KKZ: Kapitel 36 – 42

Kapitel 36 – Der Monat im Med-Dorf ~ Ginta & Shiana ~
Kapitel 37 – Der Monat im Med-Dorf ~ Ryoma ~
Kapitel 38 – Der Monat im Med-Dorf ~ Jumon & Sayoko ~
Kapitel 39 – Der Monat im Med-Dorf ~ Das Gemeinsam … ~
Kapitel 40 – Im Einklang mit der Natur
Kapitel 41 – Das Labyrinth
Kapitel 42 – Buchstabensuppe


Kapitel 36 – Der Monat im Med-Dorf ~ Ginta & Shiana ~

Die Tassen klirrten, als das Tablett von Natoku auf den Tisch gestellt wurde. Mit einer Handbewegung signalisierte der alte Mann den beiden vom Tee zu trinken, den er gerade serviert hatte.
Shiana und Ginta saßen in dem kleinen Häuschen, das plötzlich nicht mehr so klein zu sein schien.
Vor einigen Tagen kamen sie im Med-Dorf an. Sie mussten feststellen, dass Otos Eltern schon verstorben waren und zu alle dem brachte sie dieser Alte dazu, einen Monat in diesem Dorf fest zu sitzen, um zu trainieren. Oto und die anderen willigten überrascht mit ein. Die angehende Ärztin brabbelte nur etwas von einem Spezialtraining, aber mehr konnte Ginta darüber auch nicht in Erfahrung bringen.
Er beobachtete Shiana, die still neben ihm saß und am Tee schlürfte. Natoku bestand darauf, dass sie während seines Training unbedingt bei ihm sein musste. Aber dieser Grund blieb Ginta vorerst auch ein Geheimnis.

Beim genaueren Umsehen im Raum, fiel es Ginta plötzlich ein. Das Haus hatte sich wirklich verändert! Alles war ein wenig größer, und wenn man die Tür in der Küche öffnete, kam man zu einem schönen, sonnigen Hof. Wahrscheinlich war genau das der Trainingsplatz. Außerdem gab es oben für Ginta und Shiana ein gemeinsames Zimmer, mit eigenem Bad.
Natoku erwartete wohl, dass die beiden hier auch noch übernachteten. Nun gut, bei den Hotelpreisen in dieser Stadt, war das ein willkommenes Angebot.
„Also Ginta“, fing Natoku an und setzte sich den Zweien gegenüber, „Ab morgen beginnt das Training für dich. Dich, Shiana, möchte ich bitten, ihn so gut es geht zu unterstützen.“
„Und wie soll ich das machen?“, fragte sie mit zarter Stimme.
„Das wirst du schon sehen wenn es so weit ist. Also zu dir Ginta, ich habe einen ausgefeilten, gut durchdachten Trainingsplan für dich erstellt…“
„Dürfte ich ihn mal sehen?“, erkundigte sich Ginta neugierig.
„Nein“, antwortete der Alte rasch.
Überrascht sah er seinen Gesprächspartner und neuen Trainer an.
„Und wieso, wenn ich fragen darf?“
„Er ist hier drin“, während er das sagte, tippte er mit seinem Finger auf seine Schläfe.
„Na toll“, seufzte Ginta, „Das kann ja was werden!“
Im nächsten Moment kassierte er auch schon eine Kopfnuss, seines neuen Meisters.
„Deine Reaktionen sind sehr langsam, das notiere ich mir gleich…“, sagte der Alte und brachte das Geschirr zurück in die Küche.
„Ach ja, Shiana“, rief er aus der Küche, „Wenn ich dich noch bitten dürfte uns zu unterstützen in dem du dich um das Essen und die Küche im Allgemeinen kümmerst, ist das in Ordnung?“
Ohne groß Anstalten zu machen, gab sie ein verständliches „Ja“ von sich.
So verging der erste Tag und der letzte an dem sich Shiana und Ginta es sich noch gemütlich machen und sich ausruhen konnten.
Am Abend lagen die beiden sich in ihre Betten. Beide teilten sich ein Zimmer, aber zum Glück gab es zwei Einzelbetten, die jeweils an einem Ende des Zimmers lagen. Die Lage war so gut, dass Shiana und Ginta aus dem Fenster sehen und die Sterne beobachten konnten.

Am nächsten Tag hieß es für Beide schon bei Sonnenaufbruch aufstehen und sich fertig machen. Ginta bekam von Natoku Trainingsklamotten. Gut von Klamotten konnte schlecht die Rede sein, da er nur eine beige Stoffhose tragen durfte. Wohinter da wohl der Sinn steckte?
Shiana band sich auch schon eine Schürze um, und durchstöberte die Küche nach Nahrungsmitteln. Da die Ausbeute ihrer Suchaktion nicht gerade gut ausgefallen war, machte sie sich auf den Weg zum nächsten Markt.
Ginta hatte derweil ein Gespräch mit Natoku über sein Training.
„Unser Ziel, Ginta, ist die Erweckung deiner Fähigkeiten, die tief in dir Schlummern. In letzter Zeit müsstest du eigentlich eigenartige Dinge in dir gespürt haben. Aber anscheinend hast du nicht konzentriert darauf geachtet.“
„Woher… woher weißt du das?“
„Ich lese in deinen Energiewellen. Sie werden Aros genannt und stecken in jeder Ader und jeder Zelle deines Körpers.“
Ginta hörte aufmerksam zu.
„Ich kann sie lesen, da ich das nicht nur schon seit sehr langer Zeit trainiert habe, sondern auch weil ich die Begabung dazu habe. Weißt du Ginta, in jedem Menschen steckt eine bestimmte Begabung. Nehmen wir zum Beispiel deine Freundin Oto. Ihre Begabung ist es, Menschen zu unterstützen und Verletzte zu versorgen.“
„Aha, ich verstehe“, murmelte Ginta und aus reiner Neugier fragte er, „Und was ist meine Begabung?“
„Da wirst du noch selber drauf kommen“, meinte Natoku und lachte.
„Ich kann noch viel mehr aus dir herauslesen, aber das ist jetzt unwichtig. Dann fangen wir ganz von vorne an. In dir steckt also diese Energie, die im Allgemeinen ‚Aros‘ genannt wird. Sie steckt in jedem Menschen, egal wie groß oder klein, dick oder dünn, jung oder alt, männlich oder weiblich dieser ist. Um jetzt diese Energie aber für Kampftechniken nutzen zu können, bedarft es an Training. Zudem kommt noch hinzu, dass es verschiedene Arten gibt, diese Energie einzusetzen. Wie man sich sicherlich denken kann, muss man diese Energie auch wieder erneuern, wenn sie einmal aufgebraucht ist, nicht wahr?“
„Eh, ja natürlich. Das macht Sinn“, überlegte Ginta und kratzte sich dabei das Kinn.
„Das einfachste Beispiel: wenn du einen Tag lang dich bewegst, hier und da hin läufst, dann verbrauchst du etwas von dieser Energie. Was machst du um wieder an Energie zu gelangen?“
„Ich esse etwas oder lege mich schlafen.“
„Genau! Auf diesen Wegen erlangst du wieder an Energie. Durch das Essen nimmt dein Körper die Energie, die in der Nahrung steckt auf und speichert sie. Beim Schlaf ist das ähnlich. Der Körper ruht sich aus und erlangt von selbst wieder an Energie.“
„Es gibt also zwei verschiedene Arten, an Energie zu gelangen? Einmal eine Aktive, das Schlafen und das Passive, das Essen, sehe ich das richtig?“, fragte Ginta.
„Nicht ganz, nicht ganz.“
„Also gibt es mehr?“
„Ja. Es gibt die verschiedensten Arten wieder an Energie zu kommen, diese zwei sind nur die fundamentalsten. Andere Aktivitäten können die Erneuerung von Aros in deinem Körper beschleunigen. Manche hören Musik um sich zu erholen, andere Pflegen ihren Körper, wiederum andere gehen Schwimmen. Du verstehst?“
„Ja klar! Also könnte man sagen, wenn man seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht, erneuert sich Aros im Körper?“
„Das stimmt leider nicht ganz. Es gibt Menschen deren Lieblingsbeschäftigungen sie an Aros kostet. Das ganze ist ein wenig verwirrend. Aros unterteilt sich nämlich in einige Energiestränge. So benutzt du Energie um deinen Körper zu bewegen, Energie um zu Denken, Energie um deine Organe zu versorgen.“
„Ach so ist das, also hab ich verschiedenes Aros in mir?“, versuchte Ginta zu verstehen.
„Nein, es ist immer noch eine Art, nämlich deine. Jeder Mensch hat eine andere Textur von Aros in sich. Es ist wie der Fingerabdruck eines Menschen, keinen gibt es zweimal. Diese Stränge sind nur die verschiedenen Aufgaben die das Aros in dir vollzieht.“
Ginta verinnerlichte diese neuen Informationen, die er gerade bekam. Es war alles neu für ihn, einiges verstand er noch nicht, aber er war ziemlich zuversichtlich, dass diese Informationen ihn etwas bringen würden.

„Also fangen wir mit der ersten Lektion an!“
Natoku stand auf und warf sein Shirt, das er an hatte, in eine Ecke des Hofes.
„Steh auf Ginta. Zuerst wirst du deinen Körper kontrollieren müssen. Also machen wir die folgende Woche Krafttraining für dich, um deinen Körper ein wenig zu stählen.“
Ginta tat, was ihm befohlen wurde, stand auf und wurde sogleich von Natoku blitzschnell angegriffen. Geschickt wich er einigen Schlägen und Tritten aus, doch nicht alle konnte er parieren. Ein kräftiger Schlag traf ihn in seinen Magen und Ginta flog einige Meter nach hinten.
„Man sieht, so grundlegende Dinge würdest du schnell erlernen, doch das ist nicht genug.“
Natoku murmelte unverständliches Zeug vor sich hin und ging Ginta entgegen. Er reichte ihm seine Hand und half dem am Boden liegenden hoch.

Diese Woche wurde hart für Ginta. Natoku nahm ihn richtig ran, zwang ihn dazu im Dauerlauf um die ganze Stadt zu laufen, 100 Runden am Tag. Ginta musste Kisten schleppen, Steine verschieben und solche Dinge. Dazu hatte er Natoku als Gegner, der ziemlich fit war. Es war wirklich nicht leicht für den 15-Jährigen.
Shiana unterstützte ihn so gut es ging, in dem sie das Essen vorbereitete. Sie ließ auch jeden Abend eine heiße Wanne für Ginta ein, so dass er sich ein wenig erholen konnte.
Es waren wirklich höllische Strapazen, die er durchmachte. Diese körperliche Anstrengung, dazu so wenig Schlaf. Aber seine Bemühungen waren nicht umsonst. Er hatte schon etwas an Muskelmasse zugenommen, und seine Reaktionsgeschwindigkeit verbesserte sich enorm. Auch die körperliche Stärke, hatte sich mindestens verdoppelt. Ein sehr zufriedenstellendes Resultat des Trainings.
Nach genau einer Woche beschloss Natoku, dass das Körpertraining nun beendet war. Er konnte Gintas Körper nicht noch mehr belasten.

Am ersten Tag der zweiten Woche, konnte Ginta zur Belohnung einmal ausschlafen. Auch Shiana genoss das, da sie selbst auch nicht so früh aufstehen musste. Doch trotzdem konnte sie nicht so lange schlafen. Stundenlang lag sie wach in ihrem Bett und starrte zum Fenster hinaus. Dort ragte ein dicker Ast eines Baumes entgegen und Vögel saßen auf diesem und gingen ihren morgendlichen Gesängen nach.
Sie drehte sich und schlang sich tiefer in ihre gemütliche Decke hinein. Jetzt konnte sie Ginta direkt anschauen, der halbnackt in seinem Bett lag und schlief.
Jedes mal, wenn sie ihn ansah, kam in ihr so ein komisches Gefühl hoch. Er war ihr so vertraut und glich ihr wie ein Beschützer. Er war keine Vaterrolle für sie, aber sie wusste tief in ihr, dass Ginta etwas besonderes für sie war.
Später war auch Ginta wach, hatte längst gefrühstückt und befand sich wieder im kleinen Hof.

Grinsend begrüßte ihn Natoku.
„Guten Morgen Ginta! Na, der Schlaf tat doch gut, nicht wahr?“
„Ja, das tat er wirklich.“
„Deine Energiereserven mussten sich wirklich sehr gut erholt haben in dieser Nacht, hehe“, lachte Natoku und blickte kurz träumend in den Himmel.
„Was ist unsere nächste Lektion?“, erkundigte sich Ginta, der das Lachen Natokus ignorierte.
„In der letzten Woche hast du an körperlicher Ausdauer und Kontrolle gearbeitet und das auch recht gut hinter dich gebracht. Jetzt solltest du anfangen zu lernen Aros zu kontrollieren und auf Energien in und um dir zu hören und sie zu spüren. Glaub mir, das Training letzte Woche war ein Klacks im Gegensatz zu dem was auf dich noch zukommt“, erklärte Natoku und lachte wieder.
‚Ein Klacks!? Er hat mich laufen lassen als hätte ich nichts anderes gelernt und schwere Gewichte schleppen lassen! Und das mit dem Felsen vom einen Ende der Stadt zum anderen Schieben will ich da noch nicht mal erwähnen…‘, dachte sich Ginta, ‚Bin ich mal gespannt was er jetzt von mir verlangt.‘
Natoku bemerkte wie Ginta nachdachte und führte seine Erklärungen fort: „Ich möchte, dass du meditierst und versuchst in dir und um dir alles wahrzunehmen.“
„Nur das? Meditieren?“
„Momentan ja. Voraussetzung ist, dass du hier sitzen bleibst, egal was passiert, ok?“
„Von mir aus“, meinte Ginta ohne groß darüber nachzudenken. Es schien für ihn eine Leichtigkeit zu sein, dazusitzen und nachzudenken.
„Ach bevor ich es vergesse, es gibt keine Pausen und du darfst erst aufhören wenn ich es dir erlaube, verstanden?“
Natoku stand auf und ging zurück ins Haus. Ginta wunderte sich über seine letzten Worte. Aber da blieb dem Schüler wohl nichts weiter übrig, als sich auf den Boden zu setzen, seine Augen zu schließen und anfangen zu meditieren.
Er atmete noch ein letztes Mal tief ein und wieder aus, danach beruhigte er seine Atmung und merkte, wie sein Herz langsamer schlug.

Zuerst versuchte er erstmal seine Gedanken zu lassen und schaffte es sich dem „nichts denken“ zu nähern. Plötzlich spürte er so vieles. Sanft strich der Wind über seine Haut, wurde mehr und mehr stärker. Es war etwas kalt, deswegen stellten sich seine Härchen auf.
Er nahm das raschelnde Laub der Bäume, die sich im Wind hin und her bewegten wahr. Sein Gefühl sagte ihm, dass er es richtig mache.
Ginta wollte grinsen, als er plötzlich etwas auf seiner Nasenspitze spürte. Auf einmal wiederholte sich das Gefühl auch auf seiner Hand, und ein drittes mal auf seinem Rücken. Es wurden immer mehr und mehr von diesen kurzen Wahrnehmungen auf seiner Haut, bis er realisierte, dass es nieselte. Die Wassertropfen fielen schon fast rhythmisch vom Himmel und landeten auf ihm. Anfangs war es noch angenehm, wie eine sanfte Dusche, doch es wollte natürlich nicht so bleiben. Der Regen wurde immer stärker bis es aus Strömen goss.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Shiana den Tee für Natoku gemacht und gemerkt dass es regnete. Fragend sah sie den Alten an.
„Mach dir keinen Kopf“, antwortete er, „Er wird nicht krank und es passiert ihm nichts…“
Shiana wollte es nicht ganz glauben, doch sie wollte Ginta nicht in seinem Training unterbrechen, also setzte  sie sich stillschweigend auf das Sofa, mit dem besorgten Blick nach draußen gerichtet.

Ginta hörte jetzt nur noch das Rauschen das ihm umgab und spürte nur noch die kalten Regentropfen auf seinem Körper.
Eigentlich wollte er aufstehen und ins Haus gehen, doch er wusste, dass er das nicht durfte und dass er das hier durchziehen musste. Also versuchte er den Regen so gut es ging zu ignorieren und wieder auf sein Innerstes zu hören.
Ginta kam in einen komischen Bewusstseinszustand, in dem er sich selbst nicht richtig zurechtfand. Äußere Geschehnisse konnte er überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Es war, als wäre er in einem Raum, in sich Selbst und würde von der Außenwelt nichts mitbekommen. Das war der erste Schritt sein Selbst etwas besser kennen zu lernen.
Es war nun wie, als wäre er wieder in diesen Träumen, in denen Shiana ihn gerufen hatte. Ein komisches Gefühl, sich so in sich zu bewegen und sich so zu erforschen. Aber er musste es tun.
Gleitend bewegte er sich durch sein Selbst und fand Energien die er zuvor noch nie so gespürt hatte und sah Farben und Lichter in sich, die er noch nicht zu deuten wagte.
Die Energien, die jede mögliche Farbe an nahmen, beeinflussten ihn in seinen Gedanken. Jedes Mal schoss es ihm durch seinen ganzen Körper, wenn er versuchte sich einer Energie zu nähern. Dann ließ dieses Gefühl wieder nach und etwas anderes machte sich in ihm breit. Hin und wieder spürte er auch eine Welle in sich, wie als würde seine Energien etwas anschubsen.
Letztendlich fand er eine Energie in sich, die so gewaltig war, dass er sich kaum traute ihr näher zu kommen. Eine Energie, die gewaltiger hätte nicht sein können.
Was war das bloß? Kam das wirklich von ihm, oder woher hatte dies seinen Ursprung?
Er wusste es noch nicht und würde es die nächste Zeit sicherlich auch nicht ohne viel Aufwand erfahren.
Mutig glitt er dann dieser Energie doch entgegen und nahm sie in sich auf.
In diesem Augenblick merkte er, dass sich seine äußerste Wand etwas verschob. Sie dehnte sich aus. Ja! Jetzt merkte er, dass sich seine Aura ausweitete und wieder Signale von Außen zuließ.
Jetzt konnte er sich wieder sehen. Wie er dort saß, auf dem Boden in dem Hof. Plötzlich merkte er viele kleine Dinge, die er so nie hätte gesehen, geschweige denn erspürt. Er sah vor seinem inneren Auge eine Ameise, die sich ihren Weg um ihn herum bahnte und er weitete seine Aura noch mehr aus. Es erschien ihm noch mehr vor sich. Vögel die über ihn flogen, Pflanzen die zwischen den Pflastersteinen hindurch wuchsen. Und alles, alles hatte seine eigene Energie.
Ginta spürte die Wellen, er spürte sie deutlich um sich herum. Harmonisch waren sie, die Energien der Tiere und der Pflanzen. Als wirkten sie zusammen, als wären sie eins.
Er spürte noch etwas. Es passte nicht so ganz in die schöne Harmonie der Umgebung und es wirkte etwas eigenartig, aber doch vertraut auf ihn.
Konzentriert darauf, strengte Ginta sich noch etwas an und fing an sich ein Bild in seinem Inneren auf zu bauen. Erst war es etwas unscharf, doch mit der Zeit konnte er es immer klarer erkennen. Die Neugier packte und er öffnete seine Augen.
Vor ihm stand Shiana.
„Ginta, ich solle dir sagen, dass du genug meditiert hast.“
„Shiana?“, er sah sich um, es war wohl immernoch Tag.
„Du sollst anscheinend fertig sein und ich solle dir das sagen. Das hat mir Natoku aufgetragen“, meinte sie und lächelte leicht.
„Schon fertig?“, wunderte er sich, „Aber ich hab doch erst angefangen…“
„Das ist vier Tage her“, kicherte Shiana, wohl erfreut über die erstandene Verwirrung in Ginta.
„VIER TAGE!?“, stieß es aus ihm heraus.
Shiana nickte, „Vier Tage…“
„Aber… aber…“, versuchte er sich zu rechtfertigen, „Ich habe angefangen etwas zu spüren und dann ging ich in mich und.. dann war ich wieder hier… das konnte doch keine vier Tage dauern!?“
„Doch“, erwiderte Natoku der gerade aus dem Haus schritt, „Ich hatte damit gerechnet, dass du mindestens eine Woche brauchst, du bist recht schnell, das muss man dir lassen.“
„Vier Tage“, murmelte er vor sich hin.
„Ich hab deine Entwicklung verfolgt…“, erzählte Natoku, „Du warst in dir und hast gelernt deine Umgebung ebenfalls wahrzunehmen. Nur war deine Wahrnehmungsreaktion und das Zeitgefüge nicht gleich. Es ist noch so, dass du etwas mehr Zeit brauchst um etwas wahrzunehmen als es in der Jetzt-Zeit passiert. Shiana sitzt zum Beispiel schon seit dem Sonnenaufgang vor dir.“
„Oh, so ist das…“, versuchte Ginta zu verstehen.
„Du hast auch deine Energien, also die verschieden Ströme von Aros in dir entdeckt. Du müsstest jetzt locker in der Lage sein dein Aros besser zu kontrollieren. Was auch schon der dritte Schritt in deinem Training darstellt. Die Kontrolle und Benutzung von Aros innerhalb und außerhalb deines Körpers.“
„Außerhalb?“, wunderte sich Ginta.
„Ja, in dem du Aros materialisierst.“
Natoku setzte sich auf den Boden vor Ginta, nahm seine Hände und erklärte weiter.“
„Was meinst du, wieso wir unsere Hände für die meisten Aktivitäten benutzen?“
„Weil das eines der Körperteile ist, mit denen man…“, Ginta musste nachdenken.
„Mit denen man?“, wiederholte Natoku.
„Mit denen man einfach am Finger-fertigsten ist?“, antwortete Ginta.
Der Alte musste lachen.
„In den Händen steckt sehr große Technologie. Das Zusammenspiel von Knochen, Muskeln und Aros ist dort höchst entwickelt. Die Finger und die Handflächen bilden zusammen ein Meisterwerk deines Körpers.“
„Stimmt“, fasste Ginta zusammen, „Man schreibt mit den Fingern, man isst, man kann Dinge benutzen, Dinge herstellen, und all das nur mit unseren Händen.“
„Es kommt noch mehr dazu. In den Händen stecken große und viele Rezeptoren, die fühlen. Es gibt so viele Beschäftigungen und auch Berufe in denen es höchst wichtig ist, seine Hände unter der größten Kontrolle zu haben. Und das will ich dir auch beibringen.“

Es war wieder einmal ein wunderschöner Tag. Die Sonne schien und es gab keine Spuren von dem letzten Regenfall. Ginta sollte gerade beigebracht bekommen, das Aros innerhalb und außerhalb seines Körpers zu kontrollieren.
„Ginta ich möchte, dass du dich erinnerst, was du in letzter Zeit erlebt hast im Bezug auf deinen Körper. Gibt es irgendetwas dass dir aufgefallen ist?“
Ginta grübelte nach.
„Ja!“, fiel es ihm plötzlich ein, „In den Kämpfen die ich bisher vollstritten hatte, konnte ich einige neue Dinge spüren. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich in der Lage war Druckwellen von mir zu geben. Einige Male ist es auch passiert, dass meine Hände komisch geleuchtet haben…“
Natoku sah seinen Schüler sehr interessiert an.
„Gut, dann fange ich mal an alles zu erklären. Die Druckwellen haben mit dem Aros in dir zu tun. Du hast dein Aros materialisiert, in Form von Luft, die sich dann druckwellenartig bewegt hat. Das ist bisher noch eine simple Form der Materialisierung. Die neuartigen Energien in dir, hatte ich in den letzten Tagen nicht gespürt, also kann es nur an etwas gelegen haben, was in deiner näheren Umgebung passierte.“
Natoku nahm ein Schluck aus einer Wasserflasche, die Shiana gerade gebracht hatte.
„Zuletzt fehlt noch das Geheimnis mit deiner leuchtenden Hand. Das ist schon eine höherstufige Form der Materialisierung deines Aros, wobei das eine spezielle Form ist. Um genauer zu sein, handelt es sich hierbei um eine Technik die dein Vorfahre entwickelt hat. Er nannte sie Genkioken.“
„Genkioken?“
„Ja, das Genkioken. Er konzentrierte sein Aros in seinen Händen und erzeugte somit eine Flamme“, erklärte Natoku, nachdem er wieder einen Schluck Wasser nahm.
„Eine Flamme? Er konnte einfach so Feuer aus seinen Händen bekommen?“
„Es war kein Feuer. Es war sein Aros, das sich mit der Luft verband und sich als Flamme materialisierte.“
„Was konnte er damit machen?“, fragte Ginta neugierig, der schon alles um sich herum vergaß und sich total auf das Gespräch konzentrierte.
„Er hatte spezielle Techniken, die er selbst entwickelt hatte, deswegen gibt es kaum Aufzeichnungen darüber. Selbst seinen engsten Freunden und Kameraden verriet er nichts über seine Techniken.“
„Wollte er das Risiko ausschließen, dass ihn jemand kopieren konnte?“
„Er wollte, dass keiner die Schwachpunkte in seiner Technik kennen lernt“, führte der Alte fort, „Deswegen kann ich dir auch nicht viel über diese Technik beibringen. Ach, bevor ich es vergesse…“
„Ja?“
„Es gibt bestimmte Stufen von Genkioken. Normalerweise beginnt man damit das Aros in seinen Fingerspitzen zu materialisieren, das wäre die erste Stufe. Dann kommt die ganze Hand dran, die zweite Stufe. Eine leuchtende Hand ist der Beweis, dass du es schon auf die dritte Stufe geschafft hast, was mich ziemlich irritiert.“
„Wieso denn?“
„Gaara schaffte es nicht von Anfang an auf die dritte Stufe. Er brauchte hartes und langes Training um die ersten zwei Stufen hinter sich zu bringen.“
„Gibt es auch mehr als diese 3 Stufen?“, fragte Ginta.
„Ja“, antwortete Natoku knapp, „Bis zu 5 Stufen. Aber man sagt sich, dass Stufe 4 sehr gefährlich sei. Man würde körperliche Verletzungen von sich tragen…“
„Und bei Stufe 5?“
„…“
Stille. Natoku traute sich nicht weiterzusprechen.
„Und was passiert bei Stufe 5?“, wiederholte Ginta. Er wollte unbedingt in Erfahrung bringen, was dann passieren würde.
„Stufe 5 würde der Körper nicht überleben…“
Ginta riss seine Augen auf. Man solle diese Stufe nicht überleben? Was war das für eine gefährliche Technik, die einen mit dem Tod bestraft?
„Deswegen ist es wichtig, Ginta, dass du das Genkioken zu beherrschen lernst, denn eine nicht vorhandene Kontrolle weckt großes Risiko… Du willst dich doch nicht selber umbringen, oder?“
Wild schüttelte er mit dem Kopf. So jung wollte Ginta nicht sterben.
„Nein! Auf keinen Fall!“
„Gut, dann fangen wir an das Aros außerhalb deines Körpers zu materialisieren.“

Der neue Trainingsabschnitt begann, und Natoku zeigte und lehrte ihm die nächsten Tage, wie er sein Aros kontrollieren konnte. Bald konnte Ginta seine Druckwellen kontrollieren und weiterentwickeln.
Das Training war hart. Tagsüber lehrte ihn Natoku die wichtigsten Dinge über die Kontrolle seiner Energien und nachts forschte er heimlich an seinem Genkioken weiter.
Shiana stand ihm in dieser Zeit immer beiseite und unterstützte sie so gut sie konnte. Sie ermutigte ihn und umsorgte ihn mit Essen. In Zeiten in denen sie nichts zu tun hatte, verschwand sie in die Bücherei und las einige Bücher. Dort traf sie auch ab und zu mal Jumon, der Nachforschungen betrieb.
Eine weitere Woche verstrich und Ginta kam seinem Trainingsziel immer näher.

Es blieben noch einige Tage der letzten Woche des Monats übrig, als Natoku Ginta auf seinen letzten Trainingsabschnitt ansprach.
„Ginta, ich bin stolz auf dich.“, fing der Alte an zu reden, „Du hast in dieser Zeit gelernt, deinen Körper zu kontrollieren, deine Energien zu spüren und zu gebrauchen und das beides in einer sehr guten Kombination gemeistert. Deine Entwicklung läuft schneller als ich es anfangs erwartet hatte.“
„Vielen dank“, bedankte sich Ginta, „War aber trotzdem kein Zuckerschlecken.“
„Das weiß ich. Aber leider kommst du um die nächste Aufgabe nicht herum. Klar hast du sehr große Vorteile, wenn du dich weiterentwickelst, deinen Körper und dein Aros perfekt unter Kontrolle hast, aber was bringt dir das viel auf deinen Reisen, wenn du in einem Team agieren musst?“
„Stimmt“, bemerkte Ginta niedergeschlagen, „Das habe ich in letzter Zeit total aus den Augen verloren…“
„Im Team zu kämpfen ist eines der wichtigsten Dinge, die du meistern musst. Vor allem weil du doch die Verantwortung für deine Freunde hast, oder?“
Natoku wendete seinen Blick und sah Shiana an, die gerade die Blumen goss.
Ginta wurde leicht rot, als er Natokus Blick folgte.
„Aber sicher doch, nichts ist mir wichtiger als meine Freunde zu beschützen!“
War aber der Grund, wieso er bei diesem Training mitmachte nicht der, gegen die Shal anzukommen? Oder änderten sich seine Absichten nun, wegen dieser einen Person? Kein Wunder, warum Natoku am Anfang des Trainings darauf bestand, dass sie bei ihm sei um ihm zu unterstützen. Es war nicht der Grund dass Ginta das nicht allein schaffen würde. Nein! Es war aus dem Grund, dass Ginta seine Absichten änderte und seine Rachegelüste verminderte. Dennoch blieb er bei seinem Ziel, die Shal vernichten zu wollen.
„Da ich deine Freunde nicht kenne, kann ich dir mal wieder nichts besonderes beibringen, außer dir zu zeigen wie du deine Energie mit einer anderen Person vereinst…“
„Du meinst in einer Art Kombo-Angriff?“
„Auch“, meinte Natoku, „Es dient nicht nur einem gemeinsamen Angriff, nein, durch diese Kombination eurer Energien kann man noch viel mehr Dinge machen!“
„Wie schaffe ich das?“, fragte Ginta.
„Ihr müsst euch gegenseitig öffnen…“, antwortete Natoku und rief Shiana. Sie kam sofort und sah den Alten Mann fragend an.
„Shiana, jetzt ist es soweit“, sagte er.
Nachdem Shiana nickte, ging Natoku ins Haus und ließ die Zwei allein.

„Natoku hat mir schon vor einiger Zeit erklärt, wie wir jetzt trainieren müssen, vertrau mir einfach, okay?“
Ginta nickte und starrte sie an, wohl erstaunt darüber dass sie in diesem „Plan“ schon eingeweiht wurde.
Jetzt standen sie sich beide gegenüber. Shiana streckte ihren Arm aus und öffnete ihre Handfläche. Ginta legte seine Hand auf ihre.
Er erinnerte sich an die Worte Natokus: „Ihr müsst euch gegenseitig öffnen…“
Das versuchte er. Erst konzentrierte Ginta in dem Zentrum seines Körpers und ließ sie dann gleichmäßig verteilen. Er öffnete all seine Energieressourcen und übertrug auch ein Teil seiner Energie auf Shiana. Sie schaffte es auch sich komplett zu öffnen.
So tauschten beide ihre Energien aus.
Anscheinend gefiel es beiden, denn nicht nur die schönen, warmen Energieströme beruhigten sie, sondern auch das Bewusstsein das gemeinsam zu teilen und zu erleben.
Sie verharrten noch eine Weile so, bis Ginta abbrechen musste.
„Das strengt ganz schön an, sich so zu konzentrieren, nicht wahr?“, gab er schnaufend von sich.
Shiana nickte.
Ginta verstand, wie er nun auf materielle Art sich den anderen öffnen konnte. Er war ziemlich dankbar dafür, dass Shiana die erste war, die dies mit ihm versuchte.


Kapitel 37 – Der Monat im Med-Dorf ~ Ryoma ~

Seufzend strich der Schwertkämpfer durch die Gassen der Stadt. Es hätte ja so ein schöner Monat werden können. Er zusammen – und vor allem in trauter Zweisamkeit – mit seiner liebsten Oto. Aber das konnte er jetzt knicken.
Ryoma ging der Anblick Otos, mit ihren großen, glitzernden Augen nicht mehr aus dem Kopf. Er wusste nun, dass diese Augen nicht für ihn bestimmt waren, sondern für diesen abartigen Fischerjungen. Das dachte er sich zumindest. All diese Anstrengungen die er hinter sich brachte, um Oto zu gefallen, wurden alle von Ama zunichte gemacht.

Innerlich schmollte er und trat einen kleinen Stein. Dieser kullerte etwas umher, bis er gegen eine Metallplatte stieß. Ein metallisches Geräusch ertönte und Ryoma wurde darauf aufmerksam. Über den etwas kniehohen Platten, die an eine Hauswand gelehnt waren, entdeckte er bei näherer Betrachtung ein kleines Ladenschild.
„Schwerter & Schwerter“, las Ryoma laut vor und grinste, als er darauf noch ein kleines Schwert mit Augen und Mund sah.
Er öffnete die Tür und betrat den Laden, was sich auch durch das Klingeln einer kleinen Glocke über der Tür bemerkbar machte.
Sofort kam ein mit Narben gezeichneter, junger Mann, nicht älter als 30, aus dem hinteren Teil des Ladens und stellte sich hinter den Tresen. Dieser war aus Glas und in ihm Lagen wunderschöne Schwerter.
„Kann ich ihnen behilflich sein?“, fragte dieser.
Ryoma kam ein wenig näher.
„Sie sind ein Schwertkämpfer, mh? Suchen sie ein Schwert, mh? Kein Wunder, sie sind ja auch in einem Schwertladen! Willkommen im ‚Schwert & Schwerter’“, laberte der Verkäufer darauf los und kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus.
Genau so ein Aufstehmännchen konnte Ryoma gerade echt nicht gebrauchen.
„Ich schau mich nur um“, meinte er ruhig.
„Also wenn sie Hilfe brauchen, ich bin da, jajaja.“ Der Verkäufer redete ihm eindeutig zu viel.

Ryoma sah sich die anderen Regale an und betrachtete jedes einzelne Schwert. Er fühlte sich etwas beobachtet und traute sich einen Blick zu erhaschen, wie der Verkäufer ihn mit einem unheimlichen Grinsen anstarrte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Deswegen konzentrierte er sich lieber wieder auf die Schwerter. Er war zwar selbst kein Meisterschmied, weswegen er sich nicht so wirklich gut auskannte, aber dennoch erkannte er Qualität auf den ersten Blick.
„Ich muss sagen, diese Schwerter sind hervorragend“, lobte er den Verkäufer.
„Die habe ich alle selbst hergestellt“, antwortete dieser stolz.
„Sie müssen ja von einem sehr gutem Schmied gelernt haben…“, erwiderte Ryoma, der ein wenig Interesse zeigen wollte. Er spielte schon mit dem Gedanken sich eines dieser Schwerter zu kaufen.
„Ja, habe ich. Er ist schon vor einigen Jahren gestorben. Aber das Kämpfen konnte er mir nicht beibringen. Da brauchte es schon jemand anderen. Er hat mich Tag und Nacht trainiert und.. ach, ich will sie nicht stören, mh…“
„Sie glücklicher…“, seufzte Ryoma auf, „Mein Vater brachte mir einige Dinge bei, aber größtenteils erlernte ich mir meine eigenen Techniken von selbst.“
Der Verkäufer kam hinter dem Tresen hervor und stellte sich neben Ryoma an die Vitrine.
„Darf ich mich vorstellen, Kikitori Hanbai.“
Ryoma musste sich ein Lachen verkneifen.
„Ryoma, Ryoma Sakamoto…“
Kikitori hielt inne.
„Sakamoto?“, wiederholte er und sah Ryoma musternd an.
„Kann es sein, dass du der Sohn von Kenma Sakamoto bist?“
„Du kennst den Namen meines Vaters? Ja… ich bin der Sohn meines Vaters, wieso fragst du?“
„Er war es, der mir das Kämpfen mit dem Schwert beigebracht hat.“
In diesem Moment schoss ein komisches Gefühl durch Ryomas Körper.
„Dein Vater… er behandelte mich wie ein Sohn. Es war kurz nachdem mein Meister verstarb. Ich war allein, hier im Laden….“, erzählte er weiter und ging wieder hinter den Tresen und kramte aus einer Schatulle einen Schlüssel. Danach ging er zum Laden, verschloss diesen, drehte das „Open“-Schild um und sah Ryoma an.
„Komm mit nach oben, ich glaube ich habe dir einiges zu erzählen.“
Ryoma folgte ihm still.

Sie gingen die Treppe hoch. Oben befand sich der Wohnbereich. Alles war recht simpel ausgestattet. Keine großartigen Dekorationen schmückten die Wand oder verzierten den Tisch, keine prunkvollen Pflanzen und Blumen schmückten ein Fensterbrett.
Kikitori bat ihn, sich auf das Sofa zu setzen. Währenddessen ging er in die Küche und kochte heißes Wasser für den Tee. Außerdem legte er noch ein paar Kekse auf einen Teller und stellte diesen vor Ryoma hin. Als der Tee fertig war, servierte er diesen.
Ryoma sah sich um. Für eine Person reichte der Platz zum wohnen allemal. Aber es sah alles so verlassen und einsam aus.
Als könnte Kikitori seine Gedanken lesen, sprach er: „Ich bin den ganzen Tag im Laden, außerdem muss ich hinten im Hof ja noch die Schwerter schmieden. Da stören Pflanzen und Dekoartikel nur, sie würden ja doch nur einstauben…“
Ryoma nickte still, nahm sich einen Keks und aß diesen.
Kikitori drehte sich um. Neben dem Sofa stand ein Kästchen und aus einer Schublade kramte er ein Bilderrahmen. In ihm befanden sich zwei zerrissene Photos. Einmal waren er und sein Meister darauf zu sehen und auf dem anderen Kikitori und Ryomas Vater.
Er drückte es Ryoma in die Hand.
‚Vater…‘, dachte er sich und fuhr mit seinem Zeigefinger einmal über das verstaubte Glas um das Bild besser zu sehen.
„Wo war ich vorhin stehen geblieben?“, setzte Kikitori sein Erzählen fort, „Ach ja, genau! Ich hatte niemanden, ich kenne meine Eltern bis heute nicht. Mein Meister hat mich liebevoll aufgenommen und mir seit ich klein war die Kunst des Schwertschmiedens beigebracht. Als mein Meister starb, war ich total verzweifelt. Ich saß tagelang deprimiert im Laden. Gegessen habe ich kaum, ich wusste einfach nicht was ich tun sollte. Und dann, eines Tages, kam dein Vater in den Laden. Er sah sich die Schwerter an. Ich weiß noch, ich hatte damals mein erstes eigenes Schwert fertig gestellt und mein Meister wollte es zum Verkauf anbieten. Dein Vater sah alle Schwerter an, auch die meines Meisters, für er sich aber nicht interessierte. Er hatte ein Schwert ganz besonders im Auge. Es handelte sich um mein Schwert.“
Kikitori machte eine kleine Pause und nippte von seiner Tasse Tee.
„Er lobte mich für dieses tolle Stück Kunst als ich ihm erzählte, dass es mein Werk war. In diesem Moment fühlte ich mich wieder kraftvoll. Er… er hat mir so viel gezeigt und erklärt und dass ich nicht um meinen Meister trauern soll, denn er lebe immer noch weiter, in den Schwertern die er geschmieden hatte und in den Fähigkeiten die er mir beibrachte. Es erfüllte mich wieder voll Enthusiasmus! Ich fühlte mich wie neu geboren. Dein Vater hatte Recht mit dem was er sagte und deswegen hatte ich den Laden übernommen. Und du siehst ja was daraus geworden ist.“
„Du hast gesagt, mein Vater brachte dir das Kämpfen bei…“, fügte Ryoma zwischendurch noch mit ein.
Irgendwie fühlte sich Ryoma von seinem eigenen Vater betrogen. Wieso nur trainierte er einen fremden Jungen, anstelle sich um seinen eigenen Sohn zu kümmern? Vor allem nachdem sein Vater ihm so viele Versprechen gemacht hatte.

„Ja, das stimmt. Er erzählte mir, dass er hier ein paar Nachforschungen machen musste und deswegen ein wenig länger in der Stadt blieb. Während dieser Zeit brachte er mir eben das Kämpfen mit dem Schwert bei. Er meinte ich solle mich selbst verteidigen können. Er erwähnte noch irgendetwas von irgendwelchen Männern… naja, da hängt wohl mein Erinnerungsvermögen.“
Kikitori kratze sich am Hinterkopf und nahm noch einen Schluck vom Tee.
Ryoma saß dort auf dem Sofa und starrte in seinen Tee. Dann schwenkte er den Tee ein wenig hin und her. Er nippte etwas von dem Tee und blickte wieder auf das Photo seines Vaters.
„Was ist mit dem Schwert passiert, dass meinem Vater so gefiel?“, fragte Ryoma aus Neugier.
„Er hat es sich gekauft. Dein Vater ließ sich noch Initialen in den Knauf von mir gravieren. ‚RS‘ Aber ich weiß nicht was das bedeuten sollte. Hat er mir gegenüber auch nie erwähnt.“
„RS…“, murmelte Ryoma vor sich hin.
„HEY!“, schrie Kikitori auf, „Das bedeutet doch bestimmt ‚Ryoma Sakamoto‘! Er hat an dich gedacht! Und er trägt dich symbolisch mit dir herum. Ist das nicht toll?“
Ryoma nickte nur. Wirklich darüber freuen konnte er sich gerade nicht.

Es herrschte Ruhe. Nur nicht in Ryoma. Er war so durcheinander. Bisher dachte er sich, sein Vater war ein draufgängerischer, cooler und vorbildhafter – auch nur für Ryoma selbst ein Vorbild – Reisender gewesen, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Er dachte, sein Vater würde nur ihm etwas beibringen wollen. Anscheinend war er für seinen Vater nicht einmal etwas besonderes gewesen.
Seine Vorstellungen über seinen Vater brachen mit einem Schlag zusammen. Ryoma war nun mehr als enttäuscht und geschockt. Erst recht deswegen, wie sein Vater sich auf dem Photo gab. Selbstbewusst, ohne Sorgen stand er da, in einer schwarzen Kutte, die Ryoma sehr bekannt vor kam.
Plötzlich stand er auf, bedankte sich für den Tee und verschwand so schnell es ging. Er lief durch die Straßen der Stadt, das Stadttor suchend. Nachdenkend drängelte er sich durch die große Menschenmasse. Als er das Stadttor gefunden hatte, verließ er Yofu-Shiti mit einem ungemütlichen Gefühl in der Magengegend.


Kapitel 38 – Der Monat im Med-Dorf ~ Jumon & Sayoko ~

Jumon verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf, als er mit Sayoko eine kleine Straße hinab lief.
„Oto will also ihre Ausbildung beginnen…“, murmelte er vor sich hin, „und in einem Monat entscheidet sie sich…“

Alle versammelten sich im großen Raum im Krankenhaus. Shiana wartete vor der Tür, ihr ging es nicht so gut und brauchte etwas frische Luft.
„Einen Monat..! Dann treffen wir uns wieder und besprechen wie die Reise weitergeht“, sagte Ginta und verschwand. Er ging mit Shiana irgendwohin.
Sayoko und Jumon wollten gerade auch gehen, aber Oto hielt sie noch zurück.
„Leute hört mal zu, ich konnte Ginta das nicht sagen, aber ich bezweifle, dass ich in einem Monat mit euch reisen werde…“
Sofort machte sich eine bedrückte Stimmung zwischen den anderen breit.
„Ama wird bei mir bleiben, er hat eventuell Hinweise auf seine Familie gefunden.“
Sie blickte ihn an und ihre Augen glitzerten.
Niemand traute sich etwas zu sagen. Ryoma sah zu Boden, ballte seine Hand unauffällig zu einer Faust zusammen und ging ohne ein Kommentar dazu abzulassen.
„Was ist denn mit dem los“, wunderte sich Sayoko.
„Mensch Ryoma, warte doch!“, rief ihm Oto noch hinterher, aber er war zu schnell verschwunden.
„Ob er traurig ist?“, fragte Jumon.
„Wohl eher beleidigt“, antwortete Sayoko und zog dabei eine Augenbraue nach oben.
„Komischer Kerl“, fügte Ama noch hinzu, wandte sich dann aber wieder Oto zu.
„Mhhh…“, begann Oto wieder, „Wir sehen uns dann in einem Monat wieder, dann bekommt ihr meine endgültige Antwort.“
Sie nahm einmal Sayoko und Jumon in den Arm, drückte sie und verabschiedete sich von ihnen. Dann verließ sie das Krankenhaus zusammen mit Ama.

„Ich finde es schade, wenn sie unsere Gruppe verlässt“, seufzte Jumon betroffen, „Ich mag Oto, sie ist wie eine große Schwester zu mir, immer lieb und nett, hoffentlich nicht weil ich der Jüngste der Gruppe bin.“
„Doch bestimmt!“, neckte ihn Sayoko und lachte.
Dann gab sie ihrer Stimme einen ernsteren Klang: „Obwohl ich anfangs nur mein Geld wollte, und ‚böse‘ zu ihr war, hatte sie immer eine gewisse Sympathie für mich… Sie ist echt ein merkwürdiges Mädchen.“
„Japp…“, antwortete Jumon hielt kurz inne und sprach weiter, „Gehen wir zur Bücherei?“
Sayoko nickte und folgte Jumon, der den Weg zur Bücherei schon kannte.
Die Beiden sprachen nicht weiter über das Thema. Sie versuchten auch nicht weiter darüber nachzudenken. Es war klar dass sie nicht wollten, dass Oto nicht weiter mit ihnen auf Reise gehen würde und es war klar, dass sie Trauer empfanden. Jedoch hatten sie auch großes Verständnis dafür, dass Oto ihren Traum verwirklichen wollte. Sie hoffent das beste für ihre Freundin.

Nach einiger Zeit kamen sie endlich an. Die städtische Bücherei war eher eine riesige Bibliothek. Die Mauern des Gebäudes sahen alt aus, die Treppen hinauf zum Eingang waren dreckig und die Säulen, die die Fassade Dekorierten, ließen dem ganzen einen antiken Schimmer verpassen.
So stiegen Sayoko und Jumon hinauf, öffneten die große, reich verzierte Holztür und betraten die Bibliothek.
Von Innen sah sie noch antiker und gewaltiger aus als von Außen. Große Regale, mit rollenden Leitern, standen parallel angeordnet im Raum. Der Raum war wirklich sehr hoch und es gab bestimmt auch einen zweiten und dritten Stock. An zwei Ecken führten symmetrisch Treppen nach oben.
Jumons Augen weiteten sich.
„Schau dir das mal an! So viele Bücher und Schriften! Das ist gigantisch! Was man hier wohl alles Lesen kann? Sicher sind hier Schriften über die ganze Welt!“, stieß es total begeistert aus ihm heraus.
Sayoko lachte und beobachtete, wie Jumon nervös von einem Bein aufs andere trat.
„Das ist wohl dein Paradies“, gab sie sarkastisch von sich.
Jumon ignorierte das und ging sofort auf eines der Regale zu. Er suchte sich eine geeignete Lektüre um darin zu schmökern. Es war ein Buch über Geister.
Sayoko folgte ihm, zog einfach ein Buch aus dem Regal und las darin, ohne großes Interesse zu zeigen, um was es ging.
„Schau mal Sayoko! Die Sammlung der Bücher ist ja klasse! Hier gibt es sogar die Enzyklopädie von Miraa Liade. ‚Chroniken der Nebenwelt‘ eine Reihe mit 24 Büchern in denen das Thema Nebenwelt und Geister echt gut thematisiert und untersucht wird.“
„Interessant…“, murmelte Sayoko, klappte ihr Buch zu, stellte es zurück ins Regal. Dann setzte sie sich mit Jumon an einen Tisch, auf den Jumon alle 24 Bänden der Chroniken der Nebenwelt stapelte.
Sag mal Jumon, willst du mir nicht mehr über die Geister beibringen? Ich habe zwar auch mit den Nebenwelten zu tun, aber bei mir läuft das ganze eher unbewusst ab und ich bekomme nicht mit, wie das ganze abläuft. Es ist, als würde mich eine unsichtbare Macht leiten.“
„Mh, fangen wir am besten von vorne an“, begann Jumon, der sich richtig professionell anhörte, „Geister gibt es, das ist ein Fakt, ich kann sie ja sehen und du sie spüren, nicht wahr?“
Sayoko nickte.
„Sie sind Wesen wie die Menschen, doch sie werden nicht geboren wie diese und sie altern auch nicht. Beziehungsweise altern sie sehr sehr langsam. Sie sind auch nicht materialisiert, nicht in dieser Dimension. Sie leben in einer eigenen Dimension, aber doch unter uns. Es gibt Menschen, die besondere Kräfte haben. Sie können entweder die Geister wahrnehmen, haben also ein verschärftes Wahrnehmungsvermögen, einen 6. Sinn sozusagen. Andere nehmen die Geister nicht primär war, sondern haben so viel Energie in sich, dass sich die Geister für gewisse Zeiten materialisieren können. So können auch andere Menschen sie sehen. Es gibt auch Menschen, die eben diese besonderen Fähigkeiten gar nicht in sich haben und es gibt Menschen die solche Fähigkeiten entwickeln können. Geister haben unterschiedliche Charaktere und Fähigkeiten aber sie alle sind in einer Beziehung gleich: Sie haben eine Seele. Genau wie wir Menschen, wir haben auch eine Seele.“
„Wir haben auch eine Seele, das ist klar und was passiert mit der Seele nach dem Tod? Können Geister auch sterben?“, Sayoko dachte an eine ganz bestimmte Person, als sie so neugierig fragte.
„Das ist eine gute Frage, habe viele Bücher über das Nachleben gelesen. Liade ging im ersten Band – ich besaß nur eines dieser tollen Enzyklopädie – davon aus, dass die Seele bei jedem Wesen erhalten bleibt. Bei Menschen wäre das einfach nur ein körperlicher Tod, doch der Geist, die Seele lebe woanders weiter. Er stellte die Theorie auf, dass es verschiedene Wege für die Seele gäbe, nachdem sie den Körper verlässt. Die erste Theorie ist, dass die Seele sich einen anderen Körper sucht, die eines Neugeborenen Kindes. Das hat er mit der Vererbung von Charakterzügen und Ähnlichkeiten zwischen Kindern und deren Vorfahren, Ahnen und Großeltern sowie auch Eltern bewiesen. Klar waren es keine 100 prozentigen Beweise, dennoch war seine Vermutung sehr realistisch. Eine andere Theorie ist, dass sich die Seelen von sehr starken Persönlichkeiten, also die geistig sehr stark waren, sich ihren eigenen Körper bilden und so zu Geistern werden. Die letzte Theorie ist, dass sich die Seele in Energie umwandelt. Diese nannte Liade Aros, wobei er Energie immer als Aros definierte. Er erkannte auch, dass die Energie die zur Geburt gebraucht wurde, wieder beim Sterben freigesetzt wird. Ich denke er meinte, dass das eben diese Loslösung der Seele vom Körper ist.“
„Aber sag mal, Jumon, du hattest doch viel mit Geistern zu tun, warum hast du nicht von ihnen erfahren wie es wirklich ist? Ich meine, die müssten das doch am besten wissen!“
„Klar, das klingt logisch. Natürlich habe ich mich darüber interessiert und nachgefragt. Aber es gibt da einen wichtigen Punkt, denn die Seele behält zwar die Informationen, auch Erinnerungen genannt, in sich, aber es entsteht eine neue Schicht, auf der die neuen Informationen geschrieben werden können. Eine Art neue Ebene, der über den anderen liegt und beschrieben werden kann.“
„Ich verstehe, das Unterbewusstsein? Ich habe schon oft Leuten ihr altes Ich aufgezeigt.“
„Genau das ist damit gemeint. Man kann sich bewusst nicht daran erinnern, aber das Unbewusste kann wieder Bewusst gemacht werden. Dies ist aber ein schwerer Prozess.“
„Es fordert viel Konzentration aus dem Unterbewusstsein eines Menschen zu lesen…“, meinte Sayoko und blätterte nebenher etwas in dem Buch herum.
„Das kann gut sein, ich habe das noch nie versucht. Auf jeden Fall verstehst du, wieso ich die Geister nicht danach fragen konnte, denn sie konnten dies aus ihrer Seele nicht lesen. Deswegen haben sich Wahrsager, als Oberbegriff benutze ich das jetzt, etabliert, die nicht unbedingt die Macht hatten, Geister zu materialisieren, auch nicht sie unbedingt wahrzunehmen, sondern aus der Seele zu Lesen.“
„Ist wirklich sehr interessant das Thema, was weißt du noch?“
„Liade stellte noch eine Theorie über die Seelen auf. Nicht nur lebende Wesen haben eine Seele, sondern auch leblose Dinge können eine Seele erlangen, oder einen Zustand in der sie von der Energie einer Seele erfüllt sind. Da gibt es wiederum auch einige Dinge, die Liade herausgefunden hat.“
„Warte mal“, unterbrach ihn Sayoko, „Was weißt du eigentlich über diesen Miraa Liade?“
„Sehr wenig. Er hat vor vielen vielen Jahren gelebt und studiert. Er hatte wohl so ähnliche Fähigkeiten wie ich, war aber ein großer Meister. Beruflich war er Forscher und Mitglied der Kinno-Bujin, was das aber war, weiß ich nicht.“
‚Kinno-Bujin‘, überlegte sich Sayoko, ‚Das habe ich doch schon einmal gehört!‘
Ihr fiel ein, wer diese Kinno-Bujin waren. Sie erinnerte sich daran, wie sie damals mit Ginta zusammen eine Art Zeitreise gemacht hat und diese getroffen hat. Merkwürdige Zufälle, stellte sie fest.
Sie wachte wieder aus ihren Gedanken aus und sagte: „Danke… Gut dann erkläre mir das weiter mit den Seelen.“
„Also gut. Liade fand heraus, dass wenn eine Person, viel Zeit und viele Emotionen in einen Gegenstand investierte, dieser Gegenstand einen Zustand erreichte, in dem dieser voll der seelischen Energie des Besitzers war. Das kann man noch besser an einem einfachen Beispiel erläutern. Hast du einen Lieblingsgegenstand?“
„Ja“, antwortete Sayoko und schlug ihre Ärmel zurück und zum Vorschein kamen einige Armkettchen.
„Dieses hier“, sie zog mit Zeigefinger und Daumen an einem dünnen, roten Stoffbändchen, „Diesen Gegenstand würde ich für nichts auf der Welt eintauschen und ich will ihn nie verlieren.“
„Er ist dir also ziemlich wichtig?“, hakte Jumon zur Sicherheit noch einmal nach.
„Ja, das ist es.“
„Es hat für dich einen hohen emotionalen Wert. Du trägst ihn auch schon lange bei dir?“
„Ja, da hast du recht“, antwortete Sayoko.
„Dadurch, dass du etwas mit ihm verbindest, etwas mit ihm erlebt hast und mit ihm deine Zeit verbracht hast, übertrugst du deine seelische Energie auf diesen Gegenstand. Wenn die Kraft stark genug ist, kann es sogar sein, dass sich deine Seele nach dem Tod ganz auf diesen Gegenstand überträgt. Das ist ein Phänomen das nicht allzu selten auftaucht.“
„Ich verstehe… Kann es sein, dass Gintas Talisman auch eine Seele beinhalten kann?“
„Du hast es also auch gespürt, Sayoko?“
Sie nickte.

In diesem Moment ertönte der Schrei einer alten Frau.
Jumon und Sayoko sprangen sofort auf und rannten zum Eingang, wo eine alte Dame auf dem Boden kniete und etwas in der Hand hielt.
„Haltet sie auf, haltet sie auf! Sie haben meinen Enkel!!“, flehte sie unter Tränen, „Das ist seine Halskette, er wurde von irgendwelchen Leuten mitgenommen!“
Geschockt sahen sie das Großmütterchen an, doch lange Zeit blieb ihnen nicht um groß über die Situation nachzudenken. Jumon schnappte sich die Halskette, steckte sie in seine Jackentasche und rannte die Treppen hinunter. Sayoko folgte ihm auf der Spur.
„Wo sind sie entlang?“, fragte sich Jumon und sah sich um.
An einer Straße stand eine Gruppe von Frauen mit Körben. Dort fragten sie nach, ob sie irgendetwas gesehen hätten.
Eine der Frauen antwortete sofort: „Ja, da fuhren gerade ein paar Rowdys die Straße entlang, einer hatte einen kleinen Jungen mit auf dem Motorrad. Sie machten viel Krach und ich denke sie sind zu den Lagerhallen gefahren.“
„Zu den Lagerhallen?“, versicherte sich Sayoko noch einmal.
„Ja, diese Straße führt zu den Lagerhallen am Rande der Stadt. Es gibt keine Abzweigungen oder Nebengassen. Wenn ihr sie verfolgt könnt ihr sie also nicht verfehlen!“
„Vielen Dank!“, bedankte sich Jumon und sprintete los.
Was da wohl los war? Einfach einen kleinen Jungen zu entführen?
Es zwar leicht der Spur zu folgen, aber auf der Straße waren plötzlich so viele Menschen, dass es für die Beiden sehr schwer war durchzukommen. Trotzdem schafften sie es, zu den Lagerhallen zu kommen.
Sie verschnauften kurz und überlegten sich einen Plan.
„Wie wollen wir den Jungen retten?“, fing Sayoko an.
„Es muss sich um 4-6 Personen auf Motorrädern handeln und den Jungen. Wir wissen nicht wer sie sind was sie wollen und in welcher Situation sich der Junge befindet. Wir sollten also sie aufsuchen und dann situationsbedingt handeln. Auf geht’s!“
So durchstöberten die beiden eine Halle nach der anderen, bis sie schließlich durch einen Hintereingang zu einer kaum beleuchteten Lagerhalle kamen. Sie lagen oben, neben Kisten auf einem Steg. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes saßen diese Rowdys neben ihren Motorrädern und wärmten sich an einer Tonne, in der Feuer brannte. Sie tranken und lachten. Nicht weit entfernt von diesem Kreis saß ein Junge, gefesselt auf einem Stuhl. Sein Mund war mit einem Klebestreifen zugeklebt.
Jumon flüsterte: „Also ich denke nicht, dass diese Leute für uns eine Gefahr darstellen. Ich habe schon einen Plan…“
„Und der lautet?“, flüsterte Sayoko zurück.
„Es wird dir nicht gefallen…“
Jumon tuschelte etwas in Sayokos Ohr, worauf sie schockiert ihre Augen auf riss.
„Wenn es sein muss“, seufzte sie und stand auf.
Sie stieg die Treppen hinunter während Jumon einen ganz anderen Weg nahm.

„Hallöööööööööchen ihr hübschen Kerle, ihr“, begrüßte Sayoko die Gruppe mit einer sehr übertriebenen weiblichen Stimme.
„Oh, was sucht denn so ’ne heiße Schnecke hier in so einer heruntergekommenen Halle wie dieser?“, grüßte sie einer aus der Gruppe mit Sonnenbrille, grauem Bart und einem Kopftuch.
„Ich habe von euch gehört und es zog mich förmlich an, in eurer Nähe zu sein. Ich stehe auf so böse Jungs wie ihr es seid…“
„Haha! Endlich mal eine Braut die unsere Arbeit schätzt, habt ihr gehört, Jungs!?“, lachte einer lauthals und nahm noch ein paar Schlücke von seinem Bier.
Der graubärtige muskulöse Kerl stand auf und ging auf Sayoko zu.
In der Zwischenzeit befand sich Jumon schon beim Jungen und löste ihn von seinen Fesseln.
„Psst…“, zischte Jumon und zog ihm vorsichtig das Klebeband vom Mund, worauf der Junge rot anlief.
Er hatte mittellanges braunes Haar und müsste wohl ungefähr so alt wie Jumon sein. Er wirkte kindlich und war von zarter Gestalt.
Als der Junge befreit war, rieb er sich seine Handgelenke und umarmte dann Jumon.
„Danke danke danke!!“, flüsterte er in Jumons Ohr.
„Haben wir doch gerne gemacht“, entgegnete Jumon und zog sein Halsband aus der Hosentasche, „Hier das ist deines… Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss noch diese Rowdys auf mischen! Warte du hier.“
Jumon grinste und ging dann zum Ort des Geschehens.
„Hey lass mich in Ruhe!“, wehrte sich Sayoko, als sie der besoffene Kopftuchträger begrabschen wollte.
„Keine Sorge Sayoko, wir können jetzt loslegen… halte dich nicht zurück“, sagte Jumon, während er zu Sayoko rannte.
„Na gut!“, freute sich Sayoko, die ihre Ärmel zurück schlug und in ihre Hände klatschte.
Jumon zwinkerte ihr zu und sie konnte ahnen was er vorhatte.
Sayoko wich einige Schritte zurück und konzentrierte sich. Um ihr herum bildete sich dunkler Nebel.
„Ey ihr Zwei, was habt ihr vor?“, beschwerte sich der Graubärtige.
„Das wirst du schon sehen!“, lachte Jumon, dessen Stimme sich allmählich zu verändern schien. Es hörte sich plötzlich künstlich an und im Raum wurde es kälter.
Der dunkle Nebel wurde immer mehr und verbreitete sich im Raum.
Im nächsten Moment stieg ein Galgen aus dem Boden an dem etwas hing.
Die Rowdys aus der Gruppe sahen gespannt dem Geschehen zu und ihre Augen weiteten sich.
An diesem Galgen hingen ihre Körper, verfault und verdorben, voller Blut und Maden. Die Köpfe der Erhängten vergrößerten sich und die Haut fiel ab. Jetzt tanzten diese Schädel im Kreis umher und sangen in einer extrem tiefen Stimme unverständliches Zeug.
Aus den Augenhöhlen der Schädel krabbelten jetzt Spinnen mit 12 Augen und 12 Beinen und riesigen Klauen.
Die ganze Aufführung erschreckte die Rowdys so, dass sie kreischend auf ihre Motorräder sprangen und flohen.
Sayoko und Jumon krümmten sich vor Lachen auf dem Boden.
„Was waren das für Angsthasen!?“, lachte Sayoko.
„Sie hätten ihre Gesichtsausdrücke sehen sollen!“, fügte Jumon hinzu.
Nach ihrem kleinen Lachflash beruhigten sie sich wieder.
„Ehm…“, meldete sich der Junge zu Wort.
„Oh, gut dass du nicht abgehauen bist…“, grinste Jumon, worauf der Junge wieder rot wurde.
„Ich möchte mich bei euch bedanken…“, zögerte der schüchterne Junge.
„Ich heiße Sayoko“, stellte sie sich vor.
„Und ich Jumon, wie heißt du?“
„Ich bin Moho. Das was ihr gerade gemacht habt…“
„Zauberei… einfache Zauberei“, grinste Sayoko.
Jumon musste auch grinsen als er den verwirrten Blick Mohos sah, der dann wieder errötete.

„Eine Frage hätte ich noch…“, fing er an, „Wie seid ihr an diese Halskette gekommen?“
„Deine Großmutter hat sie uns gegeben, als wir in der Bibliothek waren.“
„Meine Großmutter?“, der Gesichtsausdruck des Jungen versteifte sich.
„Was ist los?“, wunderte sich Sayoko und zog beide Augenbrauen nach oben.
„Meine Großmutter… sie….“
„Jetzt rück schon mit der Sprache raus!“
„Sie… ist seit 3 Jahren Tod…“, erklärte Moho.
„Mhhh“, grübelte Jumon, „Also haben wir einen Geist getroffen. Eigenartig dass ich das nicht realisiert habe…“
„Die Kette, in ihr war die Seele seiner Großmutter“, erkannte Sayoko, die sich zu Jumon wandte. „Wie du mir vorhin erklärt hattest…“
„Das kann gut sein…“, flüsterte Jumon seiner Begleiterin zu, „Es tut mir Leid Moho, wir haben diese Kette gefunden und… anscheinend gehört sie dir.“
„Vielen vielen dank!!!“, Moho wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und verbeugte sich mehrmals.
„Nun denn, unser Job ist getan, suchen wir uns ein Hotel in dem wir übernachten können…“, schlug Sayoko vor und ging schon einmal voraus.
„Ihr könnt als Dank, dafür dass ihr mich gerettet habt bei mir übernachten! Ich habe bei mir zu Hause genug Zimmer. Ihr dürft bei mir schlafen. Ich wohne ganz in der Nähe der Bibliothek, denn meine Eltern sind die Leiter der Bibliothek. Ihr dürft dann auch als Dank alles Lesen was ihr wollt!“
In Jumons Augen gingen Sterne auf.
„Auf geht’s Sayoko!“, er packte sie am Ärmel und zog sie einfach mit sich.
Was für ein Glück das für Jumon war. Der Gedanke daran, dass er alles Lesen konnte was er wollte und das auch noch den ganzen Tag und die Nacht lang, machte ihn froh.

So kam es, dass Sayoko und Jumon den Monat über bei Moho übernachteten. Jumon ging jeden Tag mit seinem neuen Freund in die Bibliothek und verschlang die Bücher als stünde er vor einem Buffet und hätte eine Ewigkeit lang nichts mehr gegessen. Sayoko nahm die Stadt näher unter die Lupe, sah sich ein paar Läden an und traf ab und zu, als sie auf dem Markt war, auf Shiana, die ihr von Gintas Training erzählte.
Für Moho war es auch eine ganz besondere Zeit, denn er war mit einem Menschen zusammen, den er nun mehr als gern mochte.


Kapitel 39 – Der Monat im Med-Dorf ~ Das Gemeinsam… ~

Die Zeit war gekommen als der Monat, den die Freunde im Med-Dorf verbrachten, sich langsam dem Ende zuneigte.
Oto, die ihre Ausbildung angefangen hatte, konnte in diesen Wochen schon einiges lernen. Dabei strengte sie sich sehr an, wodurch sie schon einige Erfolge erzielt hatte. Von ihrem Professor und aus den Büchern, die sie las, erlernte sie viele neue Einzelheiten über Krankheiten, Operationsarten und anderen Anwendungsmöglichkeiten und konnte diese dann auch noch ausprobieren.
Ama nahm sich eine Auszeit von der Suche nach seinen Eltern und unterstützte Oto so gut er konnte. Erst, wenn sicher war, wie die Situation mit Ginta und den Anderen war, wollte er sich wieder auf die Suche konzentrieren.

Bald  war der große Tag gekommen. Die auszubildende Ärztin wartete nervös an dem vereinbarten Treffpunkt auf ihre Freunde. In einem unregelmäßigen Rhythmus tappte sie mit ihrem Fuß auf den Boden.
„Wie soll ich es ihnen… nein, wie soll ich es Ginta nur klar machen…?“, seufzte Oto, ihre Hand grübelnd an ihr Kinn gelegt.
„Er wird es schon verstehen“, versicherte Ama, der mit ihr wartete.
„Aber… Wir haben schon so viel miteinander durchgemacht und…“
„Es ist wohl eher so, dass du ihn vermisst, stimmt’s?“, antwortete Ama. In den letzten Tagen merkte er, wie Otos Sorgen immer schlimmer wurden. Einerseits wollte sie unbedingt ihre Ausbildung beginnen, andererseits wollte er Ginta, Ryoma und die anderen auf ihrer Reise aber nicht allein lassen. Ama versuchte ihr immer wieder klar zu machen, dass sie es auch ohne Otos Hilfe locker schaffen würden. Sie akzeptierte das irgendwie, aber konnte ihre Nervosität dennoch nicht ablegen.

Klar würde Oto ihre Freunde vermissen. Es war aber nicht nur das „Gemeinsam“, das Oto vermisste, es war etwas, das tief in ihrer Seele saß, wie eine unbekannte Macht. Diese Macht konnte sie nicht einfach ablegen. Es steckte in ihr und es machte sie nervös.
„Von dem, was du mir erzählt hast, denke ich, dass er sich darauf vorbereitet hat. Dein Ziel war es doch von Anfang an hier zu studieren.“
„Mhhh…“, murmelte sie, „Ja, ich weiß, aber dennoch…“
Er umarmte Oto und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Sie vergrub sich in seinen Armen, nickte und genoss es, in seiner Nähe zu sein. Für einen Moment konnte sie sich einfach mal nur gehen lassen. Dann aber räusperte sich jemand laut und Oto schreckte hoch.
„Ah, Sayoko, Jumon, ihr seid aber pünktlich!“, begrüßte sie die beiden.
„Wer nur in der Bibliothek sitzt, liest und nichts besseres zu tun hat, der kann auch pünktlich kommen“, meinte Sayoko, in einem sarkastischen Ton und ließ dann einen Seufzer los.
Jumon beugte sich zu Oto und flüsterte: „Sie war so aufgeregt, wollte dich unbedingt noch sehen… Sayoko kann dich echt gut leiden.“
„Was flüstert ihr da!?“, beschwerte sich die lautstarke Sayoko und gab Jumon eine Kopfnuss.
„Das hätte aber nicht sein müssen!“, murmelte Jumon und rieb sich seine Beule.
Oto fing das Kichern an und fing dann an zu Lachen. Es tat ihr gut, ihre Freunde noch einmal zu sehen.

„Was ist denn hier los?“, begrüßte Ginta seine Freunde mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
„Entschuldigt, dass wir so spät sind“, entschuldigte sich Shiana und begrüßte auch mit einem Lächeln die anderen.
Die Atmosphäre änderte sich auf einmal. Nun standen sie zusammen da, blickten sich an und sagten für einen Moment nichts. Es war angenehm die Anderen mal wieder zu spüren und es fühlte sich verändert an. Der Monat, den die Freunde hinter sich brachten und sich in der Zeit kaum sahen, änderte etwas in jedem von ihnen. Das stärkste Gefühl ging von Ginta aus. Jumon, Sayoko, Oto und auch Ama erkannten, dass Ginta sich innerhalb dieser kurzen Zeitspanne es schaffte, sich rasend schnell zu verändern. Aber es war keine schreckliche, gar negative Veränderung. Nein, es fühlte sich an, als würde Ginta seine Stärke mit den Anderen teilen und sie so auch bekräftigen. Es fühlte sich einfach nur gut an.

„War das ein anstrengender Monat, das kann ich euch sagen“, grinste Ginta und verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf, „Und was habt ihr so erlebt??“
Neugierig schaute er in die Runde.
„Sayoko und ich haben einen Jungen vor einer Gang befreit…“, erzählte Jumon stolz.
„Sonst saßen wir nur in der Bibliothek und haben Bücher gelesen“, gähnte Sayoko gespielt.
„Und ihr?“ Ginta wandte seinen Blick zu Oto und Ama.
„Ama und ich wir…“, fing sie an und erzählte allen dann, was sie diesen Monat schon alles gelernt hatte. Immer, wenn Oto von den kleinen Operationen, die sie zur Übung machen musste, erzählte, verzogen alle vor Ekel ihr Gesicht.
An anderen Stellen lachten sie, weil Ama einmal was lustiges passiert war und dann hörten sie wieder gespannt zu.

Die Freunde erzählten sich weiterhin Geschichten und warteten in der Zwischenzeit immer noch auf Ryoma, der einfach nicht zum Treffpunkt kam. Nach zwei Stunden machten sich die Freunde wirkliche Sorgen.
„Er braucht doch sonst nie so lange…“, grübelte Ginta.
Ryoma war eigentlich ein recht hitzköpfiger und enthusiastischer Kerl gewesen, der eher schneller etwas erledigt haben wollte. Warum er jetzt aber mit so einer Verspätung immer noch nicht da war, wunderte Ginta ziemlich.
„Wäre wohl besser wir teilen uns auf und suchen ihn, oder?“, schlug Jumon vor. „Vielleicht ist er in der Stadt, kann ja gut sein, dass er den Zeitpunkt oder den Treffpunkt verwechselt hat.“
„Japp, das wäre eine Idee, ich möchte meine Entscheidung nicht ohne ihn verkünden…“, meinte Oto.
„Außerdem wollen wir ja auch bald weiterreisen“, beschwerte sich Sayoko, „Ich hab keine Lust auf eine Nachtwanderung.“
„Ich habe einen Plan“, meinte Jumon an und erklärte, „Wir teilen uns auf. Jeder für sich, so suchen wir am effizientesten. Ich bitte einige Geister uns zu begleiten, sobald einer Ryoma gefunden hat, bekommt das dann jeder mit. Einverstanden?“
„Einverstanden“, sagten alle im Chor.
Jumon fokussierte seine Energie und konzentrierte sich.
„Es kann los gehen…“, sagte er und die Gruppe teilte sich auf um in der ganzen Stadt nach Ryoma zu suchen.
Sie teilten die Stadt in 6 gleichgroße Bereiche ein und jeder suchte seinen Bereich ab.

Ama war als erster fertig und kam zum Treffpunkt wieder zurück. Nach einiger Zeit trafen auch Sayoko und Oto wieder ein und danach Shiana. Alle ohne Erfolg.
Jumon suchte als Zweitlängster und fand Ryoma leider auch nicht. Es gab von ihm bisher keine Spur.
Jetzt lag all die Hoffnung auf Ginta, der immer noch versuchte, den verschwundenen Ryoma wiederzufinden.

Er ging eine Straße entlang und überlegte sich, wo Ryoma am leichtesten zu finden wäre. In Restaurants und Hotels hatte er schon nachgefragt und geschaut, doch dort war er nicht zu finden. Dann fragte er  einige Passanten, doch niemand schien zu wissen, wo sich der Schwertkämpfer befand.
Nach weiteren Fundorten grübelnd, stieß er mit seinem Fuß einen Stein, der gegen Metallplatten kullerte, die gegen eine Hauswand gelehnt waren.
Das metallische Geräusch, das durch den Stoß entstand, weckte Gintas Aufmerksamkeit.
„Was ist denn das?“, er ging näher zur Tür und entdeckte ein Ladenschild.
„Schwerter & Schwerter…“, las er vor.
Ein Schwertladen? Vielleicht konnte er dort etwas über Ryomas Aufenthaltsort in Erfahrung bringen.
„Guten Tag“, begrüßte Ginta den Verkäufer hinter dem Tresen, als er den Laden betrat.
„Guten Tag, suchen sie Schwerter? Kein Wunder, sie sind ja auch im Schwerter & Schwerter, wir führen Schwerter aller Art. Haben sie Interesse?“
„Ehhm…“, Ginta kratzte sich am Hinterkopf, „Da muss ich sie leider enttäuschen, ich will kein Schwert kaufen… ich suche eine Person.“
„Eine Person… Welche denn?“, fragte der Verkäufer.
„Ein schwarz-haariger Schwertkämpfer, etwa so groß“, erklärte Ginta und zeigte mit seiner Hand die ungefähre Größe Ryomas, „Er heißt Ryoma Sakamoto, haben sie ihn zufällig gesehen?“
„Ryoma Sakamoto! Du bist wohl ein Freund, oder?“
Ginta nickte.
„Ja, ich habe ihn gesehen, vor einem Monat ungefähr, auf den Tag genau. Er kam zu mir in den Laden und sprach mit mir über seinen Vater, danach habe ich ihn leider nicht mehr gesehen.“
„Seit einem Monat…“, nuschelte Ginta und blieb eine Weile stehen. Er dachte nach. Dann schrieb er einen Zettel
„Vielen Dank für ihre Hilfe! Ich verschwinde jetzt wieder, tschüss!“, platzte es aus ihm plötzlich heraus.
Ginta legte einen Zettel auf den Tresen, stürmte aus dem Laden und rannte wieder zum Treffpunkt. In der Zwischenzeit bat er den Geist, der ihn begleitete – und nicht sichtbar war, wegen den vielen Passanten in der Stadt – den anderen Bescheid zu geben.
Als er den Treffpunkt erreichte, starrten alle bedrückt zu Boden.
„Da bin ich wieder… Anscheinend hat Ryoma die Stadt verlassen, schon vor einem Monat…“
„Wieso sollte er das tun?“, wunderte sich Jumon.
„Ich habe da eine Vermutung, aber sicher bin ich nicht“, meinte Ginta.
„Dann schieß los“, forderte Sayoko ihn auf.
„Es handelt wahrscheinlich um seinen Vater, vielleicht hat er vor, ihn wieder zu finden…“
„Was heißt das?“, hakte Oto nach, die sich noch nicht im klaren darüber war, wieso Ryoma einfach so abgehauen sein sollte.
„Naja, Ryoma ist ja eigentlich nur auf Reisen, weil sein Vater das auch tat. Er hatte seinen Vater schon lange nicht mehr gesehen und ich denke, er ist da auf eine Spur gestoßen, ihn wiederzufinden.“
„Stimmt, das hat Ryoma mal erwähnt, dass sein Vater Abenteurer war. Heißt das jetzt, dass wir nun ohne ihn weiterreisen?“, fragte Jumon.
„Das wäre wohl angebracht“, seufzte Sayoko, „Ich habe keine Lust, hier noch weitere Monate herumzusitzen, um auf ihn zu warten.“
„Ja, dafür bin ich auch“, sagte Ginta, „Ich habe dem Ladenbesitzer, der Ryoma das letzte Mal gesehen hat, eine Nachricht hinterlassen, damit Ryoma uns wiederfindet, falls er wiederkommt.“
Als Ginta das sagte, hörten seine Freunde heraus, wie bedrückt er war. Anscheinend war es schwer, sich für diesen Schritt zu entscheiden. Aber Ginta musste auch an seine Freunde denken. Er wusste, was Ryoma drauf hatte und hoffte, dass er auch eine Zeit lang allein klar kommen würde. Nutzloses Warten würde weder Ryoma noch Ginta weiterbringen.

„Gut dann, sollten wir wohl losgehen“, schlug Ginta vor, der mit diesen Worten eher versuchte, sich selbst zu motivieren.
„Halt Ginta…“, stoppte ihn Oto, „Ich… ich muss dir etwas sagen. Sayoko und Jumon wissen schon Bescheid und Shiana hatte ich es erklärt, bevor du zurückgekommen bist.“
Oto hatte gemerkt, dass es einfacher war, jedem einzeln ihre Entscheidung zu erklären, als es zu machen, wenn alle auf einem Haufen waren. Jumon und Sayoko hatten vor einigen Wochen ja schon die Vermutung gehabt, was Oto tun würde. Shiana akzeptierte die Tatsache, weil sie wusste, dass Oto mit der Entscheidung besser leben könnte. Was Ginta wohl davon halten würde?
„Was ist… Oto?“, sagte er und blieb stehen.
In diesem Moment fiel ihm auf, dass Oto und Ama weder ihre Tasche noch anderes Reisegepäck dabei hatte. Er schluckte.
Oto konnte zunächst nichts sagen, überwand sich dann aber doch.
Mit einer weinerlichen Stimme sagte sie: „Ginta ich… Mein Ziel war es von Anfang an in dieser Stadt meine Ausbildung anzufangen… Und in diesem Monat habe ich damit begonnen, doch… eben noch nicht beendet.“
Otos Herz raste. Sie war sich nicht sicher, wie Ginta darauf reagieren würde. Liebend gern würde sie ihre Sachen wieder packen und mit Ginta weiterhin durch die Welt ziehen und ihn unterstützen. Aber das würde auch bedeuten, dass sie ihren Traum verschieben, wenn nicht sogar aufgeben müsste, falls irgendetwas schlimmes passieren würde. Sie hoffte so sehr, dass Ginta stark genug war, auf sich selbst aufzupassen. Außerdem hatte er doch noch Shiana, Sayoko und Jumon, die ebenfalls sehr stark waren.
„Ich werde hier bleiben und meine Ausbildung beenden. Es… es war eine so schöne Zeit mit dir und Ryoma und den anderen… Ich bin dir für alles dankbar. Seit dem Tag an dem ihr mich befreit habt bis heute. Wir sind durch einige Abenteuer gegangen, doch ab jetzt musst du ohne mich weiterreisen… Ich…“
Oto weinte. Sie spürte, wie fiel ihr die Zeit mit Ginta bedeutete.
„Ist schon gut, Oto… Das habe ich mir schon gedacht“, log Ginta, grinste sie an, umarmte sie einmal und sprach weiter, „Ich bin auch glücklich dich getroffen zu haben, du bist ein toller Mensch… Vielen Dank für alles!… Und was ist mit dir Ama?“
Fragend sah er ihn an. Es war schwer, jetzt für Oto tschüss sagen zu müssen. Aber vielleicht würde Ama ihn begleiten.
„Ich bleibe bei Oto und suche weiter nach meinen Eltern…“
„Wohl wieder ein Abschied von dir, nun denn, mach’s gut und ich hoffe du findest deine Eltern bald…“, verabschiedete sich Ginta von Ama.
Gintas Hände zitterten. Er traute sich nicht mal mehr zu winken, als er sich umdrehte und ging. Es war einfacher für ihn, nun zu gehen und nicht mehr nach hinten zu blicken, sonst würde er das Weinen anzufangen. Die Tränen, die Oto gerade über die Wangen kullerten waren schwer genug, für ihn und sie. Ginta zitterte und konnte dann aber seine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Nun musste er nicht nur Oto und Ama Lebewohl sagen, sondern auch Ryoma, von dem er nicht wusste, ob er ihn jemals wieder sehen würde. Es war einfach zu viel für ihn.
Shiana, Sayoko und Jumon folgten ihm, nachdem auch sie sich dann von Oto und Ama verabschiedet hatten. Schnell holten sie Ginta ein und verließen die Stadt in Richtung Nordwesten mit ihm.
Shiana, Sayoko und Jumon wussten in diesen Momenten nicht, wie sie Ginta trösten sollten, also ließen sie Ginta für ein Weilchen für sich selbst.
Es war schwer zu akzeptieren, dass das Gemeinsam, das Ginta mit Oto und Ryoma spürte, zerbrach. Der Antrieb, den er durch seine zwei besten Freunde hatte, fehlte auf einmal. Die Schritte, die er nun machte, fühlten sich zunächst leer und dann aber freier an. Die Hoffnung, die Zwei wiederzusehen, war das einzige, was ihm momentan blieb.


Kapitel 40 – Im Einklang mit der Natur

Einen Tag später, als Ginta und seine Freunde Jumon, Sayoko und Shiana das Med-Dorf verlassen hatten, befanden sie sich schon auf einem wunderschönen Pfad in Richtung Nord-Westen. Ginta hatte seine Trauer mit Hilfe der Anderen so weit bearbeitet, dass er auf die schönen Momente zurückblicken konnte und sich freute, weil er sie mit Oto und Ryoma erleben durfte. Es fiel ihm zwar nicht leicht, aber er schaffte es so gut es ging und konzentrierte sich wieder auf sein Ziel, das er eigentlich seid Antritt seiner Reise vor Augen hatte: das Hauptquartier der Shal zu finden und diese Organisation niederzustrecken.

So befanden sich die Freunde auf einem Weg, der sie über eine hügelige Landschaft führte, die weder von der Großstadt noch von der Technik berührt war. Die Bäume hatten riesige Blätterkronen und die Blumen und Pflanzen sprossen zwischen den Bäumen und auf den Feldern aus der Erde. Das saftige Grün der Blätter strahlte zwischen den Bunten Blüten der Blumen so kräftig, dass man sich doch darüber freuen konnte, wie schön die Natur war.
Das wunderschönes Wetter lud die Vögel zum Zwitscherten und Singen ein und nur ab und zu zog eine einsame Wolke über den Himmel, um den schönen Klängen zu lauschen.

Es war still, denn jeder genoss die Ruhe, die sie umgab. Nur eine konnte ihre Freude eigenartigerweise nicht zurückhalten.
„Ist das nicht herrlich?“, meinte Shiana und atmete einmal tief ein und aus. Seitdem sie Ginta auf seiner Reise begleitete, waren die Freunde eigentlich nur von Stadt zu Stadt gelaufen und konnten selten die Umgebung so genießen, wie sie es gerade taten.
Jumon drehte sich zu ihr um. „Ja, du hast recht, einfach wunderschön!“
„Wir waren ja auch einen ganzen Monat lang in der Stadt, da ist es kein Wunder, dass ihr die Natur so schön findet“, warf Sayoko ein, die sich wieder mal beschweren musste. „Wir sind hier lang genug gewandert, ich will eine Pause machen…“
„Gegen ein Picknick in dieser schönen Umgebung hätte ich auch nichts einzuwenden…“, musste  Jumon zugeben.
„Wir sollten sparsam mit unserem Vorrat umgehen“, sagte Ginta, „Wer weiß wann wir wieder zum einkaufen kommen.“
„Wo er wieder recht hat…“, stimmte Sayoko zu. Es war nichts Verwerfliches, auch einmal an das Geld der Gruppe zu denken, vor allem weil das Vermögen durch den Besuch im Med-Dorf nicht sonderlich angestiegen war.
„Dort!“, meinte Shiana auf einmal und zeigt mit ihrem Finger auf eine Rauchwolke hinter einer Baumgruppe, „Da steigt Rauch auf… Vielleicht ist da was passiert.“
„Wer weiß was uns dort erwartet“, murmelte Jumon und sah durch die Bäume hindurch. „Sieht aber eher so aus, als wäre das nur ein Haus, aus dessen Schornstein normaler Rauch aufsteigt.“
„Ein Haus, ein Haus! Das erste was ich mache, ist ein Nickerchen!“, freute sich Sayoko und drängte die anderen dort hinzugehen. Vielleicht wollte sie aber auch nur Gintas Rat befolgen, etwas sparen und dort eine Pause einlegen, in der Hoffnung etwas Essen abgreifen zu können.
„Ein Haus ist auch okay“, meinte Shiana und lächelte.

„Schaden kann’s ja nicht“, meinte Ginta und führte die Gruppe an.
Als sie ihrem Ziel näher kamen, blieben sie erstmal fasziniert stehen. Die Hügel waren plötzlich fiel weiter und bildeten ein kleines Tal. Auf den meisten Hügeln waren riesige Felder. Es handelte sich dabei um Getreide-, Reis- und anscheinend auch Salatfelder. Vor den Feldern befand sich ein kleines Haus, aus dem der Rauch aufstieg.

Die Freunde wollten schnurstracks auf das Haus zugehen, als eine laute Stimme sie durch Brüllen davon abhielt.
„Was ihr denn da? Seid ihr blind!?“, brüllte ein junger Mann, der in diesem Moment auf sie zugerannt kam. Dann stellte er sich schimpfend vor die Gruppe. „Ihr könnt doch nicht die Setzlinge zertrampeln!“
Der Mann war etwa Mitte 30, hatte schwarze, stachlige Haare, die nach hinten gekämmt waren. Er trug anscheinend selbst gemachte Kleidung, so sah es zumindest aus.

„Was für Setzlinge?“, wunderte sich Ginta und sah zu Boden.
Tatsächlich hatte er einige junge Bäume kaputt getrampelt.
„Ich wollte hier doch neue Bäume pflanzen, und ihr… ihr!! Das werdet ihr mir bezahlen! Kommt mit und trampelt ja nicht noch etwas kaputt!“
Seufzend versuchten Ginta, Shiana, Jumon und Sayoko keine weiteren Bäume durch ihre Schritte zu zerstören und folgten dem Mann in sein Haus.
Das Haus war komplett aus Holz und Stroh erbaut. Es gab eigentlich nur einen großen Raum, in dem der Mann wohl schlief, kochte und im Grunde genommen alles tat.
In der Mitte befand sich eine kleine Feuerstelle über der ein Topf hing, in dem eine Suppe kochte.
„Ihr seid wohl Reisende…“, fing er an und setzte sich vor die Feuerstelle und rührte in seiner Suppe.
„Ja“, antwortete Ginta.
„Ihr kommt aus Yofu-Shiti, hab ich Recht?“
„Ja“, antwortete wieder Ginta.
„Die meisten Reisenden waren vorher in dieser Stadt. Was habt ihr hier verloren?“
„Wir sahen den Rauch aufsteigen und dachten uns, dass wir einmal vorbei schauen…“, erklärte Ginta.
„Wir wandern schon mehr als einen Tag lang, meine Füße tun weh und da wollten wir eben mal eine Pause machen, ist das so falsch?“, beschwerte sich Sayoko und musterte den Kerl finster drein blickend.
„Ihr hättet auch auf dem Pfad bleiben können um zu meinem Haus zu gelangen… Jetzt muss ich neue Setzlinge einpflanzen“, tadelte er die Gruppe, „Das kostet euch 100.000!“
„Was so viel!? Das ist Wucher!!“, brüllte Sayoko.
„Beruhig dich…“, meinte Jumon und sah sie fordernd an.
„Ich muss nun wieder in die Stadt gehen und Samen kaufen. Außerdem wären ein paar neue Unterhosen nicht schlecht…“
„Unterhosen!?“, brüllte Sayoko noch lauter. Wie konnte es sich der Typ erlauben so viel Geld für Samen zu verlangen und dann auch noch für Unterhosen? Es war ihr gerade etwas zu viel.
„Ja, Unterhosen… Ihr wisst nicht wie es kratzt wenn man die sich selber machen muss!“
„Wieso selber machen?“, wunderte sich Jumon. Ihm war nicht klar, wieso dieser Typ seine Kleidung selber machte, obwohl er sowieso vor hatte, in die Stadt zu gehen um sich Unterhosen zu kaufen.
„Ach wisst ihr…“, in diesem Moment klang er wie ein richtig alter Mann, der nicht wusste, wie er ein Gespräch anfangen sollte. Dann fing er mit einer einfachen Vorstellung an. „Gedo Hensetsu mein Name. Ich wohne hier allein und hatte schon lang keinen Besuch mehr…“
Gedo heulte theatralisch, wahrscheinlich nur um seine Worte nur noch mehr zu unterstreichen.
Ginta kratzte sich am Hinterkopf. „Wieso wohnen sie denn alleine?“
„Kein Grund mich zu Sietzen, nennt mich einfach Gedo!“
„Also, Gedo, warum lebst du hier allein?“, wiederholte Ginta seine Frage. Irgendwie legte es dieser Typ nur darauf aus, dass man ihm alles aus der Nase herausziehen sollte.
Gedo sah die Vier misstrauisch an.
„Wisst ihr, ich war einmal Mitglied einer echt blöden Organisation… ich hatte keinen Bock und da habe ich mich hier niedergelassen. Ich konnte mich auch sonst nie richtig mit der Zivilisation anfreunden, geh nur in die Stadt um mir selten einmal Unterhosen zu kaufen. Das mit den Samen ist übrigens auch gelogen. Ich kann weitere Samen von dem Bäumen pflücken und sie wieder einsetzen.“
Sayoko stand auf und verpasste Gedo eine Kopfnuss. „Und uns dafür blechen lassen!? Kein Wunder, wenn man einsam ist wird man so ungehobelt und unhöflich! Ist übrigens eine echt schlechte Masche, Leute die vorbeikommen einfach zahlen zu lassen!“
„Es tut mir ja Leid!“, entschuldigte sich Gedo, rieb sich seine Beule und verbeugte sich dann mehrmals.
„Dann gehören dir die Felder wohl auch, oder?“, hakte Jumon nach. Er war erstaunt darüber, dass Gedo sich so gut selbst versorgen konnte. Wenn die klimatischen Bedingungen seiner Heimat es zugelassen hätten, wäre Jumon sicherlich auch zu einem Selbstversorger geworden und hätte sich nicht durch die Hilfe Sabîs Familie durchschlagen müssen.

„Ja, ich baue mein Essen selber an, beziehungsweise lasse ich es von der Natur anbauen.“
„Wie ist das denn gemeint?“, fragte Jumon.
„Wen ihr wollt, kann ich es euch zeigen“, sagte Gedo nur und stand auf. „Kommt mit, ich zeige es euch!“
Ginta baute Blickkontakt mit seinen Freunden auf und zog eine Augenbraue nach oben. Shiana lächelte nur und Jumons Blick sagte, dass sie es sich ruhig anschauen könnten. Sayoko seufzte nur, rieb sich die Schläfen und stand als Erste auf. Auch wenn sie keine Lust hatte, vielleicht konnten sie doch noch irgendeinen Nutzen aus dieser Begegnung ziehen. Dann folgten sie Gedo.

„Hier ist ein Reisfeld“, erklärte Gedo, als sie an einem der Felder angekommen waren. „Wie ihr seht, schwimmen im Wasser viele Insekten.“
Sayoko grummelte. Sie kam mit Insekten zwar irgendwie klar, aber dennoch hat sie diese Wesen nie leiden können.
„Die Menschen in der Stadt würden das niemals essen, weil sie denken, dass die Insekten die Pflanzen kaputt gemacht haben. Aber das ist gar nicht wahr. Nur weil die Pflanzen nicht perfekt aussehen, muss es nicht heißen, dass sie nicht gut sind. Die Menschen haben in den letzten Jahrzehnten das Auge für die Natur verloren.“
„Das kann ich nur bezeugen“, warf Jumon ein, „Ich wuchs auch mehr oder weniger in der Natur auf und aß oft Dinge die ich im Wald fand, bevor mich dann eine Freundin und ihre Familie unterstüzte.“
„Ein Naturbursche, wie ich sehe“, lachte Gedo, „Was ist daran so falsch, der Natur ihren freien Lauf zu lassen? Ich esse das, was mir die Natur gibt und im Gegensatz helfe ich der Natur weiter zu wachsen, in dem ich neue Bäume und Blumen pflanze und sie dafür vor Zerstörung schütze. Das ist mein Prinzip.“
„Das ist richtig tugendhaft…“, meinte Ginta, der von der ganzen Sache sehr beeindruckt war. Außerdem machten Gedos Worte wirklich Sinn. Seit dem Antritt seiner Reise kam auch Ginta der Natur etwas näher und verstand, was Gedo mit seiner Art zu Leben ausdrücken wollte.
Shiana die neben Ginta stand, nickte ihm zustimmend zu. Auch sie wahr ziemlich beeindruckt.

„Wenn ihr wollt, lade ich euch gerne zum Essen ein… Essen… AHHHH!!!!“, brüllte Gedo und rannte zurück zum Haus. „Ich habe vollkommen die Suppe vergessen!“
„Ja gerne!“, rief ihm Ginta noch hinterher, dann war Gedo schon im Haus verschwunden.
„Ginta…“
„Was ist Sayoko?“, entgegnete er ihr.
„Dieser Kerl ist komisch, wir sollten uns vor ihm in Acht nehmen… Er hat irgendwie eine komische Aura.“
„Sagst du das nicht bei allen Männern die so drauf sind wie der?“, lachte Jumon und kassierte dafür eine Kopfnuss.
„Autsch“, murmelte Jumon. „Nun ja, die Geister in dieser Gegend wirken nicht gerade beängstigt, noch durch irgendetwas gestört…“
„Also ich finde… Gedo wirkt auf mich einfach nicht böse, wenn du darauf hinaus willst. Myu ist auch nicht unruhig, sie schläft wieder mal in meiner Tasche…“, stelle Ginta fest. Dann streichelte er der Katze sanft über den Kopf.
„Ich finde auch nichts merkwürdig“, fügte Shiana hinzu.
„Trotzdem, ich werde ein Auge auf ihn haben…“, seufzte Sayoko und ging mit den Anderen wieder zurück ins Haus, in dem Gedo schon einmal das Essen vorbereitete.
Irgendetwas war an ihm, dass Sayoko sehr beunruhigte.

„Hier, nimmt etwas Reis und diese köstliche Suppe!“, lud Gedo die Freunde ein.
Jeder nahm sich zwei Schüsseln, eine mit Reis, die andere mit Suppe.
„Mhhhhhhh“, konnte man von allen hören, als sie sich den ersten Löffel der Suppe genüsslich auf der Zunge zergehen ließen.
„Köstlich!“, meinte Jumon.
„Wirklich lecker“, grinste Shiana.
„Seht ihr, das schmeckt doch viel besser als alles, was es in der Stadt gibt, richtig?“
Ginta nickte. Es schmeckte wirklich ganz anders, als sonst wo.
„Sagt mal“, fing Gedo an, nahm einen weiteren Löffel Suppe zu sich und fragte weiter, „Was führt euch denn herum? Seid ihr Touristen die das Land erkunden wollen oder… was ist euer Ziel?“
Ginta sah Sayoko fragend an, die nur nickte. Vielleicht konnte Sayoko so herausfinden, was so eigenartig an Gedo war.
„Du hast es hier wirklich gut, Gedo… so weit von der Zivilisation entfernt wirst du wahrscheinlich nie auf sie treffen…“
„Auf wen?“, nuschelte er mit einem Mund voll Reis.
„Auf die Shal…“, erwähnte Ginta und schob sich einen kleinen Haufen Reis in den Mund.
Gedo riss seine Augen auf.
„Ich habe es Leid, dass sie Menschen umbringen und ihnen Leid zufügen…“, erklärte Ginta weiter, „Ich will die Shal ein für alle mal vernichten. Und diese drei hier begleiten mich auf meinem Weg.“
„Harte Worte, harte Worte. Für so einen jungen Kerl wie dich, wie alt bist du denn?“
„15…“
„Jungchen… Vergiss es, das schaffst du nie…“
„Woher willst du das wissen, Gedo?“, erkundigte sich Sayoko, die ihre schlechte Vermutung bestätigt haben wollte.

„Ich werde es schaffen!“, behauptete Ginta mit einer recht lauten Stimme.
„Und riskieren dass ihr alle drauf geht? Willst du etwa dass deine Freunde krepieren?“
Ginta fehlten die Worte. Still ließ er die Schüsseln zu Boden sinken.
„Ich sehe es in deinen Augen… Ginta richtig?“
„Woher weißt du…“, murmelte Ginta verwundert. So weit er wusste, hatten er und seine Freunde sich noch nicht vorgestellt.
„Unterschätze nicht meine Ohren…“, unterbrach Gedo ihn.
Gedo hatte, als er ins Haus rannte, anscheinend das Gespräch verfolgt.
„Wie gesagt, ich sehe es in deinen Augen, diese Gefühle, die dich dazu bringen alles dafür zu tun um die Shal ein für alle mal aus der Welt zu schaffen, nicht wahr? Ich kann nichts dagegen tun, also werde ich euch wohl unterstützen müssen…“
„Unterstützen?“, murmelte Sayoko mehr zu sich selbst. Gedos Worte verwirrten sie.
„Ich gehörte früher selbst einmal zu den Shal, deswegen weiß ich so gut Bescheid…“
„WAS!?“, riefen alle gleichzeitig.
„Aber keine Sorgen, keine Sorge! Ich bin ausgetreten, nein, sagen wir eher geflüchtet… ihr braucht keine Angst haben.“
Gintas Herz pochte. Sie saßen einem Ex-Shal gegenüber. Sayokos Vermutung bestätigte sich nun. Das war also das, was Gedo so eigenartig erschienen ließ. Seine Vergangenheit mit den Shal.

„Beruhigt euch! Ich verstehe euren Groll gegenüber dieser Organisation! Und ich bin bereit euch alles zu verraten, was für euch von Bedeutung sein könnte…“
„Hab ich es doch gewusst“, sagte Sayoko in einem überheblichen Ton, „Das war es, was mich so an dir störte…“
„Ich bitte euch nun mir zuzuhören. Diese Informationen bekommt ihr wahrscheinlich nie wieder zu hören und prägt sie euch gut ein.“
Gedo schlürfte noch hastig seine Suppe zu Ende, stellte die Schüssel wieder ab und fing an, ihnen die Geschichte zu erzählen.
„Es fing alles damit an, als ich nicht älter als du war, Ginta. Meine Familie lebte in einem kleinen Dorf, weit weg von hier. Mein Vater war Bauer und lehrte mich schon früh ein. Eines Tages kamen merkwürdige Menschen mit riesigen Maschinen in unser Dorf und brannten es nieder. Meine Eltern starben. Ein Mann mit langen weißen Haaren fragte mich einige Tage danach, ob ich nicht in ihrer Obhut wollte. Ich hatte alles verloren. Ich hatte nichts mehr und auch nichts mehr an was ich glauben konnte. Er redete mir ein, dass die aufkommende Zivilisation die Natur mehr und mehr zerstören würde und dass sie Ritter im Kampfe für die Natur seien. Ich glaubte ihnen und schloss mich ihnen an. Der Hunger zwang mich dazu und der falsche Glaube genauso. Damals war vieles für mich sehr verwirrend. Ich kann mich kaum noch an die Dinge erinnern… oder sagen wir lieber ich will mich nicht mehr daran erinnern…
Also kam ich in diese Organisation, es war alles neu für mich… Anfangs trainierte man mich im Kampf und irgendwann setzte man mir einen kleinen Stein in meine Rechte Hand. Unser damaliger Leiter brachte uns dann Zaubersprüche bei. Hier ich zeig euch einen…“
Er streckte seine Hand in Richtung Feuer.
„Vilid!“
Ein kleiner Windhauch fachte das Feuer stärker an.
„Ein Windzauber. Wenn ihr gegen die Shal schon einmal gekämpft habt, dann müsstet ihr diese Attacken kennen.“
„Ja, so was habe ich schon einmal gesehen“, meinte Ginta.
„Vilid ist ein Windzauber. Insgesamt gibt es sieben dieser ‚Zaubersprüche‘. Burkam, Quarion, Vilid, Exnor, Sorka, Pecubir und Negistra. All ihnen wird ein Element zugeschrieben:
Feuer, Wasser, Wind, Eis, Donner, Erde und Finsternis, in der selben Reihenfolge wie ich sie aufgezählt habe. An diesem Zauber erkennt ihr, ob jemand ein richtiger Shal ist oder nicht. Aber ich wende diese Zauber nur ungern an, sie sind wie ein Fluch für mich…“
Symbolisch ballte er seine rechte Hand zur Faust zusammen.
„Was ist das Ziel der Shal?“, fragte Sayoko.
„Eines nach dem anderen… Mit der Zeit, während ich in der Organisation war, stieg ich sozusagen eine Karriereleiter hinauf und erreichte irgendwann, eine Position, bei der man an Informationen gelangt. Wisst ihr, die untersten Mitglieder bekommen nur die Befehle zum ausführen die einem von dem Monarchen gegeben werden…“
„Die Monarchen… Davon haben wir auch schon einige getroffen!“, erzählte Ginta.
„Die Monarchen stehen direkt unter dem Boss. Der Boss kommuniziert nur mit den Monarchen und nur die Monarchen mit dem Boss. Ich war eine Position unter den Monarchen und bekam so einiges mit.“
„Was ist nun das Ziel der Shal!?“, drängte Sayoko, die nervös auf ihrer Unterlippe herum kaute.
„Gut, wenn ihr so ungeduldig seid. Wenn ihr denkt, dass Morde, Raub und Zerstörung die einzigen Dinge sind, die diese schreckliche Organisation betreibt, täuscht ihr euch. Dahinter steckt ein viel höheres Ziel.“
Alle hörten gespannt zu. Ginta kochte vor Wut, doch er musste sich konzentrieren.
„Das Ziel der Shal ist, durch das Sammeln von wertvollen Mondsteinen und anderen Edelkristallen, eine Maschine zu betreiben, die die Mondkraft damit verwendet, den Mond und die Erde wieder zu vereinen.“
„Wieder zu vereinen? Ist das nicht weit hergeholt?“, grübelte Sayoko.
„Mehr darüber weiß ich auch nicht. Es klang auf jeden Fall so, als wären Mond und Erde vor uralter Zeit einmal eins gewesen. Doch sicher kann ich euch das nicht sagen. Sie wollen die Erde vernichten, das ist das Wesentliche.“
„Die Erde zerstören…“, Ginta schluckte.
Sayoko nickte, Jumon und Shiana sahen sich bedrückt an.
In diesem Augenblick sprang Myu aus Gintas Tasche und saß sich auf seinen Schoß. Er streichelte ihr über den Rücken.
„Ginta, wenn ihr sie wirklich aufhalten wollt, dann reicht es nicht sie einfach kaputt zu schlagen! Ihr müsst verhindern, dass sie weiteres Mondmaterial sammeln um damit diese Maschine zu betreiben, sonst werden all die Menschen auf der Welt sterben.“
Gintas Herz pochte wie wild.
Nun war es nicht mehr die Rache für seine Eltern und all die Menschen die umgebracht wurden, sondern auch der Versuch die Shal von ihren Plänen abzuhalten, die Ginta nun antrieben, für das Wohl seiner Freunde und der Menschen auf der ganzen Welt.

Shiana legte ihre Hand auf seine Schultern und Ginta wachte aus seinen Gedanken auf.
„Ginta… wir schaffen das schon, gemeinsam…“, redete sie ihm Mut zu.
„Ja, gemeinsam packen wir das auf alle Fälle, wir sind nicht allein…“, grinste Jumon ihn an.
„Wir werden diese Shal ein für alle mal davon abhalten!“, brüllte Sayoko und ballte ihr Faust.
„Danke… Freunde… das macht es mir um einiges leichter“, bedankte er sich und rieb sich den Hinterkopf.
„Besser kann ich euch leider nicht helfen… Aber bitte, nehmt euch in Acht. Es ist reine Glückssache, dass ihr bisher so glimpflich davongekommen seid. Es liegen viel, viel stärkere Gegner vor euch… Aber… halt… da hab ich doch noch was…“ Gedo stand auf und ging aus dem Haus. Kurze Zeit später kam er wieder.
„Hier ich habe etwas für dich, Ginta….“
Ginta stand auf.
Gedo überreichte ihm ein Schwert, dessen Scheide schön verziert war.
„Zur Selbstverteidigung, man kann ja nie wissen was alles passieren kann.“
„D… Danke Gedo… aber ich…“
„Du kennst dich damit nicht aus? Kein Problem, das wirst du schon falls es soweit kommt.“
„Nochmals danke für alles…“ Ginta band die Scheide mit einem Tuch an seiner Hüfte fest.
„Bitte, bitte, mach ich gern. Wie geht eure Reise weiter?“, hakte Gedo nach. Eigentlich hoffte er, dass Ginta in der Lage war, die Pläne der Shal zu durchkreuzen.
„Wir werden wahrscheinlich weiter durchs Land ziehen“, meinte Sayoko.
„Wisst ihr überhaupt wohin ihr müsst?“
Ginta schüttelte den Kopf. „Wir sind immer noch auf der Suche nach dem Hauptquartier.“
„Die Halbinsel Batân, dort liegt das Hauptquartier der Shal. Wenn ihr weiter Nord-östlich geht, solltet ihr einen Sumpf durchqueren, einige Kilometer weiter kommt eine riesige Wüste, die das Festland von der Halbinsel trennt. Die müsst ihr leider auch durchqueren. Danach wird es euch ein leichtes sein, das Quartier zu finden… Und findest du mich immer noch komisch, Sayoko?“ Gedo lachte.

Sayoko sah ihn an, zog eine Augenbraue nach oben und sagte nur: „Ja!“
Gedo lachte wieder und steckte die anderen mit seinem Lachen an. Irgendwie musste man diesen ernsten Moment doch auflockern.
„Wollt ihr nicht noch diese Nacht bleiben? Ich habe doch so selten Besuch und kennen gelernt habe ich euch noch kaum!“, schlug Gedo den Freunden vor.
Ginta sah zu seinen Freunden. Sayoko zuckte mit den Schultern, Jumon und Shiana lächelten ihn an. Dann nahmen sie das Angebot dankend an.

An diesem Abend erzählten sie Gedo all ihre Geschichten, die sie bisher erlebt hatten, Ginta erzählte ihnen von Ryoma und von Oto, von all den Gegnern und ihren Abenteuern, dass er Shiana befreite und vieles mehr. Gedo wiederum erzählte ihnen ebenso viele Geschichten von sich und warnte sie immer und immer wieder vor den starken Gegnern und dass sie auf sich aufpassen sollten.
Es war ein angenehmer Abend, obwohl die harten Geschichten Gedos Ginta ab und an schon etwas Angst machten.
Die Nacht war friedlich und kühl. Ginta schlief seit langem wieder einmal tief und fest, genau wie die anderen, die von zwei harten Tagen total erschöpft waren.
Am nächsten Tag gab Gedo ihnen noch einige Vorräte mit und sie gingen weiter auf ihre Reise, die sie zur Halbinsel Batân führen sollte.

 


Kapitel 41 – Das Labyrinth

„Verdammt!“, brüllte Sayoko, „Es ist schon wieder hinter uns!“
„Beeilt euch!“, forderte Jumon, der vor den Anderen rannte und den richtigen Weg suchte.
„Passt auf, dass ihr nicht stolpert!“, keuchte Ginta.
„AH!“, schrie Shiana, die es genau in diesem Moment zu Boden riss.
„Shiana!“, stieß es aus Ginta, „Rennt ihr schon vor, ich kümmre mich um sie!“
Er rannte schnell zu ihr und half ihr auf.
In diesem Moment kam eine riesige Silhouette hinter dem nahen Felsen hervor.
„Verdammt“, dachte er sich und biss sich auf die Lippe, „Dabei hat der Tag doch so gut angefangen…“

Ginta und seine Freunde, Sayoko, Shiana und Jumon, wie auch die kleine Katze Myu befanden sich auf dem Weg zur nächsten Stadt. Die Gegend, die sie durchquerten war ziemlich hügelig. „Kodôtsuro“, las Sayoko, die die Karte in der Hand hielt, „das ist der Name der nächsten Stadt. Wir können dort sicher eine Nacht lang bleiben und morgen die Reise fortsetzen.“
„Das ist eine gute Idee“, seufzte Ginta, „Meine Füße schmerzen schon…“
„So anstrengend ist das doch nicht…“, grinste Jumon.
„Das sagst du doch nur, weil du Berge gewohnt bist“, meinte Sayoko in einem leicht genervten Ton.
Jumon rollte mit den Augen.
„Gib mal her“, sagte er kann, erwartete keine Reaktion und nahm sich die Karte, „So weit ist es jetzt doch auch nicht mehr, nur noch 10 Minuten, dann müssten wir schon dort sein.“
Ginta seufzte.
Sayoko seufzte ebenfalls.
Shiana hingegen hatte ihren Spaß daran Myu beim Nebenherlaufen zu beobachten.
Die zehn Minuten vergingen still, bis auf ein gelegentliches Kichern von Shiana war nichts mehr zu hören.

Das Erste was man erkannte, wenn man sich diese kleine Stadt ansah, war, dass sie sich sozusagen teilte.
Auf der einen Seite waren die Wohnhäuser und sonstige Gebäude. Auf der Anderen hingegen sah es aus, als wäre da ein großes Bergbauunternehmen am Schaffen.
„Wir sollten uns gleich eine Unterkunft suchen, möglichst billig“, schlug Sayoko vor, „Diese Stadt ist irgendwie eigenartig.“
„Da hast du recht“, stimmte Jumon ihr zu, „Die Leute sehen uns so komisch an…“
Während die Gruppe durch die dreckigen Straßen gingen um sich nach einer Unterkunft umzusehen, versuchten alle Bewohner der Stadt die Fremden zu meiden, oder sie zu ignorieren. Einige Leute schlossen ihre Fenster, andere zerrten ihre Kinder ins Haus.
Ob diese Stadt Fremde überhaupt mochte?
Die Gruppe lief weiter.
Zwei Frauen mit Körben in der Hand blieben stehen und flüsterten sich etwas zu.
„Ich fühle mich hier leicht beobachtet“, murmelte Ginta.
„Nicht nur du“, meinte Shiana, die Myu beobachtet wie sie ihre Ohren spitzte.
Myu sah sich einmal kurz um und sprang dann sofort in Gintas Tasche.
Ginta kraulte ihren Nacken damit sie sich beruhigte.
Jumon ging zu einer alten Frau die auf der Veranda saß.
„Entschuldigen Sie“, fing er an zu fragen, „Gibt es hier in der Nähe vielleicht ein Gasthaus?“
Die alte Frau riss ihre Augen auf.
„Bringt mir meine Enkelin zurück!“, brüllte sie auf einmal, ohne dass sie ihren starren lethargischen Blick verlor.
Jumon erschreckte sich und ging ein paar Schritte zurück.
In diesem Moment wurde die Frau wieder still und starrte weiter in die Leere.
Ginta lief zu Jumon, packte ihn an der Schulter und sagte nur: „Komm, lass uns weitergehen…“
Sayoko seufzte und Shiana sah sie mitleidig an.

Endlich kamen sie vor einem Gasthaus an.
„Wartet“, meinte Sayoko, „Bevor wir reingehen…“
„Du hast es also auch gemerkt?“, unterbrach Ginta sie.
„Ja. Hier ist etwas faul, aber gewaltig! Wir sollten aufpassen mit wem wir als nächstes sprechen, da habe ich ein sehr ungutes Gefühl.“
„Lasst uns doch erst einmal schauen, wie der Besitzer des Gasthauses drauf ist. Notfalls schlagen wir vor der Stadt unser Lager auf.“
„Meinst du das ist so eine gute Idee?“, wollte Sayoko wissen.
„Es ist ziemlich unsicher, wer weiß was sich hier für Leute aufhalten“, sorgte sich Ginta.
„Nun denn, lassen wir uns erst mal hinein schauen bevor wir uns entscheiden…“
Shiana nickte Ginta kurz zu. Sie war auch dafür sich erst einmal im Gasthaus umzusehen.
Also gingen sie hinein.

Eine kleine Glocke am Türrahmen klingelte, als sich die Tür öffnete. Die Dielen knarrten als die Freunde eintraten.
„Guten Tag“, murmelte der Wirt, „Was kann ich für sie tun? Lasst mich raten sie wollen ein Zimmer…“
Sayoko setzte wieder ihren genervten Blick auf.
„Guten Tag, ja das hätten wir wirklich gerne“, begrüßte Ginta ihn.
„Vier Personen plus eine Katze nehme ich an“, sagte er nachdem er Ginta und seine Freunde reichlich musterte.
„Ja, so ist es“, antwortete Ginta.
„Tut mir Leid, aber da muss ich euch enttäuschen…“
„Wieso?“, fragte Sayoko schnippisch.
„Fremde sind hier nicht gern gesehen, vor allem nicht wenn sie noch so jung sind wie ihr es seid.“
„Das verstehe ich nicht…“, grübelte Jumon.
Der alt wirkende, schlanke und grauhaarige Wirt winkte die Vier zu sich. Er kam hinter seinem Tresen hervor und schob ihn beiseite, legte dadurch eine geheime Tür im Boden frei.
„Schnell“, sagte er und Ginta, Shiana, Sayoko und Jumon gingen die Treppe hinunter in den Keller.
Er folgte ihnen.
„Was, was soll das?“, wunderte sich Ginta und sah den Wirt erwartungsvoll an.
„So, jetzt hört mal zu…“, fing der Alte an zu erzählen, „Verschwindet lieber sonst werdet ihr auch noch von den Shal entführt!“
„Von den Shal!?“, rief Jumon und alle anderen rissen ebenfalls ihr Augen weit auf.
„Ich habe es doch gewusst dass hier etwas nicht stimmt!“, bestätigte sich Sayoko.
„Sie zwingen die Dorfbewohner in dem Bergwerk zu arbeiten. Sie entführen dafür die Kinder und benutzen sie für ihre Erpressungen…“
„Deswegen wollte die alte Frau ihre Enkelin zurück…“
„Bitte helft uns. Ich bin der einzige der sich noch traut etwas zu sagen, deswegen ist mein Gasthaus leer und ich verdiene kein Geld, seht doch wie abgemagert ich bin!“
Der Wirt ging auf Ginta zu und griff nach seinem Shirt.
„Ich flehe euch an! Das letzte mal als ich einen Aufstand angezettelt habe, um uns gegen die Shal zu wehren, wurden etliche Kinder ermordet, bitte bitte helft uns!“
Ginta konnte nichts sagen. Seine Gedanken waren gerade so durcheinander.
„Lassen sie ihn gehen“, bat Jumon den Wirt, der ihn in die Augen blickte.
Er hatte Tränen in den Augen, Tränen der Verzweiflung und Angst.
Der alte Mann weinte und lies Ginta los.
„Es… es…. es..“, stotterte er, „Es tut mir Leid! Ich kann Kinder nicht dazu zwingen unsere Stadt vor dieser Organisation zu retten.“
Für einen Moment war es still.
Jumon sah bedrückt zu Boden. Shiana sorgte sich um Ginta und hielt seine Hand.
Er stand da und starrte nur.
Sayoko behielt von allen mal wieder den kühlsten Kopf.
„Hören sie zu, machen wir einen Deal, wir versuchen unser bestes die Shal aus dieser Stadt zu verjagen und dafür lassen sie uns kostenlos übernachten?“
Der Mann nickte.
„Ginta bitte…“, flüsterte Shiana.
„Ginta jetzt reiß dich mal zusammen!“, forderte Sayoko in einem leicht energischen Ton, „Die Leute hier brauchen unsere Hilfe! Ich versteh ja, dass es entsetzlich ist was die Shal getan haben, aber reiß dich doch bitte zusammen und lass uns das Problem zusammen beseitigen.“
Gintas Augen bewegten sich und er sprach: „Du hast recht Sayoko! Diesen Shal müssen wir endlich das Handwerk legen!“
„Wir schaffen das gemeinsam“, meinte Jumon.
„Ja, das schaffen wir“, stimmte auch Shiana zu.
„Hier“, meinte der Alte und führte die Freunde zu einer Tür in einer steinigen Wand, „Das hier ist ein geheimer Eingang zum Bergwerk. Passt auf euch auf! Weiter kann ich euch leider nicht helfen… Viel Erfolg…“
Er öffnete die Tür, durch die sie dann in einen Tunnel eintreten konnten.

Sayoko ging vor. Der Tunnel war eng und kalt. In einigen Nischen in den Wänden standen Petroleumlampen die den Gang etwas erhellten.
Die pink-haarige blieb auf einmal stehen.
„So ich denke sind wir nun weit genug entfernt, sodass der Alte uns nicht mehr hört.“
Ginta setzte sich auf den kühlen Boden.
„Was machen wir jetzt?“, fragte sich Jumon.
„Das ist es, worüber ich mit euch reden wollte“, meinte Sayoko und seufzte.
„Wir sollten vorsichtig sein, wir kennen uns hier doch gar nicht aus…“, murmelte Jumon vor sich hin.
„Wir brauchen irgendeine Strategie und sollten uns nicht einfach auf die Shal stürzen“, sagte Sayoko und blickte Ginta an, „Das Risiko, dass den Kindern etwas geschieht ist viel zu groß.“
„Da hast du recht“, unterstützte Jumon sie, „Das einzige was uns bleibt ist herauszufinden wo sich die Kinder befinden, sie irgendwie retten und dann…“
„… uns um die Shal zu kümmern“, beendete Ginta Jumons Satz.
„Ich bin dafür…“, wollte Sayoko sagen, bis sie auch von Ginta unterbrochen wurde.
„Ich bin dafür, dass Jumon und Shiana mit den Kindern fliehen. Ich will nicht, dass Shiana alleine auf die Kinder aufpassen muss, darum würde ich es sehr begrüßen wenn du sie begleitest, Jumon…“
Ginta sah ihn an. So einen durchdringenden und fordernden Blick kannte man von Ginta bisher nicht.
„Ist gut“, meinte Jumon und grinste Shiana an.
„Ich bin auch einverstanden“, meldete sie sich zu Wort.
„Und du bleibst an meiner Seite, Sayoko?“, fragte Ginta sich und sah sie erwartungsvoll an.
Sie wollte seufzen, doch sie ließ es.
„Klar!“, antwortete sie und ballte eine Faust, „Diesen Shal werden wir mächtig den Hintern versohlen! Wäre doch gelacht, wenn nicht!“

In diesem Moment pfiff ein Schriller Ton durch das Bergwerk.
Man hörte tiefe Männerstimmen die irgendwas von „Mittagessen“ grölten.
Sayoko ging weiter bis sie zum Ende des Tunnels kamen.
Das Ende des Tunnels in dem sie sich befanden war ein Loch in der Wand eines großen Höhlenraumes. An dem Vorsprung hing der Rest einer Strickleiter die bis zur Hälfte der Wand herunter hing. Danach waren es sicherlich noch zweieinhalb Meter bis zum Boden gewesen.
„Kommt schon“, forderte Sayoko, „Jetzt wo alle zum Essen verschwunden sind, sollten wir das am besten ausnutzen!“
„Geht klar!“, antwortete Ginta, kletterte die Leiter so weit es ging runter und sprang dann auf den Boden.
„Los Shiana du als nächstes! Ich fange dich auf!“, bat er Shiana die dann kurzerhand als nächstes runter kletterte, sprang und von Ginta aufgefangen wurde.
Er torkelte noch etwas hin und her, fand dann jedoch einen festen Stand und ließ sie auf den Boden ab.
Myu hatte das aber nicht gerade auf die sanfteste Art miterlebt und zappelte mit ihren Hinterbeinen wie ein Fisch an Land, denn ihr Hintern hing aus der Tasche während ihr Kopf noch tief in der Tasche vergraben war. Als Ginta ihr verhalf in eine für sie angenehme Position zurückzukehren, kam auch schon Jumon runter gesprungen.
„Los Sayoko, so weit ist das gar nicht“, spornte Ginta sie an.
„Ich hatte nicht gerade die schönste Landung“, schmollte Jumon der sich den Dreck von der Jacke abputzte.
Sayoko schluckte.
Vorsichtig stieg sie mit ihrem linken Fuß auf die erste Sprosse der Strickleiter und dann mit ihrem rechten.
Warum hatte sie ausgerechnet jetzt so eine Panik davor? Sonst hatte sie doch keine Angst vor einer fünf Meter hohen Wand.
Aber was, wenn jetzt doch das Seil riss? Oder eine Sprosse durchbrach, sie ihren Halt verlor und fiel? Ein Sturz auf fünf Metern Höhe war sicher nicht sehr schmerzfrei.
Ironie des Schicksal – so nannten es manche Personen – traf genau in diesem Moment ein, wovor Sayoko so Angst hatte. Das rechte Seil riss, sie verlor ihren Halt und stürzte zu Boden.
Sie kniff ihre Augen zusammen und schrie.
„Ehm, Sayoko, es ist alles gut“, meinte Ginta und Jumon lachte.
Zögernd öffnete sie ihre Augen und fand sich in den Armen der Jungs wieder, die sie auffingen.
„D… Danke, Leute…“, bedankte sie sich, noch sichtlich geschockt und stellte sich hin. „Nett von euch…“
„Freunden helfen wir nun mal gern, wir müssen doch zusammenhalten“, grinste Jumon.
Ginta konnte das Grinsen auch nicht unterdrücken.
„Komm Sayoko, wir gehen weiter“, lächelte Shiana und nahm ihre Hand.
‚Freunde…‘, dachte sie sich und ging mit den anderen weiter, ‚Es ist so schön Freunde gefunden zu haben…‘

Bald kamen sie an eine Weggabelung.
„Wie sollen wir weiter?“, fragte sich Jumon.
Ginta ging einige Schritte zurück, sodass er einen guten Blick auf beide Wege hatte.
Die Tunnel waren gut ausgeleuchtet, man sah die rot-braune Farbe des Gesteins. Der Weg war zwar nicht wirklich eben, aber man konnte trotzdem noch gut darüber laufen.
„Wir könnten eine Münze werfen“, schlug Sayoko vor.
„Das bringt doch nichts!“, beschwerte sich Jumon darüber und wurde darauf böse angeschaut.
Schmollend wandte er sich zu Ginta: „Was meinst du?“
Ginta sagte nichts. Er schloss die Augen und atmete einmal tief ein.
„Ich…“, murmelte er, „kann etwas spüren.“
Nun kniff er seine Augen noch fester zu, damit er sich besser konzentrieren konnte.
Er merkte wie sein Amulett leicht vibrierte. Auch sein Mal an seinem Bein fühlte sich wieder etwas merkwürdig an und dann nahm er endlich einen Windzug wahr.
Langsam hob er seinen Finger und zeigte in eine Richtung.
„Ich glaube… nein ich weiß, dass es dort entlang geht“
„Meinst du wirklich?“, wollte sich Jumon sicher gehen.
„Ich vertraue Ginta“, unterstützte Shiana ihn.
„Ich auch“, murmelte Sayoko.
Myu streckte sich, gähnte einmal herzhaft und sprang dann aus der Tasche und tapste in die Richtung die Ginta für richtig hielt.
„Wie man sieht findet Myu auch dass es der richtige Weg ist“, grinste Shiana.
Die kleine Katze tapste voran und die anderen folgten ihr, als würde sie ihnen den Weg führen.
Jumon trat aus versehen einen kleinen Stein, der Myu am Hinterteil traf, sie dadurch erschreckte und los rannte.
„MYU! WARTE!“, rief Ginta ihr hinterher und rannte los.
„Ich verpass euch beiden gleich eine Kopfnuss!“, beschwerte sich Sayoko, „Der Eine bringt eine Katze dazu davonzurennen und den anderen dazu durch die ganze scheiß Höhle zu brüllen! Wie bitteschön sollen wir unseren Plan einhalten!?“
„Jetzt brüllst du aber auch und es war nicht einmal mit Absicht!“, entschuldigte sich Jumon, der mit den anderen Zwei Ginta hinterherrannte.
„Dafür ist es jetzt auch schon zu spät!“
„Regt euch bitte doch nicht so auf“, versuchte Shiana die beiden zu unterbrechen, wurde von beiden dann aber böse angeblickt. Sich schuldig fühlend, sagte sie nun nichts mehr.
Myu rannte immer schneller und schneller, mal nahm sie bei Abzweigungen den rechten, mal den linken Weg. Sie wollte einfach keine Pause machen, bis zu dem Zeitpunkt, in dem sie ganz plötzlich wieder zurück rannte und in Gintas Tasche sprang.
Ginta stoppte und fragte sich was los war.

In diesem Augenblick kam aus einem der Tunnel ein riesiger steinerner Golem.
„Da schaut mal was ihr mit eurem Gebrülle angerichtet habt!“, brüllte Sayoko.
„Es wäre angebracht jetzt wegzurennen“, schlug Jumon vor.
„Dann rennen wir weg!“, rief Ginta, packte Shianas Hand und rannte drauf los.
Sie nahmen den einzigen Weg der noch übrig blieb und der führte sie kurzerhand in einen gigantischen Raum.
Glücklicherweise hatten sie ein wenig Vorsprung, konnten sich also eine kurze Pause leisten um die Lage zu checken.
„Was ist das hier?“, wunderte sich Ginta.
„Uns bleibt auf jeden Fall nicht viel Zeit um herauszufinden was es ist, ich höre schon wieder die Schritte dieses Golems“, antwortete Sayoko.
„Es sieht aus…“, meinte Jumon, „Wie ein riesiges Labyrinth!“
„Ein Labyrinth?“
„Ja, seht euch doch mal diese flach gehauenen Wände an und…“
„Verdammt!“, brüllte Sayoko, „Es ist schon wieder hinter uns!“
„Beeilt euch!“, forderte Jumon, der vor den Anderen rannte und sich den richtigen Weg suchte.
„Passt auf, dass ihr nicht stolpert!“, keuchte Ginta.
„AH!“, schrie Shiana, die es genau in diesem Moment auf den Boden riss.
„Shiana!“, stieß es aus Ginta, „Rennt ihr schon vor, ich kümmre mich um sie!“
Er half ihr schnell auf.
In diesem Moment kam eine riesige Silhouette hinter dem nahen Felsen hervor.
„Verdammt“, dachte er sich und biss sich auf die Lippe, „Dabei hat der Tag doch so gut angefangen…“
Der Golem kam immer näher und holte schon zu einem Schlag aus.
„Shiana komm schon!“
Shiana verzog ihr Gesicht und stand auf.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Ginta sich fürsorglich.
Sie nickte nur.
Der Golem griff an. Mit einer riesigen Faust aus Stein wollte er Ginta und Shiana wohl zerquetschen.
„Das werden wir nicht zulassen!“, riefen Jumon und Sayoko fast gleichzeitig.
Gintas Amulett fing an zu leuchten und zwei schimmernde Lichtstrahlen zielten direkt auf Jumon und Sayoko.
Alle waren plötzlich von einer eigenartigen Aura umgeben.
Sie spürten den Herzschlag des Anderen und hörten die Gedanken des Anderen.
„Danke“, flüsterte Ginta der Shiana im Arm hielt.
Jumon und Sayoko wussten nicht genau was sie taten, aber sie wollten damit auch nicht aufhören.
Sie fokussierten ihre Energie und schafften es, dass ein weiterer Golem erschien. Er war sicherlich genauso groß wie der Golem aus Stein, sah aber anders aus.
Er war gänzlich schwarz und hatte lange spitze Krallen.
Was nun geschah, war unbeschreiblich. Sayoko und Jumon sahen so aus, als würden sie diesen schattenartigen Golem lenken, der dadurch den Steingolem aufhielt.
Er griff ihn weiter ein und einige Felsstücke bröckelten von ihm ab.
Irgendwie schafften sie es diesen steinernen Golem nun komplett zurückzudrängen, sodass Ginta und Shiana in Sicherheit waren.
Mit einem letzten Schlag gelang es dem Schattengolem seinen Gegner in zwei zu teilen. Felsbrocken fielen zu Boden versperrten den Weg.
Das schwarze Monster löste sich auf und die Aura die um Jumon und Sayoko war legte sich.
„Danke, Leute“, bedankte sich Ginta.
„Das war bemerkenswert!“, fügte Shiana dem hinzu.
Nun war es wieder ruhiger. Alles hatte sich beruhigt, bis auf Myu die sich in Gintas Tasche genervt von einer Seite zur anderen rollte.
„Ein Schluck Wasser?“, unterbrach Jumon die Stille.
Sayoko nickte und er überreichte ihr die Wasserflasche.
Sie nahm einen Schluck.
„Echt merkwürdig wie ihr das geschafft habt…“, wunderte sich Ginta.
„Wir sollten weitergehen, so befreien wir niemals die Kinder. Außerdem haben wir schon viel zu viel Krach gemacht. Sie haben uns sicherlich schon bemerkt“, sagte Sayoko kühl.
Die Stimmung fror etwas ein.
„Nun gut, dann gehen wir doch weiter… In Ordnung?“, fragte Ginta die anderen.
Die Gruppe ging weiter. Jumon voraus, er hatte ein Händchen für Labyrinthe.
Es war wirklich sehr verwirrend. Ginta hatte sich schon nach der dritten Abzweigung verloren. Doch Jumon machte das alles ziemlich souverän.

Sayoko dachte nach. Sie wollte unbedingt wissen wieso sie und Jumon dieses Wesen beschworen konnten, wieso sie sich so vereint gefühlt hatten.
War es wegen Ginta?
Nun ja, das Leuchten seines Amulettes war ja Beweis genug, also musste es doch etwas damit zu tun haben, oder nicht?
Ginta war besonders. Das wiederholte sie immer und immer wieder in ihren Gedanken.
Shiana wollte Gintas Hand nicht mehr loslassen. Sie hatte sich zwar von dieser Attacke beruhigt, ober was wenn noch so ein Monster auftauchen würde?
Und Ginta sprach seine Gedanken aus, er versuchte es zumindest.
„Jumon… Ich…“, fing er an.
„Sie zeigen mir ihn…“, beantwortete er die Frage, die Ginta nicht einmal fragen konnte.
„Wer zeigt dir den Weg?“, wunderte er sich.
„Die Geister der ermordeten Kinder…“
Jumon drehte sich zu Ginta um. Tränen liefen ihm über die Wange.
„Ginta, die Kinder… ich höre ihre verzweifelten Schreie. Sie wollen nicht mehr gefangen sein, sie wollen zurück zu ihren Eltern und Großeltern.“
Ginta blieb die Stimme weg. Sein Herz pochte. Shiana klammerte sich an ihn.
„Da ist ein Junge, er ist einer der ersten die ermordet wurden“, erzählte Jumon weiter, „Er ist leider auch der einzige der einen klaren Kopf behalten konnte. Er… er ist der Sohn des Wirts der uns weitergeholfen hat. Er will uns zu dem Anführer dieser Shal-Gruppe bringen…“
Ginta löste sich von Shianas Klammer und ging auf Jumon zu.
Er nahm ihn in den Arm.
„Richte ihm vielen Dank von mir aus“, bat er, „Und sag ihm, dass wir Rache nehmen…“
Jumon nickte, wischte sich die Tränen aus den Augen und lief weiter.
Nach einiger Zeit kamen sie sozusagen im Zentrum des Labyrinthes an.
Es war eine große Fläche auf der Tische und große Käfige standen.
Dort waren die Kinder gefangen. Als sie die Gruppe sahen schrien sie hysterisch auf, soweit sie noch die Kraft dazu hatten. Einige Kinder sahen schon abgemagert aus.
An den Türen der drei Käfige standen jeweils zwei Shal.

Gegenüber den Käfigen war ein steinerner Schreibtisch, an dem ein großer, fetter, glatzköpfiger Kerl saß.
„So so, ihr seid also diese Krachmacher…“, sagte der Mann mit einer brummigen Stimme.
„Lassen sie sofort diese Kinder frei!“, brüllte Ginta.
„Von wegen! So gelangen wir nie…“
Ein Shal kam ihn entgegen. Er trug eine Brille und hatte eine Schachtel in der Hand.
„Wir haben es, Boss…“, murmelte dieser.
„Was? Endlich! Nach so langer Zeit!“, der dicke Mann lachte herzhaft, „Dann brauchen wir diese Bälger nicht mehr! Macht was ihr wollt!“
Die Shal die am Käfig standen sperrten die Käfige auf.
Einer zerrte ein Mädchen heraus, nicht älter als 10 Jahre, und schubste es auf den Boden.
„Das hast du davon mir in den Finger gebissen zu haben!“, schnaufte er und wollte ihr in den Magen treten, als Ginta ihn mit einem Windstoß wegschleuderte.
„Wehe, irgendjemand von euch fasst die Kinder an!“, drohte er und griff den am nächsten stehenden Shal an.
Diese zückten sofort ihre Waffen und machten sich zum Kampf bereit.
Sayoko flüsterte Shiana kurz etwas zu und zog ebenfalls ihre Waffe, den Dolch.
Jumon und sie unterstützen Ginta, während Shiana die Kinder zu sich holte.
In diesem Moment lief alles so schnell ab.
Ginta, Sayoko und Jumon streckten die Shal-Unterlinge zu Boden. Shiana schaffte es alle Kinder zu befreien und dieser fette Mann schnappte sich einen riesigen Hammer, der neben seinem Schreibtisch lag.
Ginta nickte Jumon zu und er machte sich mit Shiana auf dem Weg das Labyrinth zu verlassen.

Die zwei übrig gebliebenen machten sich zum Kampf bereit.
„Apaku Surutu mein Name, prägt ihn euch gut ein! Ihr werdet ihn bis zu eurem Tod sicherlich nicht vergessen…“, lachte er wieder.
„Dieser Mann ist widerlich“, fand Sayoko.
„Da hast du irgendwie recht“, meinte Ginta und zog sein Schwert, „Eine gute Gelegenheit es einmal zu testen, wie ich mit dem hier umgehen kann…“
„Was wollt ihr schon ausrichten!?“
„Das werden wir dir zeigen!“
Ginta stürmte auf Apaku zu und griff ihn mit seinem Schwert an. Apaku jedoch schwang seinen riesigen Hammer der Ginta gleich zu treffen drohte, doch Sayoko sprang von der Seite gegen den Hammer und konnte dessen Flugbahn so ablenken.
Ginta traf Apaku an der Seite.
Sie sprangen zurück.
„Was war das für ein Angriff?“, wunderte sich der Glatzkopf.
„Das sollte man lieber dich fragen, Arschbirne!“, erwiderte Sayoko.
Der Kampf ging weiter, es wechselten die Seiten immer wieder mit Angriff und Abwehr ab. Sayoko versuchte immer Ginta so gut es ging zu helfen genauso wie Ginta das für Sayoko tat.
Es war anstrengend und die beiden fragten sich wann dieser Fettsack endlich mal eine Pause brauchte.
Ginta schnaufte.
„Warum musstet ihr ausgerechnet die Kinder umbringen!?“
„Warum? Weil sie sich nicht wehren konnten! Es hat so Spaß gemacht ihre kleinen Köpfe zu zerquetschen….. Und es wird mir auch Spaß bereiten eure Köpfe und Körper zu zerquetschen!“
Er lachte wieder. Diese Lache kam eindeutig von einem Psychopathen.
„Dafür wirst du bezahlen!“
Gintas Wut brodelte nur in ihm über. Wieso verdammt noch mal mussten diese Kinder sterben, es hatte gar keinen Sinn!
Sayoko versuchte einen klaren Kopf zu behalten, nicht so wie Ginta, das spürte sie.
Sie wusste nicht wie sie ihren nächsten Angriff starten sollten.
Ginta schrie. „Dafür wirst du bezahlen!!!!“
Seine Hände leuchteten und er rannte nun etwas schneller.
Sayoko stand plötzlich wie gefroren da.
Apaku holte zum Schlag aus.
Gintas Hände leuchteten stärker und er schlug zu.
In diesem Moment entfachte sich ein riesiger Sturm, der Apaku durch die Wände des Labyrinths schleuderte und Ginta rannte ihm hinter her.
Der Aufprall war so stark, dass eine große Nische entstand.
Auf ein Neues holte Ginta zum Schlag aus. Er merkte dass durch den vorherigen Angriff einige Steinbrocken von der Decke fielen, dies wollte er ausnutzen.
Er schwang das Schwert wodurch wieder ein heftiger Sturm entfachte und noch größere Steinbrocken von der Decke stürzten.
Apaku wurde eingesperrt.
Dies alles geschah so schnell dass Sayoko einige Zeit brauchte um überhaupt zu verstehen was vor sich ging.
Ginta holte tief Luft und ging dann, wie als wäre eine schwere Last von ihm gefallen, zu Sayoko zurück.
„Ich glaube es ist vorbei…“, murmelte er und sah Sayoko an. „Wir sollten zurück zu Shiana und Jumon.“
Sayoko nickte und sie machten sich auf den Rückweg.
Am Eingang des Bergwerkes trafen sie dann auf Jumon und Shiana, die erschöpft auf dem Boden saßen und zusahen wie die Eltern mit Tränen in den Augen ihre Kinder begrüßten.
Sayoko deutete mit ihren Fingern das Gasthaus an und alle verstanden.
So unauffällig wie es nur ging, liefen sie zum Gasthaus, nahmen sich ein Zimmer und ließen sich in die Betten fallen.
Der Wirt verstand was passiert sein musste.
Vor dem Haus drängte Eltern und Kinder, die der Gruppe danken wollten nur in Strömen herein und der Wirt musste immer wieder versuchen den Leuten zu erklären, dass Ginta und seine Freunde jetzt wohl nicht mehr ansprechbar wären – zumindest bis zum nächsten Morgen.


Kapitel 42 – Buchstabensuppe

Es regnete wie in Strömen.
Sayoko ließ seufzend ihren Löffel in die Suppe fallen.
„Das schmeckt doch noch nicht mal jemandem, der gerade am Verhungern ist…“, beschwerte sie sich lauthals.
„Psst!“, machte Ginta, „Bitte Sayoko, mach hier nicht so ein Theater!“
„Das kann ich doch wohl! Ich habe für das Essen bezahlt und euch auch eingeladen!“
„Wo sie Recht hat, hat sie Recht“, musste Jumon zugeben und kaute auf einem Brot herum.
„Nun gut, ich sehe es ja ein“, Sayokos Stimme wurde wieder leiser, „Sonst werden wir noch rausgeschmissen und bei diesem Wetter ist das nicht gerade angenehm…“
„Ein Glück dass wir es noch nach Ippo-City geschafft haben, bevor es anfing zu regnen“, freute sich Jumon und schluckte das Stück Brot, das er im Mund hatte, hinunter.
„Danke für das Essen, Sayoko“, bedankte sich Shiana, die gerade ihren letzten Happen aß.
Sie hatte ihren Teller zuerst bekommen und war somit als erste fertig.
Ginta ließ sich Zeit und stocherte mit der Gabel in seinem Essen herum.
Erwartungsvoll blickte Sayoko in die Runde.
„Wir müssen reden“, meinte sie, wodurch sie plötzlich die gesamte Aufmerksamkeit bekam.
„Ich mache mir Sorgen, um uns, um das was hinter uns liegt und das was uns noch erwarten wird…“
Ginta starrte wieder bedrückt auf sein Essen.
„Wie meinst du das?“, fragte er.
„Unser letzter Gegner, er war leicht zu besiegen. Bestimmt war er nicht einer dieser komischen Monarchen. Diesmal hatten wir Glück, wobei uns einiges hätte passieren können.“
„Bisher hatten wir immer Glück…“, sagte Jumon, „Und ich beurteile das obwohl ich noch nicht so lange der Gruppe angehöre.“
„Die Gruppe…“, murmelte Ginta vor sich hin. Er wusste was nun kommen würde.
„Das ist auch eine Sache die mir Sorgen macht. Unsere Gruppe…“, seufzte Sayoko auf.
Shiana hörte still dem Gespräch zu.
„Ryoma und Oto haben die Gruppe verlassen…“, erklärte Jumon, „Oto wegen ihrer Ausbildung, und Ryoma?“
„Wir nehmen bisher nur an, dass es wegen seinem Vater ist.“
„… Sein Vater…“, murmelte Ginta.
Sayoko lehnte sich nach hinten.
„Das ist so ein Punkt. Um unserem Ziel näher zu kommen, sollte sich die Gruppe einfach besser kennenlernen, man sollte keine Geheimnisse mehr voreinander haben und sich vollstes Vertrauen schenken können! Teamwork nennt man das… Es gibt wohl einiges zu erzählen und erklären…“
Ginta nahm einen Bissen von seinem Essen.
„… Und ich finde es gibt einige Dinge zu klären. Ginta du solltest anfangen…“
Sich wundernd schob er eine Augenbraue nach oben.
„Iff?“, sagte er und schluckte hinunter.
„Ich habe so viele Wissenslücken. Was hat es mit deinem Amulett auf sich, wieso reagierte es, wieso landeten ausgerechnet wir zwei in dieser komischen Stadt, wieso … bist du so wie du bist?“
Der weiß-haarige Junge konnte in diesem Augenblick nichts sagen. Ihm wurde klar, dass das wirklich Fragen sind, über die er selbst lieber mal nachdenken sollte.
„Ginta, wir sind doch Freunde…“, murmelte sie, „Das ist der nächste Punkt. Ich verstehe nicht einmal wieso wir in so einer kurzen Zeit so gute Freunde geworden sind.“
Sayoko war so aufgebracht, dass sie ihren Kopf ihre Hände stützte. Es gab so viel zu klären und es gab so viele Fragen, auf die sie keine Antworten bekommen hatte.

„Sayoko, ich…“, fing Ginta an, „Ich verstehe es doch selber nicht. Ich verstehe nicht wieso die Shal meine Eltern umbringen mussten, meine Großmutter und so viele andere Menschen. Ich verstehe ebenfalls nicht, wieso in mir ein Gefühl sitzt, das Angst davor hat euch zu verlieren… Aber was ich verstehe ist, dass es Gründe gibt, wieso ich diese Reise bis zum Schluss durchziehen muss.“
Er sah seinen Freunden direkt in die Augen. In diesem Moment holte er tief Luft und hielt seinen Atem für einen Augenblick an. Er erhoffte sich irgendeine Reaktion von seinen Freunden, welche ihn in seinen Worten bestätigen oder stützen würden. Wenn er seine Reise zu Ende bringen wollte, dann brauchte er seine Freunde einfach.
„Ihr seid ein Grund, wieso ich es schaffe so weit zu kommen… Ohne euch…“
Gintas Blick veränderte sich und seine Stimme wurde leiser.
„Du vermisst sie, nicht wahr?“, meldete sich Shiana auch einmal zu Wort, „Du vermisst Oto und Ryoma.“

Er versuchte zwar etwas zu sagen, doch er konnte nicht. Seufzend senkte er seinen Kopf.
Jumon beobachtete alles still und machte sich seine Gedanken dazu.
„Ryoma habe ich als erstes kennengelernt. Ich bin gerade erst aus meiner Heimatstadt verschwunden und war allein. Wir haben uns schnell angefreundet und er meinte er wäre ein Abenteurer, wie sein Vater. Ab da an wich er nicht mehr von meiner Seite… komisch nicht wahr?“
„Japp…“, murmelte Sayoko abwesend. Sie erinnerte sich an die Person, die sich mit ihr befreundet hatte, nachdem sie ganz allein war. Aishi hieß das Mädchen, das ziemlich viel Hilfe von Sayoko beansprucht hatte, ihr aber im Gegenzug eine überaus wertvolle Freundschaft und Liebe entgegenbrachte. Als Sayoko so zurückdachte, konnte sie Gintas Worte besser verstehen.
„Oto haben wir in ihrer Heimatstadt getroffen. Wir haben sie von diesem… eigenartigen Kerl befreit, keine Ahnung wie er hieß…“
Er machte kurz eine Pause und nahm einen Schluck Wasser. „Kurz darauf trafen wir auch Ama, dann dich Sayoko und dann Jumon… den Rest kennt ihr ja…“
„Ginta…“, fing Sayoko wieder an, „Hast du dir schon jemals Gedanken gemacht warum wir dich alle auf deiner Reise begleiten?“
„Nein, aber ich denke, ich kenne die Gründe… Ryomas Wunsch war es Abenteuer zu erleben wie sein Vater. Bei Oto ist es deswegen, weil sie zum Med-Dorf wollte… Ama wollte uns nicht begleiten weil er auf der Suche nach seinen Eltern war… und bei euch?“
Ginta überlegte. „Jumon bei dir ist es, weil du doch nicht mehr in deinem Dorf sein wolltest, oder?“
Jumon sah Sayoko an.
„… Und du Sayoko weil….“
„Was ist mit Shiana?“, unterbrach die Pink-haarige.
Was war denn mit Shiana? Ginta wusste es selber nicht genau.
Sie nickte ihm nur zu und grinste. War das das Zeichen, es ihnen erzählen zu können?
„Sie ‚kenne‘ ich schon länger als euch alle…“
„Wie meinst du das?“, wunderte sich Jumon, „Du hast sie doch als letzte von allen getroffen, oder nicht?“
„Nein, nicht wirklich“, erwiderte Ginta, „Ich habe sie in meinen Träumen getroffen. Bisher habe ich noch niemandem davon erzählt, aber es war so, dass ich immer wieder von ihr Träumte, wie sie nach mir rief.“
„Das ist wirklich merkwürdig“, gab Sayoko von sich und kratzte sich am Kinn.
„Wieso hast du nach Ginta gerufen, Shiana?“, fragte Jumon.
Sie überlegte kurz.
„Ich… ich weiß nicht mehr genau. Ich wachte in dieser Zelle auf und das Einzige an das ich mich erinnern konnte, war Ginta…“
„Aber ihr habt euch zuvor doch noch nie getroffen?“, wunderte sich Jumon.

Stille.
Wieder einmal eine Frage die nicht beantwortet werden konnte.
„Wieso nur ist alles so verwirrend…?“, beschwerte sich Sayoko, „Was war denn das in dieser Stadt!? Warum sind wir einfach so in einer anderen Stadt gewesen!?“
„In welcher Stadt?“, wunderte sich Jumon mal wieder. „Du hast recht, es gibt einige Geheimnisse die man sich noch erzählen sollte…“
„Als wir auf dem Weg nach Langoria Ite waren, wurden Ginta und ich doch ohnmächtig, nicht wahr?“
„Ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Es war echt schwer euch in die nächste Stadt zu schleppen…“, bestätigte Jumon, der nicht verstand auf was Sayoko hinauswollte.
„Ginta und ich… nun ja, ich kann das nicht wirklich beurteilen, aber für mich kommt es so rüber, als dass wir beide eine Art Zeitreise gemacht hätten.“
„Eine Zeitreise?“
„Ja, so komisch es auch klingt, aber während unserem Sturz muss irgendetwas aktiviert worden sein, was unsere Seelen in der Vergangenheit materialisiert hat… Ich denke dass es mit dem Amulett zu tun hat.“
„Dem Amulett?“, wunderte sich Ginta und zog den kleinen Anhänger unter seinem Shirt hervor.
Er nahm die Kette ab und legte sie auf den Tisch.
Sayoko wollte nach dem Amulett greifen. Zögerlich näherte sie ihre Hand, zuckte jedoch zurück als sie merkte dass das Amulett sich zu ihr bewegte.
„Was….!? Hast du das gesehen, Ginta?“
Ginta nickte erstaunt.
„Mach du das mal, Jumon…“, forderte Sayoko den Jungen auf.
Jumon tat dasselbe, was Sayoko tat und das Amulett reagierte genauso.
„Jetzt du Shiana.“
Shiana wollte zuerst nicht, traute sich dann aber doch und hielt ihre Hand über dem Amulett.
Diesmal bewegte es sich nicht nur, sondern es leuchtete auch schwach.
„Ginta….“
„Hört zu Leute“, verteidigte er sich, „das… das…“
Er seufzte.
„Hast du davon gewusst?“, hakte Sayoko nach.
„Ja, also das ist… also ehm… Das Amulett hat irgendwie immer reagiert, wenn ihr in der Nähe wart. Es hat immer reagiert, wenn euch etwas passiert ist….“
„Das macht doch alles irgendwie gar keinen Sinn!“, brüllte Sayoko, die sich dann jedoch wieder beruhigte, als sie realisierte, dass sie noch im Restaurant waren.
„Doch macht es…“, wandte Jumon ein, „Ich sehe sie, diese Aura. Seit Anfang an schon, doch ich konnte mir nie erklären was das ist.“
„Du verfügst nicht nur über die Fähigkeit Geister zu sehen, sondern auch die Aura zu erkennen?“
„Geister, Seelen, Auren… Es gibt keinen großen Unterschied…“
„Und was siehst du nun?“
„Sayoko, es ist so: Jeder hat seine ganz eigene Aura. Doch bei Ginta ist das sehr eigenartig. Er ist nicht allein in seinem Körper, sozusagen. Aber das ist nicht nur bei ihm so. Shiana hat auch eine merkwürdige Aura – tut mir Leid Shiana…“
„Schon gut, fahr fort“, bat sie und hörte dem Gespräch wieder interessiert zu.
„… Das ist genauso wie mit Myu… Ich kann es mir nicht erklären, aber irgendetwas ist mit ihr…“
Die Katze bekam das Gespräch mit und als sie das hörte, vergrub sie ihren Kopf noch viel weiter in Gintas Tasche.
„Myu? Aber…“, wunderte sich Ginta, beugte sich hinunter und kraulte ihren Rücken.
„Ich habe keine Antworten darauf…“
„Es gibt anscheinend noch viel zu viele Fragen die wir uns einfach nicht beanworten könnte“, sagte Sayoko und seufzte.
„Da magst du wohl Recht haben“, meinte Ginta, „Aber ich denke, auf unserer Reise werden wir genug Gelegenheiten bekommen sie zu beantworten! Darum sollten wir uns nicht solche Sorgen um die vergangenen Ereignisse machen, sondern mit Zuversicht und Hoffnung in die Zukunft blicken…“
‚…Ich werde euch bestimmt wieder sehen, Oto und Ryoma‘, sprach er seine Gedanken zu Ende.
„Ich bin auf deiner Seite Ginta“, unterstützte ihn Shiana.
Jumon nahm einen Schluck Wasser und sagte: „Ich auch!“
„Ich natürlich auch, das wäre wohl gelacht wenn wir das nicht schaukeln könnten!“, lachte Sayoko, die aber nicht von ihren Fragen loslassen konnte. Ob alles wirklich geklärt werden würde?