KKZ 2 – Kapitel 71 – 75 + Epilog

Kapitel 71 – Die Höhle unter dem See
Kapitel 72 – Zusammenkunft
Kapitel 73 – Der Fluss der Energie
Kapitel 74 – Der letzte Kampf
Kapitel 75 – Sonnenaufgang
Epilog – Taks Tagebuch – Die Suche nach dem Licht
Nachwort

Kapitel 71 – Die Höhle unter dem See

„… und so haben wir Papa wiedergefunden“, beendete Alayna ihre Erzählungen, als sie neben Ryoma hermarschierte. Die ganze Truppe war auf dem Weg zurück zur Stadt. Es fiel ihr viel leichter, alles zu erzählen, als sie gedacht hatte. Sie überraschte sich auch selbst damit, wie detailliert sie alles beschreiben konnte, angefangen, von der Konversation, die Kioku damals in Yofu-Shiti belauscht hatte, bis zu dem Moment, als der Konflikt zwischen Ea und Laan sie und ihren Bruder dazu gebracht hatte, erst das Tagebuch und dann ihren Vater in der Höhle wieder zu finden.
„Ich verstehe“, meinte Ryoma, der nachdenklich seinen Dreitagebart kraulte. Es verging ein kurzer Moment, bis er wieder sprach. „Ihr habt es also wirklich geschafft, ihn zu finden. Und das, obwohl Kioku deinen Bruder damals nur ablenken wollte, damit ihr der Gefahr aus dem Weg geht, die ironischerweise genau hier lauert.“ Er hielt kurz inne. „Mich freut es zu hören, dass Ginta und auch Shiana wohlauf sind. Was ich noch nicht ganz verstehe: Was hat es mit dem Ritual auf sich?“
Diese Frage schien er sich eher selbst zu stellen. Er ging etwas schneller, um Lliam aufzuholen, der weiter vorn in der Karawane einen Karren zog, auf dem Jumon lag. Alayna folgte ihm.
Ryoma lief nun neben dem Karren und sah zu seinem Freund, der zwar seine Augen geschlossen hatte, um sich auszuruhen, wohl aber wach war.
„Wie geht es dir, Jumon?“, fragte Ryoma.
„In Ordnung“, antwortete Jumon leise. Dabei hob er einen Daumen. „Ich kann mich grad nur schwer bewegen, aber ich bin sicher gleich wieder fit.“
„Können wir reden?“
„Natürlich. Ryoma, Miraa Liade will in einen Bereich unter die Stadt eindringen. Wenn die Mauer der Stadt fällt, sind wir in großer Gefahr“, erklärte Jumon langsam. „Ich hätte es früher herausfinden sollen …“
„Du hast schon so viel herausgefunden, Jumon“, beruhigte Ryoma ihn. „Ich danke dir für die ganzen Briefe und die Arbeit, die du hineingesteckt hast. Es war sicherlich nicht leicht für dich, deine Frau und deinen Sohn allein zu lassen.“
„Sabî und Vido sind in Sicherheit. Sayoko hat organisiert, dass die Schutztruppe auf die beiden achtgibt.“
„Ich will von dir wissen, was es mit dem Ritual auf sich hat“, hakte Ryoma nach, „… und warum du nicht Bescheid gegeben hast, als du Ginta gefunden hast.“
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Jumon, während er seinen Kopf zu Ryoma neigte und seine Augen dabei öffnete, um seinem Freund in die seinen zu blicken.
Alayna erkannte einen besonderen Glanz in seinen Augen und fragte sich, ob er Tränen in den Augen hatte. Seit sie ihren Vater wiedergefunden hatte, war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass Jumon offensichtlich seine Familie allein gelassen hatte, um zu helfen und unweigerlich erinnerte sie sich an die Geburt Vidos.
„Du musst verstehen, dass alles schnell gehen musste“, erzählte Jumon weiter. „Nachdem mir Gaara, dessen Seele in dem Wolf eingesperrt war, alles erklärt hatte, gingen wir auf die Suche nach Spuren des Genkioken. Dieser besondere Energiestrang sollte uns ermöglichen, Gaaras Seele von einem Körper zum nächsten zu bewegen. Zunächst fanden wir Riven, der, obwohl er für tot gehalten wurde, noch am Leben war.“
„Riven ist am Leben? Das wird Arec und die anderen freuen“, stellte Ryoma erstaunt fest und grinste dabei leicht.
Lliam, der den Karren zog, bremste abrupt und drehte sich zu Jumon um. Seine Augen glitzerten vor Freude, als er sich auf den Karren lehnte, der leicht knarzte. „Unser Boss ist am Leben!? Wie hat er das geschafft!? Warum hat er es verheimlicht!?“ Lliam sprang auf und ab. „Das wird die anderen richtig glücklich machen!“
„Er hatte einen Kampf gegen Miraa und hat dadurch seinen Tod vorgetäuscht. Denn, …“ erklärte Jumon, „… der Schlüssel ist die Energie, die in ihm, in Ginta und …“
„Und?“
Jumon drehte seinen Kopf auf die andere Seite und blickte Alayna an, die sich plötzlich ertappt gefühlt hatte, obwohl sie nichts getan hatte. Er zögerte.
„… und in den Kindern steckt“, erklärte Jumon weiter.
„Was hat das zu bedeuten? Was genau ist geschehen?“ Ryoma schien immer noch nicht ganz zu verstehen, was das alles sollte und sah dabei Alayna auch fragend an. Sie fühlte sich für einen Moment erwischt, obwohl sie keine Schuld traf. War das die Energie, die aus ihrem Bruder explodiert war? War das das Genkioken?
„Ryoma, du erinnerst dich an Gedo Hensetsu? Er schenkte Gaara seinen Körper, damit seine Seele wieder in einem menschlichen Körper steckt. Zusammen mit Ginta und Riven konnten wir im Ritual seine Seele transferieren. Diese Energie wird auch der Schlüssel dazu sein, Miraas Seele sterblich zu machen.“
„Was bedeutet das für uns?“, fragte Alayna, die nun etwas besser verstehen konnte, was es mit diesem unheimlichen Ritual auf sich hatte.
„Du und dein Bruder seid in Gefahr“, sprach Jumon, ohne zu zögern. „Und dass dein Vater kämpfen muss, ob er möchte oder nicht.“
„Was ist Gintas Plan?“, wunderte sich Ryoma.
„Er, Riven, Gaara und Shiana sind auf der Suche nach dem Aufenthaltsort Miraas. Sie wollen ihn stoppen, bevor alles zu spät ist.“
„Dieser Idiot wird das doch nicht im Alleingang schaffen, er braucht Unterstützung“, warf Ryoma seinem besten Freund vor.
„Willst du Papa helfen?“, hakte Alayna nach und Ryoma nickte bestätigend.
„Ryoma, wir müssen die Stadt beschützen. Was auch immer dort unten wartet, es wird Miraa so mächtig machen, dass wir ihn nicht mehr aufhalten können“, forderte Jumon und griff nach Ryomas Hand.
Ryoma blickte bestimmt in die Ferne. „Die Stadt wird zunächst allein klarkommen müssen. Ich muss Ginta finden und ihm helfen“, widersprach Ryoma. „Wir haben genug Truppen organisiert. Unterschätze außerdem Matra und Sayoko nicht. Diese Frauen sind sehr stark; sie werden die Stadt verteidigen.“ Dann wandte er sich um und sah nach seinem Team. „Yuu, komm bitte mal.“
Als Yuu an Ryoma herantrat, sah er ihn neugierig an. Alayna war sicher, dass er dem Gespräch zugehört hatte.
„Bitte kontaktiere die Truppen, die in der Stadt tätig sind. Wir müssen uns mehr darauf konzentrieren, dass das Innere der Stadt noch besser gesichert wird.“
„Verstanden“, bestätigte Yuu und griff nach seinem Kommunikator.
Ryoma wandte sich nun wieder zu Alayna. „Wo ist eigentlich dein Bruder?“
„Ich weiß es nicht“, gab sie zu.
„Ich habe Geister losgeschickt, um ihn zu finden“, warf Jumon ein. „Bisher waren sie erfolglos. Aber ich habe sie noch einmal ausgesendet. Wir finden ihn sicher bald.“
Ryoma schien diese Antwort nicht zu gefallen. „Wenn das bedeutet, dass das Innere der Stadt nun nicht mehr der sicherste Ort ist und außerhalb der Stadt der Kampf tobt, wird es keinen sicheren Platz mehr für ihn geben. Was macht dieser Junge denn immer? Hat er nicht dazugelernt? Ich werde aber auch nochmal eine Truppe losschicken, um ihn suchen zu lassen.“ Ryoma sprach sich in Rage. Dann winkte Ryoma wieder Yuu und gab ihm weitere Anweisungen. Danach wandte er sich wieder Alayna zu. „Du kannst zumindest an meiner Seite bleiben, Alayna. Damit dir nichts passiert. Du möchtest sicher wieder zurück zu deinem Vater, nehme ich an? Ich kann dich aber auch zu deiner Mutter zurückschicken, wenn dir das lieber ist.“
Müde rieb sich Ryoma die Schläfen. Hatte er gerade gemeint, Alayna könnte zu ihrer Mutter zurück? Der Gedanke, in die Arme ihrer Mutter zurückzukehren, erfüllte sie mit Sehnsucht. Außerdem wollte ihr Vater, dass sie sich in Sicherheit begab. Alles sprach dafür, zu ihrer Mutter zu gehen. Doch zu wissen, dass ihr Vater sich Miraa Liade stellen musste, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, bereitete ihr Sorgen. Wahrscheinlich genauso wie Ryoma, der sich um seinen besten Freund sorgte. Wie konnte sie ihren Vater nach der langen Suche denn im Stich lassen? Alayna fühlte sich miserabel. Sie war nicht in der Lage, zu entscheiden, wohin sie gehen wollte. Nach all dem, was geschehen war, fühlte sie in diesem Moment ganz besonders, wie sich Ryoma fühlen musste. Es war anstrengend, der Babysitter sein zu müssen, obwohl man eigentlich etwas anderes tun wollte. Ryoma wollte aktiv an der Seite ihres Vaters stehen, um ihn in diesem Kampf zu unterstützen. Tief in ihr drin fühlte Alayna auch, dass sie etwas für ihren Vater und für diesen Kampf beitragen wollte. Deswegen nahm sie sich diesmal vor, genau das zu tun, was Ryoma von ihr verlangte. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich somit nun das erste Mal an seine Anweisungen hielt. Aber besser spät als nie. Ihre Mutter hatte sicherlich noch etwas Geduld, Alayna wiederzusehen.
Als sie sich der Stadt von Nordwesten her näherten, versuchte Alayna, all die Puzzleteile zusammenzustecken, um ein klareres Bild von der Situation zu bekommen. Doch ihre Gedanken wurden unterbrochen, als hinter einer Felsformation die Stadt zum ersten Mal sichtbar wurde. Die Lichter in der Stadt flackerten bedrohlich in den Rauchwolken, die vor der Mauer auf der südlichen Seite emporstiegen. Man hörte ein dumpfes Dröhnen aus allen möglichen Geräuschen, die durch den Wind in Richtung der Berge getragen wurden. Sie sah im Dunkeln Menschen außerhalb der Stadt kämpfen. Sie musste für einen Augenblick stehen bleiben, um dieses Bild zu verkraften. Als sie die Stadt vor fast einem Tag verlassen hatte, hatte diese noch ganz friedlich gewirkt.
Es waren Niku und Yuu, die ebenfalls neben Alayna stehen blieben und sich zu ihr wandten.
„Ein schrecklicher Kampf“, war das Einzige, was der sonst stille Niku von sich gab. Mal wieder rauchte er eine Zigarette, deren Asche er auf den sandigen Boden schnippte.
„Mach dir keine Sorgen“, meinte Yuu, während er sich seine langen Haare zu einem Dutt zusammenband. „Es kämpfen genug Leute auf unserer Seite, dass wir siegreich aus dieser Schlacht treten werden.“
Er machte eine Geste, die Alayna signalisierte, dass sie weitergehen sollte. Sie machte ein paar Schritte, als plötzlich eine riesige Explosion am Nordende der Stadtmauer zu hören war. Sekunden darauf brachte eine Druckwelle, begleitet mit Sand und Staub, die Nachwirkungen Explosion zu ihnen.
„Was war das?“, fragte Jumon und stemmte sich auf, um etwas zu sehen.
„Eine Explosion!“, rief Lliam.
„Wir sind zu spät“, erkannte Ryoma und winkte Yuu und Niku zu sich.
„Sie haben die Mauer gesprengt“, erklärte Toni, der bisher nur unauffällig der Truppe gefolgt war, sich nun aber zu Wort meldete. „Sie haben es also doch geschafft.“
„Aber wenn ich das richtig sehe, ist das die nördliche Mauer. Warum? Dort ist doch der See“, wunderte sich Lliam. „Wenn sie von dort in die Stadt eindringen wollen, müssten sie mit Booten den See überqueren.“
„Yuu, der Kommunikator. Hole und Informationen ein“, forderte Ryoma.
Nachdem Yuu sich mit den Mitgliedern der Vastus Antishal und der Schutztruppe in der Stadt ausgetauschthatte, meinte er: „Es scheint nicht so, als hätten die gegnerischen Truppen Boote dabeigehabt.“
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Niku und wandte sich vor allem an Toni. Doch Toni schüttelte nur den Kopf. Er hatte offensichtlich keine Ahnung.
„Das kann nur etwas Schlechtes bedeuten. Los, wir müssen uns beeilen!“, forderte Ryoma und die Gruppe erhöhte ihre Geschwindigkeit.

„Sucht die Gegend ab!“, rief Arec durch den aufgewirbelten Staub und Sand, der durch die Luft flog. Es war immer noch dunkel und diese Staubwolke machte es noch viel schwerer, etwas zu sehen.
Kurz nach dem die Druckwelle Eimi, Kioku und die anderen erfasst hatte, waren sie sofort losgerannt, um die Stelle zu erreichen, an der die Explosion die Stadtmauer in Stücke gerissen hatte. Es war nicht leicht, an den Kämpfern Jidus, die, obwohl die Anführerin dieser Sekte besiegt worden war, trotzdem nicht aufhörten zu kämpfen, vorbeizukommen. Außerdem waren immer noch nicht alle von Vaidyams Kampfsklaven besiegt worden.
Kioku blieb an Eimis Seite. Sie wollte ihn nicht mehr aus den Augen verlieren, solange dieser Kampf noch im Gange war. Zur gleichen Zeit suchten Arec, Hakashi und Vasanta den westlicheren Bereich und Tsuru, Pecos und Khamal den mittleren Bereich der Gegend ab.
„Sei vorsichtig“, machte Eimi Kioku aufmerksam, als sie gemeinsam über die Felsbrocken der Stadtmauer kletterten.
„Vielleicht haben wir von dort oben eine bessere Sicht“, schlug Kioku vor. Sie konnte nicht weiter als ein paar Meter sehen, erkannte aber, dass ein großer Brocken vor ihnen war, auf den sie leicht klettern konnten. Wer oder was auch immer diese Explosion verursacht hatte, war sicherlich kurz danach aus seinem Versteck gekommen, um sich Zugang zur Stadt zu beschaffen. Die Person konnte also nicht weit sein.
„Ich fasse es nicht, dass wir auf so ein billiges Ablenkungsmanöver hereingefallen sind“, gestand Eimi. Er schien verzweifelt über diese Situation.
„Mach dir keine Vorwürfe“, entgegnete Kioku schnaufend. Es war anstrengend, auf diesen großen Brocken zu klettern. „Arec und Pecos haben das auch nicht kommen sehen.“
„Hmpf …“, gab Eimi von sich und kletterte weiter.
Kioku hielt plötzlich inne, als sie jemanden erkannte. „Da ist wer“, sagte sie leise. „Scheint uns nicht bemerkt zu haben.“
Eimi war dicht hinter ihr und signalisierte, dass sie leise weiterklettern sollte.
War das die Person, die die Explosion verursacht hatte und nun in die Stadt eindringen wollte. Hatten sie es mit nur einem Täter zu tun oder mit einer ganzen Gruppe? Kioku wusste es nicht.
Die Person stand auf einem kleinen Plateau, das sich aus einigen flachen Brocken gebildet hatte. Kioku stützte sich auf das Plateau, stand auf und ging langsam auf sie zu. Eimi tat es ihr gleich.
Vor ihr stand eine Person, die etwas kleiner als sie war. Durch den Staub war es zunächst nicht auszumachen, wer diese Person war, aber als Kioku sich bis auf zwei Meter genähert hatte, fiel ihre Anspannung auf einmal ab. Es war Sora, die dort stand.
„Sora!“, rief sie und die Mutter von Alayna und Takeru drehte sich überrascht um. „Was machst du hier?“
„Kioku, Eimi …“, begrüßte sie die beiden. „Was macht ihr hier?“
„Wir haben die Explosion mitbekommen und wollten nachschauen, was passiert ist“, erklärte Eimi. „Aber das Gleiche könnten wir dich fragen.“
„Die Explosion war sehr stark. Ich wollte sofort nachsehen. Aber hier ist niemand mehr. Ich habe alles abgesucht.“
„Arec, Pecos und die anderen sind auch hier“, meinte Kioku. „Sie suchen gerade ebenfalls alles ab.“
„Hier ist niemand. Ich habe alles schon mehrmals kontrolliert“, erklärte Sora. „Ist es nicht merkwürdig, dass sie die nördliche Seite der Mauer sprengen? Das Einzige, was hier zu finden ist, ist der See. Seht ihr?“
Kioku versucht durch den Staub im Dunkeln etwas zu sehen. Sie erkannte tatsächlich das Glitzern der Lichter auf der Wasseroberfläche, die unruhige Wellen schlug, als würde sie ahnen, dass etwas Schlimmes passieren würde.
„Ohne Fahrzeuge ist es unmöglich, von hier in die Stadt zu gelangen“, erklärte sie weiter. „Außerdem ist hier niemand mehr. Keiner versucht, hier in die Stadt zu kommen.“
„Jidu Jaloux hat versucht, die Stadtmauer auf der Südseite zu sprengen“, sagte Eimi. „Wir dachten, es wäre ein Ablenkungsmanöver gewesen.“
„Aber es macht doch keinen Sinn, die Mauer zu sprengen und nicht in die Stadt einzudringen“, wunderte sich Kioku.
„Ihr sagt, Arec und die anderen sind hier?“, hakte Sora noch einmal nach und Kioku zeigte ihr, in welche Richtung sie gegangen waren. „Lasst uns die anderen treffen.“
Sie kletterten von ihrem kleinen Plateau nach unten und Sora fing an, nach Arec und den anderen zu rufen.
„Leute, ihr könnt aufhören zu suchen. Hier ist niemand außer uns!“, rief sie und versuchte somit die anderen zusammenzurufen. Es dauerte einen Moment, bis Arec, Hakashi, Vasanta, Pecos, Tsuru und Khamal schließlich die Position gefunden hatten, wo Sora, Eimi und Kioku auf sie warteten.
Nachdem Sora alles noch einmal erklärt hatte, wandte sich Arec als erstes zu Wort.
„Wenn hier wirklich niemand mehr ist, bedeutet das, dass wir entweder in ein weiteres Ablenkungsmanöver geraten sind oder dass etwas Schlimmeres auf uns wartet.“
Vasanta checkte mit ihrem Kommunikator längst die Informationen über die Situation der anderen.
„Der Kampf auf der Südseite ist noch im Gange, aber es gab keine Auffälligkeiten“, erklärte sie. „Shin meint, es haben zwar einige geschafft, in die Stadt zu kommen, jedoch nur, weil ein Geheimgang gefunden wurde.“
„Keine Ablenkung, keine Eindringlinge, das macht keinen Sinn!“, empörte sich Pecos, der ebenfalls keine passende Antwort parat hatte.
Während sich alle darüber unterhielten und verschiedene Theorien austauschten, waren Kioku und Eimi für einen Moment abgelenkt. Ihre Blicke wandten sich auf den See, hinter dem sich die Stadt befand.
„Es fühlt sich komisch an, findest du nicht?“, meinte Kioku und war plötzlich von einer unerklärlichen Traurigkeit erfüllt. „Es fühlt sich an, als hätten wir verloren. Aber ich weiß nicht, warum.“
„Irgendetwas ist passiert“, sagte Eimi und sah sich weiter um. „Hier muss die Antwort doch irgendwo stecken.“
Obwohl im Hintergrund die anderen miteinander diskutierten, fand Kioku, dass es plötzlich unglaublich still wurde. Vielleicht lag es am Sand in der Luft, der allgemeinen Situation oder einfach schlicht daran, dass sich Kioku auf ihre Umgebung konzentrierte und zu spüren versuchte, was in der Luft lag. Einemerkwürdige Anspannung umgab sie, die ihr verriet, dass es einem ihrer Freunde gerade nicht gut ging. Ein Kribbeln fuhr durch ihren Körper und brachte sie dazu, in den Himmel zu blicken.
Der Sand, der durch die Luft wirbelte, reflektierte das rötliche Licht der Fackeln und der Lichter in der Stadt und legte sich somit wie ein samtenes Tuch über die ganze Gegend. Für einen Augenblick schloss sie die Augen und lauschte in die Umgebung. Nach einem tiefen Atemzug, hielt Kioku kurz den Atem an und vernahm ein Geräusch, das wie der Flügelschlag einer unbeholfenen Taube klang. Ein weiteres Geräusch erinnerte sie an die Stimme einer Person, die sie kannte, jedoch nicht zuordnen konnte. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, in der sie die Geräusche vermutete und öffnete ihre Augen. Weil sie nicht glauben konnte, was sie dann sah, blinzelte sie mehrmals und rieb sich den Sand aus den Augen, um einen klareren Blick auf alles zu erlangen.
Dort oben in der Luft schien eine Figur zu schweben, die Flügel hatte. Ihre dunkle Silhouette war schwer zu erkennen.
Kioku zerrte unsicher an Eimis Ärmel, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie richtete ihren Zeigefinger auf die schwebende Figur. „Eimi, was ist das?“
„Was meinst du?“, fragte Eimi, der versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen.
„Siehst du das nicht?“, warf sie ihm nervös vor. „Es sieht aus wie ein Engel, der dort oben in der Luft schwebt.“
„Ein Engel, was redest du da?“, entgegnete er.
„Schau genau hin, dann kannst du es auch sehen. Oder vielleicht kannst du es auch hören. Vertrau mir“, versuchte sie, ihn zu überzeugen. „Beruhige deine Atmung, dann hörst du es bestimmt.“
Eimi probierte es aus. Es dauerte einige Sekunden, da riss er plötzlich seine Augen auf. „Dort ist wirklich jemand.“
Er wandte sich zu den anderen und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen: „Hey, ruhig! Schaut einmal!“
Tsuru war die erste, die auf Eimi aufmerksam wurde und half ihm, die anderen zur Ruhe zu bewegen.
„Seht, dort oben!“
Einer nach dem anderen versuchte nun im Himmel die dunkle Figur zu sehen, die sich mit jedem Flügelschlag langsam vorwärtsbewegte. Der Richtung zufolgel, wandte sich dieser dunkle Engel in Richtung des Sees.
„Was ist das?“, wunderte sich Pecos.
„Hat es Schuld an der Explosion der Mauer?“, schlug Arec vor.
„Ich kann immer noch nichts erkennen“, sagte Hakashi ungläubig.
„Es sieht aus wie ein Engel“, erklärte ihm Vasanta.
„Es hat etwas dabei“, erkannte Sora. „Es scheint etwas mit sich herumzutragen.“
„Aber was nur?“, wollte Kioku wissen.
Sie beobachteten den Schatten, der nun mittlerweile über dem See schwebte, als plötzlich ein Lichtstrahl von dem Schatten ausging und in die Mitte des Sees schoss.

Eine massive Explosion schoss jegliches Wasser des Sees in die Luft und ließ diese massive Wassersäule sofort vaporisieren. Die Druckwelle, die daraufhin einsetzte, wehte jedes Sandkorn, das in der Luft schwebte, fort und Alayna ins Gesicht. Das Erste, was Alayna sah, nachdem dieser Lichtstrahl den See hatte verschwinden lassen, waren ihre Freunde.
Die Gruppe hatte sich, so schnell wie es nur ging, beeilt, hatte aber die zweite Explosion nicht aufhalten können. Alayna legte noch einen Zahn zu, als sie in der Ferne Kioku und Eimi stehen sah, die sich schützend die Arme vor das Gesicht hielten.
„Eimi! Kioku!“, rief sie ihren Freunden zu. Mittlerweile hatten Ryoma und die anderen ebenfalls bemerkt, wer dort stand.
Alayna musste jedoch ein zweites und drittes Mal rufen, um die Aufmerksamkeit ihrer Freunde zu erlangen, die, nachdem sie sich endlich umdrehten, erstaunte Gesichter machten. Auch sie rannten nun auf Alayna zu und die drei fielen sich in die Arme.
„Wo warst du!?“, fragte Eimi besorgt.
„Wir haben so lange nach dir gesucht!“, wurde sie von Kioku begrüßt.
Als sie sich von der Umarmung lösten, stand plötzlich ihre Mutter vor ihr.
„Mama …“, sprach Alayna leise und eine Träne kullerte über ihr Gesicht. Sie wusste selbst nicht, ob sie vor Erleichterung oder Erschöpfung weinen musste.
„Schatz …“, antwortete ihre Mutter und nahm sie in den Arm. Sie drückten sich so fest sie konnten, als Alayna ihr Gesicht an ihre Mutter presste. Dabei ließ sie einen Schluchzer los.
„Ich habe Papa gefunden“, sagte sie stolz. Daraufhin nahm Sora ihr Gesicht zwischen ihre Hände und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn.
„Du hast Papa gefunden?“, wiederholte Sora und wischte ihrer Tochter etwas Dreck von der Wange, wie es eine Mutter nun mal tat. „Geht es ihm gut?“
„Ja“, antwortete Alayna und drückte sich noch einmal an ihre Mutter. „Er wird kämpfen.“
„Ich weiß“, sagte Sora, als würde sie sich endlich die Realität eingestehen müssen. „Es tut mir leid. Für alles.“
„Schon gut.“
„Ich möchte nur ungern euer Wiedersehen unterbrechen“, meinte Ryoma und wandte sich dann an alle. „Aber was ist hier passiert?“
Alayna löste sich von ihrer Mutter sah die Felsbrocken, die einmal die Stadtmauer gewesen waren. Dahinter befand sich nun kein See mehr, sondern ein riesiger Krater. Zwei Explosionen hintereinander? Sie wollte ebenfalls wissen, was geschehen war.
„Dieses Ding dort oben hat gerade den See verschwinden lassen“, erklärte Arec und zeigte Ryoma die Stelle in der Luft, wo der Schatten ruhig schwebte. „Vielleicht ist es auch für die Zerstörung der Stadtmauer verantwortlich.“
„Was zur Hölle ist das!?“, wunderte sich Ryoma. Alayna sah genau hin und erkannte ebenfalls die Form eines Engels, der in der Luft zu stehen schien.
Arec versuchte Ryoma und den anderen alles zu erklären, was sie bisher in Erfahrung hatten bringen können.
„Es bewegt sich!“, stellte Jumon als erster fest. Mittlerweile war er vom Karren hinabgestiegen und begab sich zu den anderen. Nervöses Gemurmel ging durch die Gruppe, als sie sich gemeinsam dem Rand des Kraters näherten, um mehr sehen zu können.
Der Schatten näherte sich dem Boden.
„Dort unten ist etwas“, meinte Khamal. „Es sieht aus wie eine Höhle.“
„Hinterher! Das kann nichts Gutes bedeuten!“, befahl Ryoma und leitete die Gruppe an.
Die Gruppe beeilte sich, dem Schatten zu folgen. Einer nach dem anderen folgte Ryoma. Doch der felsige Untergrund des Sees war noch etwas rutschig und machte es schwierig, den Krater hinunterzuklettern.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich Alayna. Diese Figur schien etwas mit sich herumzutragen, das zappelte und sich bewegte. Abgesehen davon, dass die Flügel des Schattens sie stark an Anon erinnerten, der damals sein Band als Flügel verwendet hatte, um sie aus dem stürzenden Luftschiff zu retten, kamen ihr die Bewegungen des Dings, das der Schatten dabei hatte, vertraut vor. Sie musste kurz innehalten, um sicherzugehen, dass sie richtig vermutete. Sie war der festen Überzeugung, dass der dunkle Engel einen Menschen mit sich trug, dessen Beine ganz bestimmt zappelten. Aber woher kannte sie das nur?
Das Bild, das sich in diesem Moment vor ihrem inneren Auge auftat, fütterte eine unfassbare Angst, die wie eine riesige Welle plötzlich über sie hereinbrach. Vor sich sah sie ihren Vater und Takeru im Garten miteinander spielen. Es war eine der Situationen, als ihr Vater ihren Bruder fest gepackt hielt und er versuchte, sich zappelnd aus dem Griff seines Vaters zu befreien.
Zunächst war sie nicht sicher. Sie wollte sich nicht sicher sein und sich einreden, dass es nicht sein konnte. Doch das Gefühl, das ihr verriet, dass sie recht hatte, war stärker.
„Es ist Tak“, sagte sie ganz leise. Kioku und Eimi waren die ersten, die auf sie aufmerksam wurden.
„Was hast du gesagt?“, fragte Kioku nach.
„Es ist Tak“, wiederholte Alayna nun lauter. Die Angst hielt sie immer noch gefesselt. Warum hatte dieses Ding ihren Bruder gefangen?
„Bist du dir sicher?“, wollte Eimi wissen und versuchte mehr zu erkennen.
„Ja“, meinte sie. „Ich weiß es.“
„Leute!“, rief Kioku, um der Gruppe zu signalisieren, was sie gerade herausgefunden hatten. „Das Ding hat Tak!“
„Was, wie kann das sein!?“, wunderte sich Ryoma, der zurück zu Alayna gerannt kam. Sora folgte ihm sofort.
„Ich weiß es“, meinte Alayna und erklärte sich. „Das, was dieser Schatten mit sich trägt, ist Tak. Nur Tak bewegt sich so, schaut doch!“
Ryoma war sich offensichtlich nicht sicher, ob er ihrem Urteil trauen konnte, aber nachdem Sora genauer hinsah und der Überzeugung war, dass Alayna recht hatte, veränderte sich die Stimmung in der Gruppe schlagartig.
„Wir müssen hinterher! Wenn das wirklich Takeru ist, müssen wir ihn befreien!“, brüllte Ryoma, zückte sein Schwert kampfbereit und rannte in Richtung des Höhleneingangs. Ohne zu zögern, folgten ihm Niku, Yuu, Toni, Jumon, Arec und die Mitglieder der Vastus Antishal sowie Pecos, Tsuru und Khamal.
Nur Sora, Eimi, Kioku und Alayna verweilten für eine Sekunde.
„Ich weiß nicht, was hier passiert“, erklärte Sora. „Alayna, ich möchte aber, dass du hier in Sicherheit bleibst.“
Sora sah Kioku und Eimi bestimmt an. „Bleibt ihr an Alaynas Seite?“
„Natürlich“, bestätigte Kioku.
„Für immer“, meinte Eimi.
„Mama“, erwiderte Alayna und ballte eine Faust. „Wenn dieses Ding wirklich Tak hat, muss ich mitkommen!“
„Das ist viel zu gefährlich!“
„Du weißt gar nicht, was wir alles für Gefahren schon überstanden haben!“, entgegnete Alayna mutig. Ihr war ganz klar, dass ihre Mutter nur ihre Sicherheit wollte, jedoch konnte sie nicht beurteilen, wie stark Alayna, Kioku und Eimi mittlerweile geworden waren.
„Alayna, ich kann das nicht zulassen.“
„Ja, Mama? DAS kannst du nicht zulassen? Aber alles andere, was passiert ist, schon?“ Alayna merkte, dass sie wütend wurde und ihrer Mutter doch nicht so leicht verzeihen konnte, dass sie sie so lange allein gelassen hatte. Doch ihr war ebenfalls bewusst, dass nun der falsche Zeitpunkt dafür war. Ihr Bruder brauchte Hilfe. „Mama“, sagte sie mit einer ruhigeren und liebevollen Stimme, „Tak braucht unsere Hilfe. Wir haben keine Zeit das nun auszudiskutieren. Er braucht uns.“
„Lass uns ihn befreien gehen, was auch immer das für ein Ding war“, stimmte ihr Eimi zu.
„Wir schaffen das“, ermutigte Kioku die Freunde. „Zusammen.“
Als die drei Ryoma und den anderen zur Höhle folgten, blieb Sora für einen Augenblick stehen. Dann folgte sie ebenfalls den anderen.

Kapitel 72 – Zusammenkunft

Kurz bevor die Explosion die Nordseite der Stadtmauer in Stücke riss, liefen Takeru und Laan orientierungslos durch Laans Dimension. Takeru hoffte, dass Laan genau wusste, wohin sie gehen mussten. Es war für ihn immer noch unerklärlich, wie Laan durch diese Leere navigieren konnte. Er suchte die Umgebung nach irgendwelchen Zeichen ab, nach irgendwelchen Markierungen, die einem verraten konnten, wo genau man sich befand. Aber hier war nicht einmal ein einziges Sandkorn.
Dafür, dass er den Kompass verloren hatte, fühlte sich Takeru ziemlich schlecht und warf sich selbst vor, schuld zu sein. Sein Wunsch, das Schwert Eimis zu finden, war erfüllt worden, jedoch für einen schlimmen Preis. Der Gesichtsausdruck von Miraa verfolgte ihn und jedes Mal, wenn er sich dieses Augenpaar in Erinnerung rief, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Diese Macht, die Miraa ausstrahlte, war enorm. Takeru beschlich auch das Gefühl, dass ihn Miraa durchschaut hatte. Es lag an diesem Grinsen. Dieses siegessichere Grinsen, das sagen wollte: „Ich weiß alles über dich.“
Aber was gab es schon über ihn selbst zu wissen? Alles, was eine Rolle spielte, war doch nur, dass er wusste, wo sich das Federamulett befand. Bedeutete das, dass Miraa nun direkt hinter seinem Vater und Shiana her war? Wahrscheinlich blieb ihnen nicht viel Zeit. Sie mussten unbedingt vor Miraa bei ihrem Vater ankommen, damit das Federamulett geschützt werden konnte.
„Aber wie sollen wir jetzt die Tür finden, die zu Papa und Shiana führt?“, fragte Takeru verzweifelt. „Ohne den Kompass können wir die doch gar nicht aufsperren, oder?“
„Mhmpf“, gab Laan von sich und schenkte Takeru dabei keinen einzigen Blick. Er schien immer noch wütend darüber zu sein, den Kompass verloren zu haben.
„Es tut mir wirklich leid“, entschuldigte sich Takeru. „Wenn ich dir irgendwie helfen kann, den richtigen Weg zu finden, musst du es nur sagen! Ich tu alles, damit wir zurückfinden!“
 „Mhh …“, gab Laan wieder von sich, drehte aber seinen Kopf zu Takeru, während er mit unveränderter Geschwindigkeit weiterging. „Es ist das Herz.“ Nach diesem Satz machte er eine lange Pause. „Mein Freund Natoku hat mir beigebracht, dass nur das aufrichtige Herz einem den richtigen Weg weisen kann.“
Ein aufrichtiges Herz? Takeru war sich nicht einmal sicher, was ‚aufrichtig‘ bedeutete. Aber während er seine Hand auf sein Herz legte, konnte er es trotzdem nachvollziehen. Natürlich, das musste es sein! Takeru war der Überzeugung, dass man in dieser Dimension, in der man nichts außer Leere sehen und spüren konnte, in der man keine Orientierung von außen hatte, nur von innen heraus den richtigen Weg finden konnte. Also blieb er stehen, ohne darauf zu achten, was Laan machte. Er schloss seine Augen und obwohl er Angst und Sorgen hatte, verzweifelt war und nicht so recht wusste, was er tun sollte, konzentrierte er sich für einen Moment auf sein Herz. Er spürte seinen Herzschlag, rhythmisierte seine Atmung und holte sich immer wieder das Bild und den Geruch seines Vaters in Erinnerung. Bisher hatte das, wenn er den Kompass benutzt hatte, gut funktioniert. Was aber, wenn es gar nicht am Kompass gelegen hatte, sondern der Schlüssel schon immer in ihm selbst war? Wenn der Kompass lediglich ein Katalysator war, dann konnte er mit seinem aufrichtigen Herzen navigieren, so wie Laan gesagt hatte.
Also blickte er tief in sich hinein und tauchte in die Dunkelheit seines Selbst ab. Takeru konzentrierte sich darauf, den Weg zu seinem aufrichtigen Herzen zu finden. Er gab sich dabei Mühe, spürte in sich bald ein Licht, das einen dunklen Gang leicht sichtbar machte. Das Licht war zu weit entfernt, um irgendetwas zu erhellen, es war eher wie ein leichtes Flimmern, das sich von der umgebenen Dunkelheit abhob. Es war jedoch kontrastreich genug, um einen Gang zu zeigen, der auf beiden Seiten etliche verschiedene geschlossene und offene Türen hatte. Einmal wieder wollte er derjenige sein, der den Weg fand, der die Antwort parat hatte und helfen konnte. Obwohl sich in einigen offenen Türen in diesem Gang unheimliche Silhouetten tummelten, die er nicht klar erkennen konnte und er in wiederum anderen Türen klare Bilder und Erinnerungen an seine Reise sehen konnte, war er zielstrebig genug, sich davon nicht ablenken zu lassen und dem Licht zu folgen. Er konzentrierte sich weiter und sah bald eine schwarze Flamme in der Luft schweben. War das sein Herz? Sein aufrichtiges Herz? Die Farbe der Flamme irritierte ihn, obwohl – und vielleicht weil – sie ihm so bekannt vorkam. Er hatte sie schon einmal gesehen, damals, bei der Meditation mit Jumon. Er hielt seine Hand an die Flamme und spürte, wie deren Energie ihn sofort durchströmte.
Er hörte ein Klicken eines Schlosses. Sofort lenkte Takeru seine Konzentration auf den Ursprung des Geräusches und sah sich um. Bald erkannte er eine eiserne Tür, von der das Klickgeräusch, das sich noch ein paar Mal wiederholte, herzukommen schien. Er fokussierte sich komplett auf die Tür, in der Hoffnung, dass ihm sein aufrichtiges Herz nun den richtigen Weg wies.
Doch plötzlich ging ein Beben los, dass ihn aus seinem Fokus riss. Er öffnete die Augen, konnte Laan in der Ferne sehen, der sich erschrocken zu ihm drehte, als ein weiteres Beben den unsichtbaren Boden erschütterte. Es fühlte sich so an, als würde hinter ihm nicht eine Eisentür, sondern ein riesiges Tor aus Metall geöffnet werden.
„Was hast du getan!?“, rief Laan panisch, dessen Worte ohne Echo im Nichts verschwanden.
Takeru sah sich um und bildete sich für einen Augenblick tatsächlich ein Tor ein, dass sich langsam öffnete. Was er wirklich sehen konnte, war, dass sich im Nichts hinter ihm langsam ein pechschwarzer Spalt auftat und vergrößerte.
Laan rannte zu Takeru zurück; ein weiteres Beben, das sich mehr wie ein Vibrieren anfühlte, erschütterte die Dimension.
„Ich habe eine Tür geöffnet, mit meinem Herzen!“, rief Takeru, war sich in jenem Moment aber nicht mehr sicher, ob es wirklich er gewesen war, der die Tür geöffnet hatte.
„Pass auf!“, rief Laan und rannte immer noch zu dem Jungen, konnte ihn aber nicht rechtzeitig erreichen.
Eine massive Druckwelle schleuderte das unsichtbare Tor auf und ließ es dabei in tausend Einzelteile zerbersten. Takeru konnte sie nicht sehen, aber sehr wohl spüren. Als die ersten Teile ihn trafen und zu Boden warfen, konnte er nur sehen, dass sich ein finsteres Loch im Nichts geöffnet hatte.
Takeru lag am Boden und warf seine Arme schützend vor sein Gesicht und als die Druckwelle nachließ, schien ein Sog zu entstehen, der die Luft und Energie der Dimension in das finstere Loch zog. Zögerlich richtete er sich auf seine Viere und blickte zu dem Loch.
Laan schrie, jedoch konnte Takeru in dem Moment nicht hören, was er von sich gab.
Das Erste, was Takeru in der Dunkelheit des aufgebrochenen Spalts sah, waren diese rotleuchtenden Augen, die jegliches Licht zu verschlucken versuchten. Als Zweites sah er, wie sich Anons Bänder wie animalische Tentakel am Rand des Loches festhielten. Einige Bändern schlängelten sich durch die Luft auf der Suche nach etwas, was sie greifen konnten. Dann, allmählich und nur langsam, hoben sie den Körper, der die Bänder kontrollierte, in Laans Dimension hinein und sie erkannten den Mann, der ihnen gerade den Kompass gestohlen hatte, welcher leuchtend in seiner Hand lag.
Miraa Liade hatte einen Weg gefunden, die Tür zu Laans Dimension zu öffnen und hineinzutreten. Der erste klare Gedanke, den Takeru fasste, war das Bewusstsein und die Sicherheit, dass er Miraa eine Tür geöffnet hatte. Miraa schien das zu spüren und grinste siegessicher.
Laan packte Takeru am Arm und riss ihn nach oben und hinter sich her. Dies half Takeru, sich wieder richtig im Jetzt zurechtzufinden.
„Renn!“, befahl Laan und sah nicht mehr hinter sich, als er anfing, in die entgegengesetzte Richtung in die Leere seiner Dimension zu rennen.
Takeru rannte mit ihm, war sich aber nicht sicher, wohin sie gehen sollten. Er hatte es nicht geschafft, die richtige Tür zu finden und wo sollten sie hier denn schon Zuflucht finden? Er sah immer wieder hinter sich, um Miraa zu beobachten.
Dieser wurde von seinen Tentakeln getragen, die wie Spinnenbeine eines nach dem anderen auf dem Boden einen Schritt nach dem anderen machten. Er verfolgte die beiden. Aber warum? Er hatte doch schon längst den Kompass.
Laans Hände fingen an, in einem grünen Schimmer zu leuchten und Takeru erkannte, dass sich eine Gitterbox aus feinen Linien um seine Hand zog, wie er es schon einmal gesehen hatte, als Laan gegen Ea gekämpft hatte. Das konnte nur bedeuten, dass er seine Kräfte aktivierte. Im nächsten Augenblick fühlte Takeru ein flaues Gefühl im Magen, wie, als würde man fallen und er erkannte, dass sich Miraa nun in einem Winkel von neunzig Grad zu ihnen bewegte. Laan wechselte also die Ebene und Richtung in seiner Dimension.
„Nicht langsamer werden!“, befahl Laan wieder harsch, als er bemerkte, dass Takeru sich für einen Moment etwas zu sicher fühlte. „Er hat immer noch den Kompass in der Hand; wenn er herausfindet, wie man ihn verwendet, sind wir in Gefahr!“
„Verstanden!“, meinte Takeru und legte nochmal einen Zahn zu. Er schnaufte vor Anstrengung und musste zwischen jedem Wort eine kurze Pause einlegen. „Es tut mir leid. Ich glaube, ich habe diese Tür geöffnet.“
Laan antwortete nicht.
„Wohin gehen wir?“
„Weit genug weg, um uns Zeit zu verschaffen“, antwortete Laan.
Sie rannten so schnell und weit sie konnten und Takeru bemerkte mehrmals, dass Laan durch seine Kräfte die Richtung und Ebene änderte. Immer wieder schien sich der Winkel, in dem Miraa die zwei verfolgte, zu verändern. Einmal näherten sich die beiden Miraa wieder, jedoch schien er dabei auf dem Kopf zu stehen und sie nicht berühren zu können.
„Es gibt kein Entkommen, Laan!“, brüllte Miraa. „Hast du mich denn gar nicht vermisst? So lange habe ich nach dir gesucht! Endlich können wir wieder vereint sein!“
„Verschwinde! Du wirst das nicht bekommen, was du von uns willst!“, antwortete Laan wütend.
„Laan, komm schon … Verrate es mir, wo sind Ea und Shiana hin verschwunden?“, versuchte Miraa herauszufinden und verfolgte die beiden noch schneller. „Ich will euch doch nichts tun. Ich will nur wieder mit euch zusammen sein. Du weißt, wo sie sich befinden. Zeige mir den Weg, damit wir alle wieder vereint sind!“
„Vergiss es!“, brüllte Laan.
„Aber wir müssen zu Papa“, meinte Takeru leise zu Laan.
„Wenn wir Miraa nun zu deinem Vater und Shiana führen, sind wir verloren“, entgegnete Laan, sodass es nur Takeru hören konnte.
„Was ist dann dein Plan?“, hakte Takeru nach, dem momentan nichts anderes einfiel, als den Weg zu seinem Vater zu finden.
„Wir müssen ihn hier einsperren“, schlug Laan vor.
„Aber wie sollen wir das anstellen? Er hat den Kompass!“, stellte Takeru fest.
„Das ist die Schwierigkeit an meinem Plan“, gestand Laan und rannte weiter. Mit einem Fingerschnippen wechselte er wieder die Ebene der Dimension.
Sie rannten weiter, immer noch in der Hoffnung, dass sie bald weit genug entfernt von Miraa waren, um etwas Zeit zu gewinnen und ihren Plan nachzudenken. Takeru war sich nicht sicher, ob sie es schafften, Miraa hier einzusperren. Er war überzeugt, dass es besser war, die Tür zu seinem Vater zu öffnen. Gemeinsam waren sie sicher in der Lage, Miraa zu überwältigen, das Schwert und den Kompass zurückzugewinnen und ihn mit gemeinsamer Kraft besiegen zu können. Das musste es einfach sein. Wenn Laan ihn jedoch hier einsperren wollte, konnten sie trotzdem die Tür zu seinem Vater finden und sich auf den Kampf vorbereiten?
„So langsam“, fing Miraa zu erkennen, „werde ich dem Verfolgen etwas überdrüssig.“
Er blieb auf der Stelle stehen und seine Spinnenbeine aus Anons Bändern ließen den Mann sanft auf dem Boden ab. Er machte dabei keine Geräusche. Laan ließ sich davon nicht beeindrucken und rannte weiter. Takeru beobachtete Miraa, in dem er zwischen seinen Füßen hindurchsah. Mittlerweile hatten die beiden die Ebene so oft gewechselt, dass es so schien, als würde sich Miraa ein paar unsichtbare Stockwerke unter ihnen befinden.
Miraas Bänder zogen sich zurück. Wie bei Anon wickelte es sich einmal um seine Unterarme. Dann blickte er neugierig und gespannt auf das Artefakt in seiner Hand. Er klappte den Deckel des Kompasses mit einem leisen Klicken auf. Obwohl sich Miraa so weit weg von ihnen zu befinden schien, hörte Takeru jedes Geräusch so, als stünde er direkt vor ihnen. Mit seiner linken Hand spielte er etwas mit dem Kompass herum und schien sich zu erinnern, dass er mit seinen Bändern das Schwert an seiner Hüfte hielt. Er zog das Schwert ohne Klinge aus der Scheide und hielt beides vor sich hin.
„Weißt du was, Laan?“, fragte Miraa rhetorisch. Laan wollte darauf nicht reagieren. „Wie gut das ist, dass ich diese Artefakte mitentwickelt habe, weißt du das? Die Jahre vor eurer Geburt waren so spannend.“
Takeru lief wieder etwas langsamer.
„Lass dich davon nicht ablenken“, empfahl Laan Takeru.
„Ich habe ganz schön viel gearbeitet, um herauszufinden, wie wir eure Kraft, eure Entitäten in diese Körper sperren können, die ihr nun habt. Hast du diese 4615 Jahre darüber nachgedacht, wozu die Artefakte eigentlich da waren? Übrigens habe ich jedes einzelne Jahr gezählt, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben“, lachte Miraa. „Diese Gegenstände beherbergen die andere Hälfte eurer Macht. Wenn ihr diese Schlüssel nur jemals richtig verwendet hättet, wärt ihr schon längst zu eurem vollen Glanz erwacht.“
„Was meint er da?“, wunderte sich Takeru, der sich offensichtlich hatte ablenken lassen.
„Ihr müsstet nur wissen, wie“, warf ihm Miraa vor. „So wie ich zum Beispiel. Schau her!“
Laan rannte weiter und zerrte Takeru immer noch hinter sich her. Takeru beobachtete jedoch genau, was Miraa tat.
Miraa hob den Kompass und das Schwert vor sich. Langsam schlängelten sich die Bänder um die Artefakte, die nun aufleuchteten. Er hob sie zusammen und das Knäuel an Band schien plötzlich so durcheinander zu sein, dass Takeru nicht mehr genau sah, was dort passierte. Er verstand erst wieder, was vor sich ging, als Miraa plötzlich eine neue Waffe vor sich hielt, die eine Kombination aus Band, Kompass und Schwert war, die sich miteinander verbunden hatten. Die Waffe hatte die Form eines Chakrams und leuchtete nun weder in einem grünen noch einem rötlichen Licht, sondern erstrahlte in einem grellen Gelb. Miraa hob siegessicher die neue Waffe in die Höhe und stieß sie in Richtung Laan und Takeru. Auf einmal schien Miraa in ihre Richtung zu fallen. Es war Takeru immer noch nicht klar, was oben oder unten war, jedoch bewegte sich Miraa in einer rasenden Geschwindigkeit auf beide zu.
Laan schien das zu bemerken und zerrte Takeru in eine andere Richtung, war jedoch zu langsam, als Miraa nun so nah war, dass er Takerus Bein greifen und zu sich ziehen konnte. Takeru konnte Laans Hand nicht mehr halten und wurde von Miraa durch die Ebenen gezogen. Dabei wurde ihm so schwindelig, dass er seine aufkommende Übelkeit zurückhalten musste.
„LAAN!“, schrie Tak um Hilfe, als er von Miraa zu Boden geschleudert wurde.
Laans Hände leuchteten nun stärker und er versuchte sich durch die Ebenen zu graben, um zu Takeru zu gelangen. Es sah wirklich so aus, als schaufelte Laan etwas von dem Boden beiseite, um durch die Ebene zu kommen. Takeru konnte das nur verstehen, weil er sich die Böden dieser Dimension aus Glas vorstellte.
Miraa ging einen Schritt auf Takeru zu und lachte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an. Takeru richtete sich auf seine Unterarme, um rückwärts von Miraa wegzukrabbeln.
„Du bist schon ein ganz besonderes Kerlchen, was?“, erkannte Miraa und spielte dabei mit seinem Chakram herum, in dem er es an seinem Zeigefinger und Mittelfinger im Kreis schwang.
„Du wirst das Amulett nicht bekommen!“, brüllte Takeru verteidigend.
„Hahahaha!“, fing Miraa lauthals an zu lachen. „Du weißt also, wo sich das Amulett befindet. Großartig! Eine Verschwendung, meine Lakaien überhaupt loszuschicken, wenn ein kleiner Junge das Amulett viel schneller findet.“
Takeru versuchte aufzustehen, wurde jedoch aufgehalten. Miraa griff nach seinem Chakram und schleuderte die messerscharfen Bänder seiner Waffe auf Takeru, um ihn wie in einem Käfig einzusperren. Eines der Bänder kam ihm zu nah und schnitt eine Wunde in seinen Unterarm. Erschrocken zog Takeru alle seine Extremitäten zu sich. Dann schlängelten sich weitere Bänder in seine Richtung und wickelten sich langsam um seinen Körper und zogen fest an.
Er brüllte; das war das Einzige, was er in dieser Situation machen konnte.
Laan liefen mittlerweile die Schweißtropfen von der Stirn. Er hielt kurz inne, weil er bemerkte, dass die Art und Weise, wie er sich gerade fortbewegte, nicht schnell genug war. Er konzentrierte sich und Takeru erkannte, dass nun nicht nur Laans Hände mit einer leuchtenden Gitterbox umschlossen waren, sondern auch seine Füße. Laan hob vom Boden ab und schwebte eine Weile, bis er sich dann mit aller Kraft davonstieß und zwischen den Böden der Dimension hinabtauchte.
Laans Bewegungen erinnerten Takeru ans Tauchen, aber so hätte er es sich auch vorstellen können, wenn Menschen fliegen könnten.
„MIRAA!“, schrie Laan, als er mit immer schneller werdender Geschwindigkeit auf seinen Gegner zuraste. „Lass den Jungen! Du willst doch mich!“
Miraa wandte sich lachend um. Er wirkte kein bisschen beeindruckt von Laans Drohungen, der seine Faust ballte, um zum Schlag bereit zu sein.
Kurz bevor Laan auf Miraa stieß, zückte Miraa sein Chakram und hielt es verteidigend vor sich. Laan, der ausholte und zuschlug, blieb plötzlich wie in der Luft stehen. Einige Bänder schnellten auf Laan zu und versuchten ihn zu treffen, doch dieser wehrte den Angriff mit einigen Schlägen und Tritten ab.
Takeru versuchte mittlerweile, sich aus seiner Bandage zu befreien, hatte aber das Gefühl, je mehr er sich wehrte, desto enger schnürten sich die Bänder um seinen Körper.
„Na komm, zeig, was du draufhast!“, forderte Miraa ihn heraus und griff ihn mit dem Chakram an.
Laan riss sich aus seiner gefangenen Dimension und schwebte nun um Miraa herum, der ihn mit seiner Waffe treffen wollte, aber ihn nicht erwischte. Er beobachtete die Bewegungsmuster seines Gegners und versuchte ihn mit Faustschlägen zu treffen, doch Miraa war flinker als gedacht.
Dann drehte Miraa das Chakram mit großer Geschwindigkeit in seinen Händen und kurz darauf schoss ein Strahl aus Flammen auf Laan. Die Fähigkeit des Schwertes, das Material kontrollieren zu können, zeigte nun seine Kraft. Laan hingegen stieß seine Hände nach vorn und lenkte den Flammenstrahl um, indem er die Dimension verdrehte. Die Flammen verwandelten sich nun in eine heiße Masse aus flüssigem Gestein und Laan fing an, seine Hände so zu bewegen, als würde er ein Karussell anschubsen. Der Lavafluss wurde nun so abgelenkt, dass er auf Miraa von oben herabfloss. Doch dieser verwandelte das Gestein in Wasserdampf, welcher Laan und Takeru die Sicht versperrte.
Laan schnipste mit seiner Hand und erschien in der nächsten Sekunde hinter Takeru, zog und zerrte an dem Band, das Takeru umwickelte, konnte den Jungen aber nicht befreien. Als Miraa das bemerkte, stieß er das Chakram in Richtung Laans und dieser wurde dadurch einige Meter von Takeru weggeschleudert.
„Nun zu dir“, wandte sich Miraa nun zu Takeru. „Bring mich zu dem Amulett.“
„Tu das nicht, Takeru!“, rief Laan, stand auf und flog wieder mit einer sagenhaften Geschwindigkeit los. Doch Miraa wedelte mit seiner Waffe etwas hin und her und wechselte so die Ebene in der Dimension, sodass Laan die beiden nicht erreichen konnte.
„Auf keinen Fall!“, erwiderte Takeru und versuchte sich wieder mehr zu wehren als vorher. „Du bekommst das Amulett nicht!“
„Das werden wir sehen“, lachte Miraa und drückte das Chakram an Takerus Stirn, woraufhin es zu leuchten begann.
Für einen Augenblick sah und hörte Takeru nichts und wurde von einem gelben Licht umschlungen. Das Licht blendete ihn so stark, dass er nicht mal sich selbst sah.
War es das nun? Er wurde vom scheinbar mächtigsten Feind missbraucht, um an das Amulett zu kommen? Konnte Miraa mit dem Wissen, dass er über das Amulett hatte, dorthin navigieren? Oder lag es an dem Wunsch seinen Vater wiederzusehen, dessen Miraa sich bemächtigte? Aber was, wenn genau das die Lösung war, Miraa aufzuhalten? Waren Papa, Gaara, Shiana und Riven schon stark genug, Miraa zu bezwingen? Mit gemeinsamen Kräften waren sie doch sicher in der Lage, ihn zu besiegen.
Takeru wehrte sich nur wenig. Wenn es auch nur eine winzige Möglichkeit gab, dass sie siegen konnten, musste man all seine Hoffnung in diesen Versuch hineinpacken. Oder?
Als das Licht nachließ, öffnete sich vor ihnen eine Tür und Miraa, der den bandagierten Jungen mit sich trug, trat hindurch. Das Licht der Tür erhellte die Gegend und Takeru erkannte, dass er sich auf einem felsigen Plateau irgendwo im Gebirge befinden musste. Er drehte seinen Kopf, um einen klareren Blick darüber zu bekommen, wo genau sie sich befanden. Da sah er jedoch vier Personen stehen, die schon längst auf das merkwürdige Ereignis reagiert und ihre Waffen gezückt hatten.
Allen voran stand sein Vater in kampfbereiter Haltung vor ihm. Sein Gesichtsausdruck zeigte Schock. Er hielt einen Stab in seiner Hand, an dessen Ende sich eine Klinge befand. Neben ihm stand Gaara, der nur einen einfachen Stab trug. Hinter den beiden stand Shiana, deren Hände in einem leuchtenden Blau strahlten. Jedoch war es Riven, der Anführer der Vastus Antishal, der als erstes in den Angriffsmodus überging. Seine Hände flammten sofort in blauen Flammen auf und er griff mit einem Stab an, dessen Ende mit einem Drachenkopf verziert war, der eine Kugel in seinem Maul trug.
Miraa schaltete sofort und erkannte seinen Gegner wieder.
„Ich dachte, ich hätte dich umgebracht!“, stellte Miraa überrascht fest. „Wie eine hartnäckige kleine Kakerlake!“
Er stieß mit seinem Chakram nach vorn und schleuderte Bänder auf Riven, um seinen Angriff zu parieren. Im nächsten Augenblick drückten andere Bänder Miraas Körper wieder wie riesige Spinnenbeine vom Boden und er stieg in die Luft.
„Papa!“, rief Takeru und somit ging Miraas Aufmerksamkeit an die drei über.
„Tak!“, brüllte sein Vater zurück und nun entflammten auch seine Hände in blauem Feuer.
„Wen haben wir denn da!“, stellte Miraa fest und wehrte die Angriffe der drei Männer mit seinen Bändern mit Leichtigkeit ab. „Eine Kakerlake, ein weiterer Träger des Genkioken und wer kann das nur sein?“
Gaaras Augen leuchteten auf, während er die Angriffe Miraas parierte.
„Mein alter Freund Gaara, wie bist du denn zu einem Körper gekommen?“, fragte Miraa neugierig. Dann beantwortete er seine Frage selbst. „Na klar, so musste das sein. Dazu seid ihr Genkioken-Nutzer also im Stande? Oh, Shiana ist auch gleich hier! Dann habt ihr das Amulett, richtig?“
„Miraa, es ist aus!“, kündigte Gaara an.
„Lass meinen Sohn frei!“, brüllte Ginta.
Doch bevor Miraa sich Shiana und dem Amulett zuwenden konnte, hielt er für einen Moment inne und sah sich Takeru genau an. Er legte dabei eine Hand grübelnd an sein Kinn.
„Dein Sohn ist das also?“, stellte er fest und wechselte immer wieder den Blick von Takeru zu Ginta. „Dann ist das, was ich hier spüre, also ebenfalls ein Zweig des Genkioken. Das verändert meinen ganzen Plan.“
Er stieß mit seinem Chakram in die Richtung der Männer und ließ wieder einen mächtigen Feuerstrahl ab. Ginta machte eine Bewegung mit seinen Händen, die Takeru noch nie gesehen hatte und ließ zur Abwehr einen starken Windstoß los, der das Feuer in einen Sturm verwandelte. Die Flammen peitschten heiß durch die Luft und Takeru fing an zu schwitzen. Sein Vater war in der Lage, das zu tun? Er war fasziniert und erstaunt von den Fähigkeiten seines Vaters, die er nun zum ersten Mal bestaunen durfte.
Nun feuerte Shiana die ersten Lichtstrahlen los und zog die Aufmerksamkeit auf sich.
„Miraa, lass den Jungen los!“, forderte sie und ihre Hände leuchteten nun stärker. Immer wieder schoss sie Strahlen aus Licht auf Miraa.
Dieser wich aus, indem er sich in der Luft hin und her bewegte und lachte dabei.
„Shiana, es ist so spitze, dass du hier bist! Laan habe ich gerade auch getroffen!“, erklärte er ihr und signalisierte ihr, dass die Tür zu Laans Dimension immer noch geöffnet war. „Wenn er sich nicht beeilt, schafft er es nicht mehr durch die sich langsam schließende Tür.“
Mit einem Fingerschnippen schloss sich der Spalt in der Luft allmählich.
Riven sprang in die Luft und signalisierte Ginta und Gaara, was sie zu tun hatten. Beide ließen einen Windstoß los, der Riven durch die Luft transportierte. Mit einer rasenden Geschwindigkeit flog er auf Miraa zu und bereitete einen Angriff vor. Miraa konterte den Angriff jedoch mit einem eigenen Windstoß, der Riven von sich wegschleuderte.
Während Riven sein Gleichgewicht in der Luft wiedererlangen wollte, hielt Miraa den eingewickelten Takeru vor sich.
„Hey, was soll das!?“, beschwerte sich Takeru. Ginta, Gaara und Shiana schienen sofort zu verstehen, was Miraa zu signalisieren versuchte.
„Halt, halt, meine Freunde“, versuchte Miraa die Situation zu beruhigen und machte eine dementsprechende Geste mit seinen Händen. „Wir sind doch hier nicht zusammengekommen, um uns die Köpfe einzuschlagen. Hast du davon nicht genug, Gaara?“
„Gib den Jungen frei!“, forderte Gaara wieder und machte sich für einen weiteren Angriff bereit, wurde jedoch von Ginta zurückgehalten.
„Ja, das könnte ich tun … “, überlegte Miraa gespielt. „Aber du weißt, ich brauche etwas von euch.“
„Er will das Amulett! Gebt es …“, rief Takeru, doch bevor er fertig sprechen konnte, wurde ihm der Mund durch ein Band verbunden. Er gab nur noch dumpfe Laute von sich.
„Der Kleine hat nicht ganz unrecht. Ihr seht, dass der Kompass und das Schwert schon meines sind. Gaara, du weißt ganz genau, dass ich das Amulett noch brauche, um meinen Plan umzusetzen.“
„Wir dürfen ihm niemals das Amulett geben!“, befahl Riven wütend. Er zögerte noch einmal anzugreifen.
Auf seinen Kommentar hin ließ Miraa die Bänder noch enger werden und alle hörten Takerus dumpfen Schrei vor Schmerz.
„Tak!“, rief Ginta nach ihm. „Wir befreien dich, keine Sorge!“
Shiana ging auf Ginta zu und legte ihm beruhigend ihre linke Hand auf seine Schulter, während ihre rechte nach etwas griff, dass unter ihrem Oberteil an ihrer Brust hing.
„Wir können tauschen“, schlug Shiana mit einer ruhigen Stimme vor.
„Das können wir nicht!“, erwiderte Gaara zu seiner Freundin. „Wenn wir ihm das Amulett geben, ist die Welt am Ende.“
Riven schaltete sich ebenfalls ein und stellte sich zwischen Shiana und Ginta.
„Ich weiß, dass die Lage angespannt ist, aber wir können ihm auf keinen Fall diese Macht aushändigen“, forderte Riven kühl. „Ich gebe Gaara recht.“
„Es ist sein Sohn“, antwortete Shiana. Sie sah keinen anderen Ausweg, als zu tauschen, um das Leben von Takeru zu retten.
„Kleine Planänderung“, verkündete Miraa, der sich Takeru noch einmal genau ansah. „Ihr habt etwas, was ich will, und ich habe etwas, das ihr wollt. Jedoch bin ich mir dieser Diskussion nun zu müde. Ich würde sagen, das Angebot steht. Ihr findet mich und dann tauschen wir. In der Zwischenzeit kümmern sich dieser kleine Genkioken-Nutzer und ich schon einmal um eine andere Angelegenheit.“
Doch bevor Ginta, Gaara, Riven oder Shiana etwas dazu entgegnen konnten, stießen die Spinnenbeine Miraas seinen Körper in die Luft. Auf eine spektakuläre Art zogen sich die Bänder zurück, nur um sich im nächsten Moment als Flügel an Miraas Rücken zusammenzuknoten. Mit zwei starken Flügelschlägen hob Miraas Körper in die Luft ab und verschwand im letzten Dunkel der Nacht.

Es war zu spät. Miraa war verschwunden und das Tor zu Laans Dimension, dass die Gruppe zunächst nicht mehr im Fokus hatte, hatte sich fast geschlossen. Als Ginta seinem Sohn hinterherrief und Riven sowie Gaara versuchten, ihren Freund zu beruhigen, blickte Shiana auf den letzten Lichtspalt, der in der Luft hing. Sie ließ immer noch nicht ihr Amulett los, aus Angst, Miraa könnte jede Sekunde hinter ihr auftauchen und es ihr vom Hals reißen.
Sie waren mit ihren Entscheidungen einfach zu spät. Was für eine Tragödie, dass Miraa nun Gintas Sohn als Geisel hielt. Das war der Grund, wieso Ginta ihn mit Jumon fortgeschickt hatte. Aber wenn nur Takeru die Geisel war, wo konnte dann seine Tochter sein? Shiana machte sich Sorgen.
Dann, als der Spalt in der Luft nur noch einige Zentimeter groß war, erschienen plötzlich zwei grünleuchtende Hände darin und hielten die Ränder mit aller Kraft fest.
Erschrocken ging sie auf den Spalt zu, um zu erkennen, wer sich dort versteckte. War es seine Tochter? Sie warf einen Blick hinein und erkannte die grünen Augen, durch die sich eine violette Linie zog und die ihr so vertraut waren.
„Laan!“, rief sie durch den Spalt hinein.
„Shiana!“, kam als Antwort zurück.
„Komm hierrüber!“, leitete sie ihren Freund zu sich.
„Ich versuche es!“
„Streng dich an!“
Dann griff sie nach den Rändern des Spaltes und versuchte diesen mit all ihrer Kraft größer zu reißen. Ihre Hände leuchteten Blau auf und mit all ihrer Anstrengung schaffte sie es mit Laan zusammen, das Tor vor dem Schließen zu bewahren.
„Ginta! Hilf mir!“, rief sie nach ihrem Freund, der sich von der Diskussion mit Riven und Gaara darüber, ob das, was gerade geschehen war, nun gut oder schlecht für sie war, löste. Er eilte zu seiner Freundin und half, den Spalt größer zu ziehen.
Gerade als der Durchgang nun groß genug war, dass ein Körper hindurchpasste, streckte Laan seinen Arm hindurch. Gaara war der erste, der nach der Hand griff und ihn aus der Dimension befreite. Kurz nachdem Laan hindurchgeschlüpft war, ließen Shiana und Ginta die Ränder los und die Tür schloss sich komplett. Das Licht verschwand und Dunkelheit umhüllte die Freunde. Shiana erzeugte mit ihrem Zeigefinger eine kleine Kugel aus Licht, die für eine Weile in der Luft schwebte.
Gaara nahm seinen alten Freund fest in den Arm und begrüßte ihn in ihrer Dimension.
„Laan!“, erkannte er und freute sich, seinen Freund wiederzusehen.
Erst als Laan losgelassen wurde, konnte er sich ein Bild von den Personen machen, die um ihn herumstanden.
„Gaara, bist du das?“, wunderte er sich und bekam als Antwort ein bestätigendes Nicken.
„Schön, dich wiederzusehen“, begrüßte ihn Shiana. Sofort wandte Laan sich um und fiel seiner engsten Freundin in die Arme.
„Dir geht es gut!“, freute er sich, als er Shiana fest an sich drückte und somit Tränen der Freude verstecken konnte. „Dir geht es gut!“
„Jedoch …“, antwortete sie.
Laan löste sich und sah sich um, um herauszufinden, wo Miraa hin verschwunden war. „Wo ist er?“
„Er ist fort.“„Mit dem Jungen?“
„Ja“, gab Shiana leise von sich.
„Das Amulett?“, hakte Laan nach. Shiana zeigte es ihm. Es war momentan noch in Sicherheit.
„Wir müssen es wegsperren!“, schlug Laan vor. „Jedoch kann ich ohne den Kompass keine Türen mehr öffnen.“
„Wir müssen vor allem Takeru befreien“, sagte Shiana.
„Danke“, meldete sich Ginta zu Wort. „Warum hat er Tak? Was ist passiert?“
Er wandte sich erwartungsvoll zu Laan. Laan kannte diesen Mann jedoch nicht und schaute ihn wundernd an.
„Wer bist du?“
„Das ist sein Vater“, erklärte Shiana. „Wir sind sehr gute Freunde.“
„Du kannst ihm vertrauen“, bestätigte auch Gaara und legte Ginta eine Hand auf die Schulter. „Wir werden deinen Sohn zurückbekommen.“
„Und wir werden Miraa ein für alle Mal besiegen“, forderte Riven bestimmt.
„Riven verwendet genauso wie Ginta und Gaara das Genkioken“, erzählte Shiana. „Unsere Wege haben sich vor einigen Jahren gekreuzt und seither kämpfen wir gegen denselben Feind.“
„Genug gesagt“, stoppte Riven die Konversation. „Wenn wir Miraa nicht sofort folgen, verlieren wir seine Spur!“
Er rannte los, in die Richtung, in die Miraa geflogen war. Ginta, Gaara, Shiana und Laan nickten sich zu. So schön es für sie war, sich nach Jahrtausenden wiederzusehen, gab es nun keine Zeit für ein friedliches Pläuschchen. Sie mussten Takeru befreien und Miraa aufhalten, was auch immer er vorhatte.

Kapitel 73 – Der Fluss der Energie

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Kapitel 74 – Der letzte Kampf

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Kapitel 75 – Sonnenaufgang

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Epilog – Taks Tagebuch – Die Suche nach dem Licht

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Nachwort

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