KKZ 2 – Kapitel 36 – 42

Kapitel 36 – Der Kristall
Kapitel 37 – 
Kapitel 38 – 
Kapitel 39 – 
Kapitel 40 – 
Kapitel 41 – 
Kapitel 42 – 


Kapitel 36 – Der Kristall

 Das Geräusch einer sich bewegenden Zudecke fiel Eimi als erstes auf, als er an diesem Morgen aufwachte. Er öffnete seine Augen und gähnte noch einmal. Dann rieb er sich den Nacken, der etwas schmerzte, da er diese Nacht auf einer Couch geschlafen hatte, die ihm etwas zu kurz war. Als er sich zum Zimmer drehte, sah er Takeru, der sich gerade noch tiefer in seine Decke kuschelte. Nach dem Vorfall des gestrigen Tages hatte es für Eimi Sinn gemacht, dass Takeru im Bett schlafen durfte. Am schlimmsten hatte es wohl Ea getroffen, der unter dem Fenster auf dem Boden mit nur einer leichten Decke schlief, aber dies war allemal besser, als in einem Wald auf dem kalten Boden zu schlafen. Leise richtete Eimi sich auf und starrte aus dem Fenster. Liegend konnte er nur den Himmel sehen, an dem gerade zwei Reiher emporstiegen. Dann, wie aus dem Nichts, fielen ihm die Worte des alten Mannes ein, als dieser ihnen in der letzten Nacht nur wenige von Takerus Fragen hatte beantworten können. Die Worte „dass jedes Tier in unserem Land Teil eines großen Ganzen ist, ein Kreislauf, der wichtig für die ganze Umwelt ist“ wiederholten sich immer und immer wieder in seinem Kopf. Ihm war schon klar, dass Tiere geschlachtet wurden, um aus ihnen Fleisch zu produzieren, manche Tiere wurden in der Landwirtschaft als Nutztiere gebraucht, Pferde zogen Kutschen und manche Leute besaßen Haustiere. Komischerweise musste er sich gerade Tsuru vorstellen, die an einem Feld stand und Kûosa dabei beobachtete, wie er Feldarbeit verrichtete. Er kicherte und dachte weiter über den Kreislauf nach, den Gaza erwähnt hatte. Eimi wusste, dass es eine Nahrungskette gab und üblicherweise kleine Tiere von großen gefressen wurden. Aber wie auch immer das mit der Umwelt der Menschen zu tun hatte, war ihm momentan noch nicht ganz klar; er hatte noch nie darüber nachgedacht.
Leise stand Eimi auf, zog sich seine Hose an und ging hinunter in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Gerade, als er das Zimmer verließ, vernahm er wieder das Geräusch der sich bewegenden Decke und ein Knarzen der Bodendielen. Er nahm die Treppe nach unten und entdeckte in der Küche das Mädchen, das gerade dabei war, Frühstück zu machen. Es deckte den Tisch für fünf Personen, kochte Eier und bereitete Brot und Butter vor. Außerdem stellte es einen Krug mit Wasser, einen Krug mit Saft und eine Kanne Kaffee bereit. Eimi stellte sich vor die Spüle und wollte sich gerade, wie Gaza in der letzten Nacht, aus einem der Hängeschränke ein Glas herausholen, als Pruzina dies bemerkte.
„Ich habe auch Frühstück für euch vorbereitet“, sprach sie mit einer etwas schüchternen Stimme.
Eimi hielt für einen Moment inne und sah das Mädchen an, das wie am Tag zuvor seine grünen Haare zu zwei Zöpfen geflochten hatte. „Danke“, meinte er und überlegte, was er sagen wollte. Vielleicht hatte es eine Antwort auf seine Frage, die er sich gerade noch stellte. „Dein Großvater meinte gestern zu mir, dass die Menschen nicht verstehen, dass die Tiere wichtig für die Umwelt sind. Was meinte er damit?“
Leicht erschrocken hob Pruzina ihre Augenbrauen. Es schien, als hätte sie nicht erwartet, so früh am Morgen schon solch eine Frage gestellt zu bekommen. „Sie stirbt“, antwortete sie zunächst kurz und wartete Eimis Reaktion ab. „Ist dir nicht klar, dass ohne die Tiere die Natur sterben wird?“
„Bitte versteh mich nicht falsch“, antwortete Eimi und stellte das Glas ab, das er noch in der Hand hielt, „aber mir ist schon klar, dass es so etwas, wie eine Nahrungskette gibt. Aber nehmen wir zum Beispiel an, die Reiher existieren nicht mehr. Das hätte doch keine Auswirkungen?“
„Doch, dies hätte Auswirkungen“, entgegnete Pruzina und platzierte die Teller auf dem Tisch. „Die Reiher fliegen immer in die warmen Gegenden und kontrollieren in verschiedenen Jahreszeiten an verschiedenen Orten die Population von den Tieren, die sie fressen. Die Ausscheidungen der Tiere sind Dünger für Pflanzen, welche die Nahrung von anderen Tieren sind. Der Kreislauf, der sich dadurch ergibt, wenn wir das Beispiel bis zum letzten Lebewesen zurückverfolgen würden, ist riesig und beeinflusst am Ende auch unser Leben als Menschen.“
„Die Natur schafft sich ihre eigene, perfekte Symbiose“, beendete Gaza die Erklärung seiner Enkelin, als er gerade die Treppe herunter in die Küche kam. Eimi sah den alten Mann aufmerksam an, als dieser sich auf direktem Wege zum Esstisch begab, seiner Enkelin einen Kuss auf die Stirn gab und sich an den Platz setzte, wo die Kaffeekanne stand. Er nahm zunächst einen Schluck seines schwarzen Kaffees und blickte prüfend nach draußen, als ob er sich sorgte, dass es den Reihern schlecht gehen könnte. „Die Menschheit ist im Begriff, diese perfekte Symbiose zu zerstören. Sie roden Wälder, schlachten Tiere ab und bauen immer größere Städte. Der Müll, der durch diesen Prozess entsteht, verseucht aber dutzende Hektar von Natur und zerstört dabei den natürlichen Lebensraum von diversen Lebewesen. Den Menschen ist das egal.“
Eimi dachte über das nach, was Gaza gerade gesagt hatte. Es klang so verbittert und traurig, wie er sprach. Irgendetwas Schlimmes musste in der Vergangenheit des alten Mannes passiert sein. Dann fiel ihm auf, dass nur für fünf Personen gedeckt worden war. Wo waren die Eltern des Mädchens?
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Takeru und Ea die Treppe herunterkamen. Mit einem Glitzern in den Augen ging Ea schnurstracks auf den Frühstückstisch zu und setzte sich. Takeru sah noch etwas verschlafen aus, seine Haare waren noch unordentlicher als sonst. Gähnend begrüßte er Eimi und blickte auf den Tisch, an dem schon der alte Mann und Ea saßen.
„Ich habe auch für euch gedeckt. Bitte esst etwas“, lud Pruzina ein, am Frühstück teilzunehmen. Fragend sah Takeru Eimi an, der bestätigend nickte. Also setzte sich auch Takeru an den Tisch und Eimi tat es ihm gleich. Auch Pruzina setzte sich und sie fingen an zu frühstücken. Eimi verstand nun besser, dass der Erhalt der Natur wichtig für alle Lebewesen auf dem Planeten wichtig war. Unweigerlich musste er an Sayoko denken, deren politisches Engagement er überaus großartig fand. Jedoch hatte sie in ihren Gesprächen nie etwas in Bezug auf die Natur oder die Tierwelt erwähnt. „Warum wird das nicht mehr in der Politik zum Thema gemacht? Hier auf Ruterion habt ihr doch ein ausgeklügeltes politisches System entwickelt.“
Gaza setzte seine Kaffeetasse etwas zu fest auf dem Tisch ab, sodass der Knall und die überschwappende Flüssigkeit alle am Tisch erschreckten. Es war plötzlich still, sogar die Reiher hatten für einen kurzen Moment aufgehört, Geräusche von sich zu geben. Eimi spürte die Anspannung und Wut, die in Gaza brodelten. Der alte Mann versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, aber Eimi sah seine wahren Gefühle.
Damit er nicht zu laut redete, räusperte sich Gaza, bevor er sprach. „Die Politik kümmert es einen feuchten Dreck, was hier im Land passiert. Die interessieren sich doch nur für wirtschaftliche Einigungen, die Vereinheitlichung der Bürokratie und sorgen für einen oberflächlichen Frieden. Ob dadurch die Natur zerstört wird, ist denen doch egal!“
Eimi durchdrang plötzlich ein unangenehmes Gefühl. Es fühlte sich fast so an wie damals, als er die Frau aus dem Zug nicht hatte retten konnte. Er spürte, dass etwas nicht richtig war. Dieser Schmerz, den dieser Mann empfinden musste, war schon lange da. Plötzlich fing er an, die Worte, die Sayoko gesagt hatte, zu hinterfragen. Er wollte es zwar nicht zugeben, aber irgendwie himmelte er sie an. Sie war wie ein Vorbild, das sich für das Gute einsetzte und versuchte, Menschen zu helfen. Aber anscheinend lief das System doch nicht so perfekt, wie es geklungen hatte.
„Versucht doch einmal, euch an die Abgeordneten eures Bereiches zu wenden, sie werden euch sicher zuhören“, antwortete Eimi nach etwas Überlegen darauf. Er war überzeugt, dass es möglich war, mit den Politikern zu kommunizieren, so wie er es auch mit Sayoko getan hatte.
„Ihr verlasst das Gelände nach dem Frühstück“, erwiderte Gaza darauf kühl und stand auf einmal auf, ohne weitere Worte zu diesem Thema zu verlieren. Er verließ die Küche durch eine Tür, die zum Feld führte und knallte diese dabei zu.
Ea und Takeru saßen wie versteinert mit erhobenen Augenbrauen am Tisch. Ganz langsam schob sich Ea den Rest des Brotes, den er in der Hand hatte, noch in den Mund. Abwechselnd sahen die beiden erst Eimi und dann die geschlossene Tür an.
„Verzeiht Großvater. Unsere Familie hat versucht etwas zu ändern. Sehr oft“, erklärte Pruzina, die einen Schluck Wasser nahm. „Wir haben für den Versuch, etwas zu verändern, einen Preis gezahlt, den niemand zahlen sollte.“
Eimi hatte eine düstere Vorahnung, traute sich in dem Moment aber nicht, etwas zu sagen. Er fühlte Mitleid gegenüber Gaza, obwohl er die Umstände nur vermutete.
„Was meinst du damit?“, hakte Takeru plötzlich nach, der seine Neugierde nicht in Zaum halten konnte.
„Meine Eltern waren auf einer Demonstration, um für die Rechte der Tiere zu kämpfen. Es war zunächst eine friedliche Demonstration, jedoch passierte plötzlich etwas Schlimmes. Die Unruhe, die zunächst aufkam, entwickelte sich schnell in eine Massenpanik. Leute haben angefangen, andere mit Waffen zu bedrohen und griffen an. In dieser Panik sind viele Leute verletzt worden. Einige starben auch – wie meine Eltern.“
Eimi schluckte, seine Befürchtung bewahrheitete sich. Er verstand die Wut, die Gaza spüren musste. Er hatte einen Preis dafür gezahlt, etwas verändern zu wollen. Nun waren ihm die Hände gebunden.
„Ich war damals sehr klein, ich kann mich eigentlich kaum an diese Zeit erinnern“, erklärte Pruzina und nahm wieder einen kleinen Schluck vom Wasser. Dann blickte sie nach draußen. „Mein Großvater hat mich seither großgezogen. Meine Mutter war seine Tochter. Heute kümmern wir uns um die Reiher, die sonst von niemanden beschützt werden. Wir füttern sie und helfen manchmal auch beim Schlüpfen der Küken.“
„Das tut mir sehr leid für dich“, meinte Takeru und sah Eimi fragend an. „Aber es ist schön, dass ihr euch um die Tiere kümmert.“
„Danke, ihr müsst kein Mitleid haben. Ich kenne nichts anderes“, sagte Pruzina und sah aus dem Fenster. „Ich genieße es zu sehen, dass die Vögel jedes Jahr vorbeikommen und dass es ihnen gut geht. Ich würde euch ja gerne herumführen, aber ich glaube, Großvater möchte das nicht.“
„Bitte, richte ihm aus, dass es mir leidtut, dass ich ihn so wütend gemacht habe“, bat Eimi und stand auf. „Ich danke dir, dass du für uns ein Frühstück vorbereitet hast, aber ich möchte deinem Großvater nicht weiter auf die Nerven gehen.“
„Er wird es verstehen, so wie ihr es jetzt versteht. Manchmal ist er einfach ein alter Griesgram“, kicherte Pruzina.
„Tak, Ea, wir sollten uns aufmachen, wir haben noch ein Ziel zu erreichen“, riet Eimi und ging nach oben, um seine Sachen zu packen. Nachdem die beiden anderen das Frühstück beendet hatte, taten sie es Eimi gleich.

Erst, als die drei Jungs wieder unterwegs waren, konnte Eimi sich entspannen. Nachdem sie ihre Sachen gepackt hatten, sich mehrmals bei Pruzina bedankt hatten, waren sie losgelaufen und hatten das Gelände der Farm hinter sich gelassen, wie es sich Gaza gewünscht hatte.
Eine Sache hatte Eimi jedoch zurückgelassen – das bedingungslose Vertrauen zu Sayoko. War das, was sie gesagt hatte, doch nicht das ultimativ Gute gewesen? Gab es in ihrem System Lücken, welche Menschen wie Gaza und Pruzina etwa aus den Augen verloren? Als die drei durch einen kleinen Wald zu einem Gebiet von hügeligen Feldern kamen, auf denen vereinzelt kleine Grüppchen von Bäumen standen, dachte Eimi weiter über das Geschehene nach. Hatten Pruzinas Eltern mit ihrem Leben bezahlt, ohne, dass sich am System etwas geändert hatte? Es schien Eimi nachvollziehbar, dass Gaza durch den extremen Verlust noch bitterer geworden war. Aber etwas fühlte sich daran falsch an. Hatte Pruzina nicht gemeint, dass jemand angefangen hatte, mit Waffen zu drohen? Vielleicht war der Fehler in dem System, dass manche Veränderung mit Gewalt erzwingen wollten.
„Ich sehe das übrigens anders“, meldete sich Ea zu Wort, der während dem Gehen immer mal wieder aus dem Nichts heraus gelacht hatte, aber eigentlich sonst ungewohnt still geblieben war. „Ich meine, die Natur holt sich schon selbst das zurück, was sie braucht. Egal, ob Menschen sich daran beteiligen oder nicht.“
„Wie meinst du das?“, hakte Takeru neugierig nach und verschränkte seine Hände hinter dem Kopf.
„Nun ja, was meinst du, wieso es so etwas wie Naturkatastrophen gibt? Es gibt Dürren, Fluten, Wirbelstürme und Blizzards. Außerdem wachsen auch in der Stadt Pflanzen und ebenso leben wilde Tiere dort. Aus alten, verlassenen Hütten wachsen Bäume, uralte Städte zerfallen und werden wieder eins mit der Natur. Der Kreislauf wird nicht durch Menschen gestört.“
„Mh, irgendwie sinnig“, murmelte Takeru. Es schien, als hätte er keine wirkliche Meinung darüber.
„Aber es ist doch keine Frage, ob die Natur dazu fähig ist oder nicht. Die Frage ist, welche Rolle wir als Menschen in diesem Kreislauf einnehmen. Es stimmt schon, dass wir einen massiven Einfluss auf die Natur haben. Gaza hatte recht mit dem, dass wir alles manipulieren. Vor Hunderten von Jahren haben die Menschen noch naturverbundener gelebt und ihre Umgebung noch mehr geachtet.“
Ea schüttelte den Kopf, als würde er an dieser Aussage stark zweifeln, ließ Eimi aber weitersprechen.
„Wir haben eine Verantwortung, die Ressourcen so zu verwenden, sodass wir in diesem Kreislauf gemeinsam mit den Tieren und der Natur leben können. Sonst zerstören wir uns selbst früher oder später noch.“
„Und was würdest du deiner Meinung nach ändern wollen? Alle Menschen dazu zwingen, gleich zu handeln?“, wunderte sich Ea, während er einen Finger in seine Nase steckte.
Bevor Eimi antwortete, hielt er einen Moment inne und hinterfragte seine eigene Meinung. Wenn jeder Mensch die gleiche Meinung darüber hätte, wäre die ganze Sache tatsächlich einfacher zu ändern. Aber war es richtig, die Menschen zu dieser Meinung zu zwingen? Wenn nicht, würde sich dann überhaupt jemals etwas ändern? „Das System muss sich verbessern“, gab er zur Antwort.
„Das klingt fast so, als würdest du gern Politiker werden, Eimi“, sagte Takeru. Dann erspähte er in der Ferne ein paar Hütten, die hinter einem Hügel erschienen. „Seht!“
Ea sah prüfend in den Himmel und dann sah er sich noch ein paar Mal um. „Das könnte unser Ziel sein.“

Kurz bevor sie die Gruppe von Hütten erreichten, bemerkte Eimi, dass Takeru plötzlich schneller lief. Sein Blick wirkte unglaublich fokussiert. Vielleicht waren sie wirklich gleich einen Schritt näher, etwas über den Aufenthaltshort von Takerus Vater herauszufinden. Die Gedanken, die Eimi den ganzen Tag schon beschäftigten, waren für einen kurzen Augenblick beiseite gerückt worden.
Ein lauwarmer Wind wehte und einige kleine Blumen waren bald so weit, blühen zu können. Es war bemerkenswert wärmer geworden. Der Frühling kam im Norden wohl etwas früher, als in seiner Heimatstadt Hakata.
Als Dorf konnte man den Bereich, den die Drei nun betraten, nicht bezeichnen. An diesem Platz befanden sich acht Hütten, die sehr zusammenhangslos irgendwo erbaut worden waren. Sie bildeten weder eine Linie, noch einen Kreis oder eine andere Form. Der Baustil der Hütten war relativ gleich. Große, dunkle Holzstämme bildeten aufeinandergestapelt die Wände der Hütten, die nur in der Eingangstür Fenster besaßen. Beim Versuch, in eine der Hütten hineinzuschauen, wurden Eimi und Takeru leider enttäuscht, da es zum einen in den Hütten sehr dunkel war und an den Fenstern Vorhänge hingen, die die Sicht verdeckten. Die Hütten waren sehr klein, die Fläche darin musste weniger als vierzig Quadratmeter betragen. Voller Aufregung ging Takeru an jede der Türen und klopfte. Als er keine Antwort bekam, versuchte er die Türen zu öffnen, was vergebens war. Die Hütten waren zugesperrt.
Eimi sah sich eine Hütte genau an und verlor für einen Moment Ea und Takeru aus dem Auge. Was war das für ein Ort? Wohnte hier jemand? Es wirkte so unglaublich verlassen. Aber warum verließ jemand sein Haus und sperrte es dann noch zu? Sollte hier wirklich jemand sein, der etwas über Takerus Vater wusste? Eimi war sich nicht sicher, ob daran etwas Wahres sein konnte. Langsam fing er an, an Ea zu zweifeln. Was, wenn das doch nur ein Trick war, sie hierherzulocken, weit weg von Kioku und Alayna? Panisch drehte er sich um und bemerkte, dass Takeru und Ea verschwunden waren.
„Tak? Wo bist du?!“, rief er in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen. Aber es kam keine. Schnell lief er um die Häuser herum und bemerkte hinter dem letzten Haus im Norden einen Friedhof. Er entdeckte, dass Takeru und Ea dort standen und eilte dorthin. Der Friedhof war klein. Es befanden sich in einem umzäunten Bereich nur ein paar Gräber. Jedoch erstaunte es Eimi, was sich in der Mitte des Friedhofes befand: ein menschengroßer Kristall, der durch die Verwitterung der Natur schon vor einiger Zeit seine strahlende, weiße Farbe hatte einbüßen müssen. Der milchige, fast graue Kristall hatte eine amorphe Form und hier und da dunkle Flecken. Eimi berührte den Kristall neugierig und bemerkte, dass dieser einige feine Risse hatte und an manchen Stellen sehr rau war.
„Was ist das?“, wunderte sich Takeru und bestaunte den Kristall von jeder Seite.
„Ein Kristall“, meinte Eimi knapp. „Aber wie kommt dieser hier her?“
„Meinst du, das ist ein Grabstein für jemand Verstorbenen?“, vermutete Takeru und stellte fest, dass der Boden um den Kristall sehr eben war. Es schien, als wäre unter dem Kristall kein Grab.
„Selbst, wenn das so sein sollte, wie hat man diesen Kristall hier hergebracht?“, fragte Eimi in die Runde. Das Mineral hatte etwas Wunderschönes und Mystisches an sich.
„Gib her!“, brüllte Ea wie aus heiterem Himmel und stürzte sich auf Takeru, der erschrocken zusammenzuckte. Doch blitzschnell hielt Ea ihn fest und wirkte dabei plötzlich manisch und aggressiv. Er zerrte an ihm, während Takeru rief, dass Ea ihn in Ruhe lassen sollte. Ea griff über die Öffnung am Hals ins Shirt und zog den Kompass, den Takeru mit sich trug, heraus. Dann zerrte er an der Kette, sodass Takeru schon von allein den Kompass auszog, damit es nicht so schmerzte. Eimi war für einen kurzen Moment erst schockiert, vielleicht stellte sich nun auch diese Vorahnung, die er eben noch gehabt hatte, als richtig heraus. Er befürchtete eine Eskalation, also griff er nach Eas Arm, um ihn aufzuhalten. Takeru plumpste dabei auf den Boden. Eimis Griff löste sich aber wieder schnell, nachdem er merkte, dass Eas Körper plötzlich sehr heiß geworden war.
„Was soll der Scheiß!?“, brüllte Eimi ihn an.
„Du hättest ja auch fragen können“, meinte Takeru verärgert und rieb sich den Hals. „Gib das wieder her!“
„Er ist hier!“, jubelte Ea begeistert und tanzte einmal um den Kristall. „Ich weiß es, ich weiß es!“
Anschließend klappte er den Kompass auf und starrte auf den Zeiger, der sich nicht bewegte. Sein Blick zeigte Anspannung, aber auch Freude. „Komm heraus, komm endlich heraus!“
Eimi half Takeru hoch, der daraufhin den Dreck von den Klamotten abklopfte.
„Alles okay?“, fragte Eimi seinen Freund.
Takeru nickte, dann wandten sich beide Ea wieder zu, der plötzlich stehen geblieben war. Gierig leckte er seine Lippen ab, als könnte er es gerade kaum noch erwarten, etwas zu essen zu bekommen. Was meinte er damit, dass er herauskommen sollte? Er meinte doch nicht etwa jemand, der hier tot auf dem Friedhof lag?
„Du meinst den, der mir hilft, meinen Vater zu finden?“, fragte Takeru erzürnt, zeigte aber auch Neugierde. Eimi war die ganze Situation unklar. Was zur Hölle tat Ea da?
Dann, ohne auf die beiden zu reagieren, hob Ea den Kompass nach oben und hüpfte dabei etwas in die Luft. Er versuchte dies an mehreren Stellen des Friedhofs, was die Jungs noch mehr verwirrte.
„Lass den Scheiß“, meinte Takeru sehr ernst, „hier ist doch niemand.“
„Das auf einem Friedhof zu machen, ist schon ziemlich unangebracht“, versuchte Eimi Ea davon zu überzeugen, damit aufzuhören.
Ea sprang wieder in die Luft und plötzlich – es schien eigentlich unmöglich – hing der Kompass inmitten der Luft und gab ein leises Klickgeräusch von sich. Mit beiden Händen umklammernd hielt Ea den Kompass fest und schwebte über einen halben Meter vom Boden in der Luft. Eimi zweifelte in diesem Moment darüber, ob er heute Morgen wirklich aufgewacht war, oder ob das nicht doch eher ein Traum sein musste. Mit aller Kraft drehte Ea den Kompass nun und ein weiteres Klicken verriet den Jungs, dass sich nun etwas veränderte. Es knarzte plötzlich, als würde sich eine schwere, alte Tür öffnen. Tatsächlich öffnete sich etwas, das keine echte Tür zu sein schien; jedoch bemerkte Eimi, nachdem sich dieses Etwas schon zur Hälfte geöffnet hatte, dass sich in einer Art schwebenden, gläsernen Türrahmen ein Viereck öffnete, welches dahinter einen Raum beinhaltete.
„Endlich, nach über viertausend Jahren!“, rief Ea fröhlich und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Laan, mein Freund!“
Im nächsten Moment beobachteten Takeru und Eimi, wie eine Faust, um die ein hellgrünes rechteckiges Gitter leuchtete, aus diesem Raum schnellte und Ea zu Boden schlug. Er prallte so stark auf dem Untergrund auf, dass sein Körper, einige Steinchen und Gräser durch die Kraft des Aufpralls wieder nach oben schwebten. Danach ging alles sehr rasch. Aus diesem schwebenden Raum glitt ein Körper, der sich vollends auf Ea stürzte und ihn wieder in den Boden drückte. Als diese Person den Raum verließ, verschwand jener und der Kompass fiel fast geräuschlos zu Boden. Eine Staubwolke stieg auf und Ea konnte zwischen dem Dreck, der durch die Luft wirbelte, einen jungen Mann mit grünen Haaren erkennen, der ihn und Takeru mit seinen grünen Augen fixierte. Eimi erkannte, dass sein Gesicht von drei violetten Linien durchzogen war. Waren das etwa Tattoos? Für einen kurzen Moment blitzte ebenfalls eine violette Linie in den Augen des Mannes auf und er packte Ea. Diesmal hob er Eas Körper mit Leichtigkeit in die Luft, wobei Eimi nicht das Gefühl hatte, dass der Mann den Körper Eas wirklich berührte. Mit einer Faust, die immer noch von diesem leuchtenden Gitter umhüllt war, schlug er Ea so fest in den Magen, dass dieser etliche Meter in die Luft geschleudert wurde. Erst jetzt ballte Takeru seine Fäuste, als er allmählich die Gefahr, die von diesem Mann ausging, realisierte. Auch Eimi zückte das Schwert und begab sich in Verteidigungsposition. Während Takeru verzweifelt dem Kampf zusah und wahrscheinlich erkannte, dass dieser Mann nicht den Anschein machte, als würde er helfen, seinen Vater zu finden, hatte Eimi ein ganz anderes Gefühl. Irgendetwas an diesem Mann wirkte nicht so, als wäre er böse gesinnt. In dem Augenblick, als Ea in der Luft zu schweben schien, konnte Eimi den Kerl genauer betrachten. Seine Haare waren kurz, jedoch hatte er die Haare an seiner Stirn zu einem Mittelscheitel gekämmt. Er trug ein beiges Oberteil mit Kragen, jedoch ohne Ärmel. Seine muskulösen Arme wirkten durchtrainiert. Um seinen Hals hing eine Kette mit einer Feder daran; auf dem Oberteil hing eine magentafarbene Brosche, die einen perlmuttartigen Glanz hatte. Über seiner grauen Stoffhose trug er einen kurzen Rock aus einem grünen Stoff, der mit einem violetten Stoffgürtel befestigt war. Sein Gesichtsausdruck war zwar angespannt, aber eigentlich hätte Eimi die Gesichtszüge des Mannes eher als ruhig, entspannt und freundlich beschrieben.
Endlich reagierte auch Ea, der sich in der Luft um sich selbst drehte und sich somit richtig positionierte. Seine Hände pulsierten, als sie sich langsam in Lava verwandelten. Dann stürzte er sich hinab auf den Kerl und wollte ihm eine verpassen. Kurz, bevor Ea ihn jedoch berühren konnte, streckte dieser seine Hand aus und ließ Ea für einen Moment schweben.
„Na na, begrüßt man so einen alten Freund?“, kicherte Ea, der das Ganze wohl eher als Spaß verstand. „Laan, wir können doch darüber reden.“
„Wo ist sie?“, antwortete der Mann, der allem Anschein nach Laan hieß.
„Ich bin auf der Suche“, erklärte Ea kurz und wurde dann von Laan direkt ins Gesicht geschlagen, wodurch er wieder in die Lüfte geschleudert wurde. Diesmal sah Eimi ebenfalls keine einzige, echte Berührung. Kurz darauf sprang Laan ebenfalls in die Luft, wobei es eher so wirkte, als würde er fliegen. Einige Meter über dem Boden tauschten die beiden einige Schläge und Tritte aus, was aber kaum einen Effekt auf den anderen hatte.
Eimi wandte sich nun zu Takeru, der dem Ganzen sehr konzentriert zuschaute.
„Tak, was auch immer hier passiert …“, setzte Eimi an, bemerkte aber, dass er von Takeru keine Gegenreaktion bekam. Dieser starrte auf den Kampf und murmelte immer wieder „wir müssen Papa finden“ vor sich hin. Eimi berührte ihn nun an der Schulter, aber Takerus starrer Blick änderte sich nicht.
Immer wieder wurde einer der beiden Kämpfenden auf den Boden geworfen, was ständig neuen Dreck und Staub aufwirbelte. Nun stand Eimi da und wusste nicht, was er tun sollte. Seine Gefühle waren so gegensätzlich, dass auch er paralysiert dastand und abwartete, was passierte. Takeru war nicht ansprechbar, was ihm starke Sorgen bereitete, Ea war in einem Kampf verwickelt, bei dem Eimi anscheinend nicht helfen konnte und Laan wirkte aber nicht wie ein Feind. Was hatte das alles damit zu tun, dass sie Takerus Vater finden konnten? Was für eine Rolle hatte er überhaupt dabei, wenn er wohl nichts tun konnte? Er sah einfach zu, wie Eas Hände ständig die Form änderten; erst wurden sie wieder zu Stein, dann waren sie plötzlich flüssig wie Wasser und im nächsten Moment hart und glänzend wie Stahl. Laan parierte jeden Schlag gekonnte und schleuderte Ea durch die Luft, als wäre er ein Watteball. Dann blickte er auf Takeru, der am ganzen Körper zitterte. Nein, es durfte nicht passieren, dass er wieder ohnmächtig wurde. Nicht noch einmal.
„Ich finde sie! Mit deiner Hilfe!“, rief Ea plötzlich, als wollte er, dass Takeru und Eimi mithörten.
„Wir wollten sie beschützen! Du hast es versprochen!“, brüllte Laan und hatte dabei einen unglaublich traurigen Gesichtsausdruck.
„Warum bist du dann einfach verschwunden!?“, warf Ea ihm vor. Eimi hatte keine Ahnung, um was es hier überhaupt ging. „Ich habe tausende Jahre gewartet! TAUSENDE!“
„Wann ist sie!?“, fragte Laan wütend. Diese Frage kam Eimi sehr merkwürdig vor. Wie konnte man fragen, wann jemand war?
„Sie ist jetzt! Ich weiß es, ich weiß es!“, beschwichtigte Ea und hielt seine Hände, die sich wieder zu normalen Händen verwandelten, beschützend vor seine Brust.
„Dann finden wir sie!“, forderte Laan. Im nächsten Moment streckte er eine Hand neben sich aus und eine weitere, gläserne Tür öffnete sich, hinter der ein ähnlicher Raum war, wie vor einer Weile. Mit der anderen Hand packte er Ea am Kragen und zerrte ihn mit hinein. Eimi erkannte, kurz bevor die beiden hinter der durchsichtig werdenden Tür im Nichts verschwanden, dass Ea ihn mit seinem Blick fixierte, grinste und zum Abschied winkte.
Dann waren sie verschwunden.
Als sich die Staubwolken wieder legten, der gleiche hellgraue Himmel bewegungslos wie ein Vorhang über der Welt lag, als wäre gerade nichts passiert und der Kristall inmitten des Friedhofs wie ein Mahnmal des gerade Geschehenen still dastand, spürte Eimi ein Beben im Boden. Diese Vibration war erst schwach und wurde immer intensiver. Er merkte kleine Luftwellen rhythmisch am Boden entlangwehen, wie als hätte man einen Stein in einen ruhigen Teich geworfen. Dann plötzlich erkannte er, dass die Luftwellen aus einem schwarzen Leuchten bestanden und endlich wandte er sich zur Quelle dieser merkwürdigen Energie.
Nicht weit vom Kristall entfernt sah er seinen Freund, vor Schmerz in die Knie gezwungen, die Fäuste geballt, in die Leere starrend. Tränen liefen ihm über die Wangen und sein leerer Blick war gen Himmel gerichtet, dort, wo gerade noch Ea und Laan hätten sein sollen, nun aber verschwunden waren. Wiederholend murmelte er: „Wir müssen Papa finden.“
Eimi richtete sich auf, die schwarze Energie, die aus Takeru zu kommen schien, wurde immer intensiver. Kleine Steinchen schwebten vom Boden und flogen in Eimis Richtung. Ab und zu wurde er von einem dieser getroffen. Er warf das Schwert zu Boden und wollte ihm näherkommen, jedoch wurde auf einmal die Energie noch stärker. Als schwarze Flammen aus Takerus Körper emporstiegen, war die Druckwelle so stark, dass Eimi ihn nicht berühren konnte.
„Tak, alles wird gut!“, rief er gegen das Vibrieren der Luft, das kein Lärm war, aber ein unangenehmes Gefühl im Kopf auslöste. „Wir finden deinen Papa!“
Eimi kämpfte gegen die Energie an und stemmte sich richtig gegen die Wand aus Luft und Dreck, um voranzukommen. „Hör mich doch!“, rief er mehrmals, doch Takeru reagierte nicht. Zähneknirschend verzog er sein Gesicht zu einem wütenden Ausdruck. Irgendwie musste Eimi seinem Freund doch helfen, aber wie nur? Wie konnte er den Zorn, der gerade aus Takeru herausbrach, nur aufhalten?
„Wir finden ihn!“, brüllte Eimi mit aller Kraft, doch die Energie explodierte förmlich aus Takeru heraus und riss einige Grabsteine um. Während Eimi einige Meter von Takeru weggeschleudert wurde, bekam der Kristall erst einige Risse und zerbröckelte dann in große Einzelteile auf den Boden.
Genau in dieser Sekunde sah Eimi einen Schatten auf Takeru zurennen, der ihn daraufhin niederschlug. Mit einem Mal hörte die Druckwelle auf, als Takeru bewusstlos auf den Boden fiel. Ein weiterer Schatten stand auf einmal neben seinem Freund. Als Eimi sich aufrichtete, erkannte er zwei Männer, die verachtungsvoll und traurig abwechselnd auf Takeru und den zerbrochenen Kristall blickten. An ihren Jacken hing ein kleiner Pin aus Metall, das wie folgt aussah:


Kapitel 37 –

x

 


Kapitel 38 –

x


Kapitel 39 –

x


Kapitel 40 –

x

 


Kapitel 41 –

 


Kapitel 42 –

x