KKZ: Kapitel 22 – 28

Kapitel 22 – Blizzards und Geister
Kapitel 23 – Gesundheit!
Kapitel 24 – Kumonji der Bär
Zwischenkapitel – Aufblühende Kunst in der Stadt des Steins, alte Freunde und finstere Machenschaften
Kapitel 25 – Blick in die Zukunft
Kapitel 26 – Ginta und Sayoko in der antiken Stadt
Kapitel 27 – Angst um Tod
Kapitel 28 – Sayokos Blut


Kapitel 22 – Blizzards und Geister

„Was ist denn hier los!?“, brüllte eine fremde Stimme.
Unsere Freunde konnten es nicht glauben. Die Tür war weit aufgerissen, es schneite herein, doch niemand, niemand stand an der Tür!
Mit weit aufgerissenen Augen starrten Ginta, Oto und Ryoma, der sich seine blutende Nase hielt, zum Eingang. Die komisch klingende Stimme redete weiter und fragte, was die drei hier machten.
Alle drei waren so erstaunt von diesem Nichts, das sprach. Sie brachten einfach kein einziges Wort aus sich heraus.
„Also echt, wenn das Oya erfährt!“, brüllte diese Stimme und die Tür ging wieder zu.
„Was… war… DAS!?“, wunderte sich Ginta und sah die anderen beiden erschrocken an.
„Bestimmt nur der schwere Schneefall… Er hat die Tür aufgerissen… Bestimmt!“, versuchte Oto das Ganze zu erklären.
„Was redest du da, Otochen? Du hast doch selbst die Stimme gehört…“, erwiderte Ryoma.
Ginta schloss die Augen und überlegte.

Es gab mal eine Nacht, da war er der festen Überzeugung gewesen, dass ein Geist in seinem Zimmer herum spukte. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen und am nächsten Morgen ging er zu Soijitonoma und fragte, ob sie dagegen nicht etwas machen könnte. Sie sah ihn verwundert an, ging in sein Zimmer und er folgte ihr ängstlich. Als sie ankamen, drehte sie sich zu ihm um und sagte: „Jetzt gehen wir auf Geisterjagd.“
Sie stellte sich in die Mitte des Raumes und fing an zu erzählen: „Weißt du, Ginta, wir sind nicht die einzigen Wesen auf dieser Welt. Wir teilen unser Leben mit den Tieren, den Pflanzen, den Wolken, den Steinen, dem Wasser, dem Feuer, der Sonne, dem Mond, den Sternen und den Geistern. Viele Menschen haben Angst vor diesen, weil sie Geister nicht kennen. Geister sind keine Angst einflößenden Monster, die nachts auf der Lauer sind und kleine Kinder erschrecken wollen“, an dieser Stelle lachte sie, Ginta hörte nur gespannt der Geschichte weiter zu, „Geister sind Seelen, die mit uns auf Erden leben. Man sieht sie nicht immer, kann sie nur selten hören, aber auf jeden Fall spürst du sie! Alles, aber auch alles besitzt eine Seele. Es mag sich zwar komisch anhören, ist es aber auf keinen Fall. Es gibt verschiedene Geister, die überall wohnen. In Häusern, auf Feldern, im Himmel zwischen den Wolken, selbst im Wasser leben Seelen. Manchmal machen sich Geister besonders bemerkbar, wahrscheinlich, weil sie spielen wollen. Nun ja…“

An dieser Stelle brachen seine Gedanken ab. Er wusste nicht mehr genau, was sie getan hatte, um diesen Geist aufzuspüren, doch diese Worte waren ihm gut in Erinnerung geblieben.
Geister? Geister? War das gerade eben ein Geist gewesen? Wieso konnte er reden?
Ginta wusste es in diesem Moment nicht.
Als Oto und Ryoma wieder einigermaßen zu sich gekommen waren, standen sie auf und packten ihre Sachen zusammen.
„Was macht ihr da?“, fragte Ginta nach.
„Das, was jeder normale Mensch auch tun würde!“, antwortete Ryoma und warf seine Tasche hektisch über die Schulter.
„Nein! Ich will noch nicht gehen“, widersetzte sich Ginta.
„Aber vorhin erst wolltest du doch die Bergspitze erstürmen“, warf Oto ein. „Was ist los?“
„Ich… Ich weiß es nicht genau, aber… Ich glaube, das war ein Geist…“
„Geister?“, erkundigte sich Oto. „Ich hätte gedacht, so etwas gibt es nur in Geschichten…“
„Ja, Geister! Ich… hatte schon mal Erfahrungen mit Geistern…“
„Geister…? Können wir jetzt endlich verschwinden?“, drängte Ryoma.
„Warte doch mal, Ryoma. Ich finde die Geschichte mit den Geistern interessant…“, wandte Oto ein.
„Nun ja… Das war so…“ Ginta erzählte den beiden die Geschichte mit ihm und seiner Großmutter, bis zu der Stelle, an die er sich nicht mehr erinnern konnte.
„Und wie endet die Geschichte?“, stocherte Oto nach.
„Nun ja… Die nächsten Tage konnte ich dann beruhigt schlafen. Ich spürte auch nie wieder was von diesem Geist…“
„Deswegen bleiben wir…“
In diesem Moment ging die Tür ein weiteres Mal auf, aber diesmal stand nicht Nichts dort, sondern ein Mensch.
„Oje, drei verirrte Wanderer, die in meinem Haus nach Unterschlupf suchen…“, sagte eine kindliche Stimme. „Ogata, ich sagte doch bereits, dass du dich nicht jedes Mal so aufregen sollst.“
„Aber…“, redete wieder diese Stimme von vorhin.
„Nichts aber!“, endete der Junge mit orangefarbenem Haar das Gespräch. Er schritt ins Zimmer rein, zog seine Jacke aus und tat so, als wäre nichts gewesen.
Ginta, Ryoma und Oto schauten diesen verwundert an.
„Fühlt euch wie zu Hause, aber verschwindet so schnell es geht…“, sagte dieser kalt.
„Oya!“
„Du sollst leise sein, Ogata! Gib mir lieber das Buch aus dem Schrank, das ich gerade lese…“
„Ja, von mir aus…“, sagte diese Stimme brummig.
Plötzlich bewegte sich ein Buch im Schrank und schwebte Richtung Schreibtisch, an dem sich der Fremde hinsetzte.
Ginta stand auf und ging zum Schreibtisch.
„Entschuldigung…“, fing Ginta an zu fragen, „Dir gehört dieses Haus?“
Der Junge musste wohl jünger als Ginta sein. 
Er sah Ginta mürrisch an und meinte: „Wem soll es sonst gehören?“
Ryoma hielt es nicht aus, er war kurz davor aufzustehen und diesem Jungen eine Kopfnuss zu verpassen. So ging man doch nicht mit Älteren um!
Ginta fragte weiter: „Du… hast die Fähigkeiten mit Geistern zu reden?“
„Ogata, zeig dich…“, murmelte er und wandte sich wieder seinem Buch zu. „Du weißt, was du tun musst?“
„Geht klar, Oya! Hihihihihi!“, lachte der kleine Geist.
Die drei schauten sich um, bisher war noch nichts zu sehen. Aber allmählich konnte man etwas Komisches auf dem Bett erkennen. Auf einem Mal saß dort ein kleiner Geist. Er besaß Arme und Beine, jedoch keine Füße oder Hände. Sein Kopf war im Gegensatz zu seinem Körper groß und seine eisblaue Haut leuchtete ein wenig auf. Seine großen tiefschwarzen Augen beobachteten Ginta, Oto und Ryoma.
„Ich fasse es nicht… Ein… Geist!“, rief Ryoma verblüfft.
„Ist der niedlich!“, gab Oto begeistert von sich.
„So sieht also ein Geist aus…“, nuschelte Ginta.
„Hey! Oya! Wieso sind die nicht erschrocken!? Die sollten doch in die Hose pinkelnd wegrennen! Oya!“, ärgerte sich der kleine Geist.
Von dem Jungen konnte man nur ein genervtes Brummen hören.
„Verschwindet endlich! Oya will seine Ruhe!“, versuchte Ogata die anderen zu verscheuchen.
Oto kam ihm näher und stupste ihm auf den Kopf.
„Der ist ja weich…“, erkannte sie.
„Weich? Lass mich auch mal!“, quengelte Ryoma, der daraufhin auch zu Stupsen begann.
Ginta hingegen fasste sich nur an die Stirn: „Hört doch endlich auf und lasst diesen Geist in Ruhe… Tut mir Leid, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“
Ginta wandte sich wieder zu dem Jungen.
„Ginta mein Name… Und du bist?“
„Jumon… Jumon Butsu…“, säuselte Jumon.
„Schön, dich kennen zu lernen und vielen Dank, dass du nicht sauer auf uns bist, weil wir einfach so dein Haus betreten haben…“
„Ach, das juckt mich nicht… Das haben schon viele vor euch getan und werden es auch wieder tun.“
Erstaunt sah Ginta ihn an. In ihm machte sich wieder so ein komisches Gefühl breit.
‚Schon wieder so ein komisches Gefühl?‘, dachte er, ‚Dieses Gefühl… Oder kribbelt es nur in mir, weil ich zum ersten Mal einen Geist sehe? Das muss es sein!’
Ginta atmete einmal tief ein und fuhr sich durchs Haar.
Oto und Ryoma saßen auf dem Bett und betrachteten Ogata weiter.
Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür und ein junges Mädchen, es musste in Jumons Alter sein, betrat das Zimmer und wunderte sich erstmal über die „Gäste“, die Jumon hatte. „Hallo Jumon! Ich habe hier dein Abendessen… Wer sind denn die drei?“
Sie ging an Ginta vorbei, stellte sich neben Jumon und legte eine kleine Box auf den Schreibtisch.
„Schon wieder am Lesen? Was für eine Geschichte ist es denn heute?“, fragte sie neugierig.
Sie setzte sich mit aufs Bett und wartete gespannt auf das, was Jumon sagte.
„Hallo Sabî!“, freute sich Ogata und schwebte auf ihren Kopf.
„Schön, dich zu sehen, Ogata“, grinste sie.
„Hör zu, Sabî“, begann Jumon mit dem Erzählen. „In diesem Buch geht es um einen jungen Kerl, der, als er auf einer Wanderung ist, ein komisches Kästchen findet, in dem ein Puzzle ist. Von diesem wird erzählt, so findet er heraus, dass derjenige, der es löst, eine uralte Waffe erwecken kann! Auf seiner weiteren Reise begegnet er einer jungen Wissenschaftlerin und…“
Er sah Ginta, Oto und Ryoma an, die ihm neugierig zuhörten und wurde leicht rot im Gesicht.
„Und dann?“, fragte Sabî nach.
„Verlie…b… Ich kann nicht, wenn ihr drei zuschaut!“
Ginta sah zu Oto und Ryoma hinüber und musste anfangen zu lachen.
„Das… Das ist nicht witzig!“, verteidigte sich Jumon. Er stand auf und näherte sich Sabî. Er war immer noch rot im Gesicht und flüsterte Sabî etwas ins Ohr.
„So ist das also…“, murmelte sie.
„Ist das nicht niedlich…“, kicherte Oto.
„Was ist niedlich?“, fragte Ogata neugierig, der gerade in Anflug war.
„Merkst du das denn nicht?“
„Ja, was meinst du? Du redest doch wohl nicht über Oya?“
„Nicht nur…“ Oto kicherte wieder und flüsterte weiter: „Schau sie dir doch an.“
Jumon setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und öffnete die Box. Mit dem Löffel in der Hand machte er sich an das Abendessen, dass Sabî ihm mitgebracht hatte.
„Du, Sabî…“, mampfte er, „Gibt es Neuigkeiten im Dorf?“
Ginta setzte sich nun auch auf den Boden und lehnte sich zurück.
‚Ich will wissen, wieso er so gelassen mit unserer Anwesenheit umgeht…‘, dachte sich Ginta.
„Seit meinem letzten Besuch gestern Abend ist nichts Besonderes passiert, Jumon.“ Als Sabî das sagte, musste sie anfangen zu lachen.
Sie strich sich mit ihrer Hand durch ihr langes, dunkelbraunes Haar.
„Was ist daran lustig!?“, ärgerte sich Jumon.
„Ach, nichts“, grinste sie.
„Hier in der Nähe ist ein Dorf? Otochen, vielleicht finden wir dort eine gute Unterkunft…“, drängte Ryoma.
„Wäre schön, wenn es dort eine gäbe, Ryoma. Jumon, gibt es in dem Dorf eine Herberge?“, erkundigte sich Oto.
Als er die Frage hörte, wandte er sich von Oto ab und widmete sich wieder seinem Buch.
„Hey! Lasst Oya mit dem Dorf in Ruhe!“, rief Ogata beschützend.
„Wieso? Was hat Otochen gemacht?“, wunderte sich Ryoma, „Außerdem hat er das Dorf doch gerade selbst erwähnt…“
„Es tut mir Leid“, entschuldigte sich Sabî. „Jumon ist nicht gut aufs Dorf zu sprechen… Da…“
„Sabî, es reicht…“, erwiderte er. „Ich muss langsam damit klarkommen…“
„Oya!“ Ogata fing fast zu weinen an.
Ginta raffte sich auf.
‚Ein Junge, der mit Geistern redet, ein Dorf, auf das er nicht gut zu sprechen ist, das Mädchen, da steckt doch was dahinter…‘
Ginta machte sich weiter Gedanken über Jumon und seine Umstände.
„Ich lebe in einem Dorf, etwas weiter oben auf dem Berg, mit dem Namen Shimedashi… Jumon wurde, als er noch kleiner war, wegen seiner Fähigkeiten mit Geistern zu reden aus meinem Dorf verbannt…“
Es reichte Jumon, er stürmte aus seinem eigenen Haus, gefolgt von Ogata. Wut und Trauer brachten ihn dazu.
„Jumon! Warte doch!“, rief ihm Sabî nach und stand auf.
„Sabî, bitte erzähl die Geschichte weiter…“, bat Ginta.
„Aber Jumon…“, flüsterte sie und setzte sich hin. „Wo war ich stehen geblieben?“
„Bei seinen Fähigkeiten“, erinnerte Ryoma sie.
„Genau… Also, Jumon wurde, als er noch kleiner war, von den Dorfbewohner verbannt, da er die Fähigkeit hatte, mit Geistern zu reden. Nach ein paar Ereignissen mit Geistern hatten die Dorfbewohner genug, und verjagten ihn. Seitdem lebt er hier mit seinem kleinen Geisterfreund Ogata in dieser Hütte. Er liest sehr viel… Und ich bringe ihm jeden Tag Essen… Meine Familie steht hinter ihm… Wir haben nie gedacht, dass er ein komischer Junge ist…“
„Du liebst ihn, stimmt’s?“, schoss es aus Oto heraus.
Plötzlich wurde Sabî ganz rot im Gesicht und stotterte: „N… N… Nein! S… So ist das nicht!“
Ginta wusste, was er zu tun hatte. Er nahm sich seinen Umhang und ging ebenfalls raus.
Was unsere Freunde nicht bemerkten, war, dass ein heftiger Blizzard tobte, was Ginta aber nicht störte.
„Ginta, wo willst du hin?“, fragte Ryoma noch, aber schon war er verschwunden.
„Er wird doch wohl nicht…“, wunderte sich Sabî.
„Anscheinend schon…“, lachte Oto.
Da stand Ginta nun, inmitten eines brutalen Blizzards. Jumon war nur mit einem T-Shirt bekleidet und Ogata saß auf seinem Kopf.
„Jumon… Ist die Geschichte wahr?“
Er drehte sich zu Ginta um, als er dies hörte. „Ja, sie IST wahr!“
Tränen liefen ihm übers Gesicht.
„Schau doch mal, was du Oya angetan hast! Das nur wegen euch!“, rief Ogata empört.
Ginta näherte sich Jumon und legte ihm seine Hand auf die Schulter.
„Ich weiß, wie es ist, allein zu sein… Ich kann dich gut verstehen…“
„Kannst du eben nicht! Du weißt nicht, wie schmerzhaft es ist, von seiner Heimat vertrieben zu werden! Von allen gehasst zu werden!“, schrie Jumon ihn an.
Ginta stand geschockt da, denn in diesem Moment konnte er seinen Schmerz, seinen tiefen Hass spüren.
„Was kümmert es dich, wenn diese Menschen dich hassen? Bedeuten sie dir etwas?“, hakte Ginta nach.
Jumon sah ihn an. Tränenüberströmt antwortete er: „Natürlich bedeuten mir diese Menschen nichts! Ich kann doch keine Menschen mögen, die mich hassen!“
„Siehst du, warum machst du dir dann so einen Kopf darüber? Außerdem gibt es Menschen in dem Dorf, die dich lieben… Sabî und ihre Familie! Zudem hast du doch auch noch Ogata.“
„So… habe ich das noch nie gesehen…“
„Du hast gar keine Gründe, dich so fertig zu machen… Ich hoffe, du verstehst, was ich meine…“
„Aber… Ich…“
„Hör auf, dich so fertig zu machen, nur weil es Menschen gibt, die dich nicht leiden können! Achte auf die Menschen, die dich leiden können!“
Stille.
Jumon stand nur da und starrte Ginta an, dessen Augen leuchteten wortwörtlich.
„Ich weiß nicht, was du an dir hast, aber ich spüre es schon die ganze Zeit! Du… bist ein besonderer Mensch… Jumon!“
„Oya…“, fügte Ogata hinzu.
Jumon fing plötzlich laut zu lachen an.
„Was… Was ist denn los?“, fragte Ginta verwundert.
„Ginta… Du… hast einen netten Geist, weißt du das?“
„Einen Geist?“, wunderte er sich. „Ich habe einen Geist?“
„Ja… Du hast in dir einen Geist, neben deiner Seele, ich kann es gut erkennen. Als du gerade so willenskräftig mit mir geredet hast, hab ich es genau gesehen, wie beide Seelen gleichzeitig aufgeflackert sind…“
„Zwei… Seelen?“
„Ginta, du bist der, der etwas Besonderes an sich hat!“
Der Blizzard legte sich langsam. Jumon ging an Ginta vorbei, wahrscheinlich um wieder in sein Haus zu gehen.
„Danke dir…“, flüsterte er, als er vorbei ging.
„Hab ich doch gern gemacht…“, war Gintas Antwort.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Ryoma kam herausgesprungen.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Jumon verblüfft.
Ryoma rieb sich den Kopf und sagte: „Oto hat mir eine Kopfnuss verpasst… Autsch… Dann bin ich aus Versehen auf Myus Schwanz getreten… Die fing dann an, mich zu kratzen und zu beißen!“
Ginta und Jumon mussten anfangen zu lachen.
„Was hast du denn wieder getrieben, Ryoma?“, fragte Ginta amüsiert.
„Weißt du, Ginta…“ Er wirkte ein wenig schüchtern. „Ich habe mich mit Oto unterhalten und dann… Ähm…“
„Ok, lass es, Ryoma!“ Er lachte weiter. „Ich glaube, ich verstehe!“

In der Zwischenzeit schaffte es Sayoko endlich, nachdem der Blizzard nachgelassen hatte, den Toge Michi zu durchqueren. Erschöpft setzte sie sich auf einen Stein, der ihr gerade am nächsten war.
„Wann… wird das endlich aufhören?“, schnaufte sie und stampfte nach einer kleinen Pause weiter durch den Schnee.
Es würde nicht mehr lang dauern, dass Sayoko Jumons Haus erreicht hatte und somit auch Ginta, Oto und Ryoma. Dann würde diese nervige Verfolgungsjagd endlich ein Ende nehmen.
Aber dann würde wieder diese Fragerei anfangen, was sie da eigentlich machte.
Es handelte sich nicht mal mehr um Stunden, bis sie endlich wieder aufeinander treffen würden.


Kapitel 23 – Gesundheit!

So machte sich Sayoko nach ihrer kurzen Verschnaufpause wieder auf den Weg. Die Fußspuren, die Ginta, Ryoma und Oto hinterlassen hatten, waren schon längst wieder verschwunden. Pech für Sayoko. Ihr fiel es dadurch schwerer, eine feste Richtung zu finden.
Genervt biss sie von einem Stück Brot ab, dass sie sich auf dem Schiff hatte mitgehen lassen.
„Hoffentlich…“, mampfte sie, „…finde ich sie bald!“

Vor Jumons Haus waren immer noch Ginta, Jumon und Ryoma. Mittlerweile wurde es auch ihnen zu kalt und sie beschlossen, wieder rein zu gehen. Jumon hatte seinen Schlüssel auf seinem Schreibtisch liegen lassen. Deswegen mussten sie anklopfen, um die Tür öffnen zu lassen. Doch leider, nachdem Ryoma ein paar Mal angeklopft hatte, kam keine Reaktion von den Mädchen, die im Haus warteten.
„Lasst uns doch endlich rein!“, schimpfte Jumon.
Wieder kam keine Reaktion.
„Ogata! Sabî! Das ist nicht witzig!“
„Oto! Bitte!“, rief auch Ginta.
„Los, Myu! Rette Ginta!“, sagte Ryoma, der daraufhin anfing laut zu lachen.
„Ryoma, hör auf mit den Witzen…“, beschwerte sich Ginta.
Jumon stöhnte und lehnte sich mit seinem Rücken gegen die Tür. Genervt biss er sich auf den Daumen.
Ginta und Ryoma sahen erst ihn an, dann blickten sie sich gegenseitig an und zuckten mit der Schulter.
„Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, unterbrach Jumon die Stille.
Er schloss seine Augen, faltete die Hände zu einer komischen Form zusammen und flüsterte etwas für Ginta und Ryoma Unverständliches.
Im Zentrum seiner Hände leuchtete es ein wenig und danach hörte Jumon auch schon wieder damit auf. Nun ging er von der Tür weg und wartete.
„Jumon?“, erkundigte sich Ginta, „Was hast du da gerade gemacht?“
„Werdet ihr gleich sehen“, antwortete er stolz.
Wieder sahen sich Ginta und Ryoma verwundert an.
Nach einigen Sekunden Wartezeit rüttelte etwas am Schlüsselloch.
„Das ist doch nicht etwa…?“, wunderte sich Ryoma.
„Doch… Ich habe gerade einen Geist gebeten, die Tür zu öffnen. Gerade hat er den Schlüssel von meinem Schreibtisch geholt und schließt nun diese Tür auf. So verwunderlich?“, grinste Jumon.
„Du hast eine bemerkenswerte Fähigkeit, Jumon…“, bemerkte Ginta und betrachtete weiter das Schlüsselloch.
„Danke!“, antwortete dieser und wurde leicht rot im Gesicht.
Die Tür öffnete sich, Jumon betrat gefolgt von Ginta und Ryoma nun wieder das Haus. 
„Sabî! Was sollte das gerade eben?“, ärgerte er sich. Genau in diesem Moment kam Ogata ihm entgegen geflogen: „OOOOOYA! Die haben mit mir gaaaaaaanz schlimme Dinge gemacht!“
„Nur ruhig, Ogata…“, war seine Antwort. „Was haben die beiden gemacht?“
Ginta setzte sich wieder neben den Schreibtisch auf den Boden. Ryoma ließ sich neben Oto und Sabî auf dem Bett nieder. Eingeschüchtert rutschte er so weit weg von Oto, wie es nur möglich war.
„Du weißt doch“, fing Ogata an, „wie gern Sabî ihren bösen ‚Charme’ spielen lässt!“
Jumon fing an zu lachen: „Doch nicht schon wieder die Geschichte!“
Von Neugier getrieben, wollte Ginta schon fragen, was das für eine ‚Geschichte‘ war, aber komischerweise ließ er es bleiben.
„Also gut… Lassen wir das… Wir können froh darüber sein, dass wir draußen nicht eingefroren sind“, gab Jumon lässig von sich und setzte sich wieder an den Schreibtisch.
„Ähm… Jumon?“, fragte Ginta, „Könnten wir heute bei dir übernachten? Ich… würde mich gern noch mehr mit dir unterhalten…“
„Über was denn?“, wollte Jumon wissen.
„Ich möchte mehr über die Geister lernen… Auch will ich dich näher kennen lernen. Du bist eine interessante Person.“
Jumon schaute Ginta an, grinste und kraulte sich verlegen hinterm Kopf. Er wurde auch leicht rot dabei.
„Wenn ihr unbedingt wollt… Sabî, möchtest du auch hier schlafen? Ich könnte ja einen Boten ausschicken…“ Als er das sagte, grinste er Ogata an.
Von dieser Frage total verwundert, antwortete sie: „Na klar! Ogata… würdest du?“
Sie sah ihn wieder so anschmeichelnd an und er konnte einfach nicht widersprechen.
„Ok, ich mache es, aber nur, weil du Sabî bist… Und deine Eltern mich und Oya leiden können!“
Noch grinsend flog er durch die Tür, ließ jedoch, als er draußen war, den Kopf hängen.
Jumon stand in der Zwischenzeit auf und bereitete alles Nötige für den kommenden Abend vor. Das eine Nebenzimmer, so erkannte Ginta, war das Bad. Das andere jedoch war ein fast leer stehendes Zimmer. Aus dem Schrank, der in diesem Zimmer stand, holte Jumon ein paar Decken heraus und legte sie schön sauber auf den Boden. Anscheinend sollte das der Schlafbereich werden.
Jumon beschäftigte sich noch weiter in diesem Nebenzimmer. Währenddessen machte sich Ginta weiterhin Gedanken über Jumon. Oto quatschte mit Sabî und Ryoma sah dem flackernden Feuer im Kamin zu.
Nach einiger Zeit kam dann Ogata wieder zurück und alle sahen ihn mit großen Augen an. Gespannt warteten alle auf eine Antwort von ihm.
Er hob seinen Kopf und sah alle mit großen, glitzernden Augen an.
„JA! Sabî darf diese Nacht hier bleiben! Saaaabî!“, sang er, „Hast du gehört Oya?“
Jumon, der schon längst mit seiner Arbeit fertig war, umarmte ihn fest.
„Daaaaaanke, Ogata!“, bedankte er sich.
„Ach… Das hab ich doch gern gemacht, Oya, hehe.“
Oto kramte etwas aus ihrer Tasche und meinte: „Ich habe ziemlichen Hunger, wollt ihr auch was?“
Sie holte Brot, Käse und Schinken aus ihrer Tasche und begann, von allem etwas abzuschneiden. An jeden gab sie etwas ab und biss auch selber kräftig ins Brot.
So verging der Abend recht rasch.
Oto unterhielt sich, wie zuvor auch, die ganze Zeit mit Sabî. Diese erzählte ihr viel über das Dorf und wie die Menschen hier oben, in den eisigen Regionen, lebten. Ginta unterhielt sich wie versprochen mit Jumon. Jumon berichtete ihm alles, was er von Geistern wusste, alles, was er in Büchern darüber las und auch über seine eigenen Erfahrungen.
Er erzählte weiter: „Was könnte ich noch sagen? … Ach, genau! Ich weiß, dass Geister in verschiedenen Klassen und Kategorien eingeteilt werden. Zuerst die Kategorien. Da gibt es zum einen die Elementaren Geister, die mit uns auf dieser Welt leben und durch ihre Kraft uns auch Energien schenken. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl anderer Geister, wie verlorene Geister. Das sind Geister von verstorbenen, die nicht realisiert haben, dass sie gestorben sind und so ziellos an der Oberfläche der Erde herumwandeln. Und dann gibt es noch viele andere Kategorien von Geistern…“
Er machte eine kurze Pause und fuhr fort: „Die Klassen werden durch die Größe der Geister bestimmt. Die größten Geister, die es gibt, sind von der Stufe 1 und je kleiner die Geister sind, desto größer die Zahl. Eine einfache Logik.“
Er wurde kurz von Ginta unterbrochen: „Und wer hat diese Klassen bestimmt?“
„Gute Frage“, sagte Jumon. „Früher gab es vor dem großen Krieg in den antiken Ländern so genannte ‚Kuchiyose-Meister‘, die eng mit Geistern in Verbindung standen und sich näher mit diesen beschäftigten. Diese Menschen sind aber in unserer jetzigen Zeit schon längst ausgestorben. Diese Kuchiyose-Meister studierten die Geister gründlich und teilten sie in Kategorien und Klassen auf. In üblichen Bibliotheken sollten eigentlich noch solche alten Schriften vorhanden sein.“
„Du hast einige Bücher in deinem Schrank“, stellte Ginta fest. „Sind davon auch Einige mit alten Schriften?“
„Natürlich… Es ist spannend zu lesen, was diese Meister alles herausgefunden haben. Ich sehe da mehr und mehr Parallelen in unserer jetzigen Welt.“
Jumon konnte nicht aufhören weiterzuerzählen. Er war schon so in Fahrt gekommen und man merkte, wie begeistert er über dieses Thema redete.
„Was meinst du mit Parallelen?“
„Also, Ginta… Das ist so: Die alten Meister haben schon vorhergesehen, wie die Jetzt-Menschen mit Geistern umgehen werden. Sie sahen, dass mehr und mehr Menschen die Geister fürchten würden und erahnten somit, dass die Menschheit eines Tages nichts mehr mit ihnen zu tun haben will… Das beste Beispiel bin ich… Ich wurde aus meinem Dorf verstoßen, nur weil ich die Fähigkeit besitze, mit Geistern zu reden. Sie verstehen einfach nicht, was die Geister eigentlich wollen!“ Er klang nun ein wenig wütender. „Die Geister sehnen sich wieder danach, mit Menschen in einer Gemeinschaft leben zu können… Sie wollen nicht mehr ignoriert werden! Aber die Menschen verschließen einfach nur ihre Augen vor der Wirklichkeit und behaupten, dass Geister böse Kreaturen seien, die die Menschen nachts heimsuchen!“
„Oya…“, sagte Ogata und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
Ginta fühlte sich sehr angesprochen. Er hatte ja selbst als kleines Kind panische Angst vor diesem Geist in seinem Zimmer gehabt und beschimpfte es sogar als böses Unwesen. Er, wie auch der Rest der Menschheit, verschloss seine Augen vor dem Wahren. In diesen Momenten spürte er genau, wie viel Willenskraft, Schmerz und Hoffnung in Jumon steckte. Er wurde einfach dieses besondere Gefühl nicht los, dieses, das er einfach nicht beschreiben konnte.
Ginta fasste unauffällig an sein Mal und forderte Jumon mit einer Handbewegung auf, weiter zu reden. Mittlerweile hörten auch Ryoma und Oto gespannt dem Gespräch zwischen Ginta und Jumon zu. Mit ihren Armen den Kopf stützend, saßen sie auf dem Bett und lauschten.
„Ich möchte einfach nicht mehr, dass Geister von Menschen so behandelt werden!“
Dieser Satz legte einen Schalter in Ginta um.
‚… so behandelt werden…‘
Vor seinem Auge sah er wieder die Bilder der letzten Momente von Soijitonoma. Er sah, wie die zwei Shal höhnisch lachten. Er sah, wie viele Menschen andere umbrachten. Er sah auch Jumon, wie er allein mit Ogata auf dem Kopf im Schnee stand und weinte.
„Jumon!“, schoss es wie aus einer Kanone aus ihm heraus, „Willst du nicht mit uns reisen? Auf der Reise kannst du sicherlich noch viel mehr lernen, noch viel mehr Geister treffen und du kannst es schaffen, die Menschen davon zu überzeugen, wieder Kontakt mit Geistern aufzunehmen! Oto, Ryoma, Myu und ich sind ziemlich alleine auf der Reise und mich würde es wirklich freuen, wenn du mit uns kommen würdest!“
„Ja, bitte Jumon!“, fing auch Ryoma an.
„Willst du nicht auch mit, Sabî?“, fragte Oto.
„Die meisten Dorfbewohner wollen ja sowieso nichts mit dir zu tun haben, also was soll’s? Komm mit uns, wir mögen dich!“ Mit all seiner Kraft wollte Ginta Jumon davon überzeugen, mitzukommen.
Dieser jedoch ließ seinen Kopf hängen. Für einen Moment dachten alle, dass er „Nein“ sagen würde, aber es kam nicht so, wie alle erwarteten.
Er hob seinen Kopf und die ersten Tränen kullerten über sein Gesicht.
„Ich würde zu gerne mit euch mitgehen!“, schrie er fast, „Aber… Sabî… Was ist mit dir?“
Es hätte ihr das Herz zerreißen können. Zum einen vor Trauer, da Jumon ja vorhatte, von hier zu verschwinden, zum anderen vor Freude, da sie Jumon noch nie so glücklich gesehen hatte.
„J… J… Jumon…“, stotterte sie.
Oto erkannte sofort was kam und gab Ryoma und Ginta komische Handzeichen, die die beiden erst verstanden, als Oto ins Nebenzimmer verschwand. Als die drei von der Bildfläche verschwunden waren, kam alles raus.
Sabî stotterte weiter: „J… J… Jumon… Ich…“
„Sabî, was ist denn?“, fragte er verwirrt.
Auch sie fing an zu weinen: „Jumon… Ich… liebe dich!“
Das war ein heftiger Schock für Jumon. In diesem Moment erwärmte sich sein Herz und er fühlte sich total leicht. Sein Kopf errötete und er wusste nicht, was er zu sagen hatte.
„Warum hast du das nicht früher gesagt?“, war das Einzige, was ihm einfiel.
„Ich möchte, dass du glücklich bist, ich möchte, dass du in die Welt hinausgehst! Ich bleibe hier und wache über deinen Schatz…“, antwortete sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Pure Kraft und Hoffnung konnte man in ihren Augen sehen.
„Eines Tages kommst du wieder zurück und ich warte hier auf dich! In der Zwischenzeit werde ich ganz Shimedashi davon überzeugen, dass du kein schlechter Mensch bist! Wenn du wiederkommst, wirst du der glücklichste Junge auf der ganzen Welt sein!“
„Sabî…“ Jumon wurde förmlich von ihrer geballten Willenskraft erschlagen.
Oto konnte es nicht lassen und spitzelte durch einen kleinen Spalt in der Tür. Ginta und Ryoma machten mit und hörten gespannt dem Gespräch zu.
„Sabî“, flüsterte er und kam ihr näher, „Danke, dass du dies alles für mich tust…“
„Ju…“ Sie konnte nicht zu Ende reden, denn in diesem Moment berührten Jumons Lippen ihre sanft.
Beide hörten das leise Atmen des anderen, spürten die warmen, weichen Lippen des anderen und fuhren sich gegenseitig durchs Haar. In diesem endlos erscheinenden Atemzug passierte für die zwei so viel.
Oto musste sich bemühen, Ogata nicht dazu zu bringen, dies mit anzusehen.
Jumon und Sabî hielten es aber nicht lange aus und ein starkes, kribbelndes Gefühl brachte sie dazu, aufzuhören. Ein warmes, wohliges Gefühl durchströmte beider Körper.
Als Jumon sich auf sein Bett setzte, erkannte Oto sofort die Situation. Die Liebesberaterin in Spe schloss sofort leise die Tür und meinte: „Das… ist nicht für unsere Augen und Ohren bestimmt.“
Dabei kicherte sie und legte sich auf ihre Decke.
Ginta und Ryoma sahen sie sehr verwundert an und setzten sich still auf den Boden. Ohne ein Wort zu verlieren stimmten sie Oto auf eine gewisse Weise zu.
In der Zwischenzeit fing Jumon an, sich mit Sabî ausgelassen über ihre Vergangenheit, die Gegenwart und ihre Zukunft zu reden. Sabî fand es einerseits natürlich sehr schade, dass sich Jumon entschloss mit Ginta und seinen Freunden weiterzureisen. Aber andererseits freute sie sich riesig, weil sie wusste, dass Jumon endlich ein neues Ziel hatte und die Dorfbewohner komplett vergessen konnte.
Die anderen drei machten es sich schon mal gemütlich und schliefen sanft ein. Der Weg bisher war ja schon recht anstrengend gewesen. Außerdem wollten sie Sabî und Jumon nicht mehr stören.
Oto überlegte sich die ganze Zeit vor dem Einschlafen, wie schön es war sich die Liebe zu gestehen und freute sich für Jumon und Sabî. Ryoma schlief sofort ein und merkte im Schlaf nicht, dass er mit Myu kuschelte, die wohl neben dem Falschen einschlief. Ginta ging die ganze Zeit die Geschichte mit dem Geist in seinem Zimmer durch den Kopf. Was war das für ein Geist gewesen? Was hatte er von Ginta gewollt? War er immer noch in dem alten Haus? Diese Gedanken hielten ihn noch für einige Zeit wach.

Ginta streifte durch den Wald. Ein kleiner Weg führt ihn letztendlich an einen verschneiten Abhang. Auf einem Felsen, der dort war, saß ein Mädchen mit langen Haaren. Der Mond, der schien, tauchte den ganzen Schnee in ein leuchtendes weiß. Er setzte sich neben das Mädchen auf den großen Felsen. Es sprach nicht, sah ihn nicht mal an, nein, es bemerkte ihn sogar nicht.
Ein angenehm warmer Wind wehte, Ginta bekam aus irgendeinem Grund Herzklopfen. Er brachte es einfach nicht zustande, dem Mädchen ins Gesicht zu sehen.
Die Hand des Mädchens bewegte sich langsam seiner entgegen und berührte sie dann. Behutsam streichelte sie ihm über seine Finger und seinen Handrücken.
Ginta wurde heiß und kalt gleichzeitig, alle möglichen Gefühle schossen durch sein Herz. Wie geschockt saß er steif da und brachte kein Wort heraus. Das Einzige, was ihm übrig blieb, war, den wundervollen Vollmond anzustarren.
Doch plötzlich verformte sich der Vollmond und der Kopf von Ogata war zu erkennen, der keck Ginta angrinste. Auch das Mädchen verschwand; die Bäume und der Schnee ebenso.
Im nächsten Moment sah sich Ginta in dem Schlafraum sitzend. Ogata grinste ihn an und meinte: „Du hast aber interessante Träume!“
„Du… warst in meinem Traum?“, erkundigte sich Ginta und gähnte herzhaft. Er sah aus dem Fenster und merkte, dass es noch mitten in der Nacht war.
„Japp… War ich! Geister lernen schon seit Anbeginn der Zeit so mit Menschen zu kommunizieren…“
„Dann…“, murmelte Ginta, „Ist dieses Mädchen… vielleicht der Geist aus meinem Zimmer?“
Ogata hatte dazu nichts zu sagen und grinste einfach weiter.
Nach so einem Traum konnte Ginta einfach nicht weiterschlafen. Er bemerkte, dass es zog. Also stand er auf, um herauszufinden, warum dies so war.
Als er sich der Tür näherte, kam er an Ryoma und Oto vorbei, auch an Jumon und Sabî, die miteinander auf Jumons Bett lagen und schliefen.
Er öffnete die Tür und bemerkte, dass die Eingangstür offen stand. Er musste an Jumons Bett vorbei, schloss die Tür und auf dem Rückweg hörte er etwas schnarchen.
Er bemerkte nicht, dass vor Jumons Kamin eine fremde Person schlief, kümmerte sich nicht weiter darum und legte sich wieder Schlafen.

Am nächsten Morgen wachte Oto als Erste auf. Sie ging gleich nach draußen, um ein wenig frische und auch eiskalte Luft zu schnappen. Aber als sie am Kamin vorbeiging, merkte sie, dass davor jemand schlief. Sie erkannte erst nicht, wer das war, zog die Decke vorsichtig weg und stupste auf dem Hinterkopf dieser Person herum. Da diese daraufhin nicht aufwachte, ging Oto trotzdem erst mal nach draußen. Dort genoss sie nicht nur die frische Luft, sondern holte auch etwas Schnee herein. Immer noch ohne zu wissen, wer das war, formte sie den Schnee zu einer Kugel und betrat dann wieder das Zimmer.
Vorsichtig schlich sie um das Bett herum und wartete auf den richtigen Moment. Wie ein Panther, der auf der Lauer war, duckte sie sich.
Als sich die Person umdrehte sprang sie auf und warf ihr den Schneeball direkt ins Gesicht, worauf die Person aufschreckte und brüllte: „Wer, verdammt, hat mich geweckt!?“
Wütend strich sich die Frau mit langen rosa Haaren den Schnee aus dem Gesicht. Oto riss ihre Augen weit auf: „D… D… Du bist das!? Die Wahrsagerin!? D… Du warst doch auch auf dem Kreuzer!“
„Da hab ich ja genau die Richtige erwischt!“, erwiderte Sayoko. „Wo bleibt mein Geld?“
Das Bett knackste und Sabî stand auf. Sie rieb sich ihre Augen und fragte verschlafen: „Was schreit ihr hier denn so?“
Sabî realisierte noch gar nicht, dass Sayoko im Raum war.
„Gib mir jetzt endlich mein Geld, Kleines!“, maulte Sayoko Oto an.
„Aber das hab ich Ihnen doch schon gezahlt!“, verteidigte sie sich.
„Sieze mich nicht! So alt bin ich gar nicht!“
„Ich hatte Ihnen das Geld doch auf den Tisch gelegt, als wir gingen! Haben Sie das nicht gesehen? Es muss wohl heruntergefallen sein…“, überlegte sie.
„Ich habe das Geld nicht bekommen! Das ist Fakt, Kleines!“
„Jetzt beruhigt euch erstmal!“, warf sich Sabî dazwischen. „Erstens: Wer sind Sie!? Zweitens: Seid leiser! Die Jungs schlafen noch…“
„Was macht ihr da?“, meinte Ginta plötzlich, der die Tür zum Nebenraum öffnete. Dann nieste er einmal kräftig, wodurch auch Jumon und Ryoma aufwachten.
„Ihr seid doch wohl nicht etwa krank?“, wunderte sich Oto.
Und dann fing es an. Jumon, Ryoma und Ginta fingen das Niesen und das Husten an, als wäre das eine olympische Disziplin.
„Oh, seid ihr etwa krank?“, fragte Sabî und bekam als Antwort nur weiteres Husten zu hören.
„Gut, dass ich bald meine Ausbildung im Med-Dorf anfange“, gab Oto stolz von sich.
„Was für ein Med-Dorf?“, wunderte sich Sabî.
„Ja, das erkläre ich dir später!“, meinte Oto und wandte sich nun zu Sayoko, „Wie heißt du überhaupt? Nun ja, bleib doch erst mal hier, ich kümmere mich um die Jungs.“
„Ich? Hier bleiben? Aber… Wollt ihr mich nicht rauswerfen?“, fragte Sayoko erstaunt.
„Rauswerfen, wieso denn? Draußen ist es eisig kalt…“, erklärte Sabî.
„Ähm… Aber… Ich?“ Sie war so geschockt, sie setzte sich nur noch auf den Boden und wartete. „Ich bleib solange hier, bis ich mein Geld bekomme, basta!“
Keiner der beiden anderen Mädchen schenkte ihr noch Beachtung. Oto und auch Sabî hatten in diesem Moment einfach Wichtigeres zu tun. Oto, als angehende Ärztin, bereitete alles Nötige vor, um diese Erkältung aus der Welt zu schaffen.

Mittlerweile war alles im Gange. Jeder hatte etwas zu tun und auch Myu, die mit Ogata fangen spielte.
„Otochen! Komm her! Ich brauch deine Zuneigung! Ich bin krank!“, hörte man als Erstes von Ryoma, als Oto das Zimmer betrat.
„Ruhe du dich lieber aus!“, erwiderte sie eiskalt und kümmerte sich erst mal um Jumon, der sich auch zu Ginta und Ryoma legte. Sie entnahm dem Thermometer die Temperatur aller und legte dann kalte Waschlappen aus, da ja alle etwas Fieber hatten.
Oto gab ihnen noch Anweisungen, dass sie liegen bleiben und zu schlafen versuchen sollten. Später würde sie noch Essen bringen.
Nachdem das alles geschafft war, machten es sich Oto und Sabî im vorderen Raum gemütlich.
Sayoko saß stur auf dem Boden und starrte Oto an. Sabî las ein wenig in dem Buch, das Jumon ihr gestern vorgestellt hatte und auch Oto schmökerte die Bücher von Jumon durch.
Eine eigenartige Stille war anwesend. Man hörte gelegentlich Husten oder Niesen aus dem Raum nebenan. Oto ging auch mal ab und zu hinein, schaute nach, wie es den Jungs ging und wechselte die Waschlappen aus. Danach gab sie sich wieder dem Lesen hin.
Nach einiger Zeit machte sich Sayokos Magen plötzlich bemerkbar, der die Stille total aus ihrem Lauf brachte. Oto grinste schelmisch, legte ihr Buch beiseite und sagte so zu Sabî: „Du, Sabî, kannst du mich nach Shimedashi mitnehmen? Ich würde gerne einige Besorgungen machen…“
„Na klar, kann ich dich mitnehmen, dann kann ich auch gleich bei meinen Eltern vorbei… Ich glaube, es wäre gut, wenn ich noch eine Nacht hier übernachte…“
„Oh ja! Ich brauch unbedingt deine Hilfe!“ Als Oto das sagte, sah sie zu Sayoko herüber, „Willst du nicht auch mit kommen?“
Sayoko sah sie grimmig an und meinte: „Wer passt dann auf die drei Jungs auf, wenn ihr weg seid?“
„Das hab ich gar nicht bedacht…“, merkte Oto an, „Würdest du das übernehmen?“
Sayoko nickte und starrte weiter in die Leere. Man hätte denken können, dass sie die Luft umbringen wollte, so angespannt war ihr Blick.
So machten sich Oto und Sabî auf den Weg nach Shimedashi. Sie unterhielten sich über das Dorf, Jumon, seine Bücher und etliche andere Dinge. Bevor sie jedoch in ein paar Läden gingen, um ein wenig herumzuschmökern, gingen sie noch bei Sabîs Familie vorbei. Herzlich wurden die beiden von ihrer Mutter willkommen geheißen und tranken einen Tee zum aufwärmen. Nach einer halben Stunde voller netter, kleiner Unterhaltungen liefen sie dann weiter.
Sayoko, die ja in Jumons Haus zurückgeblieben war, durchsuchte ein wenig dessen Bücherregal. Sie fand einige für sie hoch interessante Bücher über Hellsehen in Verbindung mit Geistern und Bücher ’schwarzer Magie‘. Verwundert blätterte sie diese ein wenig durch und fand am Ende doch leider nichts Interessantes.
Immer mal wieder wurde sie vom lauten Schnarchen der Jungs gestört, die immer noch schliefen. Sayoko blieb wohl nichts anderes übrig, als ab und zu die Waschlappen auszutauschen, einmal auszuwringen und wieder mit kaltem Wasser anzufeuchten. Sie war eine Person, die ihre Versprechen hielt.
„Was mache ich hier eigentlich?“, fragte sie sich, während sie wieder vor dem Kamin saß. „Jetzt… wo ich hier bin… kann ich ja eigentlich auch gleich an diesem Ort vorbeischauen… Aber… Wie beseitige ich mein Problem mit ihm? Die Gören! Die werden mir helfen können… Da bin ich mir sicher… Das sind sie mir schuldig, wenn ich schon nicht mein Geld bekomme…“
Sie grinste vor sich hin und plante weiter.
Nach einiger Zeit kamen dann auch wieder Oto und Sabî mit vollen Taschen zurück. Oto schaute gleich nach Jumon, Ryoma und Ginta, die friedlich in ihre Decke eingekuschelt waren und schliefen. Sabî beobachtete Sayoko genauer, sie hatte wohl Angst, dass sie etwas angestellt hatte.
Oto setzte sich neben Sayoko an den Kamin und packte Brettchen aus, auf der sie dann einige Zutaten darauf legte. Sie schnitt ein wenig Gemüse klein und bereitete in einem Kessel eine Brühe vor.
Sabî hatte sich in der Zwischenzeit in das andere Zimmer geschlichen und setzte sich verliebt schauend neben Jumon. Sie blickte ihm direkt in sein Gesicht, dabei wurde sie sogar ein wenig rot.
‚Wie süß er aussieht, wenn er schläft…‘, dachte sie sich und streichelte ihm über seine Wange.
Bei Oto und Sayoko war es still. Man hörte nur den Kessel, der über dem Kamin hing, köcheln und das Messer auf dem Brett. Oto bereitete noch andere Zutaten vor.
„Oto…“, meinte Sayoko.
„Ja? Was gibt es denn?“
„Ihr wollt doch den Shimorita überqueren, sehe ich das richtig?“
„Ja… Das machen wir in der Tat. Und weiter…?“
„Ich… würde euch gerne ein Stückchen begleiten, ich habe etwas Wichtiges zu erledigen… Und… Alleine Reisen macht keinen Spaß.“
Oto merkte nicht, was Sayoko wirklich wollte und antwortete: „Warum nicht? Ich habe absolut nichts dagegen! Und ich denke, die Jungs haben auch kein Problem damit.“
„Dann reisen wir also gemeinsam? Das find ich toll.“ Sayoko zwang sich ein falsches Lächeln auf die Lippen. Glücklicherweise hatte sie schon genug Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt, damit dieses Lächeln nicht von einem Richtigen zu unterscheiden war.
„Dürfte ich mich dann erstmal vorstellen?“, fragte Sayoko. „Sayoko Fusai… Du bist Oto Kitamuki, stimmt’s?“
„Ja, da hast du Recht, Sayoko“, grinste Oto, doch bevor sie weiter sprechen konnte, wurde sie schon wieder unterbrochen.
„Ich hoffe, meine Weissagung hat dir geholfen… Ich wusste selbst nicht einmal, dass ich selber darin vorkommen würde…“
„Wie meinst du das? Du… denkst doch wohl nicht an…?“, erwiderte Oto.
„Ja, es war das Ereignis auf dem Kreuzer… Du hast das Schiff davor bewahrt unterzugehen…“, meinte Sayoko.
„Ich habe nicht einmal gewusst, dass ich solche Kräfte besitze“, wunderte sich Oto.
„Das wundert mich nicht. Ich habe das schon gespürt, als ich dir es vorausgesagt hatte…“, erklärte die Wahrsagerin, „Ich bin keine Hochstaplerin, die solche Fähigkeiten nur vortäuscht, so wie andere…“
Oto saß stumm da, starrte sie an und schnitt weiter am Gemüse.
„Genau… So ist es…“, brachte sie aus sich gerade noch heraus. „Ich glaube, das Essen ist bald fertig… Würdest du die Jungs wecken?“
„Ich glaube, das sind wir schon…“, sagte Ginta, der gerade aus dem anderen Zimmer kam. „Danke, Oto, dass du uns Essen gemacht hast!“, rief Ryoma und freute sich wie ein kleines Kind.
Jumon grinste, setzte sich zu Oto neben den Kamin und sah Sayoko verwundert an, die ihn mit dem selben Blick begrüßte.
Auch Sabî kam aus dem Zimmer und dann fingen alle an, gemeinsam zu essen.
Oto stellte den anderen Sayoko richtig vor und erklärte ihnen, dass sie nun auch mit auf Reisen kommen wollte. Ginta, Ryoma und auch Jumon begrüßten sie herzlich. So verging ein weiterer Tag.

 


Kapitel 24 – Kumonji der Bär

Eine weitere Nacht brach an. Unsere Helden waren jetzt nun schon den dritten Tag in Folge bei Jumon.
Sayoko, Oto und Ryoma schliefen fest. Ginta, dessen Fieber sich auch langsam senkte, konnte diese Nacht aber dennoch nicht richtig schlafen. Als er davon erfuhr, dass Sayoko die Freunde etwas begleiten würde, hatte er dabei so ein mulmiges Gefühl in sich und wusste nicht, was er davon wirklich halten sollte. Genauso wie bei Jumon hatte er dieses eigenartige Gefühl, doch bei ihr war es etwas total anderes. Ginta konnte es weder beschreiben, noch sich damit richtig auseinandersetzen, ohne Kopfschmerzen davon zu bekommen. Nach Stunden voller Gedanken schlief er dann doch noch ein.
Am nächsten Morgen untersuchte Oto die drei Jungs und stellte fest, dass die Erkältung fast komplett verschwunden war. Sie gab ihnen zu Sicherheit noch Medikamente und alle bereiteten sich dann für die bevorstehende Reise vor. Die Vorbereitung dauerte dann doch etwas länger als alle erwartet hatten. Jumon packte noch schnell einige ungelesene Bücher ein und dazu noch ein paar alte Schriften der „Kuchiyose-Meister“, die für ihn ziemlich wichtig waren. Doch eine schwere Entscheidung hatte Jumon noch zu treffen, bevor er seine Reise antrat. Sollte Ogata, der Freund, den er jahrelang auf seiner Seite hatte, wirklich mit auf die Reise gehen? Oder sollte er doch an Sabîs Seite bleiben und sie beschützen, bis Jumon von seiner Reise zurück gekommen ist? Sabî wird für einige Zeit allein sein und er wollte genau das nicht. Jumon sollte also Sabî und Ogata verlassen. Aber er wollte die zwei Personen, die ihm so wichtig waren, eigentlich gar nicht verlassen.
Jumon überlegte, ob er das wirklich machen sollte. Nachdenkend stand er da und blickte sein Bücherregal an. So viele Erinnerungen, so viele Abenteuer hatte er zusammen mit Ogata erlebt.
An dem Tag, an dem er aus seinem Dorf verstoßen wurde, war Ogata der Erste, der Jumon Trost spendete. Ogata war der, der Jumon tagelang durch die eisigen Berge leitete und ihm immer wieder Mut machte. Ogata war der, der Jumon sein ganzes Leben über begleitete, ihm Kraft borgte und immer an ihn glaubte.
In diesem Moment schwebte der kleine Geist Jumon entgegen und sah sich ihn fraglich an. Mit seinen großen, glitzernden Augen sah der Geist ihn an. In all den Jahren kannte er Jumon langsam schon auswendig. Langsam flog er an Jumons Ohr vorbei und flüsterte ihm ein „Ok“. Total geschockt drehte er sich um und sah zu, wie Ogata Sabî entgegenflog. Er wusste sofort, was sein bester Freund wollte.
„Danke“, flüsterte Jumon zurück.
Oto packte noch schnell die restlichen Medikamente zusammen und half Sabî beim Aufräumen der Bettsachen. Ginta und Ryoma halfen ebenso beim Packen. Nach gut einer Stunde war es dann endlich soweit und alle verließen das Haus. Jumon warf noch einen letzten Blick in sein Haus, sein jahrelanges Zuhause. Er verschloss die Tür und überreichte Sabî den Schlüssel. Ogata, der ja bei ihr blieb, grinste Jumon keck an. „Hier trennen sich wohl unsere Wege…“, stellte Sabî fest, „Ich wünsche euch eine angenehme Reise und dass euch nichts Schlimmes passiert….“
„Vielen Dank Sabî“, bedankte sich Oto und näherte sich ihr. Sie flüsterte Sabî noch etwas ins Ohr: „Wir bringen ihn wohlbehaltend wieder zurück.“
Auch Ginta und Ryoma bedankten sich noch herzlich bei Sabî und Jumon. Sayoko blieb mal wieder ruhig hinter den zwei Jungs stehen.
Jetzt war Jumon an der Reihe. Diesen Abschied wird er wahrscheinlich nie vergessen. Seinen Kopf hängen lassend strich er durch den Schnee. Als er zu Sabî aufblickte, merkte man, dass er wieder total rot im Gesicht war.
„Danke… Sabî, danke Ogata. Danke, dass ihr all die Jahre für mich da wart. Ihr…“, er wurde sofort von einer großen, warmen Umarmung gestört.
Tränen liefen über sein Gesicht.
Es war leider nicht zu verstehen, was Sabî Jumon zuflüsterte, als sie sich, zusammen mit Ogata, drückten.
So machten sich Ginta, Oto, Ryoma und deren zwei neue Begleiter, Jumon und Sayoko, auf den Weg über den Shimorita. Ihr Weg führte sie einen verschneiten Pfad entlang bis zu einem großen Wald.
„Das ist der größte und auch letzte Wald, der uns auf dem Weg zur Spitze begegnen wird. Wir erreichen bald die ‚waldlose‘ Höhe….“, erklärte Jumon.
„‚Waldlose‘ Höhe? Aha, sehr interessant…..“, fügte Oto zu.
Die Runde blieb still. Keiner hatte ein passendes Wort parat. Niemand wollte etwas sagen.
Still schritten sie durch den zugeschneiten Wald. Alles war weiß, bis auf manche Stämme einiger Bäume. Ab und zu strich mal ein Schneeluchs durch die Büsche und man konnte auch mal einen Schneehasen den Weg kreuzen sehen.
Jumon führte die Gruppe an, denn er kannte den Wald wie seine Westentasche.

Nach einiger Zeit unterbrach ein lauter Schuss die langweilige Stille. Jumon schreckte sofort hoch und sah sich um.
„Was war denn das?“, wunderte sich Ryoma.
„Hörte sich an wie…“, meinte Oto.
„…Wie ein Schuss!“, Jumon blickte wütend nach hinten, „Sie jagen schon wieder Kumonji!“
„Wer ist denn Kumonji?“, fragte Ginta.
„Kumonji ist ein Bär der in diesen Wäldern wohnt. Er wird oft von Wilderern gejagt… Folgt mir!“
In diesem Moment fiel noch ein Schuss. Das verärgerte Jumon noch mehr.
Der Weg, den Jumon einschlug, führte alle quer durch den Wald. Einmal ging es nach rechts, einmal nach links. Mit rasender Geschwindigkeit rannte Jumon voraus. Die Anderen hatten schwer mit ihm mitzuhalten.
Langsam kamen sie dem Ziel näher. An einer Lichtung stoppte Jumon und blickte den über 3 Meter großen Bären an. Mit all seiner Kraft wehrte er sich gegen die Wilderer und schlug mit seinen mächtigen Tatzen zu.
„Was macht ihr da!?“, schrie Jumon, „Lasst Kumonji in Ruhe!“
Die Anderen erreichten nun auch die Lichtung und ihr erster Blick fiel auf den riesigen Bären. Sein Fell war komplett weiß und eigenartige, blaue Linien waren überall auf seinem Körper.
„Das ist Kumonji?“, staunte Sayoko, die sich jetzt doch entschloss, ein Wort zu sprechen.
„Lass uns in Ruhe!“, schrie einer der zwei Männer, „Wir dürfen hier jagen!“
Jumon rannte auf Kumonji zu und überprüfte, ob er verletzt war. Glücklicherweise hatte er sich noch keine Wunde zugezogen.
„Mach dir keine Sorgen mehr, ich übernehme das schon…“, flüsterte er ihm zu und fing schon wieder an mit den Geistern der Umgebung zu reden. Im nächsten Moment erschien auch schon ein riesiger Geist in der Form eines Schneemannes.
Die Anderen staunten nur und man konnte sehen, wie geschockt sie da standen.
„Das ist doch nicht wirklich die Macht von Jumon? Der ist ja riesig!“, verblüffte Oto.
Der Schneemann war mindestens 5 Meter groß. Seine Unterleib rollte langsam voran. Die Wilderer schossen unaufhörlich auf diesen riesigen Geist, der aus Schnee bestand. Die kleinen Einschusslöcher störten ihm nicht und der Schneemann rollte weiter.
„Lass den Scheiß, Junge!“, rief der etwas kleinere der Zwei Wilderer.
Sein Partner richtete schon den Lauf des Gewehres auf Jumon und wollte abdrücken. Als er es tat, öffnete der Schneemann-Geist sein Maul und sog Luft in sich ein. Die abgeschossene Kugel wurde von dem Luftsog mitgerissen und Jumon blieb sicher.
Dieser setzte sich auf den Boden und meditierte, so schien es zumindest. Die Anderen wussten immer noch nicht was zu tun war. Die Situation wurde von Jumon perfekt im Griff gehalten.
„Kommt mal einer her und führt Kumonji hier weg!“, rief Jumon und drehte sich kurz um.
Ginta, der total erstaunt von dem Geist und dem Bären war, meldete sich freiwillig und stapfte durch den Schnee. Kumonji lag erschöpft auf dem Boden und keuchte leicht. Er wurde anscheinend durch den halben Wald gejagt.
Ginta näherte sich die letzten Meter nur langsam, sodass der Bär mit dem besonderen Fell sich darauf vorbereiten konnte.
Währenddessen pustete der Schneemann-Geist die gerade erst eingesaugte Luft wieder aus und die zwei Wilderer wurden ein paar Meter weit geschleudert. Der eisige Wind fror zudem ein paar stellen des Körpers zu, sodass sie sich nicht mehr richtig bewegen konnten. Jumon konzentrierte weiter seine Energie auf den Schneemann-Geist.
Ginta bewegte sich immer näher dem Bären zu, bis er ihn endlich erreichen konnte. Mit seiner warmen Hand streichelte er über die kalte Schnauze des Bäre und über seinen Kopf. Erleichtert lies dieser einen kleinen Seufzer los und versuchte sich aufzurichten. Ginta erschrak daraufhin und trat einen Schritt zurück. Doch er merkte bald, dass Kumonji selber versuchte zu fliehen. Er feuerte den Bären ein wenig an und wartete darauf, dass dieser sich endlich aufrichtete. Seine blauen Linien glitzerten ein wenig in der Sonne.
Jumon und der Schneemann-Geist kümmerten sich immer noch um die Wilderer. Mit eiskalten Häuchen versuchten sie, die Wilderer am Boden fest zu frieren, was ihnen dann auch gelang.
Jumon stand auf, striff sich den Schnee von der Hose und ging zu dem Geist.
„Danke, dass du für mich da warst…“, sagte er und klopfte den Schneemann-Geist auf sein Unterleib, der darauf verschwand.
Jumon stapfte durch den Schnee und massierte sich genervt die Schläfen.
„Wann…..“, flüsterte er, worauf er lauter wurde, „Wann lernt ihr es endlich mal?“
Er kam den Zweien immer näher und als er vor ihnen stand, redete er weiter: „Lasst Kumonji in Ruhe! Er hat euch gar nichts getan!“
Man bemerkte den Zorn in seiner Stimme. Die Zwei waren an den Beinen vereist. Sie konnten sich weder wehren noch fliehen. Ihre Gewehre lagen auch einige Meter von ihnen entfernt.
„Wir werden wieder kommen!“, brüllte einer der beiden. Der andere nickte nur zustimmend.
„Das will ich sehen, wenn ihr hier festgefroren seid!“, wendete er sich ab, ging zu den Gewehren und brach sie über sein Knie entzwei.
Kumonji schaffte es mittlerweile aufzustehen und schritt in Richtung Wald.
Am Ende der Lichtung blieb Ginta stehen und sah zu, wie Kumonji sich seinen Weg durch den Wald bahnte.
Jumon folgte nun Kumonji ein Stück in den Wald um sich nochmal sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Ginta ging wieder zu den Anderen und wartete mit ihnen auf Jumon. Nach einigen Minuten kam er wieder aus dem Wald heraus und seufzte vor Erleichterung.
„Ihm geht es gut….“
„Das ist eine gute Überraschung“, fand Oto.
„Ich habe einem Geist gebeten, Sabî Bescheid zu sagen, damit sie mit den Dorfbewohnern sich um diese Wilderer kümmern kann“, seufzte Jumon und nahm seinen Rucksack, „Wir sollten weiter ziehen.“
Ginta und Sayoko sahen sich verwundert an und folgten dann Jumon, der wieder den Weg führte.
„Sag mal, kannst du immer solche starken Geister beschwören?“, wunderte sich Ginta.
„Nein…“, gab Jumon als Antwort, „Mir fällt das hier nur so leicht, weil die Geister gute Freunde von mir sind. Den Schneemann-Geist konnte ich auch nur beschwören, weil das sein Element war und hier sowieso so viel Schnee ist, nicht wahr? Da war es einfach, seine Energien zu fokussieren…“
‚Das hätte ich von dem Knirps gar nicht erwartet…‘, überlegte sich Sayoko und grübelte weiter darüber nach.
Dann wanderten die Freunde einfach weiter. Jumon war schon viel beruhigter, dass Kumonji nicht verletzt wurde und er vertraute diesem Bären, dass er sich in Zukunft etwas besser schützen sollte.
„War das ein Freund von dir?“, fragte Oto nach einiger Zeit.
„Kumonji ist ein Bewohner dieses Waldes“, fing Jumon zu erzählen an, „Ich habe ihn damals getroffen, als ich das erste mal mir selbst richtig etwas zu Essen suchen musste… Seitdem haben wir uns angefreundet.“
„Sind diese Wilderer hier öfters?“, erkundigte sich Ryoma neugierig.
„Zum Glück nicht wirklich. Die meisten kamen nie wieder, doch es gibt immer Idioten, die es öfters versuchen… Na ja, das wird ihnen eine Lehre gewesen sein.“
„Hoffentlich“, murmelte Oto.
Einige Zeit später verließen sie den Wald und strebten direkt die Spitze des Berges an, die sie nicht nur mit einem überragendem Ausblick belohnen sollte, sondern auch der Anfang einer viel leichteren Route bergab sein sollte.


Zwischenkapitel – Aufblühende Kunst in der Stadt des Steins, alte Freunde und finstere Machenschaften

Eine große Tür öffnete sich und der Bürgermeister betrat sein Büro. Erschöpft von den Strapazen des Tages setzte sich Jôô in seinen gemütlichen Sessel und schlürfte an seinem gekühlten Eistee. Nach einem großen Schluck stellte er sein Glas wieder auf dem Tisch ab, worauf ein paar Tropfen Kondenswasser herunterperlten. Das glitzerte so schön in dem Sonnenlicht, das in den Raum hinein schien.
Ein großer Seufzer entglitt ihm, als er den riesigen Stapel an Papierkram, der auf seinem Schreibtisch wild verstreut war, durchforstete. Genervt stand er auf, lief zum Fenster und sah sich seine Stadt an. Die neuen Gebäude, die erst errichtet worden waren, glänzten in ihrem farbigen Dasein.
„Das hast du schön gemacht“, sagte plötzlich ein junges Mädchen, das gerade dabei war, das Zimmer zu betreten. „Du hast deiner Stadt ein neues Tor geöffnet.“
„Das ist nicht meine Stadt, das ist unsere Stadt“, erwiderte Jôô und drehte sich um, „Schön, dass du mich besuchen kommst, Ninsei.“
„Jetzt tue nicht so, als ob wir uns nie sehen… Bin ja schließlich deine Sekretärin und…“, konterte sie, ging zu ihm hin und gab ihm einem Kuss, „Wir lieben uns. Die Stadt sollte bald einen neuen Namen bekommen. Die Kunst und das Kunsthandwerk blühen hier besonders auf, besser als jemals zuvor! Wenn es so weiter geht, dann wird diese Stadt die berühmteste Kunststadt der Welt.“
„… und das alles nur durch mich. Ich will mich nicht in diesem Ruhm sonnen“, seufzte er und öffnete die Schublade seines Schreibtisches. Mit einem kurzen Handgriff nahm er sich seinen Gürtel, an dem seine Spraydosen angebracht waren und verschwand.
„HEY! Warte doch!“, rief Ninsei ihm hinterher, doch Jôô hörte es nicht mehr. Ohne einen Gedanken daran zu verlieren, rannte sie ihm nach.
Jôô hatte noch sein Sakko abgelegt und sich seine normale Kleidung übergezogen, bevor er das Gebäude verlassen hatte.
„Warte gefälligst auf mich!“, wurde ihm hinterher geschrien, als er einen geheimen, dicht mit Pflanzen bewachsenen Weg entlang ging.
Ninsei holte ihn dann dennoch ein und beschwerte sich über seine Eile.
„Ich nehme mir für den Rest des Tages frei“, murmelte Jôô und ging weiter.
„Aber du musst doch noch etwas für den Bauausschuss unterzeichnen! Der Auftrag ist wichtig, denn wir brauchen den neuen Anbau für die Schule.“
„Mir ist es wichtiger, dass ein neues Waisenhaus gebaut wird!“, bemerkte er mit einem sehr negativen Unterton.
Man merkte, wie sehr sich die zwei liebten. Ninsei drückte ihm ihre Lippen auf seine und sie küssten sich eine Weile.
Nach diesem leidenschaftlichen Kuss flüsterte sie: „Du bist ein herzensguter Mensch.“
Danach verschwand sie.
„Wenn das alles nur so einfach wäre“, seufzte er.
Der geheime Weg führte ihn zu einem abgelegenen Platz, an dem vereinzelt Betonwände standen. Ringsum diesen Platz wurden viele Bäume, Büsche, Sträucher und Blumen gepflanzt. Wie sähe es denn aus, wenn dort nur Wände stünden? (XD Natur, Natur! Oh, du wunderschöne Natur)
Gelassen nahm er sich eine seiner Spraydosen und fing an zu sprayen.
Unaufhörlich machte er weiter, nahm immer wieder andere Farben, es wurde zu einer richtigen Obsession.
Ab und zu wischte er sich seine grauen Haare aus dem Gesicht, die ihn anscheinend nervten, und sprayte dann wieder weiter.

Nach einigen Stunden – die untergehende Sonne kündigte schon den Abend an – setzte er sich stolz auf den Boden und betrachtete sein neues Werk.
„Das schaut gut aus! Wie immer ein richtiger Takeno!“, meinte diesmal eine andere, männliche Stimme.
„Chojiro? Du bist schon fertig mit deiner Arbeit, oder wie sieht’s aus?“, fragte Jôô und lachte.
„Ich will doch auch mal Feierabend haben!“, antwortete Chojiro und lachte ebenfalls. „Für heute bin ich fertig, japp, japp. Es ist zwar anstrengend, diese Kinder um mich zu haben, aber es macht jeden Tag aufs Neue Spaß.“
„Ich sollte dich mal wieder im Waisenhaus besuchen kommen“, seufzte er und stützte sich auf seine Arme. „Außerdem will ich endlich, dass ein Neues gebaut wird!“
„Du hast ja Recht, dieses alte Gebäude ist nervig…“
Jôô betrachtete weiter sein Gemälde.
Chojiro machte einen Handstand, lief ein paar Schritte und sprach weiter, während ihm das Blut in den Kopf stieg: „Verkehrt herum sieht das Bild gar nicht mal schlecht aus!“
„Echt?“ Jôô stand auf, beugte sich nach unten und sah das Bild ebenfalls verkehrt herum an. „Stimmt, du hast Recht! Wollen wir nicht schnell die Wand umdrehen?“
„Du bist aber mal wieder lustig drauf!“
Beide mussten lachen.

Frieden. Endlich war wieder Frieden in ‚ihrer‘ Stadt eingetroffen. All die Jahre, in denen sie sich hatten verstecken müssen, in denen sie Angst davor gehabt hatten, nie wieder richtig leben zu können.
Das alles war durch eine besondere Person geändert worden, die Jôô niemals mehr vergessen würde. Ein weißhaariger Junge, mit einem magischen Amulett und einem reinen Herzen. Niemals würde er den Ausdruck in seinem Gesicht vergessen, als er zusammen mit ihnen gekämpft und gewonnen hatte. Jôô war sofort in seinen Bann gerissen worden und würde sich daraus nie wieder befreien. Der Tag, an dem er Ginta getroffen hatte, der Tag, an dem er diese Stadt gerettet hatte, der Tag, an dem er Bürgermeister geworden war, genau der Tag, der sein ganzes Leben verändert hatte.

Irgendetwas raschelte im Gebüsch. Es musste anscheinend Ninsei sein, wie Jôô im ersten Moment dachte, denn niemand außer Chojiro, Ninsei und ihm selbst kannte diesen geheimen Platz. Seine Annahme wurde auch schnell bestätigt.
Mit den Worten „Hier bin ich wieder“ begrüßte sie die zwei Jungs und hielt Jôô einige Papiere entgegen.
„Das sind…?“, wunderte er sich.
„… die Papiere für das neue Waisenhaus, die ich in den letzten Stunden mühsam zusammengesammelt und organisiert habe.“
Ninsei setzte sich ebenfalls auf den Boden und sah Chojiro an, der gerade dabei war, aus alten Holzresten ein kleines Lagerfeuer in der Mitte des Platzes zu errichten.
„Die muss ich einfach nur unterzeichnen?“, erkundigte Jôô sich und schaute weiter die Papiere durch.
„So ist es“, war Ninseis Antwort.
„Na gut…“, Jôô holte einen Stift aus seiner Tasche und unterschrieb überall da, wo es nötig war.
Chojiro hatte mittlerweile genügend Feuerholz gesammelt und bereitete ein kleines Lagerfeuer vor. Ninsei betrachtete Jôôs neues Werk und runzelte die Stirn. „Wenn man es vielleicht umdreht, dann…“, sie hielt für einen Moment inne, „… dann sieht es ja viel schöner aus!“
Die beiden Jungs mussten wieder lachen.
„Das haben wir vorhin auch schon festgestellt“, meinte Chojiro.

An diesem Abend genossen die drei Freunde ihr neues Leben. Es war so friedlich, so schön… Aber wie immer in solchen Situationen schien es leider nur so zu sein. In vielen anderen Regionen, in vielen anderen Landstrichen, Städten, Dörfern oder anderen Plätzen könnten überall die Shal lauern. Leider wusste noch niemand, was genau sie für Pläne verfolgten. Wirklich keiner war sich noch sicher, was genau er tat. Jôô wusste, dass bald wieder Shal kommen und seine Stadt vernichten könnten. Irgendwie musste er sich darauf vorbereiten.

Ama war gerade auf dem Weg nach Vernezye. Seit seiner Begegnung mit Ginta, Oto und Ryoma verbrachte er keine ruhige Nacht mehr. Ständig fragte er sich, wie weit sie schon gereist waren, wie es ihnen ging und ob sie ihrem Ziel schon näher gekommen waren.
Und er fragte sich vorallem, ob er seinem Ziel jemals näher kommen würde, wenn er auch Reisen würde. So entschloss er sich kurzerhand Ginta, Ryoma und Oto zu folgen, damit er auch seinem Ziel näher kommen würde.
Sein Plan war es nicht nur, Ginta und seine Freunde zu verfolgen, sondern auch seine Familie zu finden. Nach all den Jahren, konnten sie nicht dort sein, wo er sonst immer suchte. Er wollte auch nicht länger warten, bis sie zurückkamen. Irgendwie musst er selbst dort suchen, wo er selbst noch nie gewesen war. Um seiner Familie Willen begab er sich deswegen auf Reisen.
Und dann, wenn er auf seiner Reise stärker wurde, dann konnte er auch Ginta, Ryoma und Oto wieder treffen. Für ihn stand eines fest: Er wollte sie um jeden Preis wieder treffen und Teil dieses zielstrebigen Tatendranges zu sein. Er wollte seinen Freunden helfen und vielleicht ging es ihm auch ein wenig um Oto, die wohl einen Eindruck bei ihm hinterließ.
Seufzend lief er weiter
Irgendwie wollte er so schnell wie möglich eine Fähre nach Ruterion bekommen. Er lief immer schneller, zum Schluss rannte er auf das große Stadttor zu. (XDDD wie das ausgesehen haben muss!)

Ein großer, muskulöser Kerl stand vor einem Bildschirm, auf dem ein noch viel finsterer schauender Mann zu sehen war.
Eine verzerrte Stimme sprach zu ihm: „Okura, du hast es wieder mal nicht geschafft, den Auftrag auszuführen. Deine Arbeit wird immer miserabler!“
„Nein! Boss, hören Sie mir doch mal zu!“, verteidigte er sich und schlug seine Fäuste auf den Tisch der vor ihm stand.
Der Mann auf dem übergroßen Bildschirm drehte sich um und sprach weiter: „Okura Ito, du wirst somit von unserer Organisation ausgeschlossen!“
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und ein paar dunkel gekleidete Shal kamen herein und rammten Okura eine Betäubungsspritze in den Rücken.
„Das können Sie mir nicht antun!“, wehrte er sich.
Doch dies waren seine letzten Worte, dann fiel er zu Boden und wurde ohnmächtig.
Die Shal trugen ihn nach draußen und die Person auf dem Bildschirm verschwand.

„Wo bin ich? AHH! Mein Schädel!“, brüllte Okura als er aufstand und sich seinen Kopf vor lauter Schmerzen hielt, „Verdammt! Warum hat der Boss mich rausgeschmissen!?“
Als er aufwachte bemerkte er, dass er nur seine Unterhose trug und sich in einem Wald befand, in dem er noch nie gewesen war. Es wuchsen auch sehr komische Pflanzen, die er zuvor nie gesehen hatte. Schweißperlen liefen nicht nur über sein Gesicht, nein, sondern auch über seinen ganz muskulösen Körper.
Er drehte sich um sich selbst, um seine Lage zu überprüfen.
„Das wird eine verdammt harte Zeit…“ Er bückte sich und im nächsten Augenblick ließ er einen extrem lauten Wutschrei aus sich heraus, sodass einige Vögel erschrocken davonflogen.


Kapitel 25 – Blick in die Zukunft?

Großes Seufzen machte sich in der Gruppe breit.
„Wann sind wir endlich da?“, löcherte Ryoma Jumon schon die ganze Zeit.
„Es dauert nicht mehr lange! Versprochen!“, erwiderte er genervt und drehte sich wieder zu einem Geist um, den sie erst vor 10 Minuten getroffen hatten. Jumon war schon die ganze Zeit dabei gewesen, sich mit diesem zu unterhalten. Jumon erzählte ihm was er tat, wohin er reisen würde und was in seinem letzten Buch alles passiert war.
Sayoko stütze sich schon erschöpft an Oto, die auch so genug mit dem hohen Schnee zu kämpfen hatte. Ryoma nervte immer wieder weiter und Ginta kümmerte sich um Myu, die sich wieder, dick in eine Decke eingewickelt, in seiner Tasche lag. Er streichelte sie, kraulte sie hinter dem Kopf. Was sie am meisten mochte, war, wenn er sie am Bauch kraulte.
Irgendwie gefiel auch ihm das. Man merkte, dass die zwei sich mochten, denn Ginta achtete gar nicht mehr so gut darauf, was um ihn herum passiert. Ryoma hatte sich schon längst wieder an ihn gewendet, aber wie das Schicksal es wollte, bemerkte Ginta das nicht. Es kam sogar schon so weit, dass Ryoma plötzlich stolperte und in dem Schnee landete. Alle anderen fingen an zu lachen, doch auch das merkte Ginta nicht. Wie, als wäre er weggetreten, in einer anderen Welt, zusammen mit Myu.
Unsere Freunde waren jetzt schon seit knapp 2 Stunden unterwegs, nachdem sie den Wald verlassen hatten. Die Gegend wurde immer nebliger. Jumon meinte, dass es bei dieser Höhe normal sei.

Nach einer weiteren Weile meinte Sayoko plötzlich etwas zu sehen, etwas großes, dunkles, in dem etwas leuchtete. Oto meinte schon, dass sie halluziniere, aber dann bemerkte auch Jumon dieses Etwas.
„Ich war schon oft hier oben, aber das hab ich noch nie gesehen“, wunderte er sich und versuchte, das Etwas besser zu erkennen.
„Das ist doch nicht etwa…?“, fragte Ryoma der total optimistisch Ginta ansah.
„Ich denke auch, dass es ein Haus ist… „, antwortete dieser.
„Aber, wie kommt das so schnell hier her? In der Nähe gibt es weder Holz, noch sonstige Baumaterialien! Außerdem wohnt in solch Höhen kein normaler Mensch…“, meinte Jumon, der sich ja nun wirklich in der Gegend auskannte.
„Ich bin Erster!“, rief Ryoma, als er gerade dabei war, loszurennen.
Ginta seufzte: „Geh ruhig vor, wir kommen gleich nach…“
Die Vermutung stellte sich als wahr heraus. Ryoma, der schon vor der großen Holzhütte stand, formte mit seinen Händen einen Trichter und schrie: „Das ist wirklich ein Haus! Kommt doch endlich! Beeilung! Ich rieche schon Futter!“
„Futter?“, Sayoko zuckte hoch, „Ich komme!“
Auch sie raste Richtung Haus.
Jumon sprach noch mal mit dem Geist über dieses Haus, dann verabschiedete er sich von ihm.
„Er meinte, dass es von einem auf den anderen Tag hier stand“, erklärte Jumon.
„Das ist ja ziemlich komisch, ist es etwa ein Geisterhaus?“, erkundigte sich Oto, die daraufhin von Jumon eine Kopfnuss bekam.
„Aua! Was soll das denn!?“, beschwerte sie sich.
„Ein Geisterhaus!? Es gibt einige Arten von Geistern die sich gern in leeren Häusern vor den Menschen verstecken, aber selbst ein Haus bauen? Nein, das ist unmöglich“, meinte Jumon.
„Ach, wenn das so ist“, murmelte sie.
Oto, Ginta und Jumon liefen weiter.

Ungeduldig standen Sayoko und Ryoma schon vor der Haustüre und wollte klopfen. Doch als Ryoma dabei war, seine Faust gegen die Tür zu schlagen, öffnete sich diese plötzlich von allein. Ryoma war so erschrocken, dass er einen halben Meter zurücksprang.
Oto kicherte und betrachtete dann die Tür. Da stand niemand.
„Kommt bitte rein“, meinte eine weibliche Stimme.
Irgendetwas zwang alle nach unten zu sehen, was sie auch taten. Dort stand eine kleine, mopsige Frau, mit silbernen Haaren und einem komisch aussehnendem Gewand. Sie hatte ein dunklere, fast rötlich wirkende Haut.
Ryoma und Sayoko mussten sich echt zusammenreißen nicht das Lachen anzufangen. Jumon und Ginta schauten nur geschockt und Oto verbeugte sich und bedankte sich: „Vielen lieben Dank! Das Wetter ist ziemlich kalt, wir sind alle kaputt, wenn sie wollen zahlen wir auch dafür!“
„Dann will ich aber auch Geld haben!“, beschwerte sich Jumon, „Ihr seid in mein Haus auch ohne Fragen hinein gegangen….“
„Das ist nicht der Rede Wert. Ich habe euch nämlich erwartet. Darf ich mich zuerst vorstellen? Ich bin Uzryuuk… “
Alle traten in das große Haus ein und standen zuerst in einem riesigen Zimmer mit Kamin, Sitzgelegenheiten und reichlich viel Accessoirs.
„Jacken hängt dort an den Ständer, ich hole euch schon einmal Tee… Ryoma, häng deine Jacke lieber nicht auf!“, schon verschwand die kleine Frau in die Küche.
„Häh? Wieso denn nicht?“, er merkte nicht, dass er seine Jacke schon aufgehängt hatte und dadurch der Ständer umkippte und daraufhin Ryoma auf den Kopf schlug.
„AUTSCH!“, er stellte den Ständer wieder hin und rieb sich die Birne.
Oto fing an laut zu lachen. Sayoko schloss sich ihr gleich an.
Ginta spürte in diesem Moment sein Amulett vibrieren und wunderte sich, woher sie das gewusst hatte und woher sie Ryomas Name wusste. Er ging sofort in die Küche um nachzufragen.
„Entschuldigung…“, fing er an, doch wurde sofort von Uzryuuk unterbrochen.
„Ich kenne auch dich, Ginta… Mehr als du vielleicht je über dich selbst Erfahren wirst. Frag auch bitte nicht nach, woher und warum ich das weiß, ich tue es einfach….“
Ginta hat es die Sprache verschlagen. Woher konnte sie nur… ?
„Die Vase brauchst du mir nicht zu zahlen, das ist die Schuld der Katze…“, meinte sie und bereitete weiter den Tee vor.
„Was für eine…?“
In diesem Moment krachte es im Wohnzimmer und man hörte Oto rufen: „Myu! Was hast du jetzt schon wieder gemacht!?“
Ginta schreckte noch mehr zurück. Was war das für eine Person?
Er ging zurück ins Wohnzimmer und kümmerte sich um Myu, die plötzlich total verrückt zu sein schien.
„Jetzt sei doch nicht so wild, Myu!“, versuchte Ginta sie wieder zu beruhigen und kraulte sie wieder hinterm Ohr.
Alle setzten sich nun um den großen Glastisch, während Uzryuuk für jeden den Tee hinstellte.
„Vorsicht, es ist heiß, wirklich heiß…“
„AU!“, fuhr Oto hoch als sie davon nippte.
„… Ihr solltet den Tee eine Weile stehen lassen“, seufzte Uzryuuk und setzte sich mit an den Tisch.
Von dieser peinlichen Situation total geschockt saß Oto nur da und starrte die alte Frau an. Man merkte wie sehr die Freunde, die ebenfalls merkten, was für außergewöhnliche Fähigkeiten die Frau haben musste, Angst bekamen, nur bei dem Anblick dieser Frau. Sie befürchteten ja schon, dass jeden Moment wieder etwas passieren könnte.
Stille herrschte. Keiner traute sich was zu sagen. Uzryuuk flüsterte: „3….2…..1…. jetzt!“
„Ehm, darf ich sie was fragen?“, bat Jumon.
Uzryuuk grinste und nickte: „Stell ruhig deine Frage, ich weiß sie ja schon, aber die anderen wollen die Frage sicherlich auch hören, stimmt’s, Jumon?“
Jumon schluckte: „Woher kommen sie? Ich habe diese Haus noch nie in meinem Leben zuvor hier oben auf dem Berg gesehen…“
„Das kann ich euch noch nicht sagen…“
Myu schnurrte angriffslustig. Sie wandte sich aus Gintas Griff und tapste zu Uzryuuk hin.
Auf eine sehr komische Weise sah die kleine Katze diese Frau an, woraufhin diese nur nickte.
„Weiter im Text…“, meinte Uzryuuk, trank von ihrem Tee und sprach weiter: „Ich kann euch nicht viel sagen, aber das was ich zu sagen habe ist von großer Bedeutung. Ihr solltest es nie vergessen, egal was kommt! Habt ihr verstanden? Das was ich euch sage darf auch niemand anderes hören! Sprecht es niemals aus, das ist wichtig.“
Die Anderen hörten interessiert zu. Die Spannung lag förmlich in der Luft. Währenddessen verkroch sich Myu in das Schlafzimmer der Frau.
„Ihr werdet es nicht gleich verstehen, aber nimmt euch meine Worte zu Herzen. Ich werde euch jetzt ein wenig Zeit lassen, dann bitte ich Ginta als ersten in den Nebenraum….“
Sie ging schon mal vor und es blieb immer noch still.
Keiner wusste, was zu sagen. Sie waren so erstaunt, so unwissend, sie wussten noch nicht mal, was genau sie fühlen sollten.
Ginta wurde immer nervöser. Er spürte etwas in sich drin, was ihn dazu brachte, doch aufzustehen und in das Nebenzimmer zu gehen. Er sprach nicht, fragte nichts, dachte nichts. Er wollte es einfach auf sich zukommen lassen.
„Ginta, du fragst dich sicherlich wieso du solche besonderen Menschen triffst, wieso du deine Reise begonnen hast, obwohl, das weißt du ja schon!“, sie lachte nervös und sprach weiter: „Ich will dich warnen, es wird mehr auf dich zukommen, als du denkst. Ich darf dir leider auch nicht sagen, was geschehen wird, wie es geschehen wird, mit wem es geschieht, das ist so doof an meinem Job!“
Sie machte ein kurze Pause, schmollte, trank einen Schluck von ihrem Tee, schmollte weiter und begann dann wieder zu sprechen: „Mir wurde befohlen dir folgenden Text vorzulegen, ich sag ihn dir einfach mal vor, geht das klar?“
Ginta überlegte ein Weilchen. Er nickte.
„Die Prophezeihung, die für dich geschrieben wurde:
Sie schwindet, stirbt, taucht dennoch wieder auf
Ihr neues Zuhause ist nicht gefüllt von leuchtenden Kindern,
Nein, der König der neuen Welt gibt ihr sein Geleit
Das Leid des Königs vergrößert sich mehr und mehr
Seine wichtigen Elemente sterben, wie sein Mut
Das Finale der Welt, die Entscheidung des Königs,
Neumond oder Vollmond,
Gibt die Antwort auf deine Fragen….
Du wirst dich am Anfang wundern, was das bedeutet, und ich bitte dich, denke nicht weiter darüber nach. Es löst sich alles von alleine“, sie seufzte wieder und sah Ginta fraglich an.
Er wusste gar nicht mehr weiter. So viele Fragen drängten durch seinen Kopf. Keine dieser konnte er beantworten, niemand konnte sie beantworten.
Wer war diese Frau? Woher kam sie? Woher wusste sie so viel? Was soll das für eine Prophezeihung sein?
Er wusste es einfach nicht.
„Ginta, mach dir keinen Kopf darüber, es wird so kommen, wie es schon vor hunderten Jahren Prophezeit wurde, das ist unumgänglich….“, sie stand auf und führte Ginta nach draußen, um danach die nächste Person herein zu bitten.
Oto stellte sich als nächste freiwillig. Sie war wohl wieder mal viel zu neugierig. Leider beachtete sie nicht, wie entgeistert Ginta sich wieder auf das Sofa setzte und kein Wort mehr aus sich herausbrachte.
Sie setzte sich in den Stuhl, indem auch Ginta saß. Uzryuuk schenkte sich noch Tee nach und fing dann an zu reden: „Oto, du bist ein besonderes Mädchen, das weißt du?“
Sie sah Uzryuuk nur verwundert an und hörte ihr gespannt zu, wie sie auch ihr erklärte, dass Oto sich nicht wundern sollte, sich keine Gedanken darüber machen sollte und auf keinen Fall die Prophezeihung jemanden weitererzählen solle. Sie betonte das Mehrmals und fing dann folgendermaßen mit ihrer Prophezeihung an:
„Die Prophezeihung ist in einer anderen Sprache, aus einem ganz gewissen Grund. Diesen kann ich auch leider niemanden anvertrauen…“
Sie schniefte, trank beleidigt von ihrem Tee und fuhr fort: „Hör mir zu:
Nunca abandonad el rey,
protegédlo, sed valiente,
apoyálo, dalo fuerza.
Das ist deine Prophezeihung. Ich kenne die genaue Bedeutung nicht, aber ich hab mich mal in das Schicksal reingeworfen und es für dich übersetzt…“
Die alte Dame räusperte sich, blickte nervös nach links und rechts und schilderte Oto die Prophezeihung:
„Verlasst nie den König
beschützt ihn, seid tapfer….
Stütze ihn, gib ihm Kraft…. So, ich hoffe, ich bekomme dafür keinen Ärger von ‚ihm'“, wiederholt seufzte sie und trank einen kräftigen Schluck aus ihrer Tasse.
Oto schaute sie total verwundet an und reagierte fast genauso wie Ginta.
Auch Ryoma, der der nächste Freiwillige war, reagierte so, als er die gleichen Worte hörte, wie die von Uzryuuk. Jumon bekam genau die selben Worte zu hören wie Ryoma und Oto.
Die letzte Person war Sayoko. Obwohl sie nicht richtig zur Gruppe gehörte, wurde es ihr auch angeboten, ihre Prophezeihung zu hören. Uzryuuk musste wirklich alles wissen, was es gab. Ginta, Oto, Ryoma und Jumon saßen nachdenklich im Wohnzimmer, schlürften ab und zu an ihrem Tee und machten sich Gedanken über diese angebliche Prophezeihung. Was für die letzten Drei noch besonders interessant war, war folgendes: Uzryuuk erzählte Oto, dass sie eine wichtige Person in der Zukunft sei. Ryoma hörte, dass er den Weg seines Vaters immer weiter gehen sollte. Jumon aber, hörte von den Kuchiyose-Meistern und dass er einem wichtigen mal begegnen würde.
Aber nun war doch Sayoko an der Reihe.
„Ich will nicht“, meinte sie und machte ein beleidigtes Gesicht.
„Falls sie es nicht schon wissen“, sie betonte den Teil mit einem sehr sarkastischen Unterton, „ich bin selbst eine Wahrsagerin! Und ich werde meine Zukunft von niemanden vorraussagen lassen! Von Keinem! Ist das klar?“
Uzryuuk war gerade dabei darauf eine Antwort zu geben, aber Sayoko unterbrach sie: „Wehe sie sagen, dass sie das gewusst haben!“
Die Shamanin blieb darauf still und grinste überlegen. Sayoko hingegen schaute weiter grimmig in die Luft, als ob sie gerade dabei wäre, jemanden umzubringen.
Letztenendes machte sie dann doch den Mund auf: „Ich bitte euch, nimmt diese Prophezeihungen zu Herzen, vergisst sie nie! Aber, sagt keinem wie eure Prophezeihung lautet! Niemanden, habt ihr das verstanden!? Und macht euch auch weiter keine Gedanken darum, es wird ein wenig dauern, bis ihr das versteht. Und ich habe euch ja schon mehrmals gesagt, wie sehr ich meinen Job hasse! Ich darf gar nichts verraten!“
Sie drehte sich schmollend um und ging in ihr Schlafzimmer. Aus diesem rief sie heraus: „Achja! Ihr dürft die Nacht über hier bleiben, nimmt euch einfach zu Essen. Decken sind im Schrank. Gute Nacht!“
Der Abend verlief still. Sie machten sich noch ein Abendessen und dann machten sie sich fertig zum Schlafen. Diese folgende Nacht war ziemlich wild. Keiner konnte so richtig schlafen, alle wälzten sich in ihren Decken hin und her.
Ginta, der wiedermal kein Auge zubekam setzte sich draußen auf die Terrasse und betrachtete den relativ klaren Sternenhimmel. Eng in seine Decke eingewickelt betrachtete er die riesige Vollmondscheibe die am Firmament zu sehen war. Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er garnicht erkannte, dass schon wieder der Vollmond zu sehen war. In den letzten Tagen war nur dieser Vollmond zu sehen. Jede Nacht, an der selben Stelle.
In dieser Nacht passierte noch etwas ganz anderes. Man konnte es nicht genau verstehen, aber Uzryuuk war in ihrem Schlafzimmer eingesperrt und redete mit einer männlichen Person. Nach ihrem Gespräch verließ sie das Schlafzimmer und trank in der Küche einen großen Schluck Milch. Auch Myu, die ihr gefolgt war, bekam eine leckere Schüssel kalter Milch zu trinken.


Kapitel 26 – Ginta und Sayoko in der Antiken Stadt

Ein neuer Morgen brach an. Nach dem Frühstück machten sich alle für die Abreise bereit. Verschlafen räumten sie ihre Sachen, die sie für die Nacht brauchten, auf und packten noch den Rest zusammen. Myu kuschelte sich wieder in Gintas Tasche. Sie war wohl ziemlich erschöpft von der letzten Nacht, in der sie damit beschäftigt war, im ganzen Haus herum zu streunen.
Nach nicht allzu langer Zeit waren nun alle für ihre Abreise bereit. Erschöpft stützte sich Ginta an die Seite von Sayoko, die es wohl gar nicht störte. Ginta hatte diese Nacht kein Auge zubekommen.
Nun stand auch Uzryuuk endlich auf und verabschiedete sich liebevoll von allen. Dann machten sie sich auf den Weg zum Fuße des Shimorita. Alle waren so müde und kraftlos, dass keiner ein Gespräch begann. So war der Pfad, den die Freunde entlangliefen, von einer müden Stille begleitet.
Der Weg war viel angenehmer geworden, denn das Gefälle war nicht so groß, außerdem hielt sich der Schneefall in Grenzen. Die Flocken, die vom Himmel fallen wurden immer weniger, bis es endlich ganz aufhörte und durch die dicken Wolken am Himmel auch ab und zu einmal die Sonne zum Vorschein kam.
Erstaunlicherweise dauerte es nur wenige Stunden, bis sie endlich den Fuße des Shimorita erreichten. Ein Glück, endlich konnte man den Berg hinter sich lassen.
Vor ihnen Streckte sich nun eine riesige Landschaft, die die Freunde richtig zum staunen brachte. Riesige Felder übersät mit riesengroßen Windrädern zierten dieses atemberaubende Panorama.
„Was ist das?“, fragte Oto, die sich als Erste traute, dazu was zu sagen.
Ginta öffnete endlich wieder seinen Mantel und zog die Jacke aus, die er darunter trug.
„Es ist wieder warm! Wie schön das ist…“, seufzte er erleichtert. „Schaut mal diese riesigen Windräder!“
„Warst du schon mal hier?“, erkundigte sich Oto bei Jumon.
„Nein, ich habe nie den Berg verlassen, aber selbst von der Spitze aus konnte man diese Landschaft nicht erkennen. Die Wolken verdeckten immer die Aussicht.“
„Gehen wir schon weiter!“, quengelte Sayoko und murmelte anschließend eher zu sich selbst,„Die haben in den Jahren aber auch viel verändert…“
„Du warst schon mal hier?“, fragte Ginta neugierig nach, der ihre Worte hörte.
Sayoko seufzte und meinte dann: „Ja, leider… Wohin führt uns eigentlich unser Ziel?“
Sayoko wandte sich nun zu Oto, die gerade dabei war, ihre Karte aus ihrer Tasche zu kramen. Zuvor zog sie jedoch ihre Jacke aus und tat es Ginta gleich, der mit ihr die Wärme der Sonne genoss. Dann machten sich die anderen auch etwas freier.
„Wir müssen zum Med-Dorf…“, erklärte Oto und zeigte mit ihrem Finger auf eine Stelle auf der Karte. „Es müsste ungefähr hier liegen. Unser Weg führt uns dann ungefähr hier entlang.“ Sie fuhr mit ihrem Finger eine Route entlang und zeigte den anderen, welchen ungefähren Weg sie einschlagen müssten.
Sayoko passte das gar nicht.
„Aber schau doch mal, wie lange wir da noch laufen müssten! Das geht doch gar nicht! Die erste Stadt können wir schon durchqueren, aber dann würde ich empfehlen, diese Route zu nehmen. Die erste Stadt heißt Langoria Ite. Wenn wir dann aber eine andere Richtung als du einnehmen und mal in Prûo vorbeischauen, können wir in der nicht weit entfernten Krisha City vorbeischauen. Dort gibt es einen recht billigen Zug, der uns dann nach Mayima führt. Dann müssen wir nur noch nach Tho’shka und schon sind wir nicht mehr weit entfernt von deinem Dorf da. Wenn wir uns beeilen dann könnten wir es in rund einer Woche schaffen, dort anzukommen…“
Als sie alle total verwundert ansahen, räusperte sie und beschwerte sich: „Was gibt’s da zu glotzen? Ich kenne mich hier nun mal aus, was dagegen!?“
Mit großen Augen sahen sie Sayoko an und schüttelten fast gleichzeitig ihren Kopf.
„Auf geht’s nach Langoria Ite!“, brüllte sie überraschend enthusiastisch dem Himmel entgegen und machte sich als Erste auf den Weg.
„Kennt ihr diese Frau überhaupt?“, fragte Jumon interessiert.
„Nein“, meinte Oto. „Sie ist uns einfach gefolgt…“
„Das… ist doch wahrlich ein schlechter Scherz!“, antwortete er und starrte weiter auf Sayoko, die gerade dabei war, fast zu rennen.
„Sayokochen! Warte doch auf mich!“, rief Ryoma ihr hinter her und folgte ihr. Zuvor packte er natürlich Oto am Arm und zog sie mit sich. „Otoschatz, du darfst auch nicht fehlen!“
Als er das sagte, grinste er sie an und stampfte Sayoko weiter hinter her.
Ginta seufzte auf. Jumon sah ihn darauf verwirrt an und wollte schon fragen, was los wäre, als er meinte: „Da hab ich mir ja mal Freunde ausgesucht…“
Verträumt sah Ginta den dreien nach und schritt dann auch guten Herzens voran.
„Na gut, wenn ihr alle so meint…“, murmelte Jumon und holte ein Buch aus seiner Tasche und begann, darin zu lesen, während er den anderen folgte.
Ryoma, der Oto Huckepack tragen wollte, schritt mit ihr voran. Ein paar Schritte weiter hinten liefen Ginta und Sayoko nebeneinander. Er schaute immer wieder zu ihr rüber, um sie zu beobachten. Sie summte daraufhin genervt eine Melodie und versuchte ihre Schlagader so gut wie es ging zu verbergen. Beide verloren kein Wort. Jumon lief als Letzter hinter Sayoko und Ginta und las in seinem Buch über Geister. Die ganze Zeit murmelte er bestätigend etwas von Geistern, wie sie die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflussten und wie sogar welche einen zeitlichen Sprung von der Vergangenheit in die Gegenwart machten.
„Ginta?“, machte Jumon auf sich aufmerksam.
„Was ist?“, sagte Ginta über seine Schulter.
„Du hast doch damals von dem Geist in deinem Zimmer gesprochen, stimmt’s?“
„Ja, was ist mit dem?“
„Ich lese gerade, dass die meisten Geister Menschen nur begegnen, weil diese aus der Vergangenheit stammen. Sie kennen sich entweder nicht mit der Gegenwart aus oder…“
„… sie versuchen Kontakt mit ihnen aufzunehmen, weil es sich um etwas Wichtiges handelt, stimmt’s?“, beendete Sayoko den Satz prahlend.
„Woher…“, wollte Jumon nachfragen, doch er wurde sofort unterbrochen.
„Ich bin Wahrsagerin, ich habe schon Erfahrung mit Geistern aus der Vergangenheit, die einer bestimmten Person etwas sagen wollten. In letzter Zeit habe ich auch viele Erfahrungen mit solchen Geistern sammeln können…“
„Viele Erfahrungen? Du meinst wohl, weil du die Geister spüren kannst, die ständig um mich herum wuseln?“ Jumon lachte.
Sayoko gab keine Antwort.
‚Also nicht nur ich spüre solche Energien’, dachte sich Ginta. ‚Nicht nur seit Sayoko dauerhaft bei unserer Gruppe ist, nein, auch seit Jumon sich uns angeschlossen hat, spüre ich wieder dieses Brennen an meinem Mal…’
Ginta passte in diesem Moment nicht auf, stolperte über einen Stein und fiel hin. Während seines Sturzes riss er Jumon, der auf sein Buch fixiert war, und auch Sayoko mit. Sayoko schlug, wie Ginta, direkt auf den Boden auf. Gintas Amulett wurde nach vorne geschleudert. Jumon fiel auf Ginta und Sayoko. Irgendwie schaffte es Sayoko noch, das Amulett zu berühren.

Stille herrschte. Ginta stützte sich auf und schob den Körper, der auf ihm lag, beiseite. Wie aus einem Traum erwacht stand er auf, gähnte und hielt sich seinen Kopf, der vor Schmerzen nur so brummte.
„Au! Musste das sein?!“, brüllte er.
„Das war doch alles deine Schuld! Wärst du nicht über diesen behinderten Stein gestolpert, dann…“, verteidigte sich Sayoko, „… dann wären wir nicht hingefallen. Und schau mich mal an! Meine Kleidung ist voller Dreck!“
Sie wischte sich den Dreck von der Robe und schaute Ginta sie grimmig an.
Sayoko entgegnete diesem Blick ebenfalls mit einem bösen Blick, so ging das, bis Ginta plötzlich hoch fuhr.
„WAS hast du denn da an!?“, bemerkte Ginta und zuckte fast vor Schreck zurück.
„Das fragst du lieber dich selber, Bürschchen!“, gab sie ihm zur Antwort.
Beide sahen sich erstaunt an. Danach warfen sie einen Blick zu ihrer Umgebung.
„Ginta!?“
„Was ist, Sayoko?“
„Wo sind wir hier?!“
Beide befanden sich in einer großen, altertümlichen Stadt, die sich wohl in einer Wüste befinden musste. Der Boden war total sandig und außerdem brannte die Sonne ziemlich heiß auf den Boden hinab. Wo befanden sich Sayoko und Ginta genau? Außerdem fragten sich beide, wo wohl die anderen waren. Weder Jumon noch Oto noch Ryoma waren weit und breit zu sehen.
„Wo sind wir?“, wunderte sich Sayoko, die gerade dabei war, die Umgebung abzuschnüffeln.
„Was machst du da? Riechst du die Umgebung?“
„Nein! Ich schnüffle nach einer Verschwörung!“, griff sie Ginta energisch an.
Ginta kümmerte sich nicht weiter um sie und ging den Weg entlang, auf dem sie standen.
„Ich glaube, ich frage mal hier jemanden, wo wir sind…“
„Meinst du wirklich, das ist eine gute Idee? Na gut, in dieser großen Stadt kennen wir uns ja sowieso nicht aus.“
Ein wiederholtes Mal seufzte Sayoko und lief Ginta ihr hinterher.
Ginta versuchte, während er lief, sich mit seiner neuen Kleidung auseinander zu setzen. Er hatte eine andere Hose an als vorher, kein Oberteil, sondern nur einen Umhang, der so ähnlich aussah wie sein normaler. Er trug auch andere Schuhe.
Zu seinem Unglück hatte er gar nichts dabei. Weder seine Tasche, noch sein Amulett oder jegliches anderes Kleinzeugs. Irritiert schritt er weiter voran und versuchte einen Passanten zu fragen, in welcher Stadt sie sich befanden. Aber leider lachten sie ihn alle aus und meinten, dass er es ja eigentlich wissen müsste, er trägt ja die normale Stadtkleidung, also konnte er kein Fremder sein.
Nicht mal Kinder konnten sie fragen, die spielend durch die Gassen rannten.
Ginta lief, ohne es überhaupt zu merken, einen kleinen Hügel hoch, direkt gefolgt von Sayoko, die schon wieder eine Pause wollte. Also setzten sie sich auf den Boden und betrachteten die Stadt von diesem Hügel aus.
Es brauchte einige Minuten, bis beide merkten, dass im Zentrum der Stadt ein riesiges palastartiges Gebäude stand.
„Ginta…“
„Was ist, Sayoko?“
„Schau mal da!“ Sie zeigte mit ihrem Finger direkt auf dieses Gebäude. „Schaut aus wie ein Rathaus. Sollten wir nicht mal dort nachfragen? Die könnten uns sicherlich weiterhelfen, oder?“
„Das wäre wirklich eine gute Idee…“
So machten sich beide zum Zentrum der Stadt auf. Nach nicht nur einer Viertelstunde erreichten beide dieses Gebäude und betraten es voller Hoffnung. Zu ihrer Überraschung stellte es sich heraus, dass das kein Rathaus war, sondern wirklich ein Palast. Zwei weibliche Bedienstete begrüßten die beiden und führten sie gleich in einen Saal.
„Wir wissen schon, wohin Sie wollen“, sprach die eine und schritt voran.
„Wir wussten gar nicht, dass noch mehr Kinno-Bujin zu uns stoßen…“, meinte die andere und schob Ginta und Sayoko in den riesigen Saal.
„Kin… was?“, wunderte sich Sayoko und versuchte sich gerade von dem Griff dieser einen Bediensteten zu befreien, als sie selber losließ und die Tür hinter Ginta und ihr zuschlug.
Nun standen sie da. In einem Raum voller Menschen, mit komischen Gewändern und vielen Waffen. Ganz hinten im Raum war eine große Bühne.
„Wo sind wir hier?“, wandte sich Ginta zu Sayoko, die gerade dabei war, den Raum zu verlassen. „Hey! Warte auf mich!“
Er lief ihr hinter her.
Wütend wie sie war, trampelte Sayoko zu den Bediensteten hin und beschwerte sich, was das denn sollte.
Die Antwort war: „Sie gehören doch zu den Kinno-Bujin, sonst würden Sie nicht dieses Armkettchen tragen. Hier findet gerade eine Versammlung der größten Kinno-Bujin statt, die sich noch einmal strategisch über den wohl bald kommenden Krieg unterhalten werden. Da Sie auch zu ihnen gehören, ist es von größter Wichtigkeit, dass sie dem Vortrag beiwohnen.“
„Hören Sie, Sie…“ Sayoko wollte sie schon fast beschimpfen, ließ es aber dann doch sein. „Ich will sofort zum Verwaltungsbereich dieses Gebäudes! Und dann will ich den Bürgermeister sprechen!“
„Entschuldigen Sie bitte, aber was ist ein ‚Bürgermeister’?“
Ginta griff ein: „Ich bitte um Verzeihung. Meine Freundin hier meint den König…“
„Der König ist gerade dabei, eine neu entdeckte Ruine zu untersuchen. Sie finden diese nord-westlich der Stadt.“
„Nicht noch mehr laufen“, seufzte Sayoko, die schon wieder von allem genervt war.
„Gibt es hier nicht bessere Fortbewegungsmittel?“, erkundigte sich Ginta, der die ganze Situation extrem komisch fand. „So etwas wie Kutschen?“
„Wir hätten natürlich einen Kutschenservice. Dieser ist aber recht teuer. Haben sie ein Glück, dass Sie zu den Kinno-Bujin gehören, die während dieser Zeit kostenlosen Unterhalt bekommen. Sie dürfen alle Dienstleistungen in unserer Stadt kostenlos genießen.“
„Juhuu! Besser kann’s uns Kinno-Bujin gar nicht gehen!“, rief Sayoko aus, die gerade dabei war, einen Freudentanz aufzuführen.
„Diese Frau macht mir Angst…“, flüsterte Ginta, fragte noch einmal nach dem Weg und verließ dann diesen Palast.
Nach ihrem Tanz machte sich Sayoko dann auch auf den Weg, und als beide das Gebäude verließen, beugte sich die eine Bedienstete zur anderen und flüsterte: „Der Kleine war ja süß!“
„Genau! Er sieht ja auch ein wenig aus wie Gaara…“, antwortete die andere.
„Ob er sein Sohn ist? Ich hätte nie gedacht, dass Gaara Kinder hat…“
„Das dachte ich ja auch nicht… Aber bei der Schar von Frauen, die Gaara verehren, ist das kein Wunder mehr…“
„Jaaa! Gaara, ich finde ihn so süß!“ Man merkte richtig, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

Sayoko und Ginta brauchten nur ihre Armkettchen vorzuzeigen und schon wurden sie durch die halbe Stadt gefahren. An der Ruine angekommen, mussten sich beide erstmal auf dem großen Areal zurechtfinden. In dieser wüstenähnlichen Landschaft, weit außerhalb der Stadt, fanden sie nur einen alten Tempel vor, der richtig antik aussah. Beide ahnten noch nicht, dass der König ein richtiger Ruinenfanatiker war.
Gerade wollten sie die ersten Stufen der Treppe hinauf in den Tempel hinaufgehen, als eine relativ dunkle Stimme rief: „HALT! Ihr da! Keinen Schritt weiter!“
Von oben kam ein recht großer, dickwanstiger Mann mit grauem Bart herunter gerannt und beschwerte sich darüber, wie man es wagen könnte, diese Ruine kaputtzumachen.
Erschrocken standen die beiden da und starrten diesen Mann an, der wohl der König sein musste. Er trug auffällige, königlich wirkende Kleidung und außerdem erkannte man einen dicken Goldring an seinem rechten Ringfinger.
„Entschuldigt bitte, wenn es um Ruinen geht, dreht Soreiyuu völlig durch…“, meinte eine andere Stimme und ein Mann mit roten Haaren, dessen Spitzen so weiß wie Gintas waren, erschien. Seine Kleidung war ziemlich normal. Er trug, für diese Zeit, gewöhnliche Schuhe und eine normale Hose. Ein gewöhnliches Oberteil, und eine Weste, an dem Wurfmesser befestigt waren.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich vor Fremden mit König ansprechen sollst!“ Der König war gerade dabei dem anderen Mann eine Kopfnuss zu verpassen, aber dieser wich aus und kratze sich an seinem Kinnbart.
„Tja… Du und König? Opa, du liegst ja schon fast im Grab…“ Er lachte und bekam dann doch eine Kopfnuss.
„Darf ich mich vorstellen?“ Der König wandte sich nun wieder zu Ginta und Sayoko. „Ich bin König Soreiyuu. Das ist Gaara, einer der mächtigsten Krieger des Landes…“
Ginta fuhr hoch.
‚Gaara? Diesen Namen habe ich doch schon einmal gehört! Das war damals in Kueteika… Servant… Ich weiß es genau! Er hat mir davon erzählt, wie Gaara einst das Land vor der Finsternis befreit hat… Ist er dieser Gaara? Das kann doch nicht sein, wieso stehe ich vor ihm? Das ist doch alles gar nicht möglich! Wieso… Wieso bin ich hier? Was soll das ganze hier?’
Sayoko bemerkte, wie unruhig er in diesem Moment war. Sie wusste sofort, dass Ginta sich nichts anmerken lassen wollte und spielte einfach mit.
Sie warf sich auf ihre Knie und zog Ginta mit sich.
„Oh, ehrenwerter König! Wir bitten Euch und Eure besten Magier des Landes um eine Privataudienz! Mein Freund hier und ich haben da nämlich ein Problem, dass wir in der Öffentlichkeit nicht ansprechen wollen! Und Ihr, oh großer Krieger Gaara, wir bitten Euch auch mit uns zu kommen…“
Als sie mit ihrer Bitte fertig war, beugte sie sich noch zu Ginta rüber und flüsterte: „Ich habe einen Plan, wie wir wieder zurück kommen. Ich weiß zwar auch nicht, wer diese Leute sind, aber du hast da wohl mehr Ahnung als ich, oder?“
Ginta sah sie total erschrocken an und nickte zögerlich.
Der König lachte herzhaft und antwortete: „Von mir aus ihr zwei, ich kenne euch zwar nicht, aber ihr seid mir so was von sympathisch!“
„Das ist doch jeder, der sich dir vor die Knie wirft, du alter Greis…“, erwiderte Gaara in einem sehr sarkastischen Ton.
Der König betrat noch kurz den Tempel, um seinem Team aus Archäologen Bescheid zu geben, dass er nun wieder für einige Zeit im Schloss sein würde.
Nach einer weiteren Kutschfahrt befand sich die Gruppe, bestehend aus Ginta, Sayoko, Gaara und dem König wieder in dem Schloss. Ein gut versteckter Gang führte die vier Personen in einen sehr dunklen Raum. Es befanden sich schon einige andere Personen in dem Raum, die in einem Kreis saßen.
„Sie sind aber schnell“, meinte Sayoko und setzte sich in die Mitte des Kreises. „Ich habe ein wenig Erfahrung mit solchen Dingen.“
Ginta ging die ganze Sache etwas zögerlicher an. Er sah sich erstmal in der Gruppe dieser Magier um und entdeckte doch wirklich Servant und Uzryuuk! Er traute seinen Augen nicht, blinzelte noch einmal kräftig, rieb sich die Augen, aber nein, es waren ganz sicher Servant und Uzryuuk, die ihn dann auch noch frech angrinsten.
Wohin war er da nur geraten? Sein einziges Ziel war es doch, das Hauptquartier der Shal zu erreichen, mehr über seine Eltern zu erfahren und sich für die Taten der Shal an der Menschheit zu rächen! Das Schicksal wollte wohl nicht so, wie er es wollte. Er geriet zusammen mit Sayoko in eine antike Stadt, entdeckte zwei Personen, die da nicht sein dürften und traf zu alle dem auch noch auf Gaara, der ja sein Ahne sein sollte.
Er wusste echt nicht mehr weiter. Was sollte das Ganze? Wieso er? Wieso konnte er nicht einfach seine Reise fortsetzen, um endlich das Geheimnis um seine Eltern und deren Tod zu lösen?
Er warf sich auf seine Knie und fing fast an zu weinen.
„Ginta!“, rief Sayoko. „Was ist los?“
Sie ging zu ihm hin und beugte sich zu ihm herunter. Tröstend legte sie ihren Arm und seine Schulter und versuchte ihn weiter aufzumuntern: „Jetzt wein doch nicht! Ich hab alles im Griff, wir kommen schon wieder zurück nach Hause…“
Uzryuuk stand auf und sprach: „Ginta, Sayoko… Danke, dass ihr hier wart, aber jetzt ist es für euch Zeit zu gehen…“
Ihre Stimme wurde immer undeutlicher
„Gaara, nun siehst du, für welches Kind du kämpfst, für was du diesen Krieg gewinnen musst… Jetzt bist du an der Reihe!“
Gaara bat beide aufzustehen. Er stand nun vor Sayoko und Ginta und holte sein Amulett hervor. Es fing an Ginta entgegenzuschweben und leuchtete ziemlich stark.
Mit seinen Händen berührte er die Schultern beider und murmelte etwas in einer unverständlichen Sprache.
Im nächsten Moment fuhr durch die zwei ein gigantischer Energiefluss und beide fanden sich nun in einer Leere wieder. Beide waren nackt, sie konnten nichts klar sehen. Lauter Wind umgab beide und durchströmte ihre Körper.
Was war passiert? Was hatte Gaara mit beiden angestellt? Wieso passierte das alles?
Wieso?


Kapitel 27 – Angst um Tod

Es herrschte Ruhe. Man konnte den Wind durch das Blätterwerk der Bäume rascheln hören. Jumon rieb sich den Kopf und ging von Ginta und Sayoko herunter, die reglos auf dem Boden lagen. Jumon entschuldigte sich vielmals, aber die beiden antworteten einfach nicht.
Er stupste sie an, um zu sehen, ob sie reagierten, aber vergebens. Sie lagen immer noch auf dem Boden, ohne irgendetwas zu machen.
Ryoma und Oto, die mittlerweile ein Stückchen weiter gelaufen waren, hielten an und drehten sich um. Fragend sahen sie Jumon an.
„Oto, Ryoma!“, schrie Jumon auf. „Die beiden sind bewusstlos!“
Als Oto das hörte, rannte sie gleich zurück und legte Ginta und Sayoko nebeneinander. Sofort überprüfte sie Puls und Atmung.
Verwundert sah sie sich um und stotterte: „Ihre… Ihre… Ihre Herzen schlagen nicht, aber sie atmen noch. Das ist normalerweise unmöglich!“
Ohne weitere Gedanken zu verschwenden, begann sie mit der Reanimation. Verzweifelt beugte sie sich über die Brust von Ginta und versuchte gleichzeitig, sich um Sayoko zu kümmern.
Ryoma stand nun auch neben ihr und wusste nicht, was zu tun war. Ebenso wie Jumon sah er erschrocken zu.
„Jetzt helft mir doch!“, brüllte Oto und beugte sich nun über Sayoko.
Jumon begriff, was er zu tun hatte, kniete sich zu Ginta runter und tat das Gleiche wie Oto. Aber er hatte keine Ahnung von lebensrettenden Notmaßnahmen und konnte sich nur darauf verlassen, dass er alles richtig machte. Doch da sich Ginta immer noch nicht regte, war er sich fast sicher, dass er irgendetwas falsch gemacht hatte, obwohl es bei Oto und Sayoko auch nicht gerade besser aussah.
Oto versuchte es noch einige Male, bis sie dann doch aufgab. Sie starrte die reglosen Körper ihrer zwei Freunde an.
„Los, bringen wir sie in die nächste Stadt! Da muss es einen Arzt geben!“, meinte Ryoma und nahm Ginta Huckepack.
„Vielleicht kann uns da jemand weiterhelfen“, antwortete Oto und versuchte Sayoko zu tragen während sie murmelte. „Das ist doch eigenartig, sie atmen doch noch…“
Jumon half ihr dabei, also war Sayoko für sie nicht allzu schwer. Myu, die schon längst aus Gintas Tasche raus gesprungen war, rannte neben Ryoma her und hatte immer ein Auge darauf, dass er Ginta nichts antat.
Alle drei rannten so schnell es ging weiter den Weg entlang, um endlich der Stadt näher zu kommen. Nach ungefähr fünfzehn Minuten erreichten sie schon den Eingang der relativ kleinen Stadt. Auf einem Schild stand geschrieben: ‚Langoria Ite’.
Ryoma sprintete eine Straße entlang, um einen Arzt zu finden und stieß dabei einige Passanten beiseite. Das Einzige, was er vorfand, war eine Herberge, in die er gleich reinstürmte. Hektisch stand er an der Rezeption und erklärte die Situation. Die Frau, die dort gerade am arbeiten war, gab ihnen sofort einen Schlüssel und schickte jemanden los, um einen Arzt zu benachrichtigen. Oto und Jumon kamen einige Momente danach ebenfalls an und Ryoma trug Sayoko die Treppen hinauf und legte sie in ein zweites Bett, das neben dem stand, in dem Ginta lag.
Oto packte sofort ihre Medikamente und Instrumente heraus und untersuchte die zwei erneut.
Wieder stellte sie fest, dass die zwei zwar atmeten, aber ihre Herzen nicht schlugen.
„Wie… Wie kann das nur sein? Medizinisch betrachtet ist das unmöglich“, beklagte sie sich und bekam nichts zur Antwort.
Es herrschte wieder diese komische, beunruhigende Stille. Jumon blätterte in einem seiner Bücher, um vielleicht etwas herauszufinden, doch auch er fand nichts.
Niedergeschlagen warf er das Buch in eine Ecke und setzte sich auf einen Stuhl. Bedrückt blickte er zu Boden und im nächsten Moment wurde auch schon die Tür von einem Arzt aufgerissen.
„Ihr braucht mir nichts erklären, die zwei da auf dem Bett, stimmt’s?“ Hektisch packte er einige Geräte und Instrumente aus seiner großen Tasche und untersuchte die zwei ‚Patienten’.
„Es ist zwecklos…“, seufzte Oto. „Ich habe die zwei schon untersucht, sie atmen zwar, aber ihre Herzen schlagen nicht…“
„Sie kennen sich anscheinend aus“, antwortete ihr der Arzt.
„Ich bin ausgebildet in dem Bereich…“
Er überlegte eine Weile und schlussfolgerte aus der Situation: „Ich denke, das ist eine Reaktion von eingeklemmten Nerven. Eine komische Bewegung… ein Sturz oder ein Aufprall, ein ziemlich Plötzlicher, könnten der Grund dieses Übels sein, stimmt das?“
Oto nickte.
„Das Beste wäre, wenn sie versuchen würden, eine Herzmassage zu geben. Es wäre nicht schlecht, wenn sie das am ganzen Oberkörper durchführen würden. Das war es dann leider auch schon… Es tut mir Leid…“
„Ich denke, ab hier komme ich allein zurecht“, erklärte Oto und führte den Arzt zur Tür.
Als sie zurückkam, krempelte sie ihre Ärmel hoch und setzte sich auf Ginta. Sie zog ihm sein Oberteil aus und fing an, seine Brust zu massieren.
„Ryoma, du machst das Gleiche bei… Nein! Jumon, du machst bitte das Gleiche bei Sayoko wie ich gerade bei Ginta, ok?“
Entsetzt sah er sie an, und tat, was ihm befohlen wurde. Er zog ihr mit zitternder Hand das Oberteil aus und versuchte ihre Brust zu massieren. Dabei stellte er sich total unsicher an. Sein Kopf sah aus wie eine leuchtende Tomate.
Ryoma setzte sich an den Tisch, der im Zimmer stand und bereitete für alle etwas zu essen vor. Irgendwie hatte er vor lauter Aufregung mächtig Kohldampf bekommen.
Als er damit fertig war, aßen Oto und Jumon schnell etwas und setzten ihre Arbeit fort. Nach einigen Stunden voller Herz- und Körpermassagen vielen beide erschöpft von den Betten. Ihre Hände waren taub, und sie fühlten nur noch einen ziehenden Schmerz im Arm.
Es brachte einfach nichts. Die ganze Massage brachte nicht mal ein Zucken eines Muskels bei Ginta und Sayoko.
Immer noch reglos lagen sie auf den Betten.
Weitere Stunden vergingen, in denen Oto, Ryoma und Jumon nichts machen konnten, außer warten und darauf hoffen, dass die zwei aufwachen würden.

Es wurde langsam Nacht, und Oto wich Ginta nicht von der Seite. Sie saß auf einem Stuhl und lehnte sich über seinen Körper. Myu lag neben Gintas Kopf und spielte ab und zu mit seinen Haaren.
Sayoko wurde von Jumon, der nun neben ihrem Bett lag, zugedeckt und Ryoma schlief auf dem Stuhl ein.
Es war alles so still. Wenn man genau hinhörte, konnte man das sanfte Atmen hören.
Diese schöne und ruhige Szene wollte man nicht unterbrechen. Sie sahen so friedlich aus, wie sie schliefen und träumten.
Wer aus dem Fenster sah, konnte die vielen tausend Sterne am Firmament sehen, die alle glitzerten. Keine einzige Wolke war am Himmel, genauso wenig wie der Mond, der in dieser Nacht wie verschwunden war.
Jemand setzte sich auf und hätte dabei fast Myu vom Bett gestoßen, wenn diese Person dies nicht früh genug gemerkt hätte.
„Aua… Das war vielleicht ein Traum…“, flüsterte diese Person.
„Das war kein Traum, Ginta…“, antwortete ihm eine andere, weibliche Stimme.
In diesem Moment realisierte Ginta, dass Oto in seinem Schoß lag, er kein Oberteil anhatte und sie in einem Zimmer waren. Er errötete bei dem Gedanken, nichts anzuhaben und dass Oto an seiner Seite schlief.
Schnell zog er die Decke über seinen Körper und legte Oto vorsichtig von seinen Beinen herunter.
„Was… Was war das?“
„Wir sind wohl in der Zeit gereist…“, stellte Sayoko fest und drehte sich zu ihm.
„Wie lange bist du schon wach?“
„Lang genug, um mitzubekommen, was passiert ist…“
„Kannst du auch mal nicht in Rätseln sprechen?“, erwiderte er genervt.
„Kannst du mal aufhören, so dumm zu fragen?!“, erwiderte sie kalt.
„Es tut mir ja Leid…“ Er wurde immer lauter.
„Psst!“, machte Sayoko und setzte sich ebenfalls auf.
„Ich weiß auch nicht so recht, was das war…“, meinte sie leise. „Aber ich weiß, dass es real war. Wir zwei haben da etwas erlebt, was kein Mensch vor uns erlebt hat. Ich hoffe, das ist dir bewusst…“
Ginta nickte und stand auf und zog Oto ins Bett.
„Schau dir mal an, wie fertig die aussehen…“, erkannte Ginta und legte Jumon in das Bett von Sayoko, nachdem sie aufgestanden war.
„Ich fühle mich super!“, sagte sie und streckte sich.
Als Ginta das sah, drehte er sich sofort um.
„Bin ich so hässlich?!“, erkundigte sie sich.
„Nein…“, antwortete er. „Aber du trägst keinen BH!“
Überrascht sah sie an sich herunter und erkannte das, was Ginta schon vor ihr bemerkt hatte.
„Hast du etwa Angst vor Brüsten?“, fragte sie fies grinsend und ging auf Ginta zu.
„N… N… Nein, das ist es nicht!“, stotterte er erschrocken. „I… I… Ich mein n… n… nur, dass ich s… s… so etwas noch nie zuvor gesehen habe!“
Sayoko grinste noch fieser, als ihr dieser Schwachpunkt von Ginta bewusst wurde. Langsam ging sie auf ihn zu und packte ihn an der Schulter, als wolle sie ihn zu sich herziehen. Doch im nächsten Moment ließ sie wieder von ihm ab und zog sich an.
Ginta traute sich immer noch nicht, sich umzuschauen und starrte stattdessen aus dem Fenster.
„Wir sollten die drei hier schlafen lassen, ich denke, wir zwei haben genug Schlaf hinter uns, stimmt’s?“, erklärte Sayoko voller Überzeugung und verließ das Zimmer.
Ginta folgte ihr sofort.
„Ja, da hast du wohl Recht… Ich will nicht wissen, was die drei heute alles geschafft haben…“
„Weißt du, Ginta, ich glaube, wir sollten keinem von unserem Erlebnis erzählen…“
„Wieso das?“
„Wieso denkst du, dass nur wir zwei dies erlebt haben? Und nicht zum Beispiel du und Oto oder Ryoma oder Jumon?“
„Weil… Ich weiß es nicht.“
„Siehst du, weil wir es noch nicht wissen, wäre es doch besser, erst zu erfahren wieso WIR das erlebt haben, stimmt’s?“
„Hmm… Ich denke mal, das wäre wirklich gut.“
„Außerdem, Ginta…“, fuhr sie fort.
„Ja?“
„Du hast einen echt heißen Körper. Glückliches Mädchen, das dich mal haben wird.“
Gemein grinsend lief sie weiter durch die Straßen der Stadt. Ginta wurde wieder rot und bemerkte, dass er ohne Jacke nach draußen gegangen war.
„D… Danke…“
Beide liefen noch ein Stückchen weiter.
„Langoria Ite… Eine schöne Stadt, nicht wahr?“
Ginta nickte nur und folgte ihr.
„Die nächste Stadt, die wir durchqueren müssen ist Prûo, stimmt’s? Das…“ Sayoko verstummte.
„Das was?“, fragte er nach.
„Schon gut. Es tut mir Leid, aber ich denke, dass ich euch dort verlassen muss. Es war schön mit euch zu reisen, aber… Ich habe wichtige Geschäfte zu erledigen.“
Ginta stellte sich vor Sayoko und umarmte sie auf einmal.
„Danke, dass du mit uns gereist bist. Ich werde unser Erlebnis nie vergessen, versprochen. Ich denke, das verbindet uns zwei…“
Er ließ von ihr los und lächelte sie an. Ginta kam aus dem Rotwerden gar nicht mehr heraus. Selbst ein kleines Grinsen konnte er auf Sayokos Gesicht zaubern.
‚Wieso mache ich mir solche Gedanken‘, grübelte Sayoko stumm vor sich hin und lief mit Ginta weiter.

Am nächsten Morgen kamen Ginta und Sayoko von ihrem Spaziergang zurück und wurden herzlich von ihren Freunden erwartet. Oto hatte wieder Tränen in den Augen und umarmte Ginta kräftig.
„Ihr lebt wieder!“, stießen die drei erleichtert aus.
„Waren wir jemals tot? Ginta und ich haben doch eine Nachricht hinterlassen, bevor wir diesen Spaziergang gemacht haben“, wandte Sayoko genervt ein.
„Wir haben nur geschlafen“, meinte Ginta und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Ja, die Nachricht haben wir auch gelesen, aber es ist trotzdem schön zu wissen, dass ihr Wohlauf seid“, meinte Jumon.


Kapitel 28 – Sayokos Blut

Prûo war eine sehr große und edle Stadt. Der Weg von Langoria Ite bis hierher war wirklich nicht lang gewesen. Es war vielleicht ein halber Tagesmarsch. Diese Stadt war wirklich sehr edel. Nein, richtig, richtig edel. Man sah keine normalen Häuser, sondern überall nur riesige Gebäudekomplexe und Villen. Sofort erkannte man die Sterne in den Augen von Oto.
„AHHH! Das ist ja mal eine schöne Stadt!“, schrie sie begeistert auf, nachdem sie durch das Eingangstor gegangen war.
„Das ist wirklich beeindruckend“, meinte Jumon.
„Ich hasse diese Stadt…“, murmelte Sayoko und schritt schnell voran.
„Warte doch, Sayoko!“, rief ihr Ginta hinterher, doch sie war schon in der nächsten Nebenstraße verschwunden.
„Dann stellen wir mal die Stadt auf den Kopf…“, schlug Ryoma vor und grinste die anderen an.
Das Wetter war schön. Die Sonne schien und es war angenehm warm. Myu lief an Gintas Seite. Sie schlenderten umher und fragten sich, was sie nun denn gern tun würden. Das Wichtigste aber, bemerkte Ginta, war doch, Sayoko zu suchen, die sich in dieser Stadt anscheinend sehr gut auskannte und die Freunde so herumführen konnte. So machten sie sich auf die Suche nach ihr, nachdem sie gemerkt hatten, dass Sayoko schneller verschwunden war als ihnen lieb gewesen ist.

Jede Villa sah zwar anders aus, aber dennoch verloren unsere Freunde nicht das Gefühl, im Kreis zu laufen. Es war ja auch wirklich schwer, sich in dieser großen Stadt zurechtzufinden. Selbst Passanten konnten sie nicht fragen, weil diese zu sehr beschäftigt waren.
„Was ist denn das für eine komische Stadt. Keiner hilft uns…“, beklagte sich Oto.
‚Ich kann mir gut ausmalen, warum Sayoko diese Stadt hasst… Aber was hat das mit ihren Erledigungen zu tun? Es schien nicht so, als hätte sie etwas dabei, dass sie ausliefern müsste. Ob sie was abholt? Aber für wen?’, überlegte Ginta still vor sich hin.
„Es wäre wirklich besser, wenn wir Sayoko finden, oder?“, wiederholte Jumon während er eine Villa betrachtete.
„Uns bleibt nichts anderes übrig“, seufzte Oto.
Es verging einige Zeit. Sie gingen durch die Straßen der Stadt, schauten in jede Gasse, sahen sich jeden Laden an, aber sie fanden Sayoko nicht. Ginta entschloss sich doch dazu, in einer kleinen Bäckerei nachzufragen.
„Entschuldigen Sie…“, fing er an und als er merkte, dass die Verkäuferin ihm Aufmerksamkeit schenkte, sprach er weiter. „Haben Sie eine junge Frau gesehen? Lange pinke Haare, trägt einen schwarzen Mantel. Ihr Name ist Sayoko…“
Die Verkäuferin schreckte auf.
„Sayoko? Ja, sie war vorhin hier und hat sich ein Stück Brot gekauft. Wieso? Was wollt ihr von ihr?“
„Sie gehört zu unserer Gruppe“, antwortete Ginta. „Wo ist sie hin?“
Ginta wollte sich nicht nur in der Stadt auskennen, sonst hätte er ja diese Verkäuferin nach dem Weg gefragt, nein, er machte sich wirklich Sorgen um Sayoko. Diese Frau steckte für ihn voller Rätsel und Geheimnisse. Ihr komisches Verhalten zerbrach ihm gerade den Kopf.
„Sie meinte, sie wolle jemanden besuchen gehen. Dabei verzog sie ihr Gesicht. Ich denke mal, sie ist zum Friedhof…“
„Wo ist der?“, fragte Ginta weiter.
„Sie folgen einfach diese Straße nach Norden. Wenn Sie am Ende der Straße angelangt sind, dann nehmen Sie den Weg nach links und nehmen die zweite Abbiegung rechts, ok?“
„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, bedankten sich alle und verschwanden aus dem Laden.
Bald waren sie am Friedhof angekommen und sahen sich um. Sie fanden Sayoko nicht. Was allen sofort ins Auge fiel, war ein kleines Grab, das gar nicht geschmückt und auch ziemlich dreckig aussah. Im Gegensatz zu den anderen prachtvoll verzierten Gräbern fiel dieses wirklich auf.
Sie liefen zu diesem Grab hin und sahen es sich an. Es lag eine einzelne Blume auf der ausgetrockneten Erde. Auf dem kleinen Grabstein stand eine Inschrift.
„Sakura Fusai…“, las Jumon vor. “Gestorben ist sie heute genau vor zwanzig Jahren.“
Ginta kam ein Geistesblitz.
‚Sakura Fusai… Fusai… Sayoko heißt doch so! Das… Ist das ihre Mutter? Von der Lebenszeit her würde das perfekt passen. Also ist sie hier, um über den Tod ihrer Mutter vor genau zwanzig Jahren zu trauern. Das muss es sein. Aber wieso wollte sie das alleine?’, dachte er sich und wurde schnell unterbrochen.
„Wer ist das?“, fragte Jumon nach.
„Genau deswegen…“, seufzte Ginta. „Ich erkläre es euch: Das ist Sayokos Mutter. Sayoko wollte anscheinend ihr Grab alleine besuchen kommen.“
„Aber wieso? Wir hätten sie doch dabei nicht gestört“, erwiderte Ryoma.
„Weil wir sie dann mit Fragen gelöchert hätten. Sie würde das nicht wollen. Stellt euch vor, eure Eltern wären tot. Die Erinnerungen, das Geschehene, alles das ist schwer zu verarbeiten.“
„Das klingt plausibel“, unterstützte Jumon Ginta. „Machen wir uns wieder auf den Weg? Dieser Friedhof stimmt mich traurig.“
Alle seufzten.
Zum wiederholten Male machten sie sich auf den Weg, Sayoko zu finden, was in dieser großen Stadt wirklich nicht einfach war. Nach einer weiteren Stunde des Umherirrens legten sie eine Pause ein und aßen etwas in einem Park. Dieser Park war, genauso wie die Stadt, ziemlich groß und es wimmelte nur so von Grün. Viele Bäume, Büsche, Sträucher und Wiesen schmückten diesen.
Total genervt suchten sie dann weiter. Es schien wirklich, als wäre Sayoko komplett verschwunden. Selbst zum Eingangstor gingen sie zurück, um zu sehen, ob Sayoko dort wartete.
Aber vergebens, sie fanden Sayoko einfach nicht. Verzweifelt machten sie wieder eine kleine Pause.
„Jetzt kommt schon! Es geht um Sayoko“, munterte er alle auf.
„Ach wirklich? Eigentlich wollen wir doch wieder so schnell es geht aus dieser Stadt verschwinden!“, brummte Ryoma.
„Diese Villen kotzen mich langsam an“, nuschelte Oto.
„Ich will nicht mehr“, beschwerte sich Jumon leise, der wie gewohnt in einem Buch las.
„Jetzt hört doch endlich auf!“, brüllte Ginta, der langsam wütend wurde. „Wenn ihr nicht wollt, dann geht zum Eingangstor zurück!“
Was war es, das Ginta so in Fahrt brachte? Waren es die Gedanken über Sayoko, die ihn so verwirrten?
„Aber…“, wandte Oto ein.
„Was aber?“, fragte Ginta genervt.
„Ich könnte schwören, dass ich gerade Sayoko in diese Straße einbiegen gesehen habe!“ Sie zeigte mit ihrem Finger auf eine Nebenstraße.
„Worauf wartet ihr?“ Ginta rannte los und die anderen hatten es schwer, mit ihm mit zu halten.
Er sah sie. Er sah, wie Sayoko auf ein Grundstück ging und diese riesige Villa betrat.
Die anderen holten ihn endlich ein und sie blieben vor dem großen Zaun stehen.
„Da… Da ist sie rein gegangen“, erklärte Ginta.
„Das Beste ist, wir warten hier“, schlug Jumon vor. „Wer weiß, wer hier lebt.“
„Goyoko Fusai“, las Ryoma von einem goldenen Schild ab.
„Schon wieder dieser Name…“, erkannte Ginta. „Ist… Ist das ihre Familie?“
„Ich denke, es ist ihr Vater. Wenn ihre Mutter doch schon tot ist.“, erläuterte Jumon, der sein Buch wieder eingepackt hatte.
In diesem Moment kletterte Myu auf den hohen Zaun und sprang auf das Grundstück.
„Myu! Komm zurück!“, befahl ihr Ginta, doch sie hörte nicht.
Ginta seufzte wiederholt und meinte: „Uns bleibt nichts anderes übrig, als das Grundstück zu betreten, jetzt, da Myu ja auch schon auf dem Grundstück ist.“
„Was für ein Glück!“, freute sich Oto und klingelte.
Nachdem nichts geschah, klingelte sie wieder, doch niemand öffnete ihnen das Tor.
„Was für ein Zufall“, bemerkte Ryoma und kletterte ebenfalls über den Zaun. Als er auf dem Grundstück war, öffnete er von innen das große Tor.
„Danke, Ryoma“, bedankte sich Oto und gab ihn einen kleinen Kuss auf die Wange, woraufhin er fast in die Luft sprang, so sehr freute er sich.
Alle schlichen sich an ein Fenster und lugten hinein.
Was sie sahen, war ein riesiger Saal, der mit viel Gold und Marmor und etlichem anderem verziert war. Am einen Ende war eine Art Thron, auf dem ein dicker Mann saß. In der Mitte des Raumes stand Sayoko.
Durch einen kleinen Spalt im Fenster konnten unsere Freunde hören, was die zwei sich zu sagen hatten.

„Du bist also wieder zurückgekehrt, Sayoko…“, fing ihr Vater an.
„Ich bin nur wieder da, um es endlich zu klären! Heute vor genau zwanzig Jahren ist Mutter gestorben, nein, sie wurde umgebracht! Und ich weiß genau, dass du es warst!“
Ihr Vater, der viel Schmuck an sich trug, lachte finster.
„DU willst behaupten, ich hätte Sakura getötet? Ausgerechnet du, die doch so ängstlich von zu Hause weggerannt ist? Deine Mutter ist gestorben, weil du sie gehasst hast…“
„Das habe ich gar nicht!“ Sayoko brüllte ziemlich laut. „Du hast sie umgebracht! Sie war dir zu gutmütig, sie wusste, welche Machenschaften du betreibst! Diesen Abend werde ich nie vergessen! Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, weil du und Mutter gestritten habt. Ich habe alles mitbekommen… du hast sie dann kaltblütig ermordet…“
„Halt dein freches Mundwerk! Ich habe absolut nichts getan!“ Er stand auf und sein stämmiger Körper schwabbelte nur so vor Fett.
„Gib es doch endlich zu! Was bist du für ein feiges Monster, das noch nicht mal zugeben kann, was es getan hat!? Ich werde dich für den Mord an Mutter immer hassen! Ich lehne dich als meinen Vater ab… Du…“ Sie ballte ihre Faust und knirschte mit den Zähnen.
Man spürte ihre Wut. Es lag förmlich in der Luft. Gespannt hörten Ginta und die anderen zu.
„Hast du ein Glück, dass du es noch niemanden erzählt hast…“, lachte er überlegen. „Sonst hätte ich dich schon früher um die Ecke gebracht!“
„Du bist ein gieriges, widerwärtiges Monster! Wie viele mussten schon wegen deiner Gier nach Macht und Geld sterben!? Und du kannst noch nicht mal erahnen, was ich in den zwanzig Jahren alles durch gemacht habe! Ich habe auf der Straße gelebt und musste mich von halb verfaultem Brot ernähren! Es gibt Menschen, die wirklich gelitten haben… Was hast du die Jahre getrieben? Du hast hier in deiner Villa gesessen und dein Leben gelebt, als ob nichts geschehen wäre! Hoffentlich hast du deine Macht und deinen Luxus genossen!“
Er starrte sie an und fing plötzlich an lauthals zu lachen. „Was!? Du hast doch auch in Luxus gelebt und dich keinen Pfifferling um andere geschert! Du hast es geliebt, mit Sakura stundenlang zu spielen. Du kannst mir nicht ehrlich weiß machen, dass du diesen Luxus nicht vermisst! Aber wie… Sag mir, wie willst du das ändern? Denkst du, deine kleine süße Ansprache kann mich aufhalten?“
Er spielte an seiner Kette, schritt die paar Stufen hinab und lehnte sich gespannt an eine Löwenstatue.
„Das wirst du früh genug mitbekommen… Monster…“ Ihre Stimme wurde leiser.
In diesem Moment drückte ihr Vater einen versteckten Schalter an der Statue und ein Gitter fuhr vor ihm hoch. Danach setzte er sich wieder auf seinen Thron und drückte dort gemütlich einen weiteren Schalter.
In diesem Moment öffneten sich alle Türen zu diesem Raum und eine Menge schwarz gekleideter Männer und Frauen kamen herein gestürmt.
Ginta fuhr hoch. Waren das etwa…?
Ja, es waren Shal! Diese Kleidung war unverkennbar!
„Sie wird doch nicht etwa…“, flüsterte Jumon.
„Doch, sie wird! Und wir helfen ihr!“, antwortete Ginta voller Überzeugung und flüsterte weiter. „Hier ist mein Plan…“

„Du wirst doch jetzt nicht echt die hier alle auf mich hetzen?“, fragte Sayoko.
Ihr Vater fing wieder an so komisch zu lachen: „Ja, natürlich! Was denkst du denn? Wofür habe ich denn meine Untergebenen?“
„Wie dumm kann man sein!? Du hast dich doch nicht wirklich mit Shal eingelassen?“
„Eingelassen? Ich handle mit ihnen, mehr ist das nicht! Ich gebe Geld und von ihnen bekomme ich nun mal besondere Leistungen zurück… Das ist das Gesetz von Geben und Nehmen…“
„Geben und Nehmen!? So nennst du das also…“ Sayoko schaute zu Boden und bewegte ihre Hand unter ihren Mantel.
„Ich wünsche dir viel Spaß… Einen schönen Tod… Und grüß deine Mutter von mir…“ Ihr Vater nippte genüsslich an einem Glas Wein, das er sich neben sich stehen hatte.
Es waren mindestens fünfzig Shal in diesem Raum und umzingelten Sayoko. Diese nahm gerade einen Dolch hervor, dessen Klinge schwarz war. Nur der Rand war golden. Um ihre Hand, in der sie den Dolch hielt, bildete sich etwas Schwarzes. Es sah so aus, als wäre es etwas Schattenartiges, das sich nun auch um die Klinge herum schlang. Komischerweise wurde dieses schwarze Zeug immer mehr und bildete eine große Klinge.
Nun war es kein einfacher Dolch mehr, nein, es sah aus, als hätte Sayoko ein Schwert in der Hand.
„Lasst uns beginnen…“, sprach sie, lüstern nach Rache.
Man hörte plötzlich ein lautes Klirren und Fensterscheiben zerbrachen. Zwei Fenster oben und zwei Fenster unten wurden zerstört.
„Du willst doch den ganzen Spaß nicht alleine haben?“, hörte man eine männliche Stimme sagen.
„Ich hätte gedacht, wir sind Freunde“, ertönte eine weibliche Stimme.
„Wir helfen dir, Sayoko“, sprach eine dritte Stimme.
Sayoko blickte um sich. Oben sah sie Ryoma und Ginta, die auf dem Fensterbrett standen. Unten warteten Jumon und Oto.
„Was… macht ihr hier?“, wunderte sie sich.
„Ach, Sayoko“, fing Ginta an. „Du hättest ruhig etwas sagen können! Ein familiärer Kaffeeklatsch hätte uns nichts ausgemacht!“
Ein Lachen unterbrach die Spannung, bis er dann begann, der Kampf…Kapitel 30 – Die Vision gefangen von den Shal – Überarbeitet

Nachdem Sayoko alles erledigt hatte, was sie in Prûo zu erledigen hatte, beschlossen die Freunde, weiter zu reisen. So machten sie sich fertig für die Abreise, aßen vorher noch etwas und machten sich dann auf den Weg.
Jumon schlug vor, die Nacht zu nutzen um in die nächste Stadt zu gelangen, sodass ein zu langer Aufenthalt in Kisha City nicht nötig wäre. Geschlafen hatten alle genug, also machten Ginta und seine Freunde sich abends auf den Weg von Prûo nach Kisha City. In dieser Stadt befand sich ein Bahnhof und einer der Züge sollte sie nach Mayima bringen. Denn von dieser Stadt aus war es wirklich kein weiter Weg mehr, bis zum Med-Dorf.
Die Nacht brachte eine eigenartige Kühle mit sich, die man sonst in diesen frühsommerlichen Tagen kaum erwartete. Die Freunde liefen still nebeneinander her, betrachteten den Mond und sahen ab und zu die leuchtenden Augen eines der nachtaktiven Tiere. Keiner traute sich, die Stille der Nacht mit unwichtigen Worten zu stören.
Sayoko fühlte sich irgendwie erleichtert. Endlich war sie dieses Gewicht los, das sie seid sie damals von Zuhause verschwunden war, mit sich trug. Nun konnte sie loslassen und musste nicht mehr an ihren schrecklichen Vater denken.
Am nächsten Morgen, nach dieser langen Wanderung, kamen sie endlich vor den Toren Kisha Citys an. Schöne Verziehrungen hatte das Tor nicht. Das einzig dekorative war ein durch die Witterung abgenutztes Relief eines Zuges. Als sie das Tor durchquerten, überblickten sie erstmal die Häuser und vor allem auch die Hauptstraße Kisha Citys. Es war wirklich eine schöne Stadt. Hier und da war ein kleiner Laden, in dem man interessante Dinge kaufen konnte. Ihr Weg führte sie an allerlei Geschäften und ständen vorbei. Bald sollten sie, nachdem sie einigen Schleichwegen, durch die industrielleren Gebiete der Stadt gefolgt waren, den Bahnhof erreicht haben. In dieser Gegend gab es einige riesige Lagerhallen, die auf noch größeren Grundstücken standen, umringt von hunderten aufeinandergestapelten Containern. Durch den grobmaschigen Zaun, den jedes Grundstück umgab, konnten die Freunde auf die stillen, großen Hallen werfen.
An diesem Tag war es extrem windig. Genervt machten sich Sayoko und Oto Zöpfe, denn der Wind schlug die Haare zu oft ins Gesicht. Ryoma, der ja schon einen Zopf trug, störte das nicht sonderlich.
Es lag etwas in der Luft. Ginta trug schon die ganze Zeit so ein komisches Gefühl in sich herum. Nicht nur der Wind, der sich immer wieder drehte, als suche er nach etwas, nein, sondern auch eine komische Anspannung in Ginta wendete und wirbelte in ihm in alle Richtungen seines Körpers. Gintas Amulett, das er wie immer um den Hals trug, fing in unregelmäßigen Abständen an, ganz leicht zu vibrieren. Ginta machte sich darüber keinen großen Kopf, denn er diese Vibrationen kaum wahrnahm.
Bis auf Jumon und Oto, die sich über die zahlreichen Aufschriften der Container unterhielten und aufblühten, blieben die anderen still. Vielleicht war es doch Müdigkeit, die sich langsam in ihnen breit machte. Vielleicht aber auch nur die Gedanken an etwas anderes.
Eine Zugfahrt erwartete die Freunde. Ginta erinnerte sich an einen Ausflug mit seinen Eltern und Soijitonoma. Wieder einmal eine dieser Erinnerungen, bei der er sich nur vage an das Aussehen seiner Eltern erinnerte. Er hatte eigentlich gar keine Photos von seiner Mutter und seinem Vater. Nur ab und zu hatte er davon gehört, wie Soijitonoma von dem wunderschönen Äußeren seiner Mutter schwärmte. Doch komischerweise fiel es Ginta, Jahr um Jahr, immer schwerer sich ein Bild von seiner Mutter zu machen. Bis er sie für die meiste Zeit des Tages, aus seinen traurigen Gedanken bannte.
Damals war es ein kühler Frühlingstag. Das Ziel jener Reise war ein riesiger Naturschutzpark nordöstlich von Kueteika, in dem Ginta und seine Familie wilde Tiere beobachten und auch ein Picknick machen wollten. Mit dem Zug war dieser Ort mit einer zweistündigen Fahrt leicht zu erreichen. Damals war Ginta noch total fasziniert gewesen und freute sich, als er zum ersten mal in eine alte Dampflok steigen durfte. Es war seine erste Zugfahrt überhaput gewesen.
Voller Aufregung setzte er sich direkt ans Fenster und klebte mit der Nase förmlich an der Scheibe. Diese wunderschönen Landschaften, die er erblickte, diese Bilder in Gintas Kopf von den Feldern, den Wäldern, dem Kirschblütenberg, sie alle kamen wieder hoch. Ob ihm das alles während der bevorstehenden Zugfahrt wieder passieren sollte? Er wusste es noch nicht.
Seufzend schritt er voran, dicht gefolgt von den anderen.
„Wartet mal“, forderte Jumon und blieb stehen. „Die Geister sind ziemlich unruhig, als wäre etwas schreckliches passiert. Was ist da nur los?“
„So wie der Wind“, murmelte Ginta und fuhr sich einmal durch die Haare.
„Ja, das nervt ganz schön“, brummte Sayoko, die sich wieder die Haare aus dem Gesicht strich, die nicht im Zopf waren.
„Wir sollten vorsichtig sein“, meinte Jumon nur, während er sich weiter Gedanken über diese Unruhe machte, die er nun auch verspührte..
Die Freunde gingen weiter.
‚Komisch’, überlegte Ginta. ‚Jetzt wo Jumon es erwähnte, merke ich auch wie merkwürdig alles ist. Es sind auch kaum Menschen unterwegs… richtig eigenartig…’
Schon bald erreichten sie den Bahnhof. Es war ein großes Bahnhofsgebäude, hinter dem die Gleise lagen. Sie betraten das Gebäude und erblickten einen Zeitungsstand, einen Laden, in dem man noch etwas zu essen kaufen konnte und die Information.
Sayoko, die das Geld bei sich trug, ging zuerst in die Information, um die Tickets zu kaufen. Die anderen beschäftigten damit, das Gebäude genauestens von Innen aus zu betrachen.
„Guten Morgen“, war Sayokos Begrüßung, obwohl es ja schon fast Mittag war.
„Hallo“, entgegnete der Angestellte in einem gestressten Ton.
„Ich würde gerne eine Zugfahrt für fünf Personen und eine Katze buchen. Es geht nach Mayima.“
Der Angestellte blätterte in einem Buch und fing an: „Heute fährt ein Zug nach Mayima. Die Katze kann kostenlos mitfahren.“
Danach sprach der Angestellte noch von dem Preis und Sayoko bezahlte sofort.
Als sie jedoch mit den Tickets in der Hand zurück zur Gruppe kam, hörten alle plötzlich eine gigantische Explosion. Es war sogar so schlimm, dass der Boden bebte.
„Das kommt von der Richtung, aus der wir kamen“, schoss es aus Jumon.
„Na dann, auf los geht’s los!“, lachte Ryoma und rannte los. „So was wollen wir uns doch nicht entgehen lassen!“
„Ich hab’s gewusst“, seufzte Ginta und massierte sich seine Schläfen. „Es musste ja kommen. Mein Gefühl hat es mir also schon verraten, dass etwas komisches passieren sollte.“
Die Freunde machten sich nun auf den Weg zurück, um herauszufinden, woher diese Explosion stammte.
Myu rannte neben Ginta her, denn das Auf und Ab der Tasche, während er rannte, tat ihr wohl nicht sonderlich gut.
Als alle ungefähr die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatten, wiederholte sich das Geräusch einer Explosion. Jetzt liefen Ginta und seine Freunde noch schneller.
Das Gebiet der Lagerhallen war umzäunt. An manchen Stellen waren große Löcher darin oder es fehlten ganze Abschnitte, durch die man leicht hätte durchsteigen können.
Je näher sie dem Ort des Geschehens kamen, desto mehr Leute in Uniformen waren aufzutreffen.
„Was macht die denn hier?“, wunderte sich Oto, die nun langsamer lief. „Die sehen aus, wie Polizisten…“
Die anderen taten es ihr gleich und blieben dann stehen. Sayoko gab sich einen Ruck und sprach einen Uniformierten, der in der Nähe stand, an und fragte nach, was denn los wäre.
„Eine Gruppe komisch gekleideter Leute stiehlt Sachen aus den Lagerhallen. Wenn ihr dort hinter schaut“, er zeigte mit dem Finger an eine recht weit entfernte Lagerhalle, „dann seht ihr einige dieser Leute, die gerade mit unseren Männern kämpfen. Der Anführer dieser Bande benutzt ziemlich komische Magie…“
„Danke für die Info“, verabschiedete sich Sayoko und wandte sich zu den anderen. Sie ging ein paar Schritte weiter, sodass keine der Leute sie hätte hören können.
„Da sind Shal in den Lagerhallen“, flüsterte sie.
„Was wollen die jetzt schon wieder!? Die können auch nie Ruhe geben“, sagte Ginta wütend.
„Dann mischen wir sie doch auf!“, meinte Ryoma und streckte seine geballte Faust in den Himmel.
Dann kletterten alle über den ca. zwei Meter großen Zaun und liefen zu den Lagerhallen.
„HEY! Was macht ihr da!?“, brüllte einer der Männer ihnen hinterher. Sayoko drehte sich im Rennen um und streckte ihm die Zunge raus.
Es tauchten auf einmal immer mehr Shal auf, die die Gruppe aber nicht wirklich beachteten. Die Freunde schafften es, unbemerkt an einem Zentrum aus drei großen Lagerhallen anzukommen. Sie versteckten sich hinter den Hallen, denn davor spielte sich der Kampf zwischen den Uniformierten und den Shal ab. Wichtig war es jetzt, erstmal einen Plan zu finden, wie sie vorgehen sollten.
„Was ist unser Plan?“, leitete Oto ein.
„Wir teilen uns auf“, schlug Ginta vor. „Sayoko und Jumon nehmen sich diese Lagerhalle vor. Oto und Ryoma diese. Ich kümmere mich um diese in der Mitte. Wir erkundigen uns, was die Shal stehlen und vereiteln es so gut wie möglich, in Ordnung? Wie auch immer das geschehen soll, ihr lasst euch sicherlich was Gutes einfallen, stimmt’s?“
„Aber…“, versuchte Oto einzuwenden, bis sie von einem „Nichts aber!“ von Ginta unterbrochen wurde.
Dann machte er sich auf den Weg.
„Ich hoffe, er dreht nicht durch. Wir kennen seinen Hass gegenüber diesen Shal“, meinte Ryoma.
„Hoffentlich beherrscht er sich“, bemerkte Jumon.
„Ich hoffe, dass ihm nichts passiert“, meinte Oto. Danach teilte sich auch der Rest der Gruppe auf.
Ginta schlich mittlerweile durch die riesige Lagerhalle, in der ziemlich viele riesige Container standen, die denen von Draußen stark ähnelten. Ab und zu gingen ein paar Shal durch die Halle, doch Ginta hatte Glück, versteckte sich immer und ließ sich nicht erwischen. Für ihn war es dann ein kleiner Adrenalinschock, wenn er den Blick der Shal entging. Seine Aufgabe war es jetzt erst einmal, die Lage abzuklären.
Plötzlich kam wieder dieses komische Gefühl in ihm hoch. Es verwirrte ihn aber diesmal nicht, so wie vorher, sondern es leitete und führte ihn eher durch dieses Labyrinth der Lagerhalle.
Leise flüsterte eine unverständliche Stimme in Gintas Kopf. Überrascht darüber versuchte er genauer hinzuhören, doch es war nicht möglich, diese genau zu verstehen. Aber trotzdem wusste er, dass er jetzt etwas zu tun hatte. Er musste herausfinden woher dieses Flüstern kam und was es mit den Shal zu tun hatte.
Ginta kam zu einer Treppe. Langsam stieg er sie hinab und betrat einen Raum, der aus vielen gefängnisartigen Zellen bestand.
Plötzlich bekam er Kopfschmerzen, die Stimme wurde immer lauter, aber kein Shal oder weitere Personen waren in diesem Raum, wie er bemerkte, als er Zelle für Zelle einzeln betrachtete.
„Ginta“, flüsterte diese Stimme und er schritt zu einer gut verborgenen Zelle in einer Ecke des länglichen Raumes.
„Endlich bist du da“, sagte ein Mädchen mit langen blauen Haaren, die an den Gittern der Zelle stand und ihn erwartungsvoll anblickte. Tränen liefen ihr Gesicht hinab.
Ginta erwiderte erschrocken ihren Blick. Wer war sie?