemand außer uns!“, rief sie und versuchte somit die anderen zusammenzurufen. Es dauerte einen Moment, bis Arec, Hakashi, Vasanta, Pecos, Tsuru und Khamal schließlich die Position gefunden hatten, wo Sora, Eimi und Kioku auf sie warteten.
Nachdem Sora alles noch einmal erklärt hatte, wandte sich Arec als erstes zu Wort.
„Wenn hier wirklich niemand mehr ist, bedeutet das, dass wir entweder in ein weiteres Ablenkungsmanöver geraten sind oder dass etwas Schlimmeres auf uns wartet.“
Vasanta checkte mit ihrem Kommunikator längst die Informationen über die Situation der anderen.
„Der Kampf auf der Südseite ist noch im Gange, aber es gab keine Auffälligkeiten“, erklärte sie. „Shin meint, es haben zwar einige geschafft, in die Stadt zu kommen, jedoch nur, weil ein Geheimgang gefunden wurde.“
„Keine Ablenkung, keine Eindringlinge, das macht keinen Sinn!“, empörte sich Pecos, der ebenfalls keine passende Antwort parat hatte.
Während sich alle darüber unterhielten und verschiedene Theorien austauschten, waren Kioku und Eimi für einen Moment abgelenkt. Ihre Blicke wandten sich auf den See, hinter dem sich die Stadt befand.
„Es fühlt sich komisch an, findest du nicht?“, meinte Kioku und war plötzlich von einer unerklärlichen Traurigkeit erfüllt. „Es fühlt sich an, als hätten wir verloren. Aber ich weiß nicht, warum.“
„Irgendetwas ist passiert“, sagte Eimi und sah sich weiter um. „Hier muss die Antwort doch irgendwo stecken.“
Obwohl im Hintergrund die anderen miteinander diskutierten, fand Kioku, dass es plötzlich unglaublich still wurde. Vielleicht lag es am Sand in der Luft, der allgemeinen Situation oder einfach schlicht daran, dass sich Kioku auf ihre Umgebung konzentrierte und zu spüren versuchte, was in der Luft lag. Einemerkwürdige Anspannung umgab sie, die ihr verriet, dass es einem ihrer Freunde gerade nicht gut ging. Ein Kribbeln fuhr durch ihren Körper und brachte sie dazu, in den Himmel zu blicken.
Der Sand, der durch die Luft wirbelte, reflektierte das rötliche Licht der Fackeln und der Lichter in der Stadt und legte sich somit wie ein samtenes Tuch über die ganze Gegend. Für einen Augenblick schloss sie die Augen und lauschte in die Umgebung. Nach einem tiefen Atemzug, hielt Kioku kurz den Atem an und vernahm ein Geräusch, das wie der Flügelschlag einer unbeholfenen Taube klang. Ein weiteres Geräusch erinnerte sie an die Stimme einer Person, die sie kannte, jedoch nicht zuordnen konnte. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, in der sie die Geräusche vermutete und öffnete ihre Augen. Weil sie nicht glauben konnte, was sie dann sah, blinzelte sie mehrmals und rieb sich den Sand aus den Augen, um einen klareren Blick auf alles zu erlangen.
Dort oben in der Luft schien eine Figur zu schweben, die Flügel hatte. Ihre dunkle Silhouette war schwer zu erkennen.
Kioku zerrte unsicher an Eimis Ärmel, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie richtete ihren Zeigefinger auf die schwebende Figur. „Eimi, was ist das?“
„Was meinst du?“, fragte Eimi, der versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen.
„Siehst du das nicht?“, warf sie ihm nervös vor. „Es sieht aus wie ein Engel, der dort oben in der Luft schwebt.“
„Ein Engel, was redest du da?“, entgegnete er.
„Schau genau hin, dann kannst du es auch sehen. Oder vielleicht kannst du es auch hören. Vertrau mir“, versuchte sie, ihn zu überzeugen. „Beruhige deine Atmung, dann hörst du es bestimmt.“
Eimi probierte es aus. Es dauerte einige Sekunden, da riss er plötzlich seine Augen auf. „Dort ist wirklich jemand.“
Er wandte sich zu den anderen und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen: „Hey, ruhig! Schaut einmal!“
Tsuru war die erste, die auf Eimi aufmerksam wurde und half ihm, die anderen zur Ruhe zu bewegen.
„Seht, dort oben!“
Einer nach dem anderen versuchte nun im Himmel die dunkle Figur zu sehen, die sich mit jedem Flügelschlag langsam vorwärtsbewegte. Der Richtung zufolgel, wandte sich dieser dunkle Engel in Richtung des Sees.
„Was ist das?“, wunderte sich Pecos.
„Hat es Schuld an der Explosion der Mauer?“, schlug Arec vor.
„Ich kann immer noch nichts erkennen“, sagte Hakashi ungläubig.
„Es sieht aus wie ein Engel“, erklärte ihm Vasanta.
„Es hat etwas dabei“, erkannte Sora. „Es scheint etwas mit sich herumzutragen.“
„Aber was nur?“, wollte Kioku wissen.
Sie beobachteten den Schatten, der nun mittlerweile über dem See schwebte, als plötzlich ein Lichtstrahl von dem Schatten ausging und in die Mitte des Sees schoss.

Eine massive Explosion schoss jegliches Wasser des Sees in die Luft und ließ diese massive Wassersäule sofort vaporisieren. Die Druckwelle, die daraufhin einsetzte, wehte jedes Sandkorn, das in der Luft schwebte, fort und Alayna ins Gesicht. Das Erste, was Alayna sah, nachdem dieser Lichtstrahl den See hatte verschwinden lassen, waren ihre Freunde.
Die Gruppe hatte sich, so schnell wie es nur ging, beeilt, hatte aber die zweite Explosion nicht aufhalten können. Alayna legte noch einen Zahn zu, als sie in der Ferne Kioku und Eimi stehen sah, die sich schützend die Arme vor das Gesicht hielten.
„Eimi! Kioku!“, rief sie ihren Freunden zu. Mittlerweile hatten Ryoma und die anderen ebenfalls bemerkt, wer dort stand.
Alayna musste jedoch ein zweites und drittes Mal rufen, um die Aufmerksamkeit ihrer Freunde zu erlangen, die, nachdem sie sich endlich umdrehten, erstaunte Gesichter machten. Auch sie rannten nun auf Alayna zu und die drei fielen sich in die Arme.
„Wo warst du!?“, fragte Eimi besorgt.
„Wir haben so lange nach dir gesucht!“, wurde sie von Kioku begrüßt.
Als sie sich von der Umarmung lösten, stand plötzlich ihre Mutter vor ihr.
„Mama …“, sprach Alayna leise und eine Träne kullerte über ihr Gesicht. Sie wusste selbst nicht, ob sie vor Erleichterung oder Erschöpfung weinen musste.
„Schatz …“, antwortete ihre Mutter und nahm sie in den Arm. Sie drückten sich so fest sie konnten, als Alayna ihr Gesicht an ihre Mutter presste. Dabei ließ sie einen Schluchzer los.
„Ich habe Papa gefunden“, sagte sie stolz. Daraufhin nahm Sora ihr Gesicht zwischen ihre Hände und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn.
„Du hast Papa gefunden?“, wiederholte Sora und wischte ihrer Tochter etwas Dreck von der Wange, wie es eine Mutter nun mal tat. „Geht es ihm gut?“
„Ja“, antwortete Alayna und drückte sich noch einmal an ihre Mutter. „Er wird kämpfen.“
„Ich weiß“, sagte Sora, als würde sie sich endlich die Realität eingestehen müssen. „Es tut mir leid. Für alles.“
„Schon gut.“
„Ich möchte nur ungern euer Wiedersehen unterbrechen“, meinte Ryoma und wandte sich dann an alle. „Aber was ist hier passiert?“
Alayna löste sich von ihrer Mutter sah die Felsbrocken, die einmal die Stadtmauer gewesen waren. Dahinter befand sich nun kein See mehr, sondern ein riesiger Krater. Zwei Explosionen hintereinander? Sie wollte ebenfalls wissen, was geschehen war.
„Dieses Ding dort oben hat gerade den See verschwinden lassen“, erklärte Arec und zeigte Ryoma die Stelle in der Luft, wo der Schatten ruhig schwebte. „Vielleicht ist es auch für die Zerstörung der Stadtmauer verantwortlich.“
„Was zur Hölle ist das!?“, wunderte sich Ryoma. Alayna sah genau hin und erkannte ebenfalls die Form eines Engels, der in der Luft zu stehen schien.
Arec versuchte Ryoma und den anderen alles zu erklären, was sie bisher in Erfahrung hatten bringen können.
„Es bewegt sich!“, stellte Jumon als erster fest. Mittlerweile war er vom Karren hinabgestiegen und begab sich zu den anderen. Nervöses Gemurmel ging durch die Gruppe, als sie sich gemeinsam dem Rand des Kraters näherten, um mehr sehen zu können.
Der Schatten näherte sich dem Boden.
„Dort unten ist etwas“, meinte Khamal. „Es sieht aus wie eine Höhle.“
„Hinterher! Das kann nichts Gutes bedeuten!“, befahl Ryoma und leitete die Gruppe an.
Die Gruppe beeilte sich, dem Schatten zu folgen. Einer nach dem anderen folgte Ryoma. Doch der felsige Untergrund des Sees war noch etwas rutschig und machte es schwierig, den Krater hinunterzuklettern.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich Alayna. Diese Figur schien etwas mit sich herumzutragen, das zappelte und sich bewegte. Abgesehen davon, dass die Flügel des Schattens sie stark an Anon erinnerten, der damals sein Band als Flügel verwendet hatte, um sie aus dem stürzenden Luftschiff zu retten, kamen ihr die Bewegungen des Dings, das der Schatten dabei hatte, vertraut vor. Sie musste kurz innehalten, um sicherzugehen, dass sie richtig vermutete. Sie war der festen Überzeugung, dass der dunkle Engel einen Menschen mit sich trug, dessen Beine ganz bestimmt zappelten. Aber woher kannte sie das nur?
Das Bild, das sich in diesem Moment vor ihrem inneren Auge auftat, fütterte eine unfassbare Angst, die wie eine riesige Welle plötzlich über sie hereinbrach. Vor sich sah sie ihren Vater und Takeru im Garten miteinander spielen. Es war eine der Situationen, als ihr Vater ihren Bruder fest gepackt hielt und er versuchte, sich zappelnd aus dem Griff seines Vaters zu befreien.
Zunächst war sie nicht sicher. Sie wollte sich nicht sicher sein und sich einreden, dass es nicht sein konnte. Doch das Gefühl, das ihr verriet, dass sie recht hatte, war stärker.
„Es ist Tak“, sagte sie ganz leise. Kioku und Eimi waren die ersten, die auf sie aufmerksam wurden.
„Was hast du gesagt?“, fragte Kioku nach.
„Es ist Tak“, wiederholte Alayna nun lauter. Die Angst hielt sie immer noch gefesselt. Warum hatte dieses Ding ihren Bruder gefangen?
„Bist du dir sicher?“, wollte Eimi wissen und versuchte mehr zu erkennen.
„Ja“, meinte sie. „Ich weiß es.“
„Leute!“, rief Kioku, um der Gruppe zu signalisieren, was sie gerade herausgefunden hatten. „Das Ding hat Tak!“
„Was, wie kann das sein!?“, wunderte sich Ryoma, der zurück zu Alayna gerannt kam. Sora folgte ihm sofort.
„Ich weiß es“, meinte Alayna und erklärte sich. „Das, was dieser Schatten mit sich trägt, ist Tak. Nur Tak bewegt sich so, schaut doch!“
Ryoma war sich offensichtlich nicht sicher, ob er ihrem Urteil trauen konnte, aber nachdem Sora genauer hinsah und der Überzeugung war, dass Alayna recht hatte, veränderte sich die Stimmung in der Gruppe schlagartig.
„Wir müssen hinterher! Wenn das wirklich Takeru ist, müssen wir ihn befreien!“, brüllte Ryoma, zückte sein Schwert kampfbereit und rannte in Richtung des Höhleneingangs. Ohne zu zögern, folgten ihm Niku, Yuu, Toni, Jumon, Arec und die Mitglieder der Vastus Antishal sowie Pecos, Tsuru und Khamal.
Nur Sora, Eimi, Kioku und Alayna verweilten für eine Sekunde.
„Ich weiß nicht, was hier passiert“, erklärte Sora. „Alayna, ich möchte aber, dass du hier in Sicherheit bleibst.“
Sora sah Kioku und Eimi bestimmt an. „Bleibt ihr an Alaynas Seite?“
„Natürlich“, bestätigte Kioku.
„Für immer“, meinte Eimi.
„Mama“, erwiderte Alayna und ballte eine Faust. „Wenn dieses Ding wirklich Tak hat, muss ich mitkommen!“
„Das ist viel zu gefährlich!“
„Du weißt gar nicht, was wir alles für Gefahren schon überstanden haben!“, entgegnete Alayna mutig. Ihr war ganz klar, dass ihre Mutter nur ihre Sicherheit wollte, jedoch konnte sie nicht beurteilen, wie stark Alayna, Kioku und Eimi mittlerweile geworden waren.
„Alayna, ich kann das nicht zulassen.“
„Ja, Mama? DAS kannst du nicht zulassen? Aber alles andere, was passiert ist, schon?“ Alayna merkte, dass sie wütend wurde und ihrer Mutter doch nicht so leicht verzeihen konnte, dass sie sie so lange allein gelassen hatte. Doch ihr war ebenfalls bewusst, dass nun der falsche Zeitpunkt dafür war. Ihr Bruder brauchte Hilfe. „Mama“, sagte sie mit einer ruhigeren und liebevollen Stimme, „Tak braucht unsere Hilfe. Wir haben keine Zeit das nun auszudiskutieren. Er braucht uns.“
„Lass uns ihn befreien gehen, was auch immer das für ein Ding war“, stimmte ihr Eimi zu.
„Wir schaffen das“, ermutigte Kioku die Freunde. „Zusammen.“
Als die drei Ryoma und den anderen zur Höhle folgten, blieb Sora für einen Augenblick stehen. Dann folgte sie ebenfalls den anderen.

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Epilog – Taks Tagebuch – Die Suche nach dem Licht

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Nachwort

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