Kurzgeschichten

Geschichten über Horizon

Eine Liebesgeschichte

 

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Über die Leichtigkeit des Brückenüberquerens

Der Vogel

Danke

Das Erdbeermädchen

Die Wolken

Weg war sie

Bedeutungslos

Über sie (26.02.2013)

Regen


Über die Leichtigkeit des Brückenüberquerens

 

Regen. Es regnete wieder. Wie an jedem Montagmorgen. Herr Feder verließ seine kleine Wohnung am Stadtrand, sperrte sie zweimal zu und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Wieder ein Morgen, an dem Herr Feder einiges an Gepäck dabei hatte. Er hatte sich einen blauen Rucksack mit rotem Karomuster über die rechte Schulter gehängt. In seiner rechten Hand trug er einen Aktenkoffer, der mit echtem Krokodilleder bezogen war, so hatte es ihm damals der Verkäufer gesagt. Über seine linke Schulter trug er eine große Sporttasche.
So schleppte Herr Feder sein Gepäck über die mit Kieselsteinen ausgelegte Einfahrt zur Straße. Dort machte er wie gewöhnlich eine kurze Pause, sah nach links, nach rechts und wieder nach links, wartete noch einen Moment und überquerte dann die Straße. Diese schlenderte er entlang.
Jetzt lief er Richtung Osten. Normalerweise konnte er an jedem anderen Morgen die aufgehende Sonne betrachten. Doch heute war es Montag und montags regnete es. Er drehte sich noch einmal um. Es könnte ja sein, dass die Wolken hinter ihm sich schon auflösten und der Regen aufhörte. Doch auch dort konnte er nur eine graue Decke aus Regenwolken sehen. Also blieb ihm nun nichts anderes mehr übrig, als sein schweres Gepäck weiter in Richtung Osten, dort wo er arbeitete, durch den kalten Regen zu tragen.
Bald kam Herr Feder an einer kleinen Bäckerei vorbei, in der dieses hübsche Mädchen arbeitete, das ihm immer ein Lächeln schenkte, wenn er vorbeilief. Manchmal überlegte er sich, ob er nicht dort hineingehen sollte, um Brot zu kaufen und mit diesem Mädchen zu reden. Doch er ließ es. Er musste schließlich zur Arbeit und wollte nicht zu spät kommen.
Die kleine Straße mündete bald in eine große, viel befahrene Straße, die weiter nach Osten führte, dort wo Herr Feder arbeitete. Das laute Brummen der Autos störte Herrn Feder. Er mochte das Geräusch dieser motorisierten Monster nicht. Er sah zu, wie die bunten Autos an ihm vorbeizogen, das Wasser auf der Straße aufwirbelten und dann immer kleiner wurden und vergrauten, bis er sie nicht mehr sah.
Langsam merkte er, wie seine Taschen mit der Zeit schwerer wurden.
Das macht der Regen, sagte er sich.
Die Sporttasche rutschte etwas und Herr Feder war öfters damit beschäftigt, sich die Tasche wieder richtig auf seine Schulter zu ziehen. Seinen Blick immer noch nach Osten gerichtet, lief er weiter durch den Regen.
Nach nicht allzu langer Zeit erreichte Herr Feder eine kleine Brücke. Dort machte er wieder eine kleine Pause und legte seine Taschen auf den nassen Boden. Er lehnte sich an das Geländer und sah hinunter auf den Fluss, der durch seine Stadt floss. Einige Enten schwammen darin, tauchten unter, wohl um nach Nahrung zu suchen.
Der Fluss war nicht besonders breit. Auch nicht besonders lang – er mündete nach nur gut fünf Kilometern in einen anderen Fluss. Obwohl dieser Fluss nichts besonderes war, mochte es Herr Feder, an so einem Morgen auf der Brücke zu stehen und dem ruhig dahintreibenden Fluss bei seinem Sein zu betrachten.
Als die Enten davon schwammen und Herr Feder noch einmal auf die Uhr blickte, um zu überprüfen, ob er nicht zu spät kam, machte er sich wieder auf den Weg nach Osten, dort, wo er arbeitete.
Er warf sich den Rucksack über die rechte Schulter und die Sporttasche über die linke und ging. Die Taschen fühlten sich schwerer an als sonst, während er die Brücke überquerte und den vorbeiziehenden Autos hinterherblickte.
Die kommen sicherlich nicht zu spät, sagte er zu sich selbst. Dann blieb er stehen und drehte sich um. Er hatte seinen Aktenkoffer vergessen.


Der Vogel

 

Mit einem Kreischen und wildem Flattern, sodass sich einige kaputte Federn aus seinem Gefieder lösten, hob der Vogel in die Lüfte und drehte erst einige Runden in der Luft, um sich warm zu fliegen.
Genauso drehte ich meine Runden und beobachtete dabei die Umgebung. Es war dreckig. Der graue Schnee lag wie kleine Hügel am Straßenrand. Kleine Kieselsteine krönten die Hügel in einem unregelmäßigen Muster. Auf einem Haufen waren viel mehr Steinchen im Schnee, als auf dem Gehweg daneben. War ja sehr praktisch.

Mitten auf dem Weg lag eine rot-weiße Zigarettenschachtel, die ich schon von weitem sehen konnte. Zerknüllt lag sie dort auf dem grauen Untergrund. Aus dem halb zerrissenen Deckel versuchte sich eine kaputte Zigarette heraus zu drücken.
In der Nähe verweilte ich etwas und sah mich in der Umgebung um. Nicht weit von mir entfernt war eine Gruppe Jugendlicher.
Es handelte sich um einen Jungen und zwei Mädchen, wobei das eine Mädchen schon eher aussah wie ein Junge. Ein stämmiger Junge. Ein stämmiger Junge mit Schulterlangen Haaren. Wie sie die Kippe zwischen ihren Fingern hin und her bewegte, sie dann zum Mund führte und einmal tief einatmete, bestärkte meine erste Annahme, dass es sich eigentlich um einen Jungen handeln sollte.
Aber sie war ein Mädchen.
Die Mütze, die sie trug war dick. Aus dicker Wolle gemacht. Sie war dick.
Der Junge, der komischerweise der kleinste von allen war, was vielleicht auch daran lag, dass das zweite Mädchen auf hochhackigen Schuhen lief, sah immer wieder gierig zum rauchenden Mädchen.
Man spürte die Coolness, die die Luft zum vibrieren brachte, als das dicke Mädchen eine Schachtel aus ihrer Jacke zog und dem Jungen eine Zigarette abgab.

Es war Tag, aber trotzdem kam es mir so vor, als würde die kleine Flamme des Feuerzeugs und die Glut der Zigarette den Ort erhellen. Von der Ferne her strahlte die Glut schwach eine Wärme aus, die mich nach einigen Momenten erreichten. Das Gefühl verflog aber wieder, als der Junge die Zigarette von seinen Lippen absetzte und aus dem kleiner werdenden Spalt seines Mundes der neblige Rauch heraus geblasen wurde.
Für kurze Zeit konnte ich das Gesicht des zweiten Mädchens beobachten. Ihr Blick war mehr als interessant. Sie sah wirklich glücklich aus, als würde sie sich in dieser schweren Zeit des Lebens und dem Stress, den sie vielleicht in der Schule hat, vielleicht doch etwas abheben und einfach den Moment genießen.
Die drei Freunde sprachen nicht viel. Ich bewegte mich kaum, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und sie weiterhin still zu beobachten.

Von Irgendwoher kam auf einmal Musik, zu der ich mich unbewusst etwas bewegte. Die Jugendlichen auf der anderen Seite bewegte sich auch. Aber anders. Sie bewegten sich wie junge Menschen, Menschen die nicht an die Zukunft denken.
Menschen, die nämlich an die Zukunft denken, bewegen sich viel vorsichtiger als die, die es nicht tun. Vorsichtiger deswegen, weil sie jeden Schritt bedenken, weil sie nicht verletzt werden wollen, weil sie vielleicht Angst haben.
Junge Menschen haben keine Angst. Sie wollen sich jedem Problem stellen und wenn es brenzlig wird, rennen sie davon. Sie rennen um Ecken, in Gassen, über Zäune, auf Brücken nur um der Gefahr zu entkommen, die sie zunächst eigentlich mit stolzer Brust entgegen gegangen sind. Sie können das, weil sie jung sind.
Leute, die über vorsichtig geworden sind mit dem Alter, können das nicht mehr, weil sie der Gefahr entgegenstehen müssen. Ihnen bleibt nicht die Wahl, wegzulaufen.

Das dicke Mädchen zog den letzten Zug ihrer Zigarette. Sie ließ sich dabei viel Zeit und genoss jeden Partikel an Rauch, den sie in ihre großen Lungen pumpte. Dann atmete sie noch langsamer aus und schnippte den Stummel auf die Straße.
Ihre Hände verschwanden in ihrer Jackentasche – es war auch wirklich kalt um diese Jahreszeit – und dann bemerkte ich, wie sich ihre Zunge von innen an ihr Lippenpiercing drückte und es hin und her bewegte.
Sie sagte nichts und ihre Freunde auch nicht.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die drei eine Konversation führten. Ich verstand sie nicht, das war nicht meine Welt. Trotzdem versuchte ich, dem Nichtreden zu lauschen. Ich spürte die Worte, hörte und verstand sie aber nicht.

Ich wäre noch lange so sitzen geblieben, wären die Drei auch noch länger geblieben. Das taten sie aber nicht. Sie schlenderten weiter. Wohin sie gingen, wusste ich nicht. Ob ich sie jemals wieder sehen würde, wusste ich auch nicht.
Vielleicht war es mir egal.
Ich flog davon und am dunkel werdenden Himmel sah ich noch den Vogel, der durch die Luft glitt und dabei immer kleiner wurde, bis ich verschwand.


Danke

 

Danke“, war das Wort, das ich nie von ihr hörte. Sie war einfach nicht der Typ Mensch gewesen, der es schaffte den Menschen, die es ihrer Ansicht nach verdienten, dieses Wort zu sagen.

Sie war schon immer auf ihre eigene Art dankbar gewesen, wenn sie denn überhaupt einmal Hilfe von anderen Menschen annahm. Ihren Kopf in den Nacken fallen lassend, während sie dabei einen so tiefen Seufzer los ließ, dass ich dachte ihr würde die ganze Luft entweichen, sich die Schläfen reibend, als hätte sie Kopfschmerzen um sich dann wieder nach vorne zu beugen und mir in die Augen zu blicken. Das war ihre Art mir ihre Dankbarkeit zu zeigen. Denn es war ihr Blick und das Schwingen der Luft, das plötzlich dieses eigenartige Magengrummeln hervorruf. Dann wusste ich, dass sie mir „Danke“ sagte.


Das Erdbeermädchen

 

Da saß sie, als ich vorbei, voll bepackt, an dem erdbeerförmigen Stand in Richtung Heimat stolperte. Sie saß und las ein Buch, umgeben von hunderten, vielleicht tausenden Erdbeeren, die in ihrer Farbe nicht schriller hätten sein können, die in ihrem Duft unübertroffen von der sanften Natur, dort lagen. Es sah so aus, als sähe dieses Mädchen in einem Käfig aus süßer Versuchung. Konnte sie widerstehen? Durfte sie überhaupt von ihren Waren Naschen, die sie umgaben wie tausend kleine Männlein und Weiblein auf der Suche nach einer Königin. Ja, sie war ihre Königin geworden, in dem Moment, als ihr strahlendes Lächeln aufging, kurz nachdem sie eine Pause machte, mir in die Augen sah und einfach nur lächelte.

Sie sah so lieblich aus, so lieblich wie das, was sie umgab. Ob ihre Haut genauso zart war, wie das der Erdbeeren? Ob ihre Lippen genauso rot waren, wie die Erdbeeren selbst in einem flammrig süßlich riechendem rot in ihren kleinen Körben lagen?

Mir fiel ein Zettel aus der Hand, ich bückte mich und hob ihn auf, konnte aber währenddessen meinen Blick nicht von diesem hübschen Mädchen lassen. Sie lächelte immer noch und ich nun dazu.

Dann stolperte ich weiter. Ich sah ihr nicht nach, aber ich wusste, dass sie in ihrer riesigen Erdbeere sitzend, mir nachblickte, versuchte durch die Wände ihres Standes noch einen letzten Blick von mir erhaschen zu können. Ich entfernte mich immer mehr von ihr, bis ich dann das Gefühl hatte, dass sie nun weiter las.


Die Wolken

Die Wolken zogen sich zu einem dunklen, bedrohlichen Knäuel aus schwarzer Wolle zusammen. Es fing an zu regnen. Ich setzte mich neben das Licht, das am Fenster stand und schaute hinaus in die Welt, direkt vorbei an dem Haus, das keine zehn Meter von meinem Fenster entfernt war. Es war still. Das Prasseln der dicken Regentropfen hallte nur leise in meinen Gedanken wider. Die schwarzen Wolken bewegten sich rhythmisch zu jedem Tropfen, der auf die Erde fiel. Es wurde getanzt, doch ich war der, der nicht mittanzte. Gegenüber von mir brannte das Licht. Ich erkannte im wanken vorbeischauen eine Person vor dem Fenster sitzen. Die dicken Tropfen, die vom Himmel fielen, als ginge es um einen Wettbewerb, wer am schnellsten hinunterfiele, ließen mich die Person nur schemenhaft wahrnehmen. Ich bewegte mich etwas zur Seite, damit ich einen besseren Blick durch die Perlen hatte, die an meiner Fensterscheibe hingen. Dann erkannte ich, dass die Person sich bewegte. Was die Person wohl dachte? Dachte sie über den Regen nach? Über die kühle des Regens, die sie nicht spüren konnte, weil das Licht neben ihr brannte und ihre Haut stark aufscheinen ließ? Konnte sie ihre Gedanken nicht kontrollieren und dachte im selben Augenblick schon wieder an etwas ganz anderes? Unruhig rutschte ich hin und her. Neugier flackerte in mir hoch wie das trockene Gras, das dazu benutzt wurde um ein Lagerfeuer zu entfachen. Die Person bewegte sich. Wollte sie gehen? Ich wurde immer ungeduldiger und neugieriger. Wie sah sie genau aus? Dann näherte ich mich der Scheibe, um durch die Regentropfen hindurch auch nur für einen Moment einen besseren Blick zu erhaschen. Ich stieß mit dem Kopf gegen die Glasscheibe. Der Aufschlag unterbrach die Stille und ich wich zurück, fuhr einmal mit meiner Hand über mein Gesicht und konzentrierte mich wieder auf die Person gegenüber. Ich sah mein Spiegelbild auf der Fensterscheibe. Die Silhouette klärte sich. Ich stand auf und mein Spiegelbild stand auch auf. Es war nicht der selbe Regen wie damals. Einfach nicht der selbe Regen.


Weg war sie

… und weg war sie.

Auf meinem Nachhauseweg ging ich schlapp die Straße entlang. Der Wind, der um meine Ohren wehte, hörte sich in diesem Moment wie eine wunderschöne Melodie an. Diese Melodie, die ich lange nicht mehr so gehört hatte, ließ mich den Lärm des Verkehrs in meiner Umgebung vergessen. Dicke, blaugraue Wolken schoben sich vor die Sonne. Ab und an gab es Löcher in den Wolken, durch die man den strahlenden, blauen Himmel sehen konnte. Dann schoben sich die Wolken weiter in Richtung Sonne, man konnte sie kaum mehr sehen. Am Ende blieb ein Riss in der blaugrauen Decke, die unter dem Himmel lag und einzelne, unverfärbte Sonnenstrahlen quollen hinaus aus der Dichte der Decke. Die Strahlen schienen in einem so unfassbar starken Licht, dass man hoffte, direkt darunter stehen zu dürfen, um etwas von diesem Glanz abzubekommen. Der Riss fühlte sich wie eine Narbe an. Eine Narbe, von der man nicht wusste, wann sie verheilen würde und ob sie jemals verheilen würde. Eine Narbe von der man nicht wusste, wodurch sie entstanden war und ob das, was dadurch hinaus trat, gut oder schlecht war. Für mich war es aber eine Narbe der Hoffnung. Ich bog nach der Brücke rechts in eine Allee ein, deren schwere Baumkronen die Hektik und den Lärm der Stadt verschluckten. Plötzlich war es still. Dann bog ich wieder ab, in eine kleine Straße. Links neben mir war die kleine Straße und parkende Autos. Rechts neben mir eine Wand aus Efeu, deren Blätter mir alle zuzuwinken schienen und mir sagen wollten „Komm her“. Der Wind wurde wieder etwas stärker und ich hörte wieder die Melodie. Die Wolken schoben sich nun dichter vor die Sonne und die Schatten der Bäume und Dinge auf den Straßen, verschmolzen nun zu einem gemeinsamen Grau. Einem Grau, das vielleicht traurig zu sein schien, das vielleicht langweilig zu sein schien, was aber eher wie eine Zudecke zu sein schien, die die Welt für einen Augenblick zu beschützen versuchte. Bald kam ich an diesem Altersheim vorbei, von dem ich nie genau wusste, ob es wirklich eines war. Im Garten saßen einige Frauen und Männer. Sie sahen sich verwirrt um oder genossen die Wärme des Tages. Ein jüngerer Mann saß auf einem Stuhl, stand immer wieder auf, ruderte mit den Armen und saß sich wieder hin. Dabei sprach er immer wieder „Dies… Dies… Dies…“, wobei er das „s“ immer so scharf betonte, dass es schmerzhaft in meinen Ohren klang. Ein anderer Mann jubelte in einem unregelmäßiges, langem Rhythmus. Worüber er jubelte, wusste ich jedoch nicht. Ich lief weiter, bis ich endlich Zuhause ankam. Langsam zog ich meinen Schlüssel aus meiner Tasche und zögerte erst, bis ich die Tür aufsperrte. Als ich es tat, bereute ich es in dem Moment, als ich wahrnahm wie einsam ich nun wieder war. Sie war weg.


Bedeutungslos

Bedeutungslos war es, was ich Tag für Tag tat. Das morgendliche Aufstehen, zur Schule gehen, Arbeiten zu erledigen, den Hausputz machen, Briefe zur Post bringen, für die Fahrschule lernen, Spinnen aus dem Haus jagen, etwas für einen Freund zu erledigen, ja, das war alles irgendwie bedeutungslos. War das Ziel jener Dinge nicht das Erreichen eines bedeutungslosen Zustandes in einer Gegenwart, die schon längst zu Vergangenheit wurde? Man hat mir oft gesagt, dass ich nicht mehr in der Vergangenheit leben sollte. Das versuchte ich. Also wandte ich mich an die Gegenwart, ein Moment der schneller verflog als du überhaupt in der Lage warst das zu realisieren. Also lebte ich für die Zukunft. Und diese war eben bedeutungslos. An Dinge denken, die erst in einer Stunde sind, erst in einer Woche oder erst in vielen Jahren, was war wirklich der Sinn dahinter? Sich deswegen Stress in die Seele zu schaufeln war wohl kaum produktiv, oder seht ihr das anders? In diesem Wirr und Warr des Lebens und des Denkens an die Zukunft stellte es sich als schwer heraus, überhaupt etwas zu finden, das einem bedeutete. So viele Dinge sind im Grunde genommen bedeutungslos. Der Grund wieso Menschen überhaupt irgendetwas für andere taten, war einfach der, dass sie irgendeinen Nutzen daraus ziehen konnten, oder so bedeutungslos für sie selbst, dass sie sich pseudomoralische Gründe für ihr Handeln entwickelten, nur um sich für einen Moment der Gegenwart und für einen Hauch der Zukunft – im Grunde genommen auch nur Vergangenheiten – zu rechtfertigen. Aber allein schon die Rechtfertigung ist so bedeutungslos, weil niemand anderes daran denken würde oder man selbst es durch die Verjährung jener Taten vergessen würde. Bis hin zum Tode. Und dann wird alles vergessen. Oder vergeben? Aber selbst das ist bedeutungslos, weil durch diese Dinge die Taten nicht ungeschehen gemacht werden. Was Menschen nicht alles tun, um einen Hauch an Bedeutung zu erlangen, einen Hauch von Genugtuung zu spüren oder nur die Illusion daran zu erahnen. Selbst dieser Text ist im Grunde genommen bedeutungslos. Darum sagt mir nicht, was ihr davon haltet. Ihr wisst ja wieso…


Über sie (26.02.2013)

Sie stand dort im dunklen Raum und ich ihr gegenüber. Ihre Augen verrieten nichts. Was hatte sie vor? Ihre Lippen, die selbst in dieser Dunkelheit noch rot waren, bewegten sich rhythmisch. Es war weniger ein Sprechen, kein Singen und auch kein Flüstern, sondern ein undefiniertes Tanzen. Sie hörte auf und fixierte mich mit ihren großen, runden Augen. Ihre Haare sträubten sich, es wirkte, als würden sie vibrieren. Doch eigentlich bewegte sie sich nicht. Mir war auf einmal, als hörte ich Musik. Eine leise Stimme, das Klingen von Gitarrensaiten. Dieser Moment hielt so lange an, bis sie, ohne dass man es hätte vorahnen können, ihre linke Hand hob. Die Musik versiegte und meine Augen begannen, komisches Licht zu sehen. Sie hob ihre Hand und fuhr in der Luft einen kleinen Halbkreis ab. Dabei zog die Hand einen farbigen Lichtschweif hinter sich her. Was ging da nur vor? Ihre andere Hand bewegte sich nun auch und zog dabei ganz andere Muster hinter sich her. Ihr Gesicht schien zu leuchten und der Ausdruck veränderte sich. Erst lächelte sie leicht, aber dennoch so, dass ich es als herzlich empfand. Dann kullerte ihr eine Träne über die milchweiße Wange. Es wurden immer mehr Tränen. Allmählich bewegten sich ihre Hände langsamer und kamen ihrem Hals näher. Es verging einige Zeit, bis die Hände vom Hals hinauf zum Kinn und an ihren Wangen hoch zu ihren Augen fuhren. Sie schloss ihre zarten Augen, bevor diese von ihren Händen bedeckt wurden. Die Stille wurde mit einem Schluchzen gefüllt. Dann hörte man sanfte, vorsichtige Schritte. Die Finsternis schluckte sie. Sie war verschwunden.


Regen

Es war Regen, der mich an diesem Tag überraschte. Ich mag Regen. Nicht so ein Regen, der einen nass macht, wenn man nach draußen geht, sondern ein Regen, der stark wie eine Mauer gegen die Tür drückt, dass man das Haus nicht einmal verlassen möchte. Eine Mauer aus Wasser, die schwer und grau ist und in ihrer Durchsichtigkeit dennoch ein eigenartiges Licht hindurchlässt. An so einem Tag gibt es kein Licht, weil die schweren Wolken keines zulassen. Was ist dann also das Leuchten, das so einen Tag zum Tag macht? Ich genieße es, an so einem Tag auf der Fensterbank zu sitzen, den Kopf fest an die Scheibe gepresst und den Blick in die Ferne gerichtet. Wobei sich die Ferne hier auf die Häuserdächer deiner Nachbarschaft bezieht. Kaum ein Mensch traut sich an so einem Tage aus dem Haus und wenn, dann empfindet man Mitleid. Flog da gerade ein Vogel vorbei? Warum ist es nur so kalt?