KKZ 2 – Kapitel 57 – 63

Kapitel 57 – Der Hinterhalt
Kapitel 58 – Das Wiedersehen
Kapitel 59 – Das Ende des Krieges vor über 4000 Jahren
Kapitel 60 – Die Konfrontation
Kapitel 61 – Verlieren
Kapitel 62 – Der Kompass
Kapitel 63 – Der Albtraum

Kapitel 57 – Der Hinterhalt

Der Sandsturm verlor immer mehr an Intensität. Die Hitze nahm ab, jedoch war an manchen Stellen der Sand noch so aufgeheizt, dass Kioku die Hitze wie Stacheln wahrnahm, die ständig gegen ihre Haut stachen.
Bei jedem Schritt krampften ihre Muskeln zusammen, weil ihr es so schwerfiel, durch den weichen Sand zu laufen. Es strengte ihren Körper extrem an. Dazu kam, dass ihr Kopf immer noch so unfassbar wehtat, dass sie sich nicht wirklich konzentrieren konnte. Diese Kopfschmerzen schienen sich in letzter Zeit häufig zu wiederholen. Sie selbst empfand das als sehr merkwürdig, weil sie früher kaum oder nur sehr selten über Kopfschmerzen zu klagen hatte. Als sie so darüber nachdachte, vermutete sie, dass es schlicht und einfach an der Anstrengung in der letzten Zeit lag. Da würde sich jede Person schnell einmal über Kopfschmerzen beschweren.
Vor ihr lief Anon, der immer wieder zu ihr zurückblickte, um zu prüfen, ob alles in Ordnung war. Dabei hielt er sich selbst seinen Brustkorb, der offensichtlich stark schmerzte.
Er war der Mann, den sie nie wieder allein lassen wollte. Was bedeuteten die Worte, die sie ihm so mutig gesagt hatte, bevor sie Jiro-Khale verlassen hatten? Es fühlte sich so an, als hätte sie ihm gerade die Liebe gestanden. Obwohl sie die Worte „Ich liebe dich“ nicht gesagt hatte, war es, als wären es genau diese Worte gewesen. Sie empfand es als merkwürdig, dass in der Zeit, an die sie sich seit ihrer Amnesie erinnern konnte, noch kein einziges Mal darüber nachgedacht hatte, diese Worte überhaupt zu irgendwem zu sagen. Der Satz „Ich brauche dich“, den sie ihm stattdessen gesagt hatte, war von stärkerer Bedeutung. Kioku hatte Anon schon in so vielen Situationen gebraucht; damit meinte sie nicht nur das eine Mal auf dem Luftschiff, als er es und sie gerettet hatte. Allein auch jemanden in ihrem Alter um sich zu haben – dabei wusste sie ja nicht einmal wirklich, wie alt sie war -, bedeutete schon eine Menge für sie.
Oben auf einer Sanddüne blieb Anon kurz stehen, kniete sich in den Sand und winkte Kioku zu sich.
„Die Spuren werden immer schwächer; der Wind verweht die Sandkörner und man kann ihre Schritte kaum mehr nachverfolgen. Ich schätze aber, dass sie in Richtung des Gebirges gegangen ist“, deutete Anon die wenigen Überbleibsel an Spuren im Sand. „Lass uns dahin gehen. Wenn sie vorhat, jemanden dort zu treffen, wäre das ein angemessener Treffpunkt.“
Als er sich wieder aufrichtete, verzerrte er sein Gesicht vor Schmerzen. Sofort kam Kioku näher, legte besorgt ihre Hände auf seine Schultern und fragte, ob alles in Ordnung war. Sie machte sich um seinen Zustand unfassbare Sorgen.
„Alles in Ordnung“, log Anon und ging weiter.
Kioku seufzte und ließ sich nicht zu viel Zeit, ihm zu folgen.
Sie suchten diese Frau und Kioku hoffte, dass sie nicht nur sie, sondern auch das Schwert wiederfinden würden. Und dann? Bisher hatte sie sich über das Danach keine Gedanken gemacht. Wäre Anon stark genug, die Frau zu überwältigen? Konnten sie die Frau durch einen Hinterhalt überraschen und ihr das Schwert wegnehmen, ohne dass sie es merkte? Vielleicht hatte sich Anon schon einen Plan ausgedacht, wie sie die Person überwältigen konnten.
Aber was passierte dann? Wenn sie die Frau gefunden und das Schwert zurückgeholt hatten? Auch darüber hatte sich Kioku bisher noch keine Gedanken gemacht. Auch nicht, als sie mit Anon losgegangen war, um nach Takeru und Alayna zu suchen. Was wäre passiert, hätten sie die Geschwister gefunden? Sie zweifelte daran, dass sich Takeru hätte überreden lassen, einfach zum Hotel zurückzugehen. Es hatte auch kein Danach gegeben, als sie mit den beiden losgezogen war, um ihren Vater zu finden.  Was wäre passiert, wenn sie ihn gefunden hätten? Wären die Kinder mit ihm einfach nach Hause zurückgekehrt und sie wäre wieder allein gewesen?
Und niemals dachte sie darüber nach, was geschah, wenn sie ihr altes Ich wiederfand. Der Moment, nach dem sie sich so lange sehnte, herauszufinden wer sie war, hatte eine finstere Kehrseite.
Für einen Moment, als sie auf der nächsten Sanddüne zum Halt kam und die Stadt schon weit hinter ihr lag, betrachtete sie die Ferne der Wüste, die zu ihrer Rechten lag. Angezündet von der sich dem Horizont neigenden Sonne, erstrahlten die welligen Sandberge der Wüste in einem tiefen Rot. Irgendwo in dieser endlos scheinenden Weite versteckte sich die Antwort auf ihre dringendste Frage. Für einen Bruchteil eines Augenblicks schien dort in der Ferne jemand zu stehen, der aussah wie sie und ihr zuwinkte. Ihr altes Ich vielleicht? Sie schien nach ihr zu rufen, jedoch war kein Geräusch zu hören. Ihre Beine wollten in diese Richtung, doch sie hielt sich selbst zurück. Dann versank die Figur im Sand wie eine schwindende Fata Morgana – die letzte, die es an diesem Tag zu sehen gab. Kiokus Blick wandte sich wieder zu Anon, der etwas an Abstand zu ihr gewonnen hatte. Es war noch nicht Zeit, nach ihrem alten Ich zu suchen und das war vielleicht auch gut so, sprach Kioku zu sich selbst. Im Moment war sie glücklich, obwohl die bevorstehende Gefahr unfassbare Angst in ihr hervorquellen ließ. Jetzt musste sie für Anon und ihre Freunde da sein.

Stille begleitete die beiden, als sie sich den zu einem Berg anhäufenden Felsformationen näherten, wo Anon die Frau vermutete.
Anon stieg die verschiedenen Felsplatten und Plateaus hinauf und half Kioku beim Klettern. Dabei bemerkte sie, dass er nicht mehr so viel Kraft hatte. Der letzte Kampf hatte ihn wohl mehr erschöpft, als sie zunächst angenommen hatte. Anon tat jedoch sein Bestes, es sich nicht anmerken zu lassen. Kioku las ihn aber wie ein offenes Buch und versuchte, sich so, wenig wie es nur ging, helfen zu lassen.
An einer Stelle machte Anon Halt und ging auf die Knie. Er berührte eine Stelle mit seiner Hand und stellte fest, dass es dort etwas feucht war.
„Sie war hier“, stellte er fest und sah Kioku bestimmt an. „Es scheint noch frisch zu sein, also kann sie nicht mehr weit sein.“
„Wie stellen wir das an, Anon?“, fragte sie nach. „Sind wir zwei wirklich in der Verfassung, noch einmal gegen sie zu kämpfen?“
Sie war so besorgt, dass Anon etwas Schlimmes passieren könnte, dass sie diese Angst nicht in ihrem Gesicht verstecken konnte. Anon schien das zu spüren und zu sehen. Als Kioku den Blick erwidert bekam, blickte sie schnell nach links und rechts, um so zu tun, als würde sie sich umsehen.
„Wir brauchen einen Hinterhalt.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, erklärte sich Kioku. „Meinst du, wir können uns heranschleichen und du stiehlst das Schwert vorsichtig mit deinen Bändern?“
„Das ist tatsächlich eine gute Möglichkeit“, bemerkte Anon, der offensichtlich noch nicht darüber nachgedacht hatte, wie er es anstellen sollte. „Das Problem ist nur, wenn sie das Schwert nah an ihrem Körper trägt. Was machen wir dann?“
„Meinst du, ich kann sie ablenken?“
„Auf keinen Fall!“, wurde Anon nun etwas lauter, sprach danach aber wieder leiser. „Das kommt gar nicht in Frage, nicht nur, weil sie dann bemerkt, dass ich in der Nähe sein werde, sondern auch, weil sie dich in kurzer Zeit einfach ausknocken kann.“
„Dann werde ich einfach schneller sein als sie. Dann ist das doch kein Problem. Du schnappst dir das Schwert und bevor sie sieht, was passiert ist, sind wir wieder weg.“
„Dann rennen wir den Berg hinunter durch den Sand zurück in die Stadt? Sie wird uns schneller einholen, als wir wollen. Das kommt alles auf keinen Fall in Frage“, antwortete Anon kühl. Seine Schlussfolgerungen machten schon Sinn, das musste sich Kioku eingestehen.
 „Wir müssen uns schnell entscheiden“, drängte Anon. „Wir verlieren sonst die Spur.“
Er stand auf und bewegte sich in die Richtung, in der er Nafsu Percintaan vermutete. „Ich werde ihr das Schwert mit meinen Bändern stehlen. Und jetzt sollten wir still sein.“
Ihr Bauch fing an, aufgeregt zu kribbeln. Sie war so angespannt und hoffte, dass Anons engstirniger Plan funktionierte. In diesem Moment bereute sie es, dass sie sich in der Stadt keine Hilfe geholt hatten. Jetzt war die Situation nicht mehr zu ändern.

Die beiden stiegen kleinere Plateaus hinauf und hinab, quetschen sich zwischen Felsbrocken hindurch, die den Weg versperrten und Kioku fiel es relativ schnell auf, wie offensichtlich die Spuren waren, die Nafsu für die beiden hinterlassen hatte. Hier war ein feuchter Fleck auf dem Boden, da waren Steine verschoben, dort ein dürres Ästchen, das sich aus einer Felsspalte quetschte, abgebrochen. Anon schien die Fährten zu lesen, wie ein junger Pfadfinder und freute sich über jeden neuen Hinweis. Kioku waren diese Signale aber zu offensichtlich. Irgendetwas konnte daran nicht stimmen, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Ihr blieb nur übrig zu hoffen, dass es sich um unabsichtlich hinterlassene Spuren handelte.
Nach einer kurzen Weile führte ein schmaler Pfad auf eine sandige Ebene, die ringsum mit verschieden großen Felsbrocken umringt war. Nur an einer Stelle befand sich eine Lücke und Anon entschied, nachzuschauen, was man durch diese Lücke, die fast zwei Meter breit war, sehen konnte. Kioku folgte ihm.
Als sie sich der Lücke näherten, packte Anon in einem Sekundenbruchteil Kioku an der Schulter und drückte sie nach unten. Beide legten sich blitzschnell auf den Bauch und näherten sich vorsichtig krabbelnd der Kante der Ebene.
Kioku wollte erschreckt fragen, was los war, doch Anon signalisierte ihr mit einem Finger vor seinem Mund, dass sie ganz leise sein sollte. Als sie über die Kante hinweg hinabblickte, entdeckte sie auf einer weiteren Ebene ein kleines Feuer brennen. Das Lagerfeuer befand sich ein paar Schritte von einem Höhleneingang entfernt. Ein geheimer Unterschlupf vielleicht? Kioku schätzte, dass sich dieser Platz um die fünf bis acht Meter unterhalb ihrer Ebene befinden musste. Dann tippte ihr Anon auf die Schulter und deutete auf den Eingang der Höhle, in deren Halbschatten sie das Schwert an die Felswand gelehnt stehen sah.
Anon sagte nichts, sondern streckte seinen Arm aus und ließ eines seiner Bänder hinab, das sich um die Felsbrocken tänzelte wie eine Schlange. Kiokus Anspannung wurde nun intensiver und sie traute sich kaum, auszuatmen, aus Angst, dass man sie hören konnte. Aber warum machte das Anon so langsam? Was, wenn Nafsu aus der Höhle heraustrat und sie entdeckte? Dann wären sie aufgeschmissen.
Während sie beobachtete, wie sich das Band Anons weiter nach unten bewegte und sich jede Sekunde wie eine Minute anfühlte, blieb ihr ein Schluck merkwürdig schmerzend im Hals hängen.
Das war zu einfach.
Es war alles viel zu einfach. Das Lagerfeuer vor der Höhle, das Schwert, das unbeaufsichtigt vor dem Eingang der Höhle stand und die merkwürdige Stille, die das alles begleitete, waren Anzeichen, dass es viel zu einfach ging.
Dann blickte sie Anon an, konnte ihm zunächst nichts sagen, da ihr der Atem wegblieb. Er lag dort neben ihr im Dreck. Seine Augenbrauen berührten sich fast, weil er seine Augen vor Konzentration zusammenkniff. Das sonst so freundliche Gesicht wirkte durch die vielen Falten nun sehr angestrengt. Man sah ihm an, dass er nur noch wenig Kraft in sich hatte und mit seinen Schmerzen zu kämpfen hatte. Sein linker Arm zitterte leicht. Er versuchte, mit jedem Zentimeter, den sich das Band dem Schwert näherte, so schnell zu sein, wie er konnte, ohne aufzufallen.
Dann endlich nahm Kioku all ihre Kraft zusammen, um Anon ihre Befürchtungen mitzuteilen: „Anon, ich glaube wir sind in einen Hinterha…“
Der Schatten, der sich hinter den beiden erhob, verpasste mit dem stumpfen Ende des Speeres Anon einen Schlag in den seitlichen Oberkörper, als er sich reflexartig aufrichtete, um sich der Gefahr zuzuwenden. Anon krümmte sich vor Schmerz und nun richtete sich Kioku auf, um Nafsu zu konfrontieren, die sich von hinten angeschlichen hatte. Während sich ihr erster Blick auf Anon richtete, der sich zur Seite wälzte, um sich die schmerzende Stelle seines Oberkörpers festzuhalten, blieb ihr der Atem für einen Moment weg. Reflexartig begab sie sich in eine verteidigende Haltung, weil sie zu spüren glaubte, wie der pochende Schmerz Anon lähmte.
„Wen haben wir denn da, Aoko und Anon“, begrüßte Nafsu die beiden, während sie mit einem schnellen Schlag Kioku ein Bein wegzog. Dadurch verlor Kioku das Gleichgewicht und stolperte einige Schritte rückwärts. Unter ihrem rechten Fuß brach etwas vom Boden weg und bevor sie überhaupt verarbeiten konnte, mit welchem Namen sie gerade angesprochen worden war, befand sie sich im freien Fall.
Alles passierte so schnell, dass sie nur noch sah, wie sich Anon hinter sie her stürzte.
Wie ein Blitz, der in einen hochgelegenen Punkt einschlägt, schoss Kioku ein Bild vor ihre Augen. Ein grauer Himmel und ein menschlich wirkender Schatten, der ihr in ihrem freien Fall folgte. Dieses Bild hatte sie schon so oft gesehen, hatte es aber nicht deuten können. Es verging keine Sekunde, als sie eine andere Klippe erkannte und tief in ihrem Inneren spürte, dass auf dieses Bild nur sie umspülende Schwärze folgen sollte. Sie war schon einmal von einer Klippe gestürzt, da war sie sich so sicher, wie noch nie zuvor. Ihr war so etwas schon einmal passiert.
Doch dann verblich der Anblick, das nunmehr wie ein verblassendes Bild aus der Ferne kaum mehr zu erkennen war. Die Realität zwang sie wieder zu spüren, in welcher Situation sie sich befand. Der freie Fall kitzelte nicht nur in ihrer Magengegend, sondern sorgte auch für Übelkeit in diesem Moment. Dann entdeckte sie wieder, dass Anon ihr hinterher gesprungen war. Schnell wickelten sich seine Bänder um ihren Körper und formten ausschweifende Bögen um ihn herum. Dieses merkwürdige Konstrukt, das aussah wie ein Ball aus Streben, sollte sie beschützen, sodass der Aufprall auf dem Boden um ein Wesentliches abgebremst wurde. Als sie die wenigen Meter hinabstürzte und am Boden ankam, lösten sich die Bänder um ihren Körper und sie sah dann erst, dass Anon wesentlich härter auf dem Boden aufgeprallt war als sie selbst. Hatte er all seine Kraft darin investiert, nur um sie zu schützen? Sie stand auf und ging zu ihm, um zu überprüfen, wie es ihm ging.
„Geht schon“, schnaufte Anon. Offensichtlich ging es ihm nicht gut, da er nicht einmal mehr seinen Gesichtsausdruck kontrollieren konnte und sich somit sein Schmerz darin widerspiegelte.
„Warum hast du das gemacht!?“, warf sie ihm wütend vor. Sie verstand nicht, wie er sich selbst in diesem Zustand für sie vollkommen aufopfern konnte.
Doch die Wut, die Kioku auf Anon hatte, musste sie schnell vergessen. Nafsu sprang mit der Leichtigkeit einer Feder von einem Felsen zum nächsten, hinab auf die Ebene, auf der das Lagerfeuer brannte und sich die beiden befanden. Kioku ballte ihre Fäuste. Als Nafsu sich dann ein paar Meter vor ihr die Frisur richtete, als wäre das alles keine Anstrengung für sie, fiel Kioku wieder ein, wie sie von ihr gerade genannt worden war. Sie blickte zu Anon, der sich gerade auf seine Unterarme stützte, um sich kurz danach aufzurichten.
„Ihr zwei Hübschen seid mir ja doch gefolgt“, bemerkte Nafsu. „Da haben meine kleinen Fährten euch ja doch hierher gebracht. Dachte schon, ihr würdet darauf nicht reinfallen.“
Kioku spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Brust und in ihrem Kopf. Warum mussten jetzt wieder diese ätzenden Kopfschmerzen einsetzen? Sie versuchte, sich zu konzentrieren, doch ihre Schmerzen verklärten ihre Wahrnehmung. Anon stand hinter ihr, hielt einen Arm um seinen Oberkörper umschlungen und war kaum noch imstande zu stehen. Vor ihr befand sich ihre Gegnerin, die sie gerade mit einem völlig fremden Namen angesprochen hatte. Was hatte das zu bedeuten?
„Wenn ich mir das so anschaue“, lachte Nafsu und betrachtete abwechselnd ihre Fingerspitzen und die beiden, „Sehe ich ein Liebespaar, dessen Liebe nun ein jähes Ende finden wird. Die Schönheit der Tragik, der Verlust, die Angst, das Ende – ist das nicht wunderschön?“
„Von was redest du da?“, wunderte sich Kioku, die sich keinen Reim darauf machen konnte, was sie damit aussagen wollte.
„Es ist wie ein klassisches Märchen. Er versucht sie zu beschützen und beide bezahlen ihre Liebe mit ihrem Leben. Ist das nicht romantisch? Nur wird die Geschichte von Anon und Aoko keiner hören“, sprach sie weiter, „Ich merke mir alle Namen von Leuten, denen ich etwas nehme.“
„Ich heiße Kioku“, betonte sie und blickte zurück zu Anon, dessen Gesichtsausdruck sich zu einem schockierenden Entsetzen änderte. Das machte Kioku Angst. „Wer ist Aoko?“
„Nun, das ist jetzt aber wirklich interessant“, stellte Nafsu fest und kam einen Schritt näher.
Kioku ballte ihre Fäuste, sie war bereit zu kämpfen.
„Nicht“, bat Anon schwach und hielt inne. Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte.
„Anon, wer ist Aoko?“, fragte Kioku noch einmal nach.
„Komisch, vorhin hat er dich so genannt, als ich dich k.o. geschlagen habe, um dir dein Band zu stehlen“, erklärte Nafsu und demonstrierte mit einem siegessicheren Lächeln, dass sie Kiokus Band um ihr linkes Handgelenk gewickelt hatte. „Habe ich da etwas missverstanden und ihr seid gar kein Paar?“
„Kioku, ich …“, setzte Anon an, doch er brachte nichts weiter heraus.
„Als was passiert ist?“, wunderte sich Kioku. Sie konnte sich einfach nicht an den Moment erinnern, als ihr das Band abgenommen worden war. Sie ließ ihre Fäuste fallen und wandte sich Anon zu. Die Art und Weise, wie er sie ansah, verriet ihr, dass er etwas wusste. „Anon, von was spricht sie? Hat das etwas mit meinen Erinnerungslücken zu tun?“, schlussfolgerte sie.
„Wer ist denn jetzt Kioku?“, wunderte sich Nafsu und kam unbemerkt wieder näher. „Jetzt wird das Ganze aber spannend!“
„Kioku, ich …“, stammelte Anon und sie sah, dass er mit den Zähnen knirschte und wässrige Augen hatte. Sie konnte nur nicht deuten, ob er wegen seiner Schmerzen oder dem, was er nun sagte. „… ich habe dein altes Ich gefunden. Du bist Aoko.“

In jenem Moment legte sich eine merkwürdige Schwärze vor ihre Augen. Wie in einem kalten Zeitraffer, der ihre ganze Körperwärme stahl, fächerten sich vor ihrem inneren Auge etliche Bilder von Ereignissen auf, an die sie sich scheinbar zu erinnern versuchte. Eine ältere Frau, die aussah wie sie selbst, warf sich bei einem Angriff von einer Gruppe Männern vor sie, um sie zu beschützen. Kioku fiel von einer Klippe und sah nur noch in Schemen, wie ihre Mutter getötet wurde. Unfassbar kaltes Wasser umspülte auf einmal ihren Körper, als sie hart wie ein Stein auf der Meeresoberfläche aufprallte und sich dabei ihren Kopf an der Stelle verletzte, an der sie nun die Narbe trug. Das schwarze Tuch umwickelte sie nun fester und schien ihr den Atem zu rauben. Tränen füllten ihre Augen, mit denen sie sich anstrengte, das zu sehen, was vor ihr war.
In der aufsteigenden Panik, die ihren Körper in Besitz nahm, verlor sie komplett die Kontrolle über ihre Körperfunktionen. Ihre Atmung wurde schneller und schneller, während sie immer mehr das Gefühl bekam, nicht atmen zu können. Ihre Gliedmaßen zitterten und schienen jeden Moment jegliche Kraft zu verlieren. Wenn sie jetzt zu Boden fiel, das wusste sie, würde sie so schnell nicht mehr aufstehen.
Ihr Tunnelblick ermöglichte jedoch noch zu erkennen, dass plötzlich ein blonder Mann aus der Höhle neben ihr trat. Zwei Strähnen dunklen Haares standen von seiner Stirn ab und bildeten im Halbschatten des Abends bösartig wirkende Hörner. Über seiner dunklen Jacke lag sich ein kurzer violetter Umhang über seinen Schultern. Silberne Protektoren beschützten seine Beine und Arme, während goldener Schmuck seinen Kopf und Kleidung zierte. Der Blick dieses Mannes, dessen tiefrote Augen sie und Anon gleichzeitig zu fixieren schien, entblößte seine Zähne in einem teuflischen Grinsen.
Kioku streckte ihren Arm aus, um Anon zu warnen, doch da hatte dieser Mann Anon schon längst überwältigt. Nun drangen weitere Bilder in ihren Kopf und die Kopfschmerzen nahmen so intensiv zu, dass Kioku nur noch mitbekam, dass sie fiel. Dann bekam sie nichts mehr mit, außer die Schwärze, die sie umhüllte.

Kapitel 58 – Das Wiedersehen

Der Raum in der Höhle war tatsächlich um einiges größer, als die Geschwister angenommen hatten. Es befanden sich mehrere Wasserbecken aneinandergereiht in dem ausgehöjlten Bereich der Höhle, den sie vorher nicht hatten erkennen können, weil sie sich direkt darüber befanden. Von hier unten sah die Felsformation mit dem kleinen Schlitz im Gestein, durch den sie gerade noch hinabgesehen hatten, wie ein kleiner Balkon aus. Die zwei Kerzen, die in diesem Raum leuchteten, schenkten nur so wenig Licht, dass man einige Ecken nur als pechschwarze Wand wahrnahm, von der man nicht wusste, was dahinter lag. Vielleicht war der Raum noch größer, als er auf die Geschwister wirkte.
Die Frau mit den langen blauen Haaren, die aus der Nähe sehr jung aussah, hatte die Geschwister nach unten geführt. Die Aura, die sie umgab, war mythisch. Sie strahlte eine unfassbare Stärke aus, verhielt sich zur selben Zeit jedoch so ruhig, dass man dadurch selbst ruhig wurde.
Dann, auf den zweiten Blick in den Raum, entdeckten die Geschwister einen Mann stehen, dessen kurze, weiße Haare struppig von seinem Kopf standen. Erst, als er sich zu den Geschwistern umdrehte, war ihnen klar, dass dieser Mann wirklich die Person war, nach der sie so lange gesucht hatten. Die lange Suche hatte offensichtlich ein Ende. Ihr Vater stand vor ihnen.

Was Takeru in diesem Moment zu ignorieren schien, war, wie Alayna wie angewurzelt dastand und sich nicht bewegte. Während er auf seinen Vater zurannte und ihm in die Arme sprang, rührte sich Alayna nicht und betrachtete alle in diesem Raum mit strengem Blick.
Als nächstes fiel ihr der leblose Körper des Wolfes auf, der aus dem Becken gezogen worden war und nun halb im Schatten lag. Sie sah nur die untere Hälfte des Tieres, das gerade noch vor Leben gestrotzt hatte, sich nun aber nicht mehr rührte. Eine stechende Kälte fuhr durch ihren Körper, also zwang sie sich schnell wegzusehen. Dann sah sie zurück zur Frau mit den blauen Haaren. Ihr Blick war jedoch auf etwas anderes gerichtet. In der Nähe der Wasserbecken sah Alayna zu, wie der Mann, dessen Gesicht mit einem Verband umwickelt war, dem Mann, der gerade noch im Wasserbecken gelegen hatte, half sich abzutrocknen. Beide wirkten unheimlich und streng. Weit auf der rechten Seite des Raumes stand zu ihrer Verwunderung Jumon. Sofort erinnerte sie sich, wie sein Sohn Vido damals auf die Welt gekommen war, als sie bei Jumon auf den verschneiten Bergen zu Besuch gewesen waren.
Das Erschreckendste war jedoch, als sie zusah, wie ihr Vater ihren Bruder in die Arme schloss und dabei ihr direkt in die Augen sah. Diese klaren, türkisen Augen, wie sie selbst sie hatte, strahlten Angst aus. Es war genau dieser Gesichtsausdruck, den ihr Vater hatte, den sie noch niemals in ihrem Leben zuvor gesehen hatte und der daran Schuld war, dass ihre Beine das Zittern anfingen. Ihr Blickfeld verengte sich zu einem Tunnel und plötzlich nahm sie die Kälte, die sich im Raum befand, nun auch in sich selbst wahr. Sollte es das gewesen sein? Die Suche nach ihrem Vater war nun beendet. Sie hatten ihn gefunden. Dann knickten ihre Knie ein und sie brach zu Boden, wie, als würden die vielen Fragen, die sie nun hatte, zu viel Gewicht haben. Es fühlte sich an, als würde ein fremder Mann ihren Bruder in die Arme schließen. Es geschahen viel zu viele Dinge auf einmal, die sie nicht verstand.

Takeru fühlte sich mit jedem Schritt, den er auf seinen Vater zulief, leichter. Die Wut und die Anspannung, die er in den letzten Wochen aufgebaut und aufgestaut hatte, verschwanden sofort. Er schmiss sich mit seinem vollen Körpergewicht gegen seinen Vater und wurde in einer starken Umarmung willkommen geheißen. Er vergoss ein paar Tränen der Freude, als er sein Gesicht fest gegen den Körper seines Vaters presste. Dabei spürte er, dass sich sein Vater anders anfühlte; er war härter als er es gewohnt war. Der sonst so vertraute Geruch nach Zuhause und Büchern haftete nun nicht mehr an seinem Vater und wich einer unbekannten Mischung aus Schweiß und Fremde. Hätte Takeru seinen Vater nicht mit seinen eigenen Augen gesehen, würde er daran zweifeln, dass er es wirklich war.
Doch das war Takeru egal. Die Erleichterung nach all seinen Mühen und Ermutigungen seine Freunde und seine Schwester dazu gebracht zu haben, es so weit zu schaffen, empfand er selbst wie eine goldglänzende Trophäe, die ihn mit Stolz erfüllte. Endlich hatte er seinen Vater gefunden.
Dann löste sich sein Vater von seiner Umarmung und Takeru sah zu, wie er auf Alayna zuging, die auf ihren Knien am Boden saß. Sein Vater schüttelte mehrmals den Kopf, als er Alayna am Oberarm packte und ihr aufhalf. Es sah für einen Moment so aus, als würde Alayna ihrem Vater ausweichen und gar nicht in seiner Nähe sein wollen.
„Was macht ihr hier?“, forderte sein Vater zu wissen. Dabei hatte er diesen strengen Ton in der Stimme, bei dem Takeru immer wusste, dass es jetzt ernst wurde. „Warum um alles in der Welt seid ihr ausgerechnet an diesem Ort?“
Dann warf sein Vater einen vorwurfsvollen Blick zu Jumon, der jedoch nur verteidigend seine Hände hob.
„Papa, wir haben dich endlich gefunden!“, platzte es stolz aus Takeru heraus. „Wir sind deinen Spuren gefolgt, als du damals entführt worden bist. Wir sind endlich so weit gekommen, um dich zu retten!“
Alayna rieb sich fröstelnd die Oberarme; sie hatte gerade nichts zu sagen, während sie ihren unsicheren Blick noch einmal durch den Raum schweifen ließ. Takeru erkannte nicht, in was für einer Situation er gerade steckte und dass das, was er gerade sagte, anscheinend fern von der Realität war.
„Was sprichst du da?“, fragte Ginta und ging vor seinem Sohn auf die Knie. Dann packte er ihn an der Schulter – eine Geste die man sich als Elternteil irgendwann einmal angewöhnte, um seinen Worten mehr Bedeutung zu verleihen. „Tak, was redest du da? Ich bin entführt worden?“
„Du bist doch damals diesem Licht hinterher, im Wald! Alle haben dich gesucht! Mama war weg und unser Haus hat gebrannt; es war so gefährlich; ich habe dein Buch gefunden, das Tagebuch! Und der Anhänger! Wir wissen jetzt ganz viel über jemanden namens Shiana. Da war diese Organisation; wir dachten sie haben dich entführt und dann waren da Ea und Laan und …“
Sein Vater sah ihn dabei jedoch nur mit einem verständnislosen Blick an. Takeru konnte das große Durcheinander in seinem Kopf gar nicht so erklären, wie er es gerne wollte. Er war ganz außer Atem, weil er zwischen den Sätzen keinen Atemzug nahm und je mehr er erzählte und weniger sein Vater wohl verstand, desto fester und enger wurde dieser Knoten in seinem Bauch, der zu schmerzen anfing. Langsam realisierte er, dass alles, was er sich vorstellte, wie seine Suche nur ausgehen könnte, eine merkwürdige Fantasie war, die nie in Erfüllung gehen sollte. Sein Vater signalisierte ihm, dass er sich beruhigen und atmen sollte.
„Tak, schau dich um. Ich wurde nicht entführt. Mir geht es gut, aber …“ Ginta machte eine Pause und sah sich seine Freunde an. Die Frau mit den blauen Haaren und Jumon wirkten ratlos, während die zwei anderen Männer sich an ein Steinpodest lehnten. „Was macht ihr hier?“
„Hast du gerade ‚Ea und Laan‘ gesagt?“, hakte Jumon neugierig nach, der einen bestätigenden Blick von der Frau mit den blauen Haaren suchte.
„Ja, sie waren bis gerade noch vor der Höhle und haben etwas gesucht!“, erklärte Tak. „Ea ist eine Weile mit uns unterwegs gewesen und hat Laan gesucht. Ich versteh das alles erst, seit wir das Tagebuch gelesen haben.“
„Ihr habt das Tagebuch gelesen?“, fragte Jumon verwundert und machte dann eine Geste, als würde er sich wieder erinnern. „Stimmt, wir haben dort oben unsere Taschen liegen gelassen.“
„Ginta, Gaara“, meldete sich nun die Frau zu Wort. „Wenn die beiden in der Nähe sind, wird es nur umso gefährlicher.“
Ginta seufzte, stand auf und fuhr sich frustriert durch sein Haar.
„Was soll das alles hier?“, verlangte nun der Mann mit dem verbundenen Gesicht und den langen schwarzen Haaren zu wissen.
Da schreckte Ginta plötzlich auf und schien seine Aufmerksamkeit plötzlich auf etwas anderes zu lenken. Er wandte sich zu dem anderen Mann, dessen weißgrauen Haare am Ansatz einen roten Schimmer zu haben schienen.
„Gaara, wie geht es dir?“, fragte Ginta, den anderen Mann ignorierend. Takeru erkannte, dass es sich um den Mann handelte, der gerade erst ins Wasser gezogen und mit dem irgendein Ritual durchgeführt worden war. Oder täuschte sich Takeru? Hatte er gerade nicht noch Gedo geheißen?
Jetzt schien auch die blauhaarige Frau zu reagieren und stürzte sich auf den Mann, der nun Gaara hieß. Wenn er also Gaara war, konnte es sein, dass sie Shiana war? Takeru war von den ganzen Ereignissen, die gerade geschahen, enorm verwirrt.
„Shiana“, begrüßte Gaara die Frau und nahm sie fest in den Arm. „Wir haben uns so lange schon nicht gesehen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.“
„Endlich haben wir es geschafft, dich zurückzuholen“, sprach sie mit einer sanften Stimme. „Das haben wir alles Gedo zu verdanken.“
„Er ist nicht ganz verschwunden, nicht wahr?“, erklärte nun Jumon. Takeru wunderte es, dass ausgerechnet er an diesem Ort war.
„Ich spüre ihn immer noch“, fügte Jumon noch hinzu.
Gaara trat hervor und legte sich dabei eine Hand auf die Brust. „Ja, ich spüre ihn auch noch. Er ist nicht ganz verschwunden. Ich bin sehr dankbar, dass er mir seinen Körper geschenkt hat.“
„Dann können wir den nächsten Schritt des Planes angehen“, forderte der Mann mit dem Verband im Gesicht.
Danach unterhielten sich Gaara, Jumon und Ginta mit ihm über irgendwelche Einzelheiten. So gern Takeru auch zugehört hätte; er konnte es nicht. Die Informationen aus dem Tagebuch, die er gerade noch gelesen hatte und die Geschehnisse, die gerade passiert waren, vernebelten für einen kurzen Augenblick seine komplette Wahrnehmung. Er konnte sich nicht auf die Gespräche der Erwachsenen fokussieren. Takeru versuchte sich dazu zu zwingen, die Zusammenhänge zwischen den jetzigen Ereignissen und dem Text im Tagebuch besser zu verstehen.
Gaara und Shiana waren verliebt. Sie hatten in einem Krieg gekämpft, der schon lange her war. Ea und Laan waren ebenfalls an ihrer Seite gewesen. Sein Vater war einfach verschwunden und tauchte hier in der Wüste, wie es Kioku vermutet hatte, einfach auf. Jedoch musste er eine Opferung durchführen mit einem merkwürdigen Wolf und einem Mann, dessen Gesicht verbunden war. Wer war dieser Kerl überhaupt? Tausende Fragen umspülten Takerus Verstand. Vielleicht konnte Alayna ihm helfen, das alles besser zu verstehen. Doch sie stand nur hinter ihm, rieb sich besorgt schauend die Oberarme und bewegte sich kein bisschen von der Stelle.

So sehr sie auch versuchte, die Ruhe zu bewahren, raste Alaynas Herz unkontrolliert. Das Einzige, das ihr in den Sinn kam, war eine Erkenntnis, die schmerzhaft war. Sie kannte den Mann, der ihr Vater war, nicht mehr. Er stand dort, unterhielt sich mit den anderen Erwachsenen, wie, als wäre sie selbst Luft. Sie realisierte langsam, dass sie nichts über ihre Eltern wusste. Das, was sie die letzten Jahre zusammen erlebt hatten, empfand sie nun als eine merkwürdig künstliche Fassade, weit entfernte Erinnerungen, die nicht mehr echt zu sein schienen. Wem war sie so lange hinterhergelaufen? Ihrem Vater? Die Art und Weise, wie sie von ihren Eltern im Stich gelassen wurde, fühlte sich wie ein Verrat an. Was ihr Bruder wohl fühlte? Er wirkte interessiert an dem Geschehen und gar nicht so aufgebracht; wie sie selbst. Gerade, als sie ihn beobachtete, wie er etwas sagen wollte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, kam sie ihrem Bruder jedoch zuvor. Zu ihrer eigenen Überraschung brachte ihre Anspannung sie dazu, etwas zu sagen: „Was soll das alles!?“ Sie brüllte, obwohl sie das gar nicht wollte. „Ich verlange eine Erklärung!“
Der erste, der auf sie reagierte, war der Mann mit dem verbundenen Gesicht. „Was auch immer ihr hier wollt, für einen Kindergarten ist hier keine Zeit“, drohte ihr der Mann. Alayna sah, mit was für einem eiskalten Blick er sie fixierte und fror auf der Stelle ein. Die Aura, die diesen Mann umgab, schwebte wie ein tödliches Gas um ihn herum. Er sprühte pure Gefahr und Gewalt aus. Was hatte ihr Vater mit ihm nur zu tun?
„Lass das“, befahl Ginta in einem ruhigen Ton, „kein Grund, so aggressiv zu sein, Riven.“ Ihr Vater schenkte ihr einen Blick, der bedeutete, noch ein klein wenig Geduld zu haben. Er schien bereit zu sein, ihnen die nötigen Informationen zu geben, die sie hören wollten.
„Dann erkläre mir doch bitte, was deine Kinder hier verloren haben“, forderte Riven zu wissen, während er sich auf einen der steinernen Tische abstützte. Die Hand, mit der er sich abstützte, war ebenfalls in einen Verband eingewickelt.
„Ich will wissen, was hier los ist!“, forderte auch Takeru.
„Wir haben keine Zeit für euch“, warf Riven den beiden vor. „Wir müssen uns an den Plan halten.“
„Jedoch gibt es noch einige Informationen, die wir untereinander noch austauschen müssen“, wandte der Mann namens Gaara ein.
„Wissen ist Macht“, stimmte Jumon mit ein. „Ich weiß, dass du sofort handeln willst, Riven. Wir sind noch nicht dazu gekommen, unsere Wissensstände abzugleichen. Das muss zuerst passieren.“
„Außerdem“, fing Ginta an und wandte sich dabei zu seinen Kindern. Er legte beiden eine Hand auf die Schulter. „Ihr seid meine Kinder und ich schulde euch meine Ehrlichkeit. Wir müssen uns die Zeit nehmen, uns die Dinge zu erzählen, die passiert sind, um zu verstehen, wie das alles hier ausgehen wird.“

Nachdem sie sich um einen der steinernen Tische stehend versammelt hatten und Ginta mit seinen Kindern etwas aus seinem Wasserschlauch zu trinken teilte, fing er an, alles zu erklären. Takeru hörte aufmerksam zu.
„Jumon muss ich euch ja nicht mehr vorstellen“, fing Ginta an zu erzählen. „Das hier ist Riven Kire Anbibarensu, der Anführer der Vastus Antishal und ein langjähriger Freund meinerseits.“
„Aber Arec ist doch der Anführer der Vastus Antishal“, stellte Takeru fest. „Der echte Anführer ist gestorben, vor langer Zeit.“
„Das ist das, was jeder denken soll“, gab Riven zu und wandte sich dabei zu dem anderen Mann. „Ich habe ihn getroffen, bevor ich dich gefunden habe, Gaara.“
„Erzähl mir, was geschah, als du Miraa konfrontiert hast“, bat Gaara und schenkte Shiana dabei einen besorgten Blick.
„Miraa? Ist das nicht dein bester Freund?“, erklärte Takeru mit seinem Wissen, das er aus dem Tagebuch hatte.
„Mir scheint, als wüsstest du so einige Geheimnisse von uns“, gab Gaara zu und konnte ein kleines Lächeln nicht verbergen. „Ich bin erstaunt, wie viel du weißt. Jedoch ist Miraa das Problem. Seit über viertausend Jahren schon versucht er immer wieder die Welt radikal zu zerstören.“
„Ich konnte ihn aufspüren“, erklärte Riven weiter. „Nachdem wir damals die Welt gerettet hatten, habe ich nicht aufgeben, nachzuforschen. Ich kam dank Jumon darauf, dass es neben den Shal, die einst versucht hatten, die Welt zu zerstören, noch eine weitere Gruppe gab, die im Verborgenen agierte. Der Geheimbund der Kinno-Bujin hatte sich tausende Jahre lang weiterentwickelt, ohne dabei entdeckt zu werden. Als wir damals den Kampf gegen den Mann namens Xarmainion gewonnen hatten, konnte ich in Erfahrung bringen, dass er auch nur eine von vielen Schachfiguren war, die Miraa Liade befehligte. Außerdem habe ich erfahren, dass die Leute, die er momentan um sich gesammelt hatt, sehr gefährlich sind. Dann, als Miraa wieder eine feste Gestalt annahm, konnte ich ihn durch die Spuren, die er dabei hinterließ, ausfindig machen.“
„Wie hast du das geschafft?“, wollte Gaara neugierig wissen.
Takeru beobachtete, wie sein Vater anfing zu grinsen, vielleicht weil er darauf die Antwort schon wusste.
„Ich habe die Kinno-Bujin schon sehr lange studiert“, erklärte nun Jumon weiter. „Ich fing an, alle Schriften über diese Gruppierung und deren Taten zu sammeln und zu analysieren. Miraa Liade selbst hatte Bücher verfasst, die ‚Chroniken der Nebenwelt‘ genannt und dabei – so stolz er darüber anscheinend war – viel zu viele seiner Ideale geteilt. Durch die Informationen, die er beschrieb, habe ich ebenfalls erfahren, dass der Bund der Unsterblichkeit, den er mit dir teilt, Gaara, einem regelmäßigen Zyklus folgt. So wie sich deine Seele von selbst immer wieder Körper sucht, in denen sie hausen kann, schaffte Miraa Liade es immer öfter, sich ganz kontrolliert einen Körper zu suchen. Jedoch war der Preis dafür ein strenger festgelegten Zyklus.“
„Was hat das zu bedeuten?“, hakte Gaara interessiert nach.
Für Takeru waren die neuen Informationen mehr als interessant. Endlich hatte er die Chance, die ganzen Geheimnisse hinter dem Tagebuch, den Artefakten und der Geschichte seines Vaters zu lüften.
„Der Preis dafür, sich einen Körper seiner Wahl zu nehmen, war durch einen Jahresrhythmus gebunden. Er muss Jahrhunderte lang damit beschäftigt gewesen sein, diesen Zeitraum abzupassen, um dann zu sterben. Wie es mir scheint, war Selbstmord für ihn keine Lösung; es musste durch ein äußeres Ereignis stattfinden. Jedoch bin ich mir bei diesem Punkt noch nicht ganz so sicher.“
„Das ist ja schrecklich“, murmelte Shiana.
„Dank Jumons Unterstützung konnte ich ihn also ausfindig machen“, fuhr Riven fort. „Ich konfrontierte ihn allein. Ich weiß, dass du das für sehr dumm hältst, Ginta. Jedoch war es genau die richtige Entscheidung. Dadurch konnte ich sichergehen, dass keine weiteren Personen ums Leben kamen. Das Einzige, das ich in diesem Kampf nur opfern musste, war mich selbst.“
„Wie hast du den Kampf überlebt?“, wollte Ginta wissen. „Das hast du mir bisher nie erzählt.“
„Noch nie hatte ich so einen außergewöhnlichen Kampf mit jemanden geführt“, erzählte Riven nahtlos weiter. „Diese Macht, die Miraa innehält, ist enorm. Er attackierte mich mit allem, was er hatte. Es schien, dass das Genkioken ihn auf eine merkwürdige Weise wütend machte. Das führte dazu, dass er immer wieder unkonzentriert war. Ich beobachtete ihn während des Kampfes, um Lücken in seinem Angriffsverhalten zu analysieren. Diese Lücken konnte ich ausnutzen und so meinen Tod vortäuschen.“
„Was ist das Genkioken?“, wunderte es Takeru, der sich ein bisschen nach vorn lehnte, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.
Bevor er und seine Schwester eine Antwort bekamen, streckten jeweils Gaara, Riven und auch ihr Vater eine Hand nach vorn. Vom einen auf den nächsten Augenblick fingen ihre Hände blaues Feuer. Es dauerte nicht lange, dann erloschen die Flammen. Takerus Augen wurden groß.

„Das blaue Feuer haben wir gesehen“, meldete sich Alayna zu Wort, der die Art und Weise dieser Energieströmung merkwürdig bekannt vorkam. „Als ihr vorhin dieses Ritual durchgeführt habt und …“
„Das Ritual erkläre ich euch später“, meinte ihr Vater und erklärte, was das Genkioken bedeutete. „Diese Technik ist ein uralter, besonderer Energiefluss, der mich, Riven und auch Gaara miteinander verbindet. Warum ausgerechnet wir diese Macht in uns tragen, ist mir immer noch nicht klar. Jedoch haben wir dieses Schicksal akzeptiert.“ Dann wurde Ginta etwas stutzig und hakte noch einmal nach: „Was genau meinst du mit ‚und‘?“
 Alayna sah, wie ihr Vater sie auf einmal besorgt ansah.
„Ich habe diese Energie schon einmal in mir gespürt. In Tak auch, jedoch hatte diese Energie dort eine andere Farbe.“
Gintas Augen weiteten sich, als Alayna diese Aussage machte. „Jumon, stimmt das?“, forderte er zu wissen.
Jumon ging auf die Geschwister zu, nahm jeweils eine ihrer Hände und schloss die Augen.
Alayna erinnerte sich, dass er eine besondere Gabe hatte, die es ihm ermöglichte, Geister, Seelen und Energien zu sehen.
Kurz nachdem er die Augen geschlossen hatte, öffnete er sie wieder und nickte.
„Ja, ich sehe die gleichen Energiestränge wie bei euch. Als ich dies das erste Mal gesehen habe, waren sie noch so schwach; ich war mir nicht sicher. Jetzt bin ich es aber. Eines jedoch ist komisch. Takerus Strang ist unterbrochen, wie durch eine Blockade. Ich habe dir mal einen Gefallen getan und sie gelöst.“
„Das ist nicht gut“, murmelte Ginta in sich hinein.
„Das stimmt“, bestätigte Gaara. „Miraa wird auch hinter euch her sein. Der Fluss des Genkioken ist das Einzige, das ihm Angst macht.“
„Warum? Ich verstehe das nicht“, fragte Takeru nach.
Alayna war sich nicht sicher, was das zu bedeuten hatte. Sie fand es nicht gut, dass Jumon die Blockade, die Oto für Takeru erschaffen hatte, nun einfach gelöst hatte. Sie befürchtete, dass ihr Bruder wieder seine Kontrolle verlieren könnte. Jedoch behielt sie diese Sorgen für sich. Sie musste erst mehr von all den Geschehnissen verstehen, bevor sie das einbringen konnte.
„Ich befürchte, er sieht darin den Schlüssel unserer Unsterblichkeit. Nein, eher das Ende unserer Unsterblichkeit“, führte Gaara weiter aus.

„Das bedeutet“, wandte sich Ginta nun wieder zu seinen Kindern, „dass ihr zurück in die Stadt müsst. Ich werde Ryoma beauftragen, dass er auf euch aufpasst.“
„Nein!“, protestierte Takeru, zum Erstaunen seines Vaters und der anderen im Raum. „Ryoma will auf uns gar nicht aufpassen. Außerdem wissen wir, wo die Artefakte sind!“
Vielleicht konnte er seinen Vater überzeugen, dass sie nicht zu Ryoma geschickt werden mussten, wenn er dieses Thema ansprach. Laut dem Tagebuch schienen die Artefakte eine besondere Kraft und Bedeutung zu haben. Er empfand es als gutes Überzeugungsmittel, das nun anzusprechen. Er kramte unter seinem Oberteil seinen Kompass hervor, der ihnen vorher den Weg geleuchtet hatte. Stolz präsentierte er das metallene Objekt. „Das ist Laans Kompass. Übrigens hat Eimi das Schwert von Ea. Wir müssen nur noch den Anhänger finden, dann haben wir alle Waffen und können der Gefahr ein Ende setzen.“
Nun holte auch Shiana etwas unter ihrem Oberteil hervor, was sich als kleiner Anhänger in Form einer Feder herausstellte.
„Ich habe den Anhänger“, sagte sie in einem ruhigen Ton.
„Papa, ihr habt das Tagebuch doch auch gelesen; das sind die drei Waffen, mit denen Ea, Laan und Shiana noch mächtiger werden. Wir müssen keine Angst vor Miraa haben. Können wir nicht einfach die Kräfte vereinen und ihm einen Strich durch die Rechnung machen? Ihr habt das damals doch auch geschafft? Wir haben Laan erst vor kurzem getroffen; er meinte, er wolle den Kompass später abholen“, erklärte Tak und bezog sich dabei auf die letzten Einträge des Tagebuches, als Shiana gemeint hatte, sie würden ihren Plan umsetzen. „Dann müssen wir nur Eimi bitten, Ea das Schwert zurückzugeben und alles ist gut.“
„Ich befürchte, dass es nicht so einfach ist“, wandte Jumon ein. „Zudem wird ein Opfer gefordert werden.“
Zu Alaynas und Takerus Überraschung senkten Jumon und ihr Vater besorgt die Köpfe. Gaara lehnte sich entspannt an den Tisch und fuhr sich unbeschwert durch die Haare. „Wenn Miraa sterben muss“, erwähnte er melancholisch, „dann werde ich auch sterben müssen. Das ist unser Bund, den wir teilen.“
„Aber Gaara“, versuchte Shiana anzusetzen, doch ihr schien es die Sprache verschlagen zu haben. Besorgt rieb sie sich ihre Schultern.
„Ich habe sehr lange Zeit gehabt, darüber nachzudenken, Shiana“, sprach Gaara sie direkt an. Dabei nahm er eine ihrer Hände und die Geschwister konnten im Dunkeln trotzdem erkennen, dass ihr Gesicht errötete. „Nach so vielen Jahrhunderten ist die Zeit nun gekommen, meinem Schicksal ins Auge zu blicken.“

Alayna rauchte der Kopf. Alles, was sie erfahren hatte und was in letzter Zeit passiert war, machte ihr nicht nur Angst und Sorgen, sondern auch Kopfschmerzen. Jedes Mal, wenn sie versuchte, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, stolperte sie immer und immer wieder über ein und dieselbe Frage: Wo war ihr Vater die ganze Zeit gewesen und warum tauchte er jetzt plötzlich wieder auf?
Gerade, als die Erwachsenen wieder irgendwelche Details austauschten, platzte ihr erneut der Kragen. Sie wollte nichts über die Artefakte wissen. Sie wollte nur wissen, wo ihr Vater gewesen war.
„Papa“, fing sie an und merkte dabei, dass die ersten Tränen ihre Wange hinabflossen. Die Angst und Sorge, nicht zu wissen, was vor ihr lag, veränderte ihre Stimme. „Wo warst du die ganze Zeit? Wo warst du!? Wir sind durch die Hölle gegangen, ohne dich. Du weißt gar nicht, was alles passiert ist, was wir durchlebt haben! Du warst nicht da – du hast uns nicht beschützt – du bist jemand ganz anderes – ich erkenne dich gar nicht wieder!“, schluchzte sie plötzlich.
Riven, der bisher sehr ruhig geblieben war, rollte mit den Augen und seufzte lautstark, woraufhin er von Jumon einen bösen Blick kassierte. Ginta ging einen Schritt auf seine Tochter zu und nahm sie einfach in den Arm. Alayna schluchzte, ihr Gesicht an seine Brust gepresst und auch ihr fiel auf, dass der Geruch ihres Vaters nicht mehr an ihm haftete. Wie lange hatte sie sich nach dieser Umarmung gesehnt? Doch der bittersüße Geschmack dieser Umarmung zeigte ihr, dass Familie nie wieder das bedeuten sollte, was es für sie einmal getan hatte.
Shiana war die Erste, die etwas sagte.
„Euer Vater hat jeden Tag an euch gedacht. Er hat versucht, euch so viel Hilfe zukommen zu lassen, wie er nur konnte; das müsst ihr wissen“, erklärte sie das Geschehene. „Ginta hatte viel damit zu tun, mich zu finden und zurückzuholen. Dabei hatte er sich um so viele Sachen zu kümmern; aber das Erste, an das er jeden Morgen dachte, wart ihr.“
„Pa-Papa“, stammelte Takeru und er konnte ebenfalls die Tränen nicht zurückhalten.
Alayna löste sich langsam von der Umarmung ihres Vaters, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah ihm dabei direkt in die Augen. Für einen kurzen Moment sagte niemand etwas. Sie nahm die ganzen Feinheiten seines Seins plötzlich so wahr, wie sie es noch nie getan hatte. Sein kurzes Haar war etwas länger geworden und auch seine Falten schienen etwas tiefer zu sein. Ihr Vater musste müde sein; das zeigten seine Augenringe. Seine linke Hand zitterte leicht und Alayna spürte, dass auch er sich darum sorgte, wie alles weitergehen sollte.
„Es war nie mein Wunsch, euch allein zu lassen“, erklärte ihr Vater, ohne sich dabei zu entschuldigen. „Es gab viel zu viele Dinge, um die sich gekümmert werden musste. Ich bin sehr froh, dass ihr all den Gefahren, denen ihr begegnet seid, standgehalten habt. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, müsst ihr mir von allem erzählen.“
Alayna wollte alles erzählen. Alles, was sie durchgemacht hatte und wie sie gekämpft hatte. Sie wollte ihrer Wut Luft machen. Der Drang, sich darüber mitzuteilen und sich Gehör zu verschaffen, war enorm. Vielleicht verstand ihr Vater, was sie fühlte, aber sie musste sicher gehen.

„Ich will eure Familienzusammenführung wirklich nicht unterbrechen“, drängte sich Riven nun ins Gespräch. Er wirkte etwas erzürnter als noch vor einer Weile. „Aber es ist langsam Zeit, dass wir unseren Plan weiterführen, meinst du nicht?“
„Was bedeutet das, Papa?“, hakte Takeru nach, den es unglaublich interessierte. „Was passiert jetzt mit dem Kompass und dem Tagebuch? Wie gehen wir vor?“
Wir?“, seufzte Ginta und deutete dabei mit einer Geste auf alle Erwachsenen. „Wir werden euch zurück in die Stadt schicken. Es ist nicht eure Aufgabe, die Welt zu retten.“
„Ich werde euch zurück in die Stadt begleiten“, schlug Jumon vor. „Jetzt, wo Gaara wieder zurückgekommen ist, werde ich den anderen Bescheid geben. Währenddessen hört ihr euch das Ende der Geschichte an.“
„Wir können doch Ea und Laan suchen, um ihnen die Artefakte wiederzugeben“, schlug Takeru vor.
„Es ist wohl besser, wenn du uns den Kompass gibst und uns das machen lässt“, forderte Gaara und streckte eine Hand aus, um den Kompass zu nehmen. Takeru zögerte jedoch, den Kompass zu überreichen.
„Aber …“, grübelte Takeru, um eine Ausrede zu finden. „Lasst mich den Kompass mit zurück in die Stadt nehmen. Wenn Jumon und wir dann Eimi treffen, sind Kompass und Schwert zusammen. Wir übergeben die Artefakte gemeinsam Jumon, dann könnt ihr sie ihren Besitzern Ea und Laan zurückgeben! Ich weiß, wie der Kompass funktioniert, deswegen hat er mich hierhergeführt.“
„Du weißt wirklich, wie der Kompass funktioniert?“, hakte Gaara neugierig nach. „Selbst wir haben nie herausgefunden, wie Laan das immer gemacht hat.“ Shiana nickte bestätigend.
Was hatte Takeru da gerade gesagt? Wusste er, wie er funktionierte? Er streckte seine Hand zögerlich aus; in der Mitte seiner Handfläche befand sich der Kompass. Wenn er jetzt so viel Glück hatte, zu beweisen, dass er den Kompass kontrollierte, durfte er vielleicht an der Seite seines Vaters bleiben.
Alayna sah ihn erstaunt und verwundert an. Bestimmt wusste sie, was er sich dabei dachte, ließ es aber zu. Dann schloss Takeru seine Augen, nahm einen tiefen Atemzug und wiederholte ein Wunschmantra: ‚Lass es mich beweisen, dass ich den Kompass kontrollieren kann.‘

Ein Raunen ging durch die Gruppe.
Ein hellgrünes Licht formte erst eine kleine, unförmige Kugel und wurde zu einem Strahl, der senkrecht nach oben schien. Der Lichtstrahl ging direkt durch die Decke der Höhle und verschwand. Das kurz aufleuchtende Licht erhellte plötzlich Ecken des Raumes, die man vorher nicht hatte sehen können und Alayna musste schlucken, als sie den leblosen Körper des Wolfes nun vollständig sah. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Dann schenkte sie ihrem Bruder wieder all die Aufmerksamkeit. Er hatte es also wirklich geschafft! Hatte es damit zu tun, dass sein Energiefluss nicht mehr blockiert war? Hatte er einfach Glück? Oder kontrollierte er wirklich den Kompass? Ihr kleiner Bruder schien sich selbst nicht sicher zu sein.
„Ich habe es geschafft?“, meinte er und korrigierte sich dabei selbst, verkleidet mit einem nervösen Lachen. „Ich habe es geschafft!“
„Das verändert alles“, gestand Jumon. „Wir könnten die Suche dadurch beschleunigen.“
„Aber wir haben die Kinder bei uns, auf die wir aufpassen müssen. Das ist Ballast“, versuchte Riven, die Gruppe vom Gegenteil zu überzeugen.
„Papa“, meinte Takeru nur, als sein Vater sich wirklich Gedanken zu machen schien.
Alayna war sich in diesem Moment nicht sicher, was sie selbst wollte. Bei ihrem Vater bleiben? Eigentlich wäre sie gern zurück zu Eimi und den anderen gegangen. Aber irgendetwas hielt sie noch zurück. Sie wollte noch mehr wissen.
„Ich möchte noch etwas Zeit haben, um zu überlegen“, verkündete Ginta nach einer kurzen Nachdenkzeit. „Ich bin mir nicht sicher, wie ich entscheiden möchte. Außerdem wäre es sinnvoll, wenn du Gaaras Geschichte noch zuhörst, bevor du mit den Kindern gehst, Jumon. Wir brauchen jeden Kopf, um herauszufinden, wie wir Miraa bezwingen können.“
„Papa, was meinst du mit Gaaras Geschichte?“, hakte Takeru nach. Er hoffte wohl, es hinauszögern zu können, gehen zu müssen. Doch auch Alayna stellte fest, dass sie wissen wollte, was das zu bedeuten hatte.
„Nachdem wir das Tagebuch entschlüsseln konnten, konnte sich Shiana wieder an Sachen erinnern“, erklärte ihr Vater.
„Aber ich kann mich noch nicht an alles erinnern“, sagte Shiana ruhig und wandte sich zu Gaara. „Wir wollen wissen, an was du dich noch erinnerst. Damit wir herausfinden, wie wir Miraa damals bezwungen haben.“
„Nach über viertausend Jahren Leben sind einige Details verwischt“, erklärte sich Gaara. „Ich bin mir nicht mehr sicher.“
„Du musst es versuchen“, forderte Riven und sah Gaara mit einem strengen Blick an.
„Da haben wir eine Hilfe“, grinste Jumon und Ginta lächelte ihn auch an. „Der Anhänger von Shiana kann deine Erinnerungen vielleicht wieder erwecken.“
Shiana berührte mit ihrem Zeigefinger ihren Anhänger, der dann ein hellblaues Licht emittierte in Form einer blauen Kugel. Langsam schwebte diese Kugel zu Gaara und verschwand in seiner Stirn. Alayna und auch Takeru sahen dem Ganzen neugierig und gespannt zu.
„Der Anhänger war der Schlüssel, meine Erinnerungen mit dem Tagebuch zu wecken. Dieser Schlüssel wird auch dir helfen, dich besser zu erinnern“, sagte Shiana sanft. Die Art und Weise, wie sie sprach, beruhigte Alayna.

Gaara schloss seine Augen für einen Moment, nahm einen tiefen Atemzug und als er seine Augen wieder öffnete, leuchteten sie für einen kurzen Augenblick in dem gleichen hellblauen Licht auf, das der Anhänger ausstrahlte.
„Fang einfach an, zu erzählen“, bat Ginta. „Irgendwo werden Hinweise versteckt sein, die im Tagebuch nicht zu finden waren.“
„Verstanden“, bestätigte Gaara. „Dann werde ich euch über das Ende des Krieges vor über viertausend Jahren berichten …“

Kapitel 59 – Das Ende des Krieges vor über 4000 Jahren

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Kapitel 60 – Die Konfrontation

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Kapitel 61 – Verlieren

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Kapitel 62 – Der Kompass

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Kapitel 63 – Der Albtraum

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