KKZ 2 – Kapitel 50 – 56

Kapitel 50 – Das Tagebuch – Teil 1
Kapitel 51 – Der Doppelagent
Kapitel 52 – Das Tagebuch – Teil 2
Kapitel 53 – Ein machtloses Band
Kapitel 54 – Das Tagebuch – Teil 3
Kapitel 55 – Die Opferung
Kapitel 56 – Alle suchen

Kapitel 50 – Das Tagebuch Teil 1

Als sich Alayna durch die Felsspalte drückte, um ihrem Bruder zu folgen, wurde es ihr schnell sehr unangenehm. Die Luft in dieser Höhle war schlecht und irgendetwas roch nicht mehr ganz so frisch. Nicht wirklich zu wissen, wohin sie gingen, machte Alayna nicht nur Sorgen, sondern weckte eine merkwürdige Panik in ihr. Logischerweise konnten sie den Weg, den sie gekommen waren, wieder zurückgehen und dadurch sicher nach draußen zurückkehren, wenn der Sandsturm aufhörte, aber sie war sich gar nicht mehr so sicher, ob sie diesen Weg überhaupt noch finden würden.
„Hast du keine Angst, Tak?“, fragte sie ihren kleinen Bruder, der voranging. Als sie sprach, hörte sie ihre Stimme als dumpfes Echo widerhallen. Es war schwierig einzuschätzen, wie groß dieses Höhlensystem wirklich war.
„Ich habe richtig Schiss“, sagte Takeru ehrlich, was seine große Schwester erstaunte. So, wie er schnurstracks durch die Gänge lief, ohne zu zögern, machte er eigentlich einen anderen Eindruck auf sie.
„Ich hasse so enge Räume, wie hier. Ich habe das Gefühl, dass ich keine Luft bekomme.“
„Warum sagst du mir das nicht vorher?“, warf sie Takeru vor, ohne eine Antwort zu erwarten. „Wenn das so ist, sollten wir dann nicht lieber umkehren?“ Es beruhigte sie keineswegs, was er da sagte. Ganz im Gegenteil, es verunsicherte sie noch mehr.
„Weil ich es vorher noch nicht so wahrgenommen habe“, sagte er mutig, dennoch hörte sie in seiner Stimme ein Zittern. „Jetzt bekomme ich richtig Angst. Aber wenn ich es dir sage, habe ich das Gefühl, dass ich die Angst besiegen kann.“
Für einen Augenblick hatte Alayna das Gefühl, dass der Junge, der vor ihr ging, nicht mehr der Bruder war, mit dem sie diese Reise begonnen hatte. Takeru war so oft nervig und weinerlich gewesen. Aber nun? Nun sagte er so etwas und sie wusste nicht, woher diese Entwicklung kam. Für sich selbst hatte sie das Gefühl, dass sie seit einiger Zeit einfach stehengeblieben war. Wo entwickelte sie sich weiter? Wo war sie mutig? Oder war sie es schon längst gewesen? Diese Gedanken lenkten sie glücklicherweise etwas von der Angst ab, die sie in sich trug, als Takeru plötzlich stehenblieb.
„Das Licht wird stärker“, sagte er ruhig und sah sich um. Dann ging er weiter, drückte sich durch eine weitere Felsspalte und Alayna folgte ihm, ohne zu zögern.
Die Spalte war kalt und rau. Der Fels kratze an ihren Armen und Beinen und sie musste den Bauch einziehen, um schlank genug dafür zu sein, hindurchzukommen. Sie schätzte, dass die Spalte etwa fünf Meter lang sein musste, denn es dauerte etwas, bis sie es hindurch schaffte. Auf der anderen Seite angekommen, entdeckte sie, dass ihr Bruder in der Mitte eines kleinen Raumes stand. Vor ihm auf dem Boden lag eine offene Tasche, aus der verschiedene Bücher herausragten. Eines der Bücher, mit einem blauen, gemusterten Einband hatte Takeru in der Hand und hielt den Kompass ganz nah daran.
„Was ist das für ein Zeug?“, wunderte sich Alayna, als sie näherkam. „Woher kommt das?“
„Ich weiß nicht, wem das gehört“, antwortete Takeru schnell und blätterte zum Anfang des Buches. „Alayna, das ist das Tagebuch! Schau! Es stehen ganz viele Sachen darin!“
Beide setzten sich. Keins der Geschwister wollte die Tasche durchsuchen, um herauszufinden, wem sie gehörte. Ihre Blicke waren auf die Einträge im Buch fixiert, das nun von vorne bis hinten beschrieben war. In einer zarten Handschrift befanden sich nun etliche Tagebucheinträge darin.
Dann fing Takeru, im schwachen Schein des Lichts, das der Kompass ausstrahlte, die Einträge vorzulesen:

Eintrag 1
Dies soll mein Tagebuch werden.

Um zu verstehen, in welcher Situation ich gerade stecke, um mich irgendwann einmal daran erinnern zu können – so meint Gaara – soll ich alles aufschreiben, was ich erlebe und an das ich denke. Dies werde ich nun tun.

Ich bin auf den Namen Shiana Aroya getauft worden und er bedeutet in einer sehr alten, fast vergessenen Sprache „Licht“. Gaara hat mir erzählt, dass er und ein Freund mich so getauft haben. Woher ich komme und wer ich einmal gewesen bin, weiß keiner. Es scheint, als wäre ich plötzlich einfach da gewesen. Ich habe auch keine Erinnerungen an ein anderes Leben als dieses. Jedoch fühlt es sich nicht so an, als würde ein Teil von mir fehlen, als wäre ich kein ganzer Mensch. Es fühlt sich einfach so an, wie es sich anfühlt. Ich muss gestehen, dass es eigentlich nur Gaara ist, der darüber redet, herausfinden zu wollen, wer ich bin. Er hat einmal gemeint, dass ich ihm wohl sehr bekannt vorkomme. Mir kommt hingegen gar nichts bekannt vor.

Gerade sitze ich in einem Zimmer in einem alten Schloss, das ich nicht allein verlassen darf. Aus meinem kleinen Fenster kann ich den blauen Himmel sehen. Ich sehe auch die Stadt, die sich um das Schloss als Zentrum herum aufbaut. Die Stadt ist riesig und dort, wo sich Himmel und Erde berühren, sehe ich eine kahle Landschaft. Einmal am Tag bringt mir Uzryuuk etwas zu essen und zu trinken. Ich weiß nicht viel über sie, aber sie scheint nett zu sein. Neben Gaara, der mich regelmäßig durch das Fenster besuchen kommt, gibt es da noch einen anderen jungen Mann namens Miraa. Gaara hat mir erklärt, dass sie Freunde sind. Miraa ist ebenfalls sehr nett und wenn er mich besucht, führt er mich meistens in einen anderen Raum, der voller merkwürdiger Geräte und Bücher ist. Miraa hat mir erklärt, dass man mich oft untersuchen muss. Das würde helfen, mich zu erinnern, wer ich bin, hat er erklärt. Wenn das passiert, bekomme ich eigentlich nicht viel mit. Aber das scheint wohl in Ordnung zu sein.

Ich höre, wie jemand – wahrscheinlich Gaara – die Holzleiter hochkommt. Ich schreibe morgen weiter.

Eintrag 2
Heute schreibe ich etwas über das Lernen. Miraa hat mir vor einer Weile schon das Schreiben und Lesen beigebracht und ab und an darf ich alte Schriften lesen. Ich kann nun auch rechnen und wenn Miraa mich zu den Untersuchungen führt, mache ich einige sportliche Übungen. Mit Uzryuuk rede ich viel über die Dinge, die ich träume. Aber am meisten lerne ich von Gaara.

Wenn er mich besucht, erzählt er mir von der Welt. Ich lerne, wie sie aussieht, dass es viele verschiedene Nationen, Länder und Kontinente gibt. Es gibt wohl Länder, in denen die Menschen ganz anders sprechen, essen und aussehen wie die Menschen in diesem Land. Gaara erzählt mir von Dingen wie Freundschaft, Liebe und Mut, von Abenteuern, Gefahren und auch Langeweile. Er spricht über das Land und dass wir uns im Krieg befinden. Als ich gefragt habe, was Krieg bedeutet, hat er innegehalten und in die Ferne gesehen.

Krieg sei etwas Schreckliches, hat er ganz leise gesprochen.

Ich habe die Trauer in seinen Augen gesehen und habe es gespürt. Ich habe gespürt, was er damit meint. Augenblicklich bin ich vom Fenster weggetreten und mir ist kalt geworden. Danach hat er sich wieder mir zugewandt und hat mir erklärt, dass er zwar in der königlichen Armee ist, jedoch alles dafür tun würde, dass diese schreckliche Zeit des Krieges ein jähes Ende findet.

So habe ich gelernt, dass die Welt nicht nur aus schönen Dingen besteht.

Bald darauf habe ich gelernt, was Sehnsucht ist. Ich vermisse die Dinge, von denen mir Gaara so leidenschaftlich erzählt und die ich eigentlich nicht vermissen kann. Von den Sachen, die er mir erzählt, die er erlebt und von denen wahre Erfahrungen stammen, kann ich lediglich träumen. Ich kann nicht auf einer Wiese liegen und den Duft von Frühlingsblumen riechen. Ich kann nicht durch die Straßen rennen und alle Leute grüßen. Ich habe mein Zimmer und meine Besuche und mehr aber auch nicht. Aber Miraa sagt mir immer, dass dies in Ordnung sei. Denn es gibt viele Menschen, die kein Zimmer haben, denen nicht täglich etwas zu essen gebracht wird und die nicht untersucht werden. Es gibt auch viele Menschen, die nicht lesen, schreiben und lernen können. Ich solle dies wertschätzen, meint er immer zu mir.

Ich stelle mir jedoch die Frage, was ist das für eine Welt, über die ich so viel lerne?

Eintrag 3
Es sind wieder einige Tage vergangen, die genauso gewesen sind wie die Tage zuvor. Meine Sehnsucht auf etwas Neues wächst und wächst. Am gestrigen Morgen, als ich aufgewacht bin, habe ich einen unglaublichen Traum von einem Jungen in einem Schloss gehabt. Ich habe das Gefühl gehabt, dass er nach mir sucht. Er hat zwar Ähnlichkeiten mit Gaara, ähnliche weiße Haare, jedoch hat seine Kleidung ganz anders ausgesehen. Bevor ich im Traum mit ihm sprechen konnte, bin ich aufgewacht. Ich habe geweint, weil ich so traurig gewesen bin. Zuvor habe ich noch nie deshalb geweint. Diese merkwürdige Fremde, die dieser Traum erweckt hat, hat sich nicht schlecht angefühlt. Ganz im Gegenteil; es hat Gefühle in mir geweckt, die ich schwer beschreiben kann. Bisher ist der einzige Grund für Tränen der gewesen, dass Gaara mich zum Lachen gebracht hat. Diese Traurigkeit legt sich auf meinen Alltag wie ein schweres, mich erstickendes Tuch. Ich fühle mich antriebslos. Gaara hat mich nun zwei Tage in Folge nicht besucht. Irgendetwas Merkwürdiges muss passiert sein.

Eintrag 4
Als mir heute Morgen Uzyruuk wie immer das Essen gebracht hat, habe ich ihr von meinem Traum erzählt. Während ich die einzelnen Sätze zögerlich über meine Lippen gebracht habe, habe ich bereits sehen können, wie sich ihre Miene verdunkelt hat und ihre Augen einen traurigen Ausdruck angenommen haben. Dennoch habe ich mich nicht getraut, sie darauf anzusprechen. All unsere Gespräche finden stets in einem kleinen und runden Raum statt, der mit Stofftüchern aus unterschiedlichsten Mustern und Farben geschmückt ist. Manchmal sitzt eine dritte Person mit uns an dem kleinen, runden Holztisch, die jedoch nie etwas sagt und auf mich einen sehr strengen Anschein macht. Die Falten des Mannes sind tief und er hat kleine Narben im Gesicht und an seinen Händen.

Ich habe es in ihren Augen gesehen, dass sie nicht glücklich gewesen ist, als ich ihr das erzählt habe. Genauer genommen hat sie etwas nervös gewirkt und die andere Person hat gegrinst. Obwohl der Raum so schön dekoriert gewesen ist und ich mich darin immer wohl fühle, ist mir plötzlich ganz kalt geworden und ein Unwohlsein ist durch meinen Körper gekrochen. Habe ich etwas falsch gemacht? Dann bin ich kurz darauf von Miraa abgeholt worden, der mit mir die doppelte Anzahl an Untersuchungen durchgeführt hat wie sonst.

Von den Anstrengungen bin ich so müde, dass dies alles ist, was ich heute schreibe.

Eintrag 5
Ich zittere. Gaara ist bis vor einem Augenblick noch hier gewesen und ich finde es unfassbar, was gerade geschehen ist. Als ich das Klacken der Holzleiter an meinem Fenster gehört habe, bin ich so glücklich gewesen, ihn zu sehen. Die letzten Tage bin ich schon etwas verzweifelt darüber gewesen, ob er überhaupt noch einmal zu Besuch kommen würde. Ich habe ihn willkommen geheißen, jedoch hat er keinen so fröhlichen Eindruck gemacht wie sonst. Ich habe Verzweiflung und Nervosität in seinen Augen gesehen. Er hat eine Tasche dabei gehabt und einige Pergamentblätter hervorgekramt, die er zu einem Buch voller Notizen zusammengenäht hatte. Er hat sie mir in die Hand gedrückt.

Er hat mich in einem sonderbaren Ton gebeten, diese Blätter zu verstecken, als würde er verfolgt werden. Er hat gesagt, dass er diese Blätter nicht dorthin mitnehmen kann, wo er nun hingehen muss. Ich habe nicht verstanden, was Gaara damit gemeint hat. Ich habe ihn gefragt, was passiert ist.
Gaara hat gesagt, ich solle gut zuhören und hat es dabei nicht geschafft, mir direkt in die Augen zu blicken, wie er es sonst immer tut. Dafür ist er in meinem Raum ständig auf und ab gelaufen. Nervös hat er mir erklärt, dass er eingezogen wird und für eine Weile an der Front kämpfen muss. Die feindlichen Truppen sind viel zu weit nach vorn gestoßen und das Königreich wird nun mehr Soldaten an die Front schicken. Es ist ein schreckliches Massaker und Gaara muss dafür sorgen, dass die Brüder, Söhne und Väter seines Volkes nicht sinnlos sterben. Verzweifelt hat er beschrieben, was für ein sinnloser Krieg gerade herrscht und dass so viel Blut vergossen wird.
Gaaras Anspannung ist auch auf mich übergegangen und zitternd habe ich das Buch hochgehalten und gefragt, was ich damit anfangen solle.
Als er seine Hand in seinen Nacken gelegt hat, hat er einen Verdacht ausgesprochen und dabei in die Leere gestarrt. Er hat mir befohlen, mein Tagebuch und seine Notizen versteckt zu halten, denn er würde etwas Schlimmes befürchten. Gaara hat meine Hände fest in seinen gehalten, während er diesen Wunsch geäußert hat. Seine Hände sind stark und kalt. Dennoch habe ich ihn in diesem Moment gefühlt und es ist gut gewesen. Obwohl ich gerade immer noch Angst habe, bin ich bei Gaara sicher; das weiß ich. Ich befürchte jedoch, dass diese Sicherheit bald ein Ende hat. Zum Abschied hat er mir in die Augen gesehen und irgendwie habe ich gespürt, dass er mir „Auf Wiedersehen“ hat sagen wollen, es jedoch nicht gekonnt hat.

Was hat das zu bedeuten?

Eintrag 6
Es sind drei Tage seit Gaaras Verschwinden vergangen. Nun werde ich dreimal täglich von Miraa in den Untersuchungsraum geführt. Die Untersuchungen werden immer anstrengender, weswegen man meine Nahrungsration erhöht hat. Uzryuuk meditiert nun mit mir nach und vor jeder Untersuchung und ich habe das Gefühl, dass ich gar nicht mehr dazu komme, in mein Tagebuch zu schreiben. Bisher weiß keiner davon, dass ich diese Bücher besitze.

Eintrag 7
Ich bin müde. Die Einsamkeit verzehrt meine Freude. Keine Spur oder Antwort von Gaara. Ich mag gerade einfach nichts mehr.

Eintrag 8
Ich verliere mein Gefühl für die Zeit. Ganz verschwommen habe ich Unterhaltungen im Nebenraum gehört, als mich Miraa untersucht hat. Sie waren jedoch so dumpf, dass ich sie kaum klar hören konnte. Beim Versuch sie besser zu verstehen, wurde ich abgelenkt, worauf mich Miraa auf meine Konzentration hingewiesen hat. Allgemein hat er weniger mit mir gesprochen. Was ist nur los?

Eintrag 9
Heute ist etwas Merkwürdiges passiert. Seit langem hat es keine Untersuchungen mehr für mich gegeben und auch keine Meditation mit Uzryuuk. Miraa hat mich zwar wie gewohnt abgeholt, jedoch hat er mich nicht in den Untersuchungsraum gebracht. Er hat sehr müde und überarbeitet gewirkt. Jedoch ist er auf die Frage, wie es ihm geht, nicht eingegangen. Er hat mir eine Augenbinde angelegt, was mich zunächst verunsichert hat, aber ich habe ihm vertraut, dass mir keinen Schaden zufügen würde. Als er mir die Augenbinde wieder abgenommen hat, habe ich in einem verspiegelten Raum mit zwei weiteren Personen gesessen.

Ein junger Mann mit pinken Haaren hat mir gegenüber gesessen. Er hat die gleichen Klamotten wie ich getragen. Zu meiner Rechten hat ein anderer junger Mann gesessen, der eine leicht sonnengebräunte Hautfarbe gehabt hat. Er hat grüne Haare gehabt. Beide haben besondere Augen gehabt, die mich eindringlich beobachtet haben. Wir haben nicht gesprochen. Keiner hat gesprochen. Ich weiß nicht, warum das passiert ist.  Dennoch haben unsere Augen Informationen ausgetauscht. Die beiden jungen Männer haben etwas gewusst, das ich nicht weiß. Haben sie nichts gesagt aus dem gleichen Grund, wie ich? Sind wir eigentlich Verbündete, wissen es aber noch nicht?

Nach einer Weile hat mir Miraa wieder die Augenbinde aufgesetzt und hat mich zurück in mein Zimmer geführt. Warum habe ich die anderen nicht angesprochen?

Eintrag 10
Uzryuuk hat mich heute abgeholt. Sie hat mich in den gleichen verspiegelten Raum geführt, wie am gestrigen Tag, das habe ich bemerkt. Obwohl mir die Augenbinde diesmal nicht abgenommen worden ist, habe ich gespürt, dass die zwei Männer von gestern auch anwesend gewesen sind. Ich habe den Versuch gestartet und habe sie begrüßt. Jedoch hat mich Uzryuuk unterbrochen und Stille gefordert. Der Ton, in dem sie es mir befohlen hat, klang harsch und unfreundlich. Wegen des Schocks habe ich nicht mehr gesprochen. Sie hat mit uns meditiert; es sind ähnliche Übungen gewesen wie sonst in den Sitzungen, die ich mit ihr allein gehabt habe. Nach einer Weile hat sie mich in mein Zimmer gebracht.

Eintrag 11
Der Prozess der Gruppenmeditation hat sich nun fast eine Woche lang wiederholt. Uzryuuk hat einen glücklichen Eindruck auf mich gemacht, so gut kenne ich sie schon. Jedoch hat sie diese Gefühle mit etwas oberflächlichen Getue zu überspielen versucht. Ich weiß nicht mehr, was um mich herum passiert. Der Antrieb, sich für die Meditation anzustrengen, fehlt. Von Gaara fehlt weiterhin jede Spur.

Alayna und Tak starrten sich gegenseitig an.
„Merkst du den Unterschied zu den anderen Einträgen, Alayna?“, fragte Takeru neugierig und wies somit auf den auffälligen Unterschied.
„Sie hängen alle zusammen, richtig?“, vermutete seine Schwester. „Sollen wir nicht lieber herausfinden, wem diese Tasche gehört und warum das Buch hier ist?“
Sie dachte dabei daran, dass Anon meinte, er hätte es einem Freund gegeben, der sich darum kümmert. Also konnte ihnen nichts geschehen, weil ein Freund Anons hier in der Nähe war?
„Schau, es geht noch weiter! Lass uns noch weiterlesen, bevor die Einträge wieder verschwinden“, schlug Takeru neugierig vor und ohne auf die Reaktion seiner Schwester zu warten, las er weiter.

 

Kapitel 51 – Der Doppelagent

„Ich habe überall im Hotel nach ihnen gesucht, aber sie waren nirgends!“, erklärte Sora aufgebracht, als Kioku und Eimi, Anon, Oto und auch Ryoma die Treppe herunterstürzten, um Genaueres zu erfahren.
Während Oto sofort zu ihrer Freundin Sora ging, sie kurz in den Arm nahm, um sie zu beruhigen, sahen sich Kioku und Eimi besorgt an. Als sich ihr Blick traf, wussten beide, dass sie zu langsam gehandelt hatten, Matra noch einmal aufzusuchen. Takerus Drang, seinen Vater zu finden, war wohl so stark, dass sie sich bestimmt auf eigene Faust aufgemacht hatten, etwas ohne die Hilfe Matras über ihren Vater herauszufinden. Vielleicht hätten sie vorher doch gemeinsam mit Takeru Matra überreden sollen, ihnen die Informationen zu geben, die Takeru über seinen Vater haben wollte. Aber wo waren die beiden hingegangen, um nach Hinweisen über ihren Vater zu suchen?
„Mir reicht es!“, brüllte Ryoma plötzlich und packte Eimi an der Schulter, während er ihn dabei an die Wand presste. „Ihr hattet einen Job zu erledigen!“
Eimi griff nach Ryomas Arm, um sich irgendwie zu verteidigen, bemerkte dabei erneut, wie stark Ryoma eigentlich war. Dabei verzerrte sich Ryomas Gesicht vor Wut und Eimi hatte für diesen Moment wirklich Angst. Er hatte nicht etwa Angst vor Ryoma und seiner Stärke, es war diese merkwürdige Spiegelung in Ryomas Augen, in der er sich selbst sah und die ihm verriet, dass er es nicht geschafft hatte, seine Freunde zu beschützen. Hatte jemand nicht gerade erwähnt, dass ein Sandsturm wütete? Es war zwar wahrscheinlich, dass Alayna und Takeru rechtzeitig in einem Gebäude Schutz gesucht hatten – abgesehen davon, dass die Stadt sowieso durch ihre Stadtmauern vor Sandstürmen größtenteils geschützt war – aber ihm beschlich dennoch ein ganz merkwürdiges Gefühl. Es war ein feines, zwickendes Kribbeln in seiner Magengegend, das ihn daran zweifeln ließ, dass Alayna und Takeru in Sicherheit waren. Irgendetwas war sicherlich passiert und Ryoma hatte recht.
Dann passierte alles ganz schnell. Kioku sprach davon, dass es nicht Eimis, sondern ihre Schuld war, genau in dem Moment, als Ryoma mit seinem Arm ausholte und Eimi wahrscheinlich eine verpassen wollte. Dabei sah er Kioku nicht von hinten kommen und hätte sie fast geschlagen, wäre Anons Reaktion nicht schneller gewesen. Er streckte seinen Arm nach vorne und eines seiner Bänder wickelte sich um Ryomas Arm, sodass er niemanden schlagen konnte, wodurch sich Kioku so erschreckte, dass sie zurücktaumelte und dabei ihr Gleichgewicht verlor. Ein weiteres Band Anons schnellte nach vorn und umwickelte ihre Hüfte, sodass sie nicht stürzte. Ryoma war von Anons Reaktion etwas überrascht, weswegen sich sein Griff löste und Eimi sich befreien konnte. Bevor auch nur einer von ihnen etwas sagen konnte, mischte sich Oto ein, holte mit ihrem Arm etwas aus und verpasste Ryoma eine Ohrfeige, die so laut klatschte, dass man das Echo dessen noch ein paar Sekunden danach hören konnte.
„Genug jetzt!“, forderte sie, stellte sich in die Mitte und streckte ihre Arme drohend aus, während sich Ryoma die schmerzende Wange hielt. „Ich erkenne dich gar nicht wieder, Ryoma! Auf diesem Weg kommen wir einfach nicht weiter, das weißt du genau. Wir sollten uns nun auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Wenn dort draußen der Sturm wütet, werden die zwei sicherlich irgendwo Schutz gesucht haben. Weit können sie nicht gekommen sein. Anstatt nun in wilde Panik zu verfallen, teilen wir uns halt einfach auf, die zwei zu suchen. Sora und ich suchen einen Teil der Stadt ab und ihr werdet auch losgehen und sie suchen. Ich werde auch das Personal des Hotels bitten, uns Bescheid zu geben, falls sie wieder auftauchen sollten.“
Oto wirkte dabei so stark und bestimmt, dass die anderen zunächst nichts darauf erwiderten. Irgendwie hatte sie recht damit, dass man sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren sollte, dachte sich Eimi. Er wusste zwar, dass er lieber bei Alayna und Takeru hätte bleiben sollen, jedoch war die Situation nun nicht mehr zu ändern. Er wollte, wie Oto vorgeschlagen hatte, sie einfach suchen gehen.
Als dann Sora und Oto gerade gehen wollten, sagte Ryoma: „Was meinst du damit, dass es deine Schuld sei?“
Damit meinte er Kioku, die sich gerade bei Anon bedankte, sie aufgefangen zu haben. Anon hatte mittlerweile seine Bänder wieder eingezogen. Als dann alle zu Kioku schauten, blickte sie selbst kurz zu Anon, der den Kopf schüttelte.
„Ich habe euch belauscht“, erklärte sie den anderen. „Damals, als ihr euch in Otos Praxis getroffen habt und alles besprochen habt. Ich habe Takeru davon erzählt, dass Matra hier seinen Vater gesehen hat.“
Ryomas Gesichtsausdruck wurde wieder sehr ernst, diesmal hielt er sich mit seinen Emotionen jedoch zurück, also sprach Kioku weiter. „Ich musste es ihm sagen. Es hätte sonst sein Herz gebrochen.“
„Weiß er auch, dass Matra sich getäuscht hat? Dass das, was gesehen wurde, etwas ganz anderes war?“, sagte Ryoma kühl und wandte sich ab, als hätte er nichts mehr zu sagen und müsste die Fehler, die begangen worden waren, sich selbst bestätigen lassen. „Ginta ist nicht hier.“
Ryoma ging zur Treppe, um zurück zum Verhandlungsraum zu gehen, blieb aber noch für einen kurzen Moment auf der ersten Stufe stehen. „Viel Glück bei der Suche. Tut mir nur einen Gefallen, ja? Geht uns einfach aus dem Weg. Ich kann mich nicht um euch auch noch kümmern.“
Dann, ohne dass jemand etwas dazu sagte, ging er zurück zum Verhandlungsraum. Oto und Sora gingen los und schenkten den Freunden dabei noch einen Blick, als sollten sie sich über das Gesagte keine Gedanken machen. Eimi und Kioku blieben noch für einen Augenblick mit Anon allein im Foyer.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagte Anon mit einer sanften Stimme, die Eimi so bisher noch nicht gehört hatte. Er legte dabei eine Hand auf Kiokus Schulter. Sie sah dabei so aus, als müsste sie in jedem Augenblick weinen. Dabei wurde sie etwas rot im Gesicht. Für einen winzigen Moment fühlte sich Eimi total fehl am Platz. Er war sich nicht sicher, ob er sich diese besondere Verbindung nur einbildete, die er gerade zwischen Kioku und Anon sah oder ob dies einzig und allein der besonderen Situation geschuldet war.
„Ich hätte mir einen besseren Plan ausdenken sollen“, warf sich Anon vor. „Du kennst Takeru besser als ich, darum hätte ich mich gleich von vorneherein anders um ihn kümmern sollen.“
Kioku rieb sich die die Schultern, als würde sie die Situation damit einfach loswerden können. Dabei antwortete sie nichts auf Anons Worte und sah anschließend Eimi an.
„Dann gehen wir sie wohl suchen“, sagte sie mit einem anschließenden Seufzer, nachdem die eingekehrte Stille unangenehm wurde. Eimi konnte in letzter Zeit Kioku gut einschätzen, war nun aber verwundert davon, wie leicht sie die Worte Ryomas wohl doch nicht so an sich heranließ, wie er selbst es tat. Vielleicht hatte es einfach damit zu tun, dass Anon da war und sie versuchte, sich selbst zu beruhigen. Vielleicht war jetzt aber wirklich nicht die Zeit dafür, alles auszudiskutieren, wer an was schuld war.
In diesem Moment ging die Tür am Ende der Treppe zum Verhandlungsraum auf und Tsuru trat heraus, diesmal ohne Kûosa. Sie lief die Treppe hinab und ging schnurstracks auf Eimi zu.
„Ryoma war gerade ziemlich sauer, was ist los?“, war das erste, was Tsuru zu ihm sagte. Nachdem Eimi ihr erklärt hatte, was gerade passiert war, wirkte sie wenig überrascht. „Na dann, gehen wir sie suchen, oder?“
Sie nickte motiviert Kioku und Anon zu.
„Wie wäre es, wenn wir uns aufteilen? Dann können wir die Stadt schneller absuchen“, schlug Anon vor. „Kioku und ich gehen einfach den Osten der Stadt ab, ihr könnt ja den Bereich um das Hotel und den Westen absuchen? Passt aber bitte auf euch auf; obwohl die Stadt so gut geschützt ist, herrscht dort draußen trotzdem ein Sandsturm. Vielleicht solltet ihr euren Kopf schützen.“
„Geht klar“, sagte Eimi und nickte Kioku zu, die sich schon ihre Kapuze aufgesetzt hatte. Einmal wieder trennten sich die Wege der Freunde. Ein Glück, dass Tsuru an Eimis Seite blieb.

Nach einer Weile, als Eimi und Tsuru den Bereich des Hotels abgesucht hatten, vergrößerten sie ihren Radius. Immer wieder klopften sie an den Türen der Bewohner, um nach ihren Freunden zu fragen. Aber bisher schien niemand die beiden gesehen zu haben, deswegen machten sie sich auf, die nächsten Straßen abzusuchen.
„Du bist so ruhig“, sprach Tsuru Eimi an.
In diesem Augenblick spürte er, dass sie damit auf die Situation mit seinen Freunden und Ryoma anspielte. Sie brauchte nicht danach zu fragen, es war offensichtlich. Und was sollte er sagen? Er hätte besser auf Takeru hören sollen, um ihm zu helfen. Er hatte es schon einmal versucht und mit angesehen, was aus ihm wurde. Dieses Bild von Takeru, wie er in einer finsteren Druckwelle explodierte, verpasste ihm immer wieder eine Gänsehaut. Eimi hätte besser darauf vorbereitet sein sollen, dass Takeru so impulsiv war, dass es mittlerweile unberechenbar war, was er als nächstes tat. Als er Tsurus besorgten Blick erwiderte, erinnerte er sich an all die Sachen, die in letzter Zeit passiert waren. Nur konnte er diesmal die Erinnerungen aus einer etwas entfernteren Position betrachtet. Die harschen Worte Ryomas zwangen ihn nun, alles von außen zu betrachten. Die Ereignisse im Labor hätten viel schlimmer ausgehen können und als er danach entschieden hatte, mit Takeru und Ea loszuziehen, hätte alles ebenfalls einen anderen Lauf nehmen können. Dass Ea mit Laan verschwand, hatte er nicht wirklich unter Kontrolle gehabt, genauso wenig die Situation in Yofu-Shiti. Nur durch die Hilfe der Vastus Antishal – deren Vorgehen Eimi immer noch nicht wirklich billigte – und Ryoma hatten Alayna und Kioku vor größeren Gefahren beschützt werden können. Passierte das alles, damit ein Mann gefunden wurde, den Eimi selbst noch nicht einmal kannte? Für einen Vater, der seine Kinder in einer solch gefährlichen Welt zurückgelassen hatte? Ihm gefielen diese Zweifel nicht.
Es schien, dass Tsuru seine Gedanken hören konnte.
„Du weißt, dass Ryoma nur so hart ist, weil Ginta sein bester Freund ist. Die beiden haben Sachen zusammen erlebt, die einen mehr als zusammenschweißen. Sie haben die Welt gerettet. Sie haben mich gerettet. Jetzt, nachdem Ginta verschwunden ist, bürdet er sich alles auf, was nur geht. Ich erinnere mich an ein sehr frühes Gespräch mit ihm und Sayoko, als er sich selbst vorwarf, Takeru und Alayna nicht begleitet zu haben. Er hatte die Hoffnung, dass sie sich irgendwie aus allem raushalten würden. Da hat er sich echt getäuscht.“ Sie machte eine kurze Pause und zog sich die Kapuze ihrer Jacke noch etwas tiefer ins Gesicht, als der sandige Wind etwas stärker zu werden schien. Das dumpfe Sonnenlicht wurde immer schwächer, je später es wurde.
„Aber ich kann das gut verstehen. Würden Sayoko oder Aisah verschwinden, würde ich genauso ausrasten; die beiden bedeuten mir mehr als meine leiblichen Eltern.“
Das war etwas, das Eimi sehr gut verstand. Wenn es um Familie und Freunde ging, konnte er all die Meinungen von allen immer sehr gut nachvollziehen. Dennoch hatte er darin versagt, bei Takeru zu bleiben, so, wie er es sich eigentlich vorgenommen hatte. Wieder hatte er das Bild im Kopf, wie Takeru in einer gewaltigen Energiewelle explodierte.  
„Es sind nur diese Vorwürfe, die ich mir mache, dass ich die beiden nicht gut genug beschütze“, sagte Eimi ganz offen und ehrlich. „Ryoma hatte recht, ich habe meinen Job nicht richtig gemacht.“
„Diese Vorwürfe machen wir uns alle. Die macht sich Ryoma, genauso wie ich und Sayoko. Aber jeder ist auch für sich selbst verantwortlich. Vielleicht ist es gar nicht deine Bestimmung, an der Seite von Takeru und Alayna zu bleiben, um sie zu beschützen. Es ist doch auch gut möglich, dass du ihnen hilfst, indem du woanders bist und etwas anderes tust.“
Eimi sah sie verwundert an. Er brauchte noch einen Moment, um wirklich zu verstehen, was sie damit sagen wollte.
„Das ist das, was Sayoko Ryoma gesagt hat, damals bei diesem Gespräch. Irgendwie glaube ich auch an diese Worte. Es macht auch total Sinn. Wir waren damals acht Freunde um Ginta. Heute hat jeder von uns einen eigenen Weg gefunden, die Suche nach ihm zu unterstützen. Jetzt wird es einfach Zeit, dass du auch deinen Weg findest, Einfluss auf all das zu nehmen. Das ist doch das, was du willst?“
„Ja, ich will etwas beitragen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass das, was ich tue, einem größeren Zweck dient. Das ist kein Vergleich zu meiner Arbeit im Kinderheim … und ich will das mit dem Heim keinesfalls schlecht reden, aber das hier ist eine ganz andere Sache.“
„Außerdem“, sagte Tsuru kichernd und gab Eimi einen sanften Stoß an die Schulter, „bist du verliebt, nicht wahr?“
Eimi wusste gar nicht, was er darauf antworten sollte, weil er sich mit diesem Gedanken noch gar nicht auseinandergesetzt hatte, konnte aber auch nicht darauf antworten, weil Tsuru weiter sprach: „Ich bin es auch, Eimi. Verrückt, was man alles tut, wenn man verliebt ist, nicht? Dabei ist es egal, ob es Liebe zwischen zwei Personen ist oder zwischen einem Kind und seinem Vater. Ich denke, es wird Zeit, dass du selbst herausfindest, was deine Aufgabe ist und dir nicht ständig von Ryoma vorschreiben lässt, was zu tun ist. Ebenfalls kannst du Ryoma nicht vorschreiben, was zu tun ist.“
„Warum arbeitet er mit Toni zusammen?“, lenkte Eimi das Thema schnell in eine andere Richtung. Er wäre verliebt? Mit diesem Gedanken hatte er sich noch nicht auseinandergesetzt. „Für die Sachen, die Toni angestellt hat, müsste er eine gerechte Strafe durch die Schutztruppe bekommen. Ich bin nicht einverstanden, dass Ryoma seinen Willen durchsetzt.“
„Der Rat hat entschieden“, bestätigte Tsuru. „Persönliche Meinungen sind manchmal nicht so wichtig, wenn es um das Wohl von etwas Größerem geht. Mach dir keine Gedanken, Ryoma bekommt das schon hin.“
Gerade, als sie das sagte, bogen beide an einer Häuserecke auf einen kleinen Platz ein. Eimi blieb keine Zeit, auf die Worte Tsurus zu antworten, da reagierte sie schon.
In einer sehr fließenden Bewegung ging sie in die Knie und führte dabei eine Art Tanzbewegung aus, um etwas auf dem Boden zu berühren. Eimi nahm an, dass es sich dabei um Dreck, Steine und pflanzliches Material handeln musste. Schon bevor er überhaupt erkennen konnte, was geschah, signalisierte ein starkes Leuchten, dass Tsuru ihre Fähigkeiten einsetzte. Das Material, das sie berührt hatte, fusionierte zwischen ihren Händen zu einem Gegenstand, den Eimi dann als Streithammer erkannte. Am Ende des langen Stabes befand sich ein steinerner Hammerkopf, der an einer Seite wie ein Hammer abgeflacht und an der anderen Seite wie ein Reißzahn angespitzt war. Drohend streckte sie die Waffe in Richtung der Person, die in aller Seelenruhe dem Ereignis zugesehen hatte und ihr lediglich mit einem kühlen Blick antwortete.
„Khamal, du elender Verräter!“, rief Tsuru ihm zu und begab sich in Kampfhaltung.
Als er den Namen hörte, erinnerte sich Eimi an diese Person, die er selbst nur einmal kurz gesehen hatte, als sie damals der Schutztruppe zum Labor gefolgt waren. Der dunkelhäutige Mann hatte graue kurze Haare und einen weißen Mantel aus festem Stoff an, auf dem mehrere Kreuze gestickt waren. Auf Brusthöhe hing ein kleiner Anstecker mit dem Emblem der Schutztruppe. Da Eimi die Sondereinheit der Schutztruppe kannte, schlussfolgerte er, dass es sich um den einen Mann handeln musste, der im Labor zu Vaidyams Gruppe übergelaufen war und ihm zur Flucht verholfen hatte.
Jedoch schien der Mann keine Anstalten zu machen, sich zu verteidigen. Er blieb regungslos stehen, zog nur neugierig die Augenbrauen nach oben und lenkte Eimis Blick auf ein dunkles Tattoo auf seiner Stirn, das ebenfalls ein Kreuz war.
„Tsuru Gappei, schön dich wiederzusehen“, begrüßte Khamal Salaba – erinnerte sich Eimi an seinen Namen – sie ruhig.
„Was hast du hier verloren!?“, brüllte sie aggressiv. „Was du Pecos angetan hast, werde ich dir nie verzeihen! Du warst sein bester Mann! Dein Verrat wird dir teuer zu stehen kommen!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, sprintete sie los und holte mit ihrem Streithammer aus, um ihn anzugreifen. Eimi zückte sein Schwert und machte sich bereit, ebenfalls auf diesen Gegner loszustürmen, als ihn eine Hand, die seine Schulter berührte, davon abhielt.
„Tsuru, halt!“, forderte eine beiden bekannte Stimme.
Eimi drehte sich um und sah dabei aus dem Augenwinkel, dass Tsuru ebenfalls ihren Kopf zu der Person drehte, die gesprochen hatte. Dabei verlor sie das Gleichgewicht und stürzte neben Khamal zu Boden. Pecos, der zuvor gesprochen hatte, ging an Eimi vorbei.
Und obwohl es Pecos war, dem Eimi vertraute, wurde sein Griff um das Schwert zunächst noch fester. Was hatte das zu bedeuten? Hatte er sich in Pecos getäuscht und dieser arbeitete nun auch für Vaidyam? War er daran schuld, dass Vaidyam ständig erfolgreich fliehen konnte? Tsuru rappelte sich auf und sah zu, wie Pecos Khamal begrüßte, als wäre nie etwas gewesen.
„Pecos, was hat das zu bedeuten?“, wunderte sie sich. Pecos ging auf sie zu, reichte ihr eine Hand und half ihr auf. „Khamal hat dich doch damals verraten?!“
„Es ist etwas komplizierter, als das“, erklärte Pecos und deutete auf einen unauffälligen Hauseingang in der Nähe. „Lasst uns das doch drinnen besprechen.“
Eimi wusste gar nicht, was das jetzt zu bedeuten hatte, vertraute Pecos jedoch und steckte sein Schwert wieder weg. Tsuru schien genauso wie er komplett verwirrt zu sein. Beide folgten Pecos zum Haus, zögerten einen kurzen Moment vor der Tür und tauschten dabei einen nachdenklichen Blick aus, bevor sie das Gebäude betraten. Komischerweise fiel Eimi genau jetzt auf, dass die Art und Weise, wie Tsuru Pecos ansah, ihm verriet, in wen sie verliebt zu sein schien.
Im Haus bemerkte Eimi, dass sich dort mehrere Mitglieder der Schutztruppe befanden, die alle etwas Unterschiedliches zu tun hatten. Einige Männer reinigten Waffen, während andere über Pläne und Dokumente hingen und sie genauer studierten. In einer Ecke saß Tresna, ein weiteres Mitglied von Pecos‘ Sondereinheit, und notierte etwas in ein Buch. Er begrüßte Pecos mit einem bestätigenden Nicken.
Pecos und Khamal gingen geradewegs in einen Raum, der sich am Ende eines Ganges befand und luden Tsuru und Eimi ein, sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen. Zwischen weiteren Dokumenten, Plänen und Karten standen ein paar Gläser, eine leere Wasserflasche und dreckige Kaffeetassen. Khamal setzte sich als erster, dann Pecos. Tsuru blieb noch für einen Moment stehen, dann tat sie es Pecos gleich. Erst als Eimi die Tür geschlossen hatte, fing Pecos wieder an zu sprechen und auch erst dann löste sich Eimis Anspannung etwas.
„Es tut mir richtig leid, dass ich dich so lange im Glauben lassen musste, dass Khamal ein Verräter ist“, grinste Pecos und nahm seinen Hut ab, sah aber gleichzeitig auch so aus, als würde es ihm auch leidtun, diese scheinbare Lüge so lange am Leben gelassen zu haben. Seine schwarzen Haare waren schweißverklebt und plattgedrückt. Er fuhr sich einmal durch seine wuscheligen Haare. „Ich bin ein richtig guter Schauspieler, findest du nicht?“
Tsurus Gesichtsausdruck blieb verwundert, dann verschränkte sie ihre Arme und schien sich beleidigt wegdrehen zu wollen, als Pecos seine Hand nach ihr ausstreckte.
„Bitte, verzeih mir. Es musste so sein“, verteidigte sich Pecos. „Es hätte die ganze Mission gefährdet.“
„Ist das so eine Doppelagentensache?“, wunderte sich Eimi, der sich jetzt zu Wort meldete und allmählich verstand, was vor sich ging. Wenn Pecos so tun musste, als ob Khamal ein Verräter wäre, musste so etwas dahinterstecken. „Ich verstehe aber nicht, wieso.“
„Da hast du vollkommen Recht“, bestätigte Pecos ihn und sah in die Runde. „Jetzt, wo Khamals Einsatz offiziell beendet ist, darf ich endlich darüber reden.“
„Aber warum hast du es mir nicht schon zu einem vorherigen Zeitpunkt gesagt, Pecos?“, wollte Tsuru wissen, die ihre verschränkten Arme wieder löste. „Du sagst mir doch alles.“
„Ich weiß“, versuchte Pecos, sie zu beschwichtigen, „aber es ging leider nicht anders. Hätte es auch nur einen geringen Zweifel an Khamals Treue zu Vaidyam gegeben, wäre die ganze Operation den Bach runter gegangen.“
„Wir haben uns einer Strategie bedient, die Ryoma einst ebenfalls verwendet hat. Ein Wunder, dass es funktioniert hat“, erklärte Khamal kurz und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. „Deswegen, Pecos, ist es wichtig, dass du die Informationen bekommst. Vaidyam denkt, dass ich auf einer Mission bin, die Schutztruppe abzulenken, um die Verteidigung dieser Stadt zu schwächen. Mittlerweile muss er bemerkt haben, dass ich als Doppelagent aktiv war. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.“
„Nicht mehr viel Zeit für was?“, wollte Eimi neugierig wissen.
„Bevor der erste Angriff startet. Es wird Krieg geben.“
„Krieg?“, wiederholte Tsuru leise.
„Das ist genau das, was Toni auch gesagt hat!“, erkannte Eimi und brannte darauf, mehr zu erfahren. „Was bedeutet das?“
„Das bedeutet, dass wir bald alle in großer Gefahr schweben. Wie ihr gerade schon gesehen habt, bereiten sich meine Schutztruppler auf alle Eventualitäten vor“, erklärte Pecos und deutete dabei auf die Tür. Dann wandte sich Pecos wieder Khamal zu. Sein Blick verfinsterte sich vor Sorgen. „Khamal, was ist mit Borroka?“
Eimi erinnerte sich, dass Borroka ebenfalls ein Mitglied seiner Sondereinheit war. Der Muskelberg mit den langen grünen Haaren fiel nicht nur besonders dadurch auf, dass eines seiner Augen, wahrscheinlich aufgrund einer Verletzung, verbunden war, sondern auch dadurch, dass er der Waffenexperte der Schutztruppe war. Er war ebenfalls übergelaufen und hatte für Vaidyam gekämpft, wobei er fast Alayna, Takeru und Kioku verletzt hätte.
„Borroka wusste natürlich nicht, dass unser Plan war, dass ich überlaufe“, erklärte Khamal. „Er war besonders überrascht, als ich mich ebenfalls auf Vaidyams Seite stellte. Es war zunächst schwierig, sein Vertrauen zu gewinnen. Mithilfe eines Tricks meiner Lichtfähigkeiten und den schauspielerischen Künsten einiger Schutztruppler konnte ich jedoch so tun, als hätte ich diese für Vaidyam umgebracht. Das sicherte mir genug Vertrauen, dass ich in Vaidyams engeren Kreis aufgenommen wurde. Bevor Borroka und ich getrennt wurden, ging es ihm noch gut. Vaidyam hatte mit ihm andere Sachen vor als mit mir. Ich war der Denker. Borroka hatte Muskeln. Ich vermute, dass Borroka sich für Vaidyams Experimente freiwillig zur Verfügung gestellt hat. Warum er das gemacht hat, konnte ich nicht herausfinden. Ich weiß also nicht, wie es ihm geht.“
„Wir haben ihn also verloren“, sagte Pecos leise und drehte sich weg. Wie es schien, trauerte er über den Verlust eines weiteren Mitglieds seiner Sondereinheit.
„Das muss es nicht heißen“, versuchte Khamal, ihn zu beruhigen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Bis wir nicht alles versucht haben, kann er noch gerettet werden.“
„Ich hoffe es.“
Dann kehrte für einen Moment Stille ein und Eimis Blick schweifte für eine Sekunde durch den spartanisch eingerichteten Raum.
Dann blickte Pecos wieder auf und fragte: „Was macht ihr eigentlich hier? Ich habe euch bei der Verhandlung gesehen, aber was macht ihr hier?“
„Oh!“, meinte Tsuru, die von den Informationen, die sie gerade erfahren hatte, noch etwas abgelenkt war und stand auf. „Wir suchen eigentlich Alayna und Takeru; die beiden sind verschwunden!“
Eimi stand nun auch auf. Es war unfassbar interessant zu erfahren, was Khamal zu berichten hatte, aber die Zeit, die sie nun hier schon verbracht hatten, war viel zu lange. Die Sorgen, dass den beiden etwas passiert war, ließ sein Herz wieder etwas schneller pochen.
„Wir müssen los!“, verabschiedete sich Tsuru und zog Eimi mit hinaus. Stürmisch verließen sie das Gebäude, wobei Tsuru die Einganstür hinter sich zuknallen ließ und Eimi etwas von dem Gebäude wegzog. Tsuru ließ Pecos keine Möglichkeit, sich ordentlich zu verabschieden, geschweige denn, etwas auf die Situation zu antworten. Eimi beschlich das Gefühl, dass sie aus einem bestimmten Grund so fluchtartig von Pecos hatte wegkommen wollen und stellte sie zur Rede, während er sich genau wie Tsuru wegen des Sandsturmes wieder die Kapuze über den Kopf zog. Tsuru stand mit dem Rücken zu ihm, also konnte er ihren Gesichtsausdruck nicht sehen, als sie ihm antwortete.
„Alles gut. Khamal und Pecos haben sicher wichtige Sachen zu besprechen“, versuchte sie zu erklären. „Wir wollten Alayna und Tak finden, also lass uns gehen.“
Das war eine schlüssige Erklärung, jedoch beschlich Eimi das Gefühl, dass da noch mehr dahinter war. Er ging einen Schritt auf sie zu und drehte sie zu sich um.
„Was ist wirklich los, Tsuru? Ich weiß auch, dass das wichtig ist, aber was ist los?“, erkundigte er sich. Tsuru brauchte erst zwei tiefe Atemzüge, um sich wieder zu beruhigen.
„Eimi“, fing sie an zu erklären, „ich weiß es nicht. Plötzlich habe ich so ein merkwürdiges Brennen in meiner Brust gespürt.“
Er konnte aus ihrer Stimmlage heraushören, dass sie es ehrlich meinte.
„Pecos hat mir immer alles gesagt. Wir hatten nie Geheimnisse.“
„Aber du verstehst doch, dass diese Doppelagentensache total wichtig ist, oder?“, wandte Eimi ein. Sie nickte, schaute Eimi aber nicht in die Augen. „Das bedeutet nicht, dass er dir nicht zu einhundert Prozent vertraut, Tsuru.“
Sie nickte wieder. Sie verharrten für einen Moment, ignorierten die Sandkörner, die gegen ihre Gesichter geblasen wurden und all die Dinge, die gerade so kompliziert und verwirrend zu sein schienen. Dann gingen sie weiter, um ihre Freunde zu suchen. Gerade, als sie in eine Gasse abbiegen wollten, stieß Eimi mit einer Person zusammen, die wahrscheinlich wegen des Sandsturmes einen Poncho trug. Eimi fiel zu Boden und die Person, die er als Frau erkannte, die es wohl eilig hatte, entschuldigte sich tonlos mit einer Geste ihrer Hände und ging weiter, ohne ihm aufzuhelfen.
„Wie unhöflich“, beschwerte sich Tsuru, die Eimi wieder aufhalf. Er bedankte sich und meinte, dass sie sich keine weiteren Gedanken darum machen sollte, wer unhöflich war, sondern lieber, wo sich Takeru und Alayna aufhielten. Immer wieder klopften sie an Türen, um nachzufragen, ob die beiden jemand gesehen hatte. Aber sie erlangten einfach keinen einzigen Hinweis.

Nach einer Weile, als die Verzweiflung darüber so groß war, ihre Freunde nicht zu finden, verlangte Tsuru eine kurze Pause. Zurück am großen Platz des Dorfes setzten sie sich auf die steinerne große Treppe am Tempel, da sie durch den Säulenaufgang dort gut vorm Sandsturm geschützt waren.
Eimi fuhr sich genervt durch die Haare und hielt immer noch Ausschau, ob Alayna und Takeru nicht doch noch irgendwo auftauchen würden.
 „Ich hoffe, dass die anderen schon Hinweise haben“, seufzte Tsuru und deutete auf das Gebäude, in dem die Verhandlung stattgefunden hatte.
„Oder sie schon gefunden haben“, fügte Eimi hoffnungsvoll hinzu. Langsam bereitete ihm die Suche wirklich Sorgen. Nicht nur, weil er die beiden in Sicherheit wünschte, sondern auch durch die ständigen Kommentare über den nahenden Krieg, der wahrscheinlich von irgendwo auf sie zurollte. Krieg – was bedeutete das überhaupt? Er wusste nicht wirklich, was er sich darunter vorstellen sollte.
„Siehst du das?“, wies ihn Tsuru auf etwas Leuchtendes inmitten des großen Platzes hin und rieb sich dabei ihre Augen, nur um sicher zu gehen, dass sie nicht träumte.
Erst jetzt fiel es Eimi auch auf. Inmitten des Platzes leuchtete ein senkrecht stehender schmaler Lichtstrahl, der durch seine grüne Farbe gut durch den wehenden Sand zu sehen war. Auf den zweiten Blick erkannte Eimi, dass sich dieser Strahl verbreiterte und dann, als ihm klar wurde, was da passierte, öffnete sich eine unsichtbare Tür. Sofort stand er auf und rannte darauf zu. Tsuru, die durch ihre Erschöpfung nicht so schnell aufstehen konnte, brauchte etwas, um ihm zu folgen.
Aus dieser zunächst unsichtbaren und dann leuchtenden Tür trat ein junger Mann mit grünen Haaren heraus. Hinter ihm folgte sofort ein weiterer Mann mit pinken Haaren.
„Ea!“, rief Eimi ihm zu und ging auf die beiden Personen zu.
„Hier sieht es ganz anders aus“, erkannte Laan, der die wieder unsichtbar werdende Türe hinter sich schloss.
„Viertausend Jahre sind eine ganz schön lange Zeit“, erklärte Ea und erkannte, dass Eimi auf ihn zukam. „Na schau, wen haben wir denn da? Dich suchen wir!“
Eimi blieb einen Sicherheitsabstand vor den beiden stehen und blickte sie fragend an. „Ihr habt mich gesucht?“
Laan blieb ruhig stehen und ließ Ea alles klären.
„Ja, Eimi, dich!“, bestätigte Ea mit einem nervösen Grinsen. „Weißt du, Laan und ich haben uns wieder vertragen und jetzt möchte ich mein Schwert zurück.“
„Dein Schwert? Wie habt ihr mich überhaupt gefunden?“
„Ja, mein Schwert! Bitte. Ich sage bitte, also musst du es mir auch geben“, sagte Ea und wirkte wieder so verrückt, wie Eimi ihn kennengelernt hatte. „Dass wir dich so schnell gefunden haben, ist nur Zufall. Mit dem Kompass wäre es schneller gegangen.“
„Tak hat den Kompass“, erklärte Eimi. Der Gedanke, sein Schwert abzugeben, gefiel ihm nicht. Hatte er kein Schwert, wie sollte er dann seine Freunde verteidigen?
„Weißt du, wir haben festgestellt, dass das Schwert ziemlich stark ist“, erklärte Ea und gestikulierte wild mit seinen Händen, um die schwerwiegende Bedeutung seiner Worte zu verstärken. „Wir wollen es wegsperren.“
„Wegsperren?“
„Damit niemand in Versuchung kommt, das volle Machtpotenzial dieser Waffe zu missbrauchen“, meldete sich Laan nun zu Wort.
„Wer ist das?“, wunderte sich Tsuru, die sich demonstrativ neben Eimi stellte.
„Das ist Laan; er ist ein Freund von Ea“, erklärte Eimi kurz und zuckte dabei mit den Schultern. Besser konnte er es gerade nicht erklären.
„Also könntest du mir das Schwert nun geben? Es drängt etwas, musst du wissen“, forderte Ea nun etwas direkter und tappte nervös auf der Stelle.
„Können wir nicht eine andere Lösung finden?“, meinte Eimi und ging unauffällig einen Schritt zurück. „Ich würde damit gerne noch etwas üben, um es besser unter Kontrolle zu haben.“
Ea seufzte. „Eimi, du musst verstehen, dass es die Antwort ‚Nein‘ in diesem Fall nicht gibt.“ Er ging bedrohlich auf Eimi zu. Als Eimi aber zurückweichen wollte, stellte er fest, dass er sich nicht bewegen konnte.
Laan öffnete seine Hand und zeigte auf Eimi. Eine grün leuchtende Gitterbox erschien um seine Hand und Eimi erkannte, dass er ihn damit gefangen hielt. Tsuru stellte sich verteidigend vor Eimi, um ihn zu beschützen.
„Ea, es muss eine andere Lösung geben!“, beschwerte Eimi sich.
Bevor Tsuru etwas sagen konnte, wurde sie von Laans Fähigkeiten festgehalten. Laan ließ sie etwas vom Boden schweben und schob sie durch seine Kräfte beiseite.
„Hey, lasst uns frei!“, beschwerte sich Tsuru lautstark, während Eimi versuchte, sich aus seinen unsichtbaren Fesseln zu befreien. Er hatte dabei aber keinen Erfolg. Die Kraft, die ihn umschloss, war zu stark.
Nun ging Ea auf Eimi zu und schob seinen Poncho beiseite, um nach dem Schwert zu suchen. Er klopfte seinen Oberkörper, Rücken und seine Beine ab. Dann ging er erschrocken zurück. Laan ließ die beiden wieder frei und wollte wissen, was passiert war. Tsuru ballte die Hände zu Fäusten und wollte auf Laan losgehen, wurde aber von Eimi zurückgehalten. Eimis Blick verfinsterte sich. Warum behandelte Ea ihn so? War die Waffe wirklich so mächtig, dass es besser war, sie wegzusperren? Oder war das nur ein Trick? Eigentlich nahm Eimi an, dass Ea eine Person war, der man vertrauen konnte. Nachdem er gelernt hatte, dass Tsuru und Ea eine ganz besondere Verbindung hatten, dachte er, dass ein Wiedersehen anders ablaufen würde. Er schien sich getäuscht zu haben.
„Eimi, wo hast du das Schwert gelassen? Hast du es versteckt?“, forderte Ea nervös zu wissen.
„Das Schwert habe ich …“, fing er an zu erklären und suchte dann panisch die Stelle ab, an der das Schwert sonst immer hing; nun jedoch war es nicht mehr dort. Es war merkwürdig, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie er es verloren hatte. Eigentlich spürte er das schwere Gewicht immer an seiner Hüfte, aber durch das viele Training in letzter Zeit musste er sich so daran gewöhnt haben, dass es ihm nicht aufgefallen war, dass es weg war. Lag es noch im Haus, in dem er mit Pecos gesprochen hatte? Er erinnerte sich nicht daran, es abgelegt zu haben. „Es ist nicht mehr da!“
„Du musst es verloren haben“, stellte Tsuru fest.
„Wo habe ich es verloren?“, wunderte sich Eimi und sah sich um, als würde es irgendwo auf diesem Platz liegen, aber es war nicht in Sichtweite.
„Die Person, die dich umgestoßen hat!“, erkannte Tsuru mit Schrecken.
„Nun haben wir ein Problem“, sagte Laan kühl.

 

Kapitel 52 – Das Tagebuch – Teil 2

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Kapitel 53 – Ein machtloses Band

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Kapitel 54 – Das Tagebuch – Teil 3

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Kapitel 55 – Die Opferung

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Kapitel 56 – Alle suchen

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